Lob der Grenze – Büchse der Pandora

Kleine Beobachtung am Rande – am Gartenrande.

Nachbar, eifriger Verfechter der Politik der offenen Grenzen, baut nach Jahren friedlicher Koexistenz und organisch wachsender Naturhecken nun trotzdem eine Mauer zum anschließenden Grundstück.

Erklärungsversuch: ein ordnungs- und strukturliebender Mensch, der es gerne korrekt, sauber und wohl organisiert um sich hat.  Sieht die Vorzüge der Strukturierung und Abgrenzung im ohnehin schon aalglatten Garten, aber die Notwendigkeit der Umfassung im Staatsgebilde dagegen nicht.

Alt-68er, Blochianer, Abonnent der „Vorschein“.

Prinzip Hoffnung.

.

Dagegen hilft – als Gegengift und Säureblocker – nur ein Nietzsche:

Die Büchse der Pandora

Die Hoffnung. — Pandora brachte das Fass mit den Übeln und öffnete es. Es war das Geschenk der Götter an die Menschen, von Außen ein schönes verführerisches Geschenk und „Glücksfass“ zubenannt. Da flogen all die Übel, lebendige beschwingte Wesen heraus: von da an schweifen sie nun herum und tun den Menschen Schaden bei Tag und Nacht. Ein einziges Übel war noch nicht aus dem Fass herausgeschlüpft: da schlug Pandora nach Zeus‘ Willen den Deckel zu und so blieb es darin. Für immer hat der Mensch nun das Glücksfass im Hause und meint Wunder was für einen Schatz er in ihm habe; es steht ihm zu Diensten, er greift darnach: wenn es ihn gelüstet; denn er weiß nicht, dass jenes Fass, welches Pandora brachte, das Fass der Übel war, und hält das zurückgebliebene Übel für das größte Glücksgut, — es ist die Hoffnung. — Zeus wollte nämlich, dass der Mensch, auch noch so sehr durch die anderen Übel gequält, doch das Leben nicht wegwerfe, sondern fortfahre, sich immer von Neuem quälen zu lassen. Dazu gibt er dem Menschen die Hoffnung: sie ist in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert.“ (Menschliches, Allzumenschliches)

Advertisements

3 Gedanken zu “Lob der Grenze – Büchse der Pandora

  1. Pérégrinateur schreibt:

    « L’espérance, toute trompeuse qu’elle est, sert au moins à nous mener à la fin de la vie par un chemin agréable. » (La Rochefoucauld)

    Der brilliante Stilist benutzt, zumindest heute sehr ungewöhnlich, in der konzessiven Satzklammer des « tout … que » keinen subjonctif (« soit ») für das Verb und lässt also am Trug keinerlei Zweifel. Göttliche Herablassung.

    Die deontologische Auffassung von Ethik ist seltsamerweise höchst dominant geblieben. Dabei sollte man doch annehmen, dass vielen heutzutage der unkritikable Gebieter ziemlich abhanden gekommen ist, ohne dessen zweifelbremsende Revelationskraft die heiligen Gebote kaum je unbeschadet auf die Erde kommen, sondern so gründlich zerschellen wie der erste Tafelsatz des aus den Wolken wiederabgestiegenen Sinai-Alpinisten.

    Natürlich sind anspruchsvolle Forderungen daraus leicht zu ertragen, wenn die sich de facto nur an andere richten. Es gibt nämlich Inseln der Seligen und solche der Verdammten.

    Unlängst standen in der französischen Presse Berichte über ein apartes Besetzungsphänomen im Rahmen der stets sehr proklamativ sozialintegrativen Schulpolitik der französischen „sozialistischen“ Regierung. 10–15 % der Studenten an höheren Gymnasien in Paris bekommen aus sozialen Gründen ein Stipendium. Erstmals wurden dieses Jahr einem bestimmten Gymnasium dort über 80 % an solchen Stipendiaten zugewiesen. Die jeunesse dorée der bourgeois bohémiens ist also wohl gerettet.

    Vor etwas längerer Zeit habe ich ein Gruppenfoto der gesamten Redaktion von Libération gesehen, einer bekanntlich sehr einwanderungsseligen Zeitung. 50–100 Personen, darunter kein Schwarzer und kein Brauner. (Ich meine damit nicht die politischen Richtungen.)

    Wehe aber, wenn die selbstverständlichen Menschheits-Deontologen einmal ins Kippen kommen, etwa indem sie in einen der von Baberowski geschilderten Gewalträume geraten. Bei einem solchen Phasenübergang bleiben wohl die Grundeinstellungen des Charakters unverändert. Dann gehen sie wohl vom „Hosianna“ zum „Kreuziget sie“ über.

    Gefällt 1 Person

    • Nun, dafür wurde wohl der „Humanismus“ erfunden – nicht zufällig im gleichen Moment (sozusagen als Parallelaktion), als man damit begann, den „unkritikablen Gebieter“ aus dem Haus zu jagen.

      Möglicherweise gibt es so etwas wie eine Pflichtespflicht oder ein tief verwurzeltes Bedürfnis, einer Parole zu folgen. Und die erfolgreichste Parole war seit jeher: Auf in die Zukunft!

      Wenn man dann umgekehrt seine zerebrale Show einstellt und am heimischen Kamin nach draußen in den Garten schaut, dann fällt einem vielleicht instinktiv auf, vom Herzen aufsteigend, daß da noch was drumherum gehört, um zu mir zu gehören, in meine kleine Blase.

      Die Natur erlaubt sich da eine kleine Anomalie – es ist doch genau umgekehrt: Der Kopf ist links und das Herz rechts.

      Gefällt mir

      • Pérégrinateur schreibt:

        Ein schönes Wort, Ihre „Pflichtespflicht“. Mit Ihrer supponierten Erlaubnis werde ich sie in meinen Wortschatz aufnehmen.

        Was „uns alle“ betrifft, so ist mir nach dem Schutzraum Schule in meinem staatlichen Zwangsdienst, den ich attestierten Gewissens halber im sozialen Bereich ableisten durfte, ein Punkt ziemlich bald aufgegangen: Es fällt entschieden leichter, die Menschheit von ferne zu verehren als in der Nähe. Gewisse Personen können einem das Ideal nämlich ganz schön eintrüben.

        Zu dieser Zeit war Herr Baader, der im rosaroten Porsche seine Spaßtour durch die Republik gezogen hatte, schon wieder ruhiggestellt, und die erste Nachfolgegeneration der Märtyrerbefreier füllte die Schlagzeilen der Zeitungen und auch zuweilen deren hintere Seiten mit den schwarzen Balken; das war schlimm genug und forderte alles in allem bis zum Ende der „Befreiungs“-Allotria etwa 60 Tote. Weltgeschichtlich gesehen also weniger als einen Fliegenschiss und vermutlich über denselben Zeitraum gerechnet weniger als eine unglücklich gefasste Vorschrift über Haushaltsleitern.

        Doch zu sehen, wie schnell eine Öffentlichkeit darüber hysterisch wurde, sie jedes Maß und die politische Klasse wegen der Schönheitskonkurrenz im demonstrativen Durchgreifenwollen jede politische Vernunft verlor, war eine Lehre fürs Leben. Wenn es nur etwas stürmisch wird, bemerkt man plötzlich, dass das Wasser keine Balken und eine Gesellschaft schlechte Bremsen hat. Ich erinnere mich da an ein Schreikonzert im Kollegenkreis, bei dem der größte Schreihals den Sieg davontrug mit der in sich überschlagender Stimme vorgetragenen Empfehlung, man solle nur ihn machen lassen, er würde die Kerle vor dem Rathaus in S., Sitz meiner Einrichtung humanitärer Ausrichtung, persönlich aufknüpfen, dann wäre endlich eine Ruh. Er war übrigens deren Leiter.

        Man kann aus solchen Erlebnissen ein Grundmisstrauen für ein ganzes Leben schöpfen und sollte es auch tun. Bewährt haben sich meinem Eindruck nach bei der Sache immer nur eigenwillige Einzelne, nicht der selige Chor der Zeitgeistsänger, der sich immer nur nach dem Ton der angeschlagenen Stimmgabel richtet. Seitdem sträuben sich mir die Haare, sobald ich einen Satzanfang „Wir alle …“ höre. Heute erkenne ich wieder dasselbe Muster. Die sich nur im Stallgeruch sicher fühlen und mutig werden, haben wenig beachtliche Argumente.

        Die Zukunft steht selbstredend nur in den Kulturen hoch im Kurs, welche die Idee des weltgeschichtlichen Fortschritts kennen; es gibt auch viele andere, die aber in den letzten paar Jahrhunderten nicht geschichtsbestimmend waren, was sich aber wohl irgendwann wieder geben wird. Die «genderistas luminosas» und andere Blümelein im Feston des Humanitarismus kämpfen ja schon eifrig wider die Naturwissenschaften, auf denen meiner Meinung nach der wesentliche materielle Fortschritt im Westen allein ruht.

        In längerer Perspektive ist Pflichtespflicht deshalb wohl nicht an die Fortschrittsidee gebunden. Die auch bei uns nicht gerade seltenen Begründungen, dass man irgendetwas einfach nicht tun dürfe, stehen wohl meist auf einem älteren Stock, weil Zweckdienlichkeit für den Menschheitsfortschritt oder irgendwelche andere Brgündungen zweiter Ordnung für sie nie genannt werden. Ursachen haben sie natürlich trotzdem, aber wohl eher seelische als weltanschauliche.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s