Zwei Frauen, eine Geschichte

Die beiden Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein. Die eine mit strohblondem langem Haar und schlank, asketisch, die andere pummelig und mit tief schwarzem Schopf; die eine enorm gebildet, belesen, streitbar und hochbegabt, die andere eine an eine Hausfrau erinnernde Lehrerin. Mit sieben Kindern die eine, eine einzige Tochter die andere.

Letzten November schockierte mich die erste mit der Äußerung, sie lehne das von den Schulen organisierte Reisen ihrer Kinder in andere Länder ab. Dahinter wollte sie die verkappte Strategie ausgemacht haben, Globalisierung, Internationalisierung, bewußten Identitätsverlust und Austausch der Völker durchzusetzen. Der Gedanke schien mir, als Freund mehrerer Länder, Kulturen und Sprachen, anfangs absurd, aber die Kompetenz der Sprecherin machte nachdenklich. Sie sagt gewöhnlich nichts Undurchdachtes …

Und nun höre ich die Geschichte der Mutter aus Ungarn, die erzählt, daß sie ihre einzige Tochter absichtlich nicht in die internationale Schule gegeben habe, obgleich sie dort selbst als Deutschlehrerin gearbeitet hatte und vom guten Ruf der Einrichtung sehr wohl wußte. Wer kann, schickt sein Kind hier an diese Musterschule. Achtzig Prozent der Abiturienten, so lautete ihr Argument, die diese Lehranstalt erfolgreich abschließen, die dann über sehr gute Fremdsprachenkenntnisse verfügten, verließen das Land, studierten meistens in Deutschland und würden nie wiederkommen. Ihr aber sei Familie wichtig. Hätte sie ihre Tochter an dieses Institut geschickt, sie würde vielleicht eine flotte Karriere gemacht haben, der Familie aber und dem Vaterland wäre sie verloren gewesen.

Als sie das sagte, war sie gerade aus Budapest wiedergekommen, wo Viktor Orbán eine Rede zum Nationalfeiertag gehalten hatte.

Die Menschen haben es hier oft nicht leicht, viele leben in einfachsten Verhältnissen, es wird auf den Straßen durchaus auf die Politik geschimpft. Und trotzdem sagte sie: „Weißt du, eigentlich mag ich diesen Orbán doch. Er will uns zusammenhalten, uns Ungarn. Daß wir etwas Eigenes und Besonderes bleiben.“

2 Gedanken zu “Zwei Frauen, eine Geschichte

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Daß Reisen bildet, ist altbekannt, das hat noch jedem gutgetan. Man denke an Lichtenbergs Wort: „In England habe ich Deutsch gelernt“. Aber es kommt in der Tat auf die Haltung an, mit der man auf Fahrt geht. Die beiden Beispiele sind etwas inkompatibel, weil eine internationale Schule etwas anderes ist als eine Klassenreise.
    Für mich kann ich nur sagen (nicht wütend, sondern unaufgeregt), daß ich bei meinen drei Kindern am meisten darauf acht geben werde, daß sie sehr sehr gut Englisch können, da bin ich seit einem Jahr vom Latein etwas abgerückt. Ich sehe ihre Zukunft in den USA oder Kanada (Goethes Ausgewanderte) und wäre nicht traurig, wenn sie mich dann nachholten. Ich habe innerlich irgendwie dieses Land aufgegeben. Für mich allein ist es nur schon zu spät.

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  2. Die mir bekannten Linken sind ausgeprägte Kosmopoliten, aber gilt der Umkehrschluß? Zumal: in didaktischer Absicht und in der Zeitlinie? Ich glaube eher, es ist keine Frage der Bildungsinstitutionen, sondern eine Frage der heimatlichen Prägung. Meine Verwurzelung hat viel mehr mit meines Vaters engem Kreis um Haus und Hof zu tun als mit Schulreisen und Au pair. Nur:
    daß das sehr oberflächlich bleibt (lustige Erlebnisse, überall ist es anders, und doch sind alle Menschen gleich), ist für oberflächliche junge Menschen dann wirklich prägend, andere Erfahrungen haben sie nicht, solche Multikultis werden sie. Womöglich ist nur für diejenigen wenigen, die tiefer denken, empfinden und erleben, die jugendliche Reiserei oder Internationalität vielleicht interessant, aber das Eigene findet sich ganz woanders.

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