Maischbergers Muslime

Heute läuft „was ganz Besonderes“, meint Sandra Maischberger zu Beginn ihrer gestrigen Sendung. „Wir haben Publikum im Studio“, wir „wollen mit Ihnen reden, mit Ihnen debattieren und deswegen sind hier aus ganz Deutschland Menschen in Köln zusammengekommen. Wir haben sie zu uns gebeten und wir wollen streiten“.

Es wurde bereits viel in den Medien über dieses „Anders“ geschrieben, „Spiegel“, „Welt“, „FAZ“, „Focus“ sind im Großen und Ganzen positiv überrascht. Das Volk spricht miteinander, friedlich, manches Mißverständnis ließe sich doch klären und ja, es waren alle vertreten, die unartikulierteren Angsthasen bis hin zu den studierten Muslimen und den Experten …

An dieser Stelle sollen nur ein paar Besonderheiten angesprochen werden, die den Schreibern in unseren großen Blättern offenbar nicht aufgefallen sind.

Man muß schon ein arger couch potato sein – oder eine eigene Agenda verfolgen – um nicht zu realisieren, daß die Sendung, trotz gewisser Spontaneitätsschübe – von Anfang bis Ende durchorganisiert und durchgestylt war. Schon ein erster flüchtiger Blick ins „Publikum“ zeigt, wie wenig hier „die Bevölkerung“ repräsentiert sein kann und mit welchem ästhetischen Blick Mann und Frau, schwarz und weiß, Christ und Muslim, alt und jung gemischt wurde, um schon im Erscheinungsbild die Endbotschaft zu transportieren: Multikulti.

Multikulti funktioniert, Multikulti ist bereits unhintergehbare Realität … mag es auch hier und da ein paar Probleme geben.

So kommen sie auch alle schön zu Wort: der „besorgte Bürger“, der linke Aktivist, die griechische Einwanderin, die Jüdin, der muslimische Lehrer und die kopftuchtragende Musterstudentin … Bei all der Vielfalt geht fast unter, daß alle nicht instruierten „weißen Männer“, die ein kontrolliertes Zufallselement in den Diskurs einbringen sollen, sich dezidiert gegen Moscheen, Niqab, Schweinefleischverbot … sprich: Islamisierung aussprechen. Umgekehrt sehen die Vertreter der Jugend keine Probleme …

Auch eine Islam-Expertin wurde eingeladen. Sie sei, so Maischberger, – „neben den beiden politischen Kräften – eine der wenigen, die gezielt eingeladen“ wurden. Das ist offensichtlich falsch: man braucht nur die Kopfmikrophone durchzählen, um zu sehen, daß neben den beiden „politischen Kräften“ – CSU-Generalsekretär Scheuer und Aydan Özoguz (SPD) – noch eine ganze Reihe anderer Diskutanten in Stellung gebracht wurden: der pakistanischstämmige Haznain Kazim vom Spiegel, Sufi Husamuddin Meyer, Tüley Schmid, die Frau des SPD-Politikers Nils Schmid. Außerdem kommen zu Wort: Suleman Malik von den Ahmadiyya, der muslimische Aktivist und Alevit Ali Can (Maischberger: „Den habe ich schon mal auf Youtube gesehen, glaube ich“), die Bloggerin und Huffington-Autorin Selma Laiouar, die möglicherweise der Ahmadiyya angehört (darauf könnte die Art ihres Kopftuches hinweisen), Razwan Mahmood, Ahmadiyya, Haris Mehmood, ebenfalls Ahmadiyya, ein syrischer Vorzeigeflüchtling, der nach einem Jahr perfekt Deutsch spricht, sowie eine muslimische Studentin aus Gießen, keine Ahmaddiya, aber Bekannte Ali Cans, (evtl.Alevitin).

Für eine Sendung mit dem Titel „Angst vor dem Islam – alles nur Populismus?“ hört man erstaunlich wenige Stimmen der Angst. Dafür werden aber ausgewählte Muslime reichlich präsentiert. Und unter diesen fällt die Dominanz der Ahmadiyya auf.

Noch einmal zur Erinnerung – auf diesem Blog wurden die Ahmadiyya bereits mehrfach thematisiert; ich selbst hatte die Gelegenheit, ausführlich mit Suleman Malik und Said Arif zu sprechen –: sie stellen weniger als ein Prozent der muslimischen Gesamtbevölkerung dar, sie werden weder vom Sunni- noch vom Schiaislam überhaupt als Muslime anerkannt, sie haben ein vollkommen atypisches und selektives Koranverständnis – lediglich in ihrem antiquierten Frauenbild verstehen sie den Koran wörtlich. Sie sind durch und durch friedlich, keine Frage, verlangen von ihren Mitgliedern hohe Bildungsleistungen und die Loyalität zum jeweiligen Land, aber sie verfolgen auch eine intensive weltweite Missionierung mit dem Ziel, 300 Jahre nach dem Testament ihres Mahdis (1905) die weltdominierende Religion zu sein. In Deutschland wollen sie für 40000 Gläubige 100 Moscheen bauen. Sie haben als erste muslimische Organisation den Status „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ erlangt … Die meist aus Pakistan stammenden Ahmadiyya sind überhaupt nur im Lande, um zu missionieren.

Die Ahmadiyya sind in den Mainstreammedien massiv überrepräsentiert, weil sie sich einerseits hervorragend dafür eignen, im ehrlichen Brustton der Überzeugung das zu sagen, was man im Multikultimilieu gerne hören will, und weil man in Medienkreisen offenbar ahnungslos über Geschichte und Philosophie der Ahmadiyya ist.

Ganz gleich, ob das Maischberger-Team die vier oder fünf Ahmadiyya bewußt oder aus Unkenntnis zu Wort kommen ließ, es zeigt, wie verkehrt das präsentierte Weltbild ist.

Ähnliches läßt sich auch für den Imam Husamuddin Meyer sagen, einem sehr sympathischen Sufi-Muslim, einem Manne also, der einer mystischen Tradition anhängt, die per definitionem nichts mit dem aktivistischen Hauptteil des Islams zu tun hat und in Deutschland wohl nur von wenigen hundert Menschen praktiziert wird.

Weder die Ahmadiyya, noch die Aleviten oder die Sufis sind geeignet, den Mainstreamislam schiitischer oder sunnitischer Observanz zu repräsentieren. Von jenen kam kein einziger zu Wort.  (Ebensogut könnte man sich Mormonen oder Zeugen Jehovas ins Studio holen, um mit ihnen über die wahre Bedeutung der Apokalypse im Christentum zu sprechen.)

Wenn diese Menschen vom „Islam“ reden, dann meinen sie etwas anderes als die Mehrheit der in Deutschland und auf der ganzen Welt lebenden Muslime. Wer sie und andere muslimische Aufklärungsaktivisten einlädt und sie uns als Vertreter „des Islam“ präsentiert, ist entweder blind und naiv, ungebildet und desinteressiert oder aber verfolgt gewisse Ziele.

Daß Maischberger eine orchestrierte Schau präsentieren wollte, die nur unter dem Mäntelchen der offenen und volksnahen Diskussion abläuft, beweist auch die letzte Gesprächspartnerin, auf die sie aus Zeitmangel mit aller Gewalt zusteuert – zu schön ist die Geschichte der gemischten interreligiösen Familie, die ein christliches und muslimisches Kind erzieht und es ist kein Zufall, daß die Komplementärmedien just diese Idylle beispielhaft hervorheben. Das war die angedachte Summe, die mit aller Gewalt gezogen werden mußte.

PS: Fast nebenbei wurde auch die Politikerkaste selbstentlarvt. Zwar sitzen die beiden „mitten im Volk“, doch reagieren sie nur aufeinander. Es wird kaum Bezug zu – zugegeben oft wirren – Beiträgen der „einfachen Menschen“ genommen, sondern beide verfallen immer wieder in tief verinnerlichte Rituale des Politdiskurses. Scheuer, als er tatsächlich eine Äußerung des Vorzeigesyrers in seine Tirade einbaut, nennt diesen nicht umsonst den „syrischen Kollegen“. Erst die „Beförderung“ macht den Syrer zum gleichwertigen Gesprächspartner.

 

Ein Gedanke zu “Maischbergers Muslime

  1. Schau, über die Ahmadiyya habe ich überhaupt erst über diesen Blog jemals etwas gelesen! Und noch etwas: das „Repräsentative“ muslimischer Gäste ist schon deswegen schwierig, weil radikale Vertreter diskursiv absolut nicht anschlußfähig wären, weder in ihrer Selbstwahrnehmung noch in der Fremdwahrnehmung des Publikums.

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