Wieviel Merkel braucht das Land?

Ehrlich gesagt, bin ich es satt! Es ödet mich an, immer und immer wieder auf die gleichen Mißstände aufmerksam zu machen …, aber nach einer kurzen Reflexion stellt sich doch die Überzeugung ein: Es muß sein, es ist Pflicht, selbst wenn man sich damit verbrennt.

Böses Déjà-vu bei Anne Will. Merkel hatte zum vierten Mal in Folge erklärt, für die CDU als Parteivorsitzende und als Kanzlerin zu kandidieren. Das ergäbe dann 16 Jahre am Stück. Wie bereits im Februar, zur nationalen Krise, bekam sie daraufhin Redezeit bei Anne Will. Dort wiederholte sich, was vor neun Monaten schon einmal stattfand: Eine Endlostirade aus Ich-Sätzen. Allerdings gab es einen gravierenden Unterschied: die Flüchtlingskrise, um die sich im Februar – als der Volksunmut still gestellt werden mußte – alles drehte, fand diesmal noch nicht einmal Erwähnung! Problem gelöst. Migranten in die Unsichtbarkeit versickert. Da hilft nur ein Köln 2.0 oder ein saftiger Terroranschlag, um die trögen Deutschen aus dem Schlaf der Gesättigten aufzuschrecken.

Angeblich: Ohne Merkel geht nichts, kein Deutschland, keine Demokratie und auch kein Europa. Übrigens: Ein Land, eine Europäische Union, die am seidenen Faden einer einzigen Person hängen, sind es wert – deswegen – zu Fall gebracht zu werden.

Das beiseite. Fokus auf das Nachspiel! Eine Diskussion mit Laber-Profis aus Politik, Mediengemenge und Hans-Joachim Maaz. Ein neues Gesicht im Ringelreihen der festen Meinungen und – hört, hört! – der legt gleich mächtig los. Und dann diktiert er den Anwesenden, Frau Merkel und der Nation ein paar Dinge in den Block, die man so im Staatsfernsehen noch nicht vernommen hat. Von „Mutti“ redet er, und ihrer narzißtischen Störung, und ihrem Populismus … da dreht einer den Spieß um, nimmt eine ganz andere Perspektive ein, sagt Unerhörtes. Die natürliche menschliche Reaktion neugieriger und offener Menschen – ach, wie sie diese „Offenheit“ geil vor sich hertragen! – wäre doch, nachzufragen, einzuhaken, von mir aus auch zu streiten. Aber sie schütteln süffisant die Köpfe, spitzen die Lippen, äugeln sich wie Verschwörer zu und kanzeln den Neuen, den Anderen, den Fremden – den sie als Idee allezeit hochjubeln – sofort ab.

Doch Maaz ist noch nicht fertig, legt noch drauf, wagt – was man so in ein paar Sekunden sagen kann – den großen Schritt: Er ehre den Protest, denn im Protest liegt eine Wahrheit. Der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, ist am Ende. Wir leben über unsere Verhältnisse. Die Leute spüren, daß es so nicht weiter, daß eine Epoche zu Ende geht und die Politik muß Wege in neue gesellschaftliche Entwürfe, abgespeckte Alternativen zeigen.

Vielleicht hat er diese Ideen zu unwirsch und abrupt vorgetragen – man merkte Maaz, der eben kein Talkshowluder ist, eine gewisse Unruhe an –, aber jeder denkende Mensch, wenn er auch nur eine Sekunde innehält, kann nicht anders, als die Wahrheit zu sehen, die in diesen Brocken liegt. So ist es! Es wird nicht ewig so weitergehen. Es wird, es muß irgendwann irgendwo und vielleicht schon bald, mächtig krachen, irgendwo wird die Kette reißen … aber Giovanni di Lorenzo plädiert dafür, das Gute zu sehen und erhält rauschenden Applaus.

Schon wenige Minuten später bricht der Shitstorm – die Scheißewelle, für die anglophoben Leser – über Maaz herein. Kurz nach Mitternacht beginnt der „Focus“ den „Dissidenten“ niederzumachen, spricht ihm sogar, dem erfahrenen Therapeuten die therapeutischen Fähigkeiten ab und alle, alle folgen: Die „Süddeutsche“ und die „Huff“ versuchen ihn ironisch vorzuführen, die „Bild“ weiß zwar nicht, wie man Narzißmus schreibt, kriecht der Kanzlerin aber in den Arsch und nennt Maaz einen „Zoff-Therapeuten“, dessen „Tachonadel rotiert, daß es rumst“, die „Welt“ meint, Merkel gegen Maaz mit Sachaussagen ausspielen zu können und diskreditiert ihn damit usw. – ich will nicht langweilen.

Sie – die Politprofis und die Presseprofis – sie hören nicht, sie können nicht mehr hören, sie kreisen nur noch um ihre eigenen kleinen Welten und Löffelwahrheiten. In der Runde ignorieren sie den Außenseiter und verfallen ins übliche Gewäsch um polittaktische Überlegungen, in der Retrospektive versuchen sie ihn fertig zu machen und abzukanzeln.

Schade, daß auch Maaz sich hat einschüchtern lassen. Ich habe mir vorgestellt, was gewesen wäre, wenn ein Rudolf Bahro an seiner Stelle noch hätte sitzen und ihnen mit Fakten und Wissen die Leviten hätte lesen können, ich wurde an jenen denkwürdigen Auftritt Sloterdijks erinnert, als er eine Talkrunde aufgebracht verließ, weil er es satt hatte, „mit diesen drittklassigen Figuren“ über Globalisierung zu diskutieren, während jene Börsentalk betrieben und „die intellektuelle Selbstachtung unterboten“. Das ist 15, 20 Jahre her – wahrscheinlich würde das Mediensystem mittlerweile auch solche Nullpunkte problemlos absorbieren.

Cut!

Wir müssen da raus. Von innen ist nichts mehr zu machen.

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2 Gedanken zu “Wieviel Merkel braucht das Land?

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Ich habe das alles nicht gesehen und gelesen, und gebe hier nur mal schnell eine passende Anekdote wieder, die ich gerade gestern in einem amerikanischen Blog zitiert fand, ein Erlebnis der (mir eigentlich nicht sympathischen) Elizabeth Warren mit dem eher linken Ökonomen und Politikberater Larry Summers über das Establishment in Washington:
    „After dinner Larry leaned back in his chair and offered me some advice. I had a choice. I could be an insider or I could be an outsider. Outsiders can say whatever they want. But people on the inside don’t listen to them. Insiders, however, get lots of access and a chance to push their ideas. People — powerful people — listen to what they have to say. But insiders also understand one unbreakable rule: They don’t criticize other insiders.“
    Ansonsten bin ich ja nicht so kapitalismuskritisch wie Sie; ich habe es mit den stümperhaften Politikern. Alle fundamentalen Probleme der letzten fünfzehn Jahre, die mir einfallen, sind durch politische Fehlentscheidungen verursacht.

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