Erinnerungskultur

Die Ungarn erinnern sich gern und viel. Ein gewisser sentimentaler, schwerer Zug ist ihnen nicht abzusprechen. Zu häufig wurden sie von der Welt in Situationen der Not allein gelassen, zu viel Elend haben sie erlebt und auch eigene Schande auf sich geladen.

Die Geschichte ist allerorten präsent.

Wir besuchen die Eröffnung der Wanderausstellung. „Lagerjárat“ – die Fahrt ins Lager. Ungarn haben viele Lager gesehen. Diesmal geht es um sowjetische Arbeitslager. Nach dem Krieg wurden zehntausende Ungarndeutsche in sowjetische Arbeitslager verschleppt, wo viele unter großen Leiden starben. Die Rückkehrer hatten nach Jahren meist auch ihre Heimat verloren, waren in Ungarn nicht mehr gelitten.

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Die ungarische Regierung erklärte das Jahr 2015 zum Gedenkjahr dieser Tragödie. Die Ausstellung wurde geschaffen. Sie ist bis 2017 zu sehen. Man betritt einen alten Eisenbahnwaggon, an dessen Wänden Bilder und Filme zu sehen sind. Eine einzige Tafel gibt ein paar Hintergrundinformationen. Alles sehr spartanisch.

Gut 150 Menschen haben sich zur Eröffnung versammelt. Darunter auch eine Überlebende mit ungarisch-deutschem Doppelnamen. Das Publikum ist gemischt, alt und sehr alt ebenso vertreten wie die Jugend. Die Stimmung ist gedämpft. Niemand spricht, lacht oder photographiert während ein paar Regionalpolitiker kurze Reden halten.

Ein Nachfahre Ungarndeutscher spricht in beiden Sprachen. Ein Chor – auch er aus allen Generationen – singt ein unendlich trauriges Lagerlied, von einem Akkordeon begleitet. Wie Wellen schlagen die dunklen Gesänge über uns zusammen. An einigen Plätzen wird geweint – auch hier sind jung und alt vereint. Obwohl diese jungen Menschen vier Generationen nach dem Leid leben, scheinen sie es noch genuin nachfühlen zu können. In Deutschland fast undenkbar.

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