Sargnagel Steinmeier

Heureka! Habemus Bundespräsidentum! „Parturient montes, nascetur ridiculus mus – Es kreißte der Berg und gebar die (ridiculus) Maus. Nach langem Gemauschel und Gekungel hat man sich nun auf Steinmeier geeinigt.

Eine „Entscheidung der Vernunft“, meint zweckoptimistisch die über den Tisch gezogene Kanzlerin und die Vereinte Presse jubelt. Man sollte freilich aufmerksam werden, wenn Demagogen und Volksteilverhetzer wie Nelles oder Prantl ins Schwärmen kommen.

Nüchtern betrachtet, spricht tatsächlich einiges für den vierkantigen Herrn mit den schlohweißen Haaren. Außer diesen beiden Präsidialattributen hat er außerdem noch eine Niere gespendet und liegt seither in allen unsäglichen Umfragen nach der (relativen) Beliebtheit von Politikern eisern an der Spitze.

Die Kanzlerin mag froh sein, einen veritablen Gegner wegbefördert zu haben, und Gabriel darf nun endgültig hoffen, der wichtigste Mann der SPD-Geschichte – ihr Exekutor – zu werden.

Auch das Medienkartell jubelt – dort versteht man Politik in Kategorien der Elementarphysik: Hier AfD und „Rechtsruck“, also sucht man ein Gegengewicht, hier Trump, dort Steinmeier.

Man darf spekulieren, daß diese Rechnung nicht aufgehen wird. In der Politik nach dem Paradigmenwechsel wirken andere Kräfte. Die Entscheidung zeigt, daß unsere machthabenden politischen Funktionseliten – Substanzeliten hat man nördlich der Kreisverbände seit langem nicht mehr gesehen – einem veralteten Politikbegriff anhängen. Ein Steinmeier kann den Knochenfraß des politischen Gerippes nicht aufhalten – im Gegenteil: er muß ihn beschleunigen.

Nicht etwa, weil er Trump einen „Haßprediger“ genannt hatte oder die Gratulation verweigerte – das sind zwar Dummheiten aber doch nur Marginalien –, sondern aus einem einzigen Grund: Er ist Teil des Establishments, der sich selbstverstärkenden und selbstbejubelnden Politnomenklatura.

Hätten die Entscheidungsträger tatsächlich das Ohr an der Masse und könnten sie wirklich ihre Fühler aus der Blase herausstrecken, dann hätten sie begreifen müssen, wie enorm wichtig es gerade jetzt, in dieser Phase der politischen Zuspitzung, ist, einen Präsidenten oder eine Präsidentin zu küren, die jenseits des Parteienspektrums agiert. Ein Berufspolitiker war und ist von vornherein die falsche Wahl, er mag sein, wer er will (Schäuble, Lammert, von der Leyen, Schulz, Hasselfeldt, Trittin …). Einen aktiven SPD-Politiker zu nehmen, grenzt fast schon an Debilität.

Die Behälterphysik wird nicht funktionieren, moderne Politik surft. Es hätte keines Gegengewichts bedurft, sondern einer Mitbewegung. Ein ideologisch und parteipolitisch unbelasteter Kandidat, in dem sich beide weltanschaulichen Lager hätten wiederfinden können, wäre vonnöten gewesen, eine moralische und intellektuelle Instanz, der die intrinsischen Machtkämpfe fremd sind, ein unverbrauchtes Gesicht, ein Charakter, der sich nicht durch politische Hurerei und taktische Stellungswechsel diskreditiert hat, einen Mahner hätte man gebraucht, jawohl, aber keinen Volksermahner wie Wulff oder Gauck, sondern einen glaubwürdigen Elitenmahner

Wer könnte das sein? Woher soll ich das wissen? (Ein Typ wie Schorlemmer – warum nicht? …)

Steinmeiers Inthronisierung wird den Prozeß der Trumpisierung, des Trumpismus jedenfalls nicht aufhalten, sondern anfeuern und stellt damit vielleicht eine – historische Not-Wendigkeit dar.

5 Gedanken zu “Sargnagel Steinmeier

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Bin ähnlich erstaunt über die Harthörigkeit der, ja, politischen Kaste, muß man wohl sagen: Hat denn da keiner begriffen, daß das Bild nur noch schlechter wird, wenn das Bundespräsidentenamt jetzt wieder derart ausgekungelt und politisch besetzt wird? Was wäre das für eine Chance gewesen, einen überparteilichen Kandidaten zu nominieren! Man muß Gauck nicht mögen, aber vom Profil her hat er gestimmt – aber genau das scheint man nicht zu wollen, sondern das Amt als Versorgungspöstchen etablieren zu wollen. Gerne einen Verfassungsrichter, einen Schriftsteller, irgendwas, aber doch nicht das SPD-Parteitier Steinmeier! Oder sind wir hier mit unseren Ansichten derartig in der Minderheit, und 90% finden das gut? Wer ist hier der Geisterfahrer? Man hat den Eindruck, daß diese Leute gänzlich unfähig sind, aus der internen Logik ihres Systems rauszukommen.
    Natürlich durfte die Ansage des Elekten nicht fehlen, „unbequeme Wahrheiten“ sagen zu wollen. Man kann sich vorstellen, welche ausgestanzten Formeln das sein werden: „gesellschaftliche Kluft“, „Haßpredigern entgegentreten“, „Gier besiegen“, „Klima retten“, und und. Alles richtig oder falsch, aber sicher nicht umbequem, das kann der Mann gar nicht.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Klonovsky hatte gestern (16.11.2016) übrigens einen schön pointierten Artikel zur Personalie Steinmeier.

      Mein Besetzungsverfahren:

      1. Deskriptiv:
      Wie heißt jemand, der nicht hören kann? – Taub.
      Wie heißt jemand, der nicht reden kann? – Stumm.
      Wie heißt jemand, der weder hören noch reden kann? – Präsident.

      2. Normativ:
      Man könnte sich wohl nur verbessern, wenn man zu einem attisch-isonomen Besetzungsverfahren für die höchsten Ämtern überginge, also für solche Wahlämter schlichtweg das Los unter allen Wahlberechtigten würfe. Die Ministerialbürokratie könnte man ja lassen, und mit deren Rat zusammen wäre die Putzfrau auch nicht schlimmer als die Parteiintrigantin. Zudem fielen die Patronagenetze in sich zusammen, das verbesserte dann mit der Zeit noch die Bürokratie.

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      • Die Idee ist gar nicht so schlecht, wenn man sie noch ein wenig konkretisiert. Man müßte nicht einmal unbedingt befürchten, daß die „Putzfrau“ – nach einer entsprechenden Schulung und Vergatterung – die Arbeit wesentlich schlechter machen würde. (sie müßte unbedingt Harold Nicolson: „Good Behavior. Being a study of certain types of civility“ und Clive Bell: „Civilization“ gelesen haben.)

        Wie gesagt, der Mensch wächst an seinen Aufgaben und formt sich nach seinen Rollen. Die Konfrontation der „Putzfrau“ mit der politischen Elite anderer Länder könnte die tradierten Gefüge sehr heilbar durcheinander bringen. Filmreif! e

        Allerdings haben wir noch ein großes Problem: das der Heterogenität. Die Isonomie hatte bekanntlich Frauen ausgeschlossen – das haben wir durch die „Putzfrau“ schon in der Prämisse beseitigt. Sklaven haben wir keine mehr. Bleiben die Metöken! Ihnen das Recht gewählt zu werden, abzusprechen, dürfte nur noch schwerlich durchzusetzen sein. Also müßte man eine Art „Diskriminierung“ einführen und da sind wir sofort bei der Frage: Was heißt es Deutsch zu sein?

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        • Pérégrinateur schreibt:

          Das ist recht einfach, wir filtern unter allen Kandidaten mittels einer Sprachprüfung – womit zugleich der Übelstand zu beheben wäre, den ich im Tatsachenfeststellungsteil meines Kommentars beschrieben habe.

          Ich denke an eine doppelte Sprachprüfung, die selbstredend auch nicht zu schwer ausfallen dürfte. An Beispielen: „Was ist eine Wendeltreppe? Beschreiben sie allein mit Worten.“ – Das wäre etwa zu schwer. „Was ist Zinseszins?“ – Das erschiene mir noch zumutbar und sogar übers Sprachliche hinaus sinnvoll zu sein.

          Doppelt heißt die Sprachprüfung, weil sie gegen ein Zuwenig wie aber auch gegen ein Zuviel testet. Der zweite Aspekt dürfte manchem zunächst unsinnig erscheinen. Aber will man wirklich Dichter auf dem Thron, die auf alles einen Reim finden können? In der Abwicklung am einfachsten und objektivsten wäre es wohl, eine mäßig lange Auslassung zu einem Thema abzufordern und wenn in dieser bestimmte Wendungen vorkommen, zu dürftige und zu hochgestochene, einfach nur auszuscheiden:

          „Man muss halt einfach dafür sorgen, dass“ →raus [Idioten und Voluntaristen]
          „Heute wird sich zuviel gefürchtet“; genauso mit anderem reflexiven Verb →raus [Unbelesene und Journalisten]
          „Narrativ“ →raus [Postmodernisten]
          „man muss wegen der Globalisierung“ →raus [Fatalisten]
          „Coffee to go Center“; auch in grammatisch korrekten Schreibvarianten →raus [Modernitätspfauen]
          „alternativlos“ →raus [Heratempelräuber]
          „soziales Konstrukt“ →raus [Patentabgabe an Pérégrinateur]

          Die Bezeichnungen in eckigen Klammern hinter den ausschließenden Wendungen haben keinerlei inhaltliche Bedeutung und dienen nur in meiner Sprachmusterbuchhaltung als Identifikatoren.

          Außer Worten und Wendungen, die unmittelbar zur Ausscheidung führen, könnte man für andere auch Punkte vergeben. Wenn es in der Summe zu viele werden: Raus.

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  2. Die „großen“ Parteien handeln zunächst rational: sie rücken in der Situation der Bedrohung näher zusammen. Ich habe mich über die Implikationen im Politbetrieb schon einmal in der Satire „Die Parteilinie“ lustig gemacht. https://joerghellmannblog.wordpress.com/2016/05/23/die-parteilinie/
    Die gemeinsame Kraftanstrengung wird ihnen nicht viel nützen, da stimme ich dem Gedanken zu: „Ein Steinmeier kann den Knochenfraß des politischen Gerippes nicht aufhalten – im Gegenteil: er muss ihn beschleunigen.“ (Großartig formuliert!)
    Und was die Presse angeht: Die Spiegel-Sekte zum Beispiel beginnt nach meinen persönlichen Erfahrungen an den Rändern auszufransen. Manche Spiegel-Leser entwickeln schon so etwas wie Gefühle der Mitschuld an den verfahrenen Verhältnissen.

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