Interne Integrationsgrenzen

Die europäischen Gesellschaften sind gespalten in Einwanderungsbefürworter und – gegner, in Autochhone und Zuwanderer usw. Daß die jeweiligen Einwanderergruppen aber auch in sich oft zerstritten sind, ist ein bislang wenig beachtetes Phänomen, birgt jedoch ebenfalls enormen Sprengstoff. So etwa, wenn die Elterngeneration ihre Kinder und Kindeskinder nicht mehr versteht. Am Beispiel der kurdisch-türkischen Kommune in Dänemark wurde das in einem aufsehenerregenden Artikel von Mustafa Kemal Topal in der Zeitschrift „Information“ gerade diskutiert – eine Spaltung, die bis durch die Familien geht:

Viele Einwanderer wollen gar keine Dänen werden

Viele Einwanderer der zweiten und dritten Generation nehmen mehr und mehr Abstand von der Kultur ihrer Eltern und von der dänischen Kultur. Sie sind gerade dabei, ihre eigene Parallelgesellschaft in Dänemark zu schaffen und in einem Ausmaße muslimisch zu werden, daß es die eigenen Eltern beschämt.

In der öffentlichen Debatte um Integration wird meist auf die Eltern und deren kulturellen Hintergrund verwiesen, wenn sich zeigt, daß Einwanderer der zweiten oder dritten Generation schlechter in die dänische Gesellschaft integriert sind. Es müssen wohl die Eltern gewesen sein, die ihren Kindern Ideen in den Kopf setzten, die mit dem modernen Leben in Dänemark unverträglich sind – so heißt es ein ums andere Mal. Aber nur die wenigsten sind sich klar darüber, daß in den Haushalten der Einwanderer gerade ein Generationenkampf stattfindet.

Die Kinder unterstützen die demokratischen Werte in geringerem Umfang, sind religiöser als die Eltern und stehen deren Lebensstil insgesamt sehr skeptisch gegenüber. Das Ergebnis ist, daß die Einwanderer der ersten Generation in vieler Hinsicht besser integriert sind als ihre Nachkommen. Die Integration funktioniert immer schlechter.

Ich sehe das jedes Mal in meinen kurdischen Umgangskreisen: Die Jungen suchen die Nähe islamischer Bewegungen, nehmen Abstand von der Kultur der Eltern und des Ursprungslandes, wie sie auch die Nase über die dänische Kultur rümpfen. Letztlich schaffen sie sich eine eigene isolierte Gesellschaftsform.

Die Eltern sind frustriert und sehen, daß die Integration der neuen Generationen schief gegangen ist. Sie spüren, wie sie ihre Kinder an religiöse Bewegungen verlieren, mit denen sie sich selbst nicht identifizieren können.

Sie gehen nicht zur Wahl

Eine der Stellen, wo der Unwille der Jungen gegen die Demokratie sich manifestiert, sind Wahlen. Zur türkischen Wahl im Juni 2015 konnten hier lebende Kurden zum ersten Mal über die türkische Botschaft wählen. Kurdische Vereine unternahmen einen großen Aufwand, um die Leute an die Wahlurne zu bekommen, aber es stellte sich als Herausforderung heraus, die Einwanderer der zweiten und besonders der dritten Generation zu motivieren. Besonders junge Männer zwischen 18 und 30 Jahren waren wenig gewillt, von ihrem Stimmrecht Gebrauch zu machen.

Nun könnte man glauben, daß sie dieses Desinteresse zeigen, weil sie sich selbst als gut integrierte Mitglieder der dänischen Gesellschaft verstehen und es bevorzugen, ihre demokratischen Rechte in dieser wahrzunehmen. Aber es zeigte sich, daß sie auch in Dänemark nicht zur Wahl gehen.

Sie glauben nicht an die Demokratie als Regierungsform

Ihre Begründung war, daß sie nicht an die Demokratie glauben, weil der Islam die Demokratie als Regierungsform nicht akzeptiert. Für diese Gruppe junger Männer wäre es nur dann sinnvoll abzustimmen – ganz gleich ob in der Türkei oder in Dänemark – wenn das Land nach islamischen Prinzipien regiert werden würde. Diese Haltung war in vielen Familien Anlaß für interne Konflikte.

Für die ältere Generation ist es schwer, ihre Kinder zu verstehen, wenn diese Abstand von den demokratischen Werten nehmen, die die Eltern an der dänischen Gesellschaft so sehr schätzen und die sie sich auch für die türkische Gesellschaft erträumen. Viele Eltern sprechen direkt aus, daß sie ihre Kinder als jemand empfinden, der einer Gehirnwäsche ausgesetzt war. Sie selbst betrachten den Islam als einen Glauben, der keinen Einfluß auf Entscheidungen wie die Wahl, Gleichstellung, Ökonomie, die Ausbildung oder die Arbeit haben sollte. Sie beschuldigen religiöse Bewegungen für die Umpolung ihrer Kinder und meinen, daß die dänischen Behörden nicht genug unternähmen, den Einfluß von Extremisten auf ihre Kinder zu verhindern.

Patriarchale Geschlechterbilder

Die Unterschiede zwischen der Eltern- und der Kindergeneration werden besonders deutlich wenn es um die Gleichstellung von Mann und Frau geht. Das kann man gut daran erkennen, wie in der jüngeren Generation Hochzeiten abgehalten werden. Kurdische Hochzeiten in Dänemark werden normalerweise mit einer großen Zeremonie gefeiert, wo man zwischen 500 und 1000 Leute einlädt. Die Feier dauert sechs bis acht Stunden, mit Essen und Trinken und auch Alkohol. Männer und Frauen feiern zusammen und sie können selber wählen, ob sie zusammen sitzen. Sie tanzen gemeinsam und bewegen sich frei untereinander.

Aber im Laufe der letzten 10 bis 12 Jahre sind neue Formen der Feierlichkeit entstanden. Jetzt wollen die jungen Leute die Hochzeiten nach islamischen Normen abhalten, die vorschreiben, daß Männer und Frauen getrennt feiern. Die Geschlechter dürfen sich gegenseitig nicht sehen und dürfen während der Zeremonie nicht zusammen sein, weshalb man sie mittels einer Gardine trennt oder die Feiern sogar in zwei verschiedenen Lokalen abhält. Man spielt zu islamischen Hochzeiten auch typischerweise keine Musik, sondern singt islamische Lieder und noch nicht einmal das Brautpaar sitzt zusammen.

Gegen den Wunsch der Eltern

Die Eltern wünschen sich nur selten eine islamische Feier. Sie empfinden es als unmodern und als Verletzung der Gleichberechtigung. Sie finden diese Art auch nicht sonderlich feierlich, weil die Musik fehlt und weil Männer und Frauen sich nicht gemeinsam vergnügen. Es fällt den Eltern schwer, sich den neuen Normen anzupassen. Wie soll man die Gäste unterhalten, fragen sie sich selbst und befürchten, daß die Leute nicht mehr zu den Feiern kommen oder sie vorzeitig verlassen werden. Gleichzeitig befürchten sie, daß sie in ihren eigenen Netzwerken als altmodisch oder schlecht integriert gelten könnten, wenn sie den Wünschen der Jungen folgen. Es sind, mit anderen Worten, oft nicht die Eltern, die ihre Tochter dazu zwingen, eine Hochzeit zu feiern, in der sie von ihrem kommenden Mann getrennt ist und wo man nur in begrenztem Umfang wirklich feiern kann. Nicht Vater und Mutter sind es, die hier ihre Elternautorität ausspielen – im Gegenteil, es ist der Tochter eigener Wunsch.

Islamische Jugendvereinigungen

Die extremistischen Werte, die in diesen Jahren in den jüngeren Einwanderergenerationen Einfluß gewinnen, werden oft von populären islamistischen Jugendbewegungen hereingetragen. Unter den türkischstämmigen Menschen ist es besonders die Furkan-Bewegung, die dominiert. Allein in Kopenhagen hat sie hunderte Anhänger. Der Leiter der Bewegung, Alparslan Kuytul, tritt nicht für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein. Er meint z.B., daß die Lösung des Problems der Arbeitslosigkeit darin besteht, Frauen nicht arbeiten zu lassen. Trotz der antidemokratischen und frauenfeindlichen Werte hat die Bewegung viele weibliche Anhänger. Es ist paradox, daß junge gut ausgebildete Frauen, die in Dänemark geboren wurden und aufgewachsen sind, eine Position einnehmen, die ihr Geschlecht schwächt, und es akzeptieren, dem Manne untergeordnet zu sein. Sie entscheiden sich gegen den dänischen Lebensstil, der die Geschlechter gleichstellt und ihnen viel mehr Möglichkeiten offeriert.

Niemals Dänen

Die Anziehungskraft der islamischen Kultur ist u.a. der Tatsache geschuldet, daß ein Teil der jungen Menschen mit kurdischem Hintergrund sich schwer tut, sich als Dänen, aber auch als Kurden zu fühlen. Sie betrachten ihre Eltern als Identitätslose, da sie glauben, daß ihre Eltern, sich eine Art diffuser und flexibler Identität zugelegt haben, die sie je nach Kontext wechseln können. Sie mißbilligen diese gemischte und unklare Identität.

Die gleiche Beschwerde gilt der elterlichen Religiosität, wo es den jungen Leuten schwer fällt zu sehen, ob ihre Eltern überhaupt Muslime sind oder nicht. Sie fassen es auf, als ob ihre Eltern nicht deutlich genug den ethnischen Dänen oder der dänischen Gesellschaft Widerstand leisten, weil sie Angst davor haben, sich im Kampf um die eigenen Rechte zu sehr zu exponieren.

Daher definieren die jungen ethnischen Minderheiten sich sehr deutlich: Zuallererst sind sie Muslime, dann sind sie Kurden und Dänen sind sie nie!

Für die Eltern ist es schwer zu begreifen, weshalb ihre Kinder glauben, sich innerhalb der dänischen Gesellschaft besonders positionieren zu müssen. Die Eltern haben es in der Regel in Dänemark und unter den ethnischen Dänen gut, und sie befürchten, daß ihre Kinder das gute Verhältnis zwischen ethnischen Minderheiten untereinander und gegenüber den Dänen zerstören. Sie billigen es auch nicht, daß die Kinder sich von ihrer eigenen ethnischen Identität lösen und sich in erster Linie als Muslime betrachten. In ihren Augen werden die Kinder Werte vertreten, die das „Muslim-Sein“ zu einer Identität erheben, die mit dem „Dänisch-Sein“ wiederum unvereinbar ist.

Kampf an allen Fronten

Kurz gesagt: die Jungen sind im Kampf sowohl mit der dänischen Gesellschaft als auch mit ihren Eltern und deren säkularisierter Gesellschaft. Integration ist für sie nichts Erstrebenswertes und sie setzen Integration und Assimilation ohne weiteres gleich.

Integration war nur ein Schlagwort für die erste Generation. Die meisten der Gastarbeiter, die in den 60er und 70er Jahren nach Dänemark kamen, empfinden sich heute als Teil des Landes und identifizieren sich als eine Gruppe, die nur geringfügig andere Normen und Werte vertritt als die ethnischen Dänen. Die Jungen hingegen haben einen vollkommen anderen Lebensstil als die Dänen.

Radikalisierte und rechtsorientierte Dänen wie die „Neuen Bürgerlichen“ machen es den Jungen leichter, sich von der dänischen Gesellschaft zu distanzieren. Sie verstärken ihren Wunsch, ihre eigene Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Die islamischen Werte und die islamische Identität gibt den Jungen die Möglichkeit, sich eine neue Gemeinschaft zu schaffen, in der sie sich deutlich positionieren und in der sie erleben, daß sie sich von der Mehrheitsmentalität absetzen können – sowohl der dänischen als auch die der elterlichen Einwanderer.

Es wird keine Auswirkung haben, ob fremdenfeindliche Parteien versuchen, die dänische Kultur mittels Gesetzgebung um Buletten in Kindergärten und Kopftücher im öffentlichen Raum durchzusetzen. Diese Sorte Gesetz gilt ohnehin nicht dort, wo die jungen Einwanderer sich eigene Gesellschaften geschaffen haben. Und die Debatte um die Frage, was es heißt, dänisch zu sein, prallt genauso ab. Derartige Dinge mögen die Dänen mit sich selbst diskutieren.

Die junge zweite und dritte Generation der Einwanderer ist nicht daran interessiert, dänisch zu werden. Sie haben bereits einen anderen Weg gewählt.

Mustafa Kemal Topal, Mitbegründer des Kurdischen Forums, einem parteienübergeifenden Forum, das aus dänischen und kurdischen Politikern besteht.
© Information.dk, 15.10.2016/ © Mustafa Kemal Topal/Übersetzung: seidwalk

Siehe auch:

Die Schweinefleischfaschisten

Muslime in Dänemark

Muslime in Dänemark II

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5 Gedanken zu “Interne Integrationsgrenzen

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Ich rate zur Skepsis und spiele zur Demonstration mit der von Ihnen benutzten Metapher des Geschichtsstroms einmal etwas anders. Auf Worte und Bilder kann man nicht vertrauen.

    Flüsse sind im Verlaufe der Erdgeschichte nicht nur in ihr altes Bett zurückgekehrt, sogar einige haben sich sogar umgekehrt, hierzulande etwa nicht gerade selten an der Rhein-Donau-Wasserscheide nach dem Grabenbruch auf der heutigen Oberrhein-Achse. Auch gibt es viele sogenannte Zopfflüsse, die in einem Geflecht von Armen dahinfließen, und hierbei wechselt mit der Zeit der Stromstrich zwischen den einzelnen Rinnen, die auch ihren eigenen Lauf beständig umarbeiten. Vielleicht wäre – wenn schon denn schon – ein solcher verflochtener Fluss ja ohnehin die bessere Metapher für Geschichte als diese uns eher vertrauten, von befestigten Ufern eingefassten Großwasserstraßen, die allein leidlich definierten Lauf haben. In der hydrographisch-zeitlichen Unbestimmtheit des Begriffs Fluss steckt nämlich, dass man bei pedantischer Betrachtung gar nicht zweimal nacheinander vom selben Fluss sprechen kann; die Philosophen vermöchten dazu wohl sogar das passende altgriechische Zitat anzubringen … Was tut es auch, ob so einer genau da oder genau dort seine Rinne im umgebenden Schotter hat, was tut es, ob eine Zivilisation diesen oder jenen religiösen Irrationalismus „zur Basis hat“.

    Geschichte entwickelt sich ganz ähnlich, zwar durch wilde Antriebskräfte, aber dennoch wirr und aleatorisch. Angeblich tiefere Ursachen, von denen Historiker gerne reden, kann man nämlich nur durch rigorose und ich wage zu sagen dreist entstellende Abstraktion ausweisen. Irgendwann sieht man die Zufälligkeiten, die am Werk sind, gar nicht mehr, weil sie im eigenen reduktiven Modell, das den eigenen Blick führt, nicht mehr vorkommen. Ich will sicher nicht naiverweise eine Zufälligkeit wie Kleopatras Nase für die Wende der römischen Geschichte durch Cäsar verantwortlich machen, aber wenn etwa den Alexander ein anderer Dämon geritten hätte, wäre die Geschichte des Orients doch recht anders verlaufen, oder wenn Chadidscha Wohlgefallen an einem anderen jungen Mann gefunden hätte oder wenn es bei den Mongolen zur Zeit Dschingis Khans stärkere Thronwirren gegeben hätte usw. usf. Oder bei der Deutschen, wenn ein gewisses Spermatozoon, das 1889 das Rennen gemacht hat, ein X-Chromosom getragen hätte und unsere Altvorderen dann allenfalls einen Orden, Unternehmen und Jagdschlösser sammelnden Korrupten als Staatschef bekommen hätten und keinen dieser entsetzlichen, bis zum Ende gehenden Idealisten.

    Den Zivilisationsbruch kann man auch ziemlich unversehens bekommen. Konstantin hat wohl nicht damit gerechnet, welches Päcklein er seinen Nachfolgern mit der Begünstigung der Christen auflud – jener zerstrittenen Fanatiker, denen regelmäßig der Kaiser den für alle gesichtswahrenden und immer verrückteren Formelkompromiss für die Rechtgläubigkeit oktroyieren musste. Vielleicht wäre der Mithrasstier doch politisch die bessere Wahl als das Zionseselsfüllen gewesen. Wenn man einmal zwei Generationen Kulturlosigkeit „glücklich“ geschafft hat, dann hält sich der Wahn ganz von alleine am Leben; Renaissancen sind rar. Das Zurückdrehen auf das Alte ist also doch zuweilen möglich, jedenfalls wenn man zwischen in meinen Augen eher irrelevanten Details bei der Kulturlosigkeit und beim Fanatismus nicht allzu sehr unterscheiden will.

    Selbst ein hochgebildeter Einzelner wie Pascal, der sicher nicht wie so viele den Einflüsterungen des Milieus hätte folgen müssen, kann plötzlich aus kontingenten Gründen abdrehen. Er aber hat sich seine Konversion sogar planvoll vorbereitet. In den Pensées empfiehlt er das beständige Einwirkenlassen der zunächst auf einen Gebildeten nur dumm wirkenden Messe; heute würde man wohl sagen: Geht in die Filterblase. Denn an seinen sehr unbeholfenen Freigeist-Missionsversuchen in den Pensées bemerkt man den erreichten geistigen Abschluss deutlich genug.

    Sogar gegen die zauberhafte Rechenmaschine und die verlockende Mission auf den Puy de Dôme kann also ein dürftiges Weltbild sich durchsetzen. Mutatis mutandis. DIe ersten Generation der Konvertiten wird sagen, wird schon noch mit der auch weltlichen Verbesserung. Die zweite wird sagen, wir sind eben noch nicht radikal genug gewesen. Und die dritte denkt schon gar nicht mehr zurück.

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    • Das hatte ich fast schon befürchtet, daß die kleine gewundene Metapher schief geht.

      Kennen Sie Plechanows kleine Schrift „Über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte„? Lesenswert! Darin versucht er den materialistischen Geschichts- und Entwicklungsgedanken durch die Untiefen des historischen Zufalls zu schiffen.

      „Die Persönlichkeit kann aber nur dann ihre Talente offenbaren, wenn sie die dazu notwendige Stellung in der Gesellschaft einnimmt“ und: „Jedes Talent, das zur gesellschaftlichen Kraft geworden ist, ist ein Resultat der gesellschaftlichen Beziehungen“ usw. Kleopatras Nase wäre irrelevant gewesen, wenn sie zufällig die Dienerin der Pharaonin und nicht diese selbst gewesen wäre.

      Der Clou ist offensichtlich: Die Geschichte mag sich in den Details anders entwickelt haben, aber die großen gesellschaftlichen Ströme – man kommt von dem Fluß-Bild nicht recht weg – hätten sich doch durchgesetzt. „Die Endursache der gesellschaftlichen Beziehungen liegt im Stand der Produktivkräfte.“ Die Richtung der Geschichte ist also vorgegeben und: „cometh the hour, cometh the man“.

      Hat mich immer fasziniert. Wer hätte Adolf H. ersetzt, wenn seine Mutter ihn vom Wickeltisch hätte fallen lassen? Wo stünden wir, wenn Al Gore die Wahl erfolgreich und mit gutem Grund angezweifelt hätte? …

      „Also: Die persönlichen Besonderheiten der führenden Personen bestimmen das
      individuelle Gepräge der historischen Ereignisse, und das Element des Zufälligen, in
      dem von uns genannten Sinne, spielt stets eine gewisse Rolle im Verlauf dieser
      Ereignisse, deren Richtung in letzter Instanz bestimmt wird durch die sogenannten
      allgemeinen Ursachen, d.h. in Wirklichkeit durch die Entwicklung und die gegenseitigen Beziehungen der Menschen im gesellschaftlich-ökonomischen Prozeß der Produktion. Die zufälligen Erscheinungen und die persönlichen Besonderheiten der berühmten Männer springen bedeutend mehr ins Auge als die tiefliegenden allgemeinen Ursachen.“

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  2. „Es ist paradox, daß junge gut ausgebildete Frauen, die in Dänemark geboren wurden und aufgewachsen sind, eine Position einnehmen, die ihr Geschlecht schwächt, und es akzeptieren, dem Manne untergeordnet zu sein.“

    Wie alle Paradoxien kann man auch diese durch Verzeitlichung zu lösen versuchen: die jungen Damen sind zuerst gut ausgebildet und westlich sozialisiert worden, und haben sich dann von dieser ihnen falsch, unecht, aufgesetzt usw. erscheinenden Sozialisation freiwillig abgesetzt. Paradox bleibt, daß man nie mehr naiv werden kann, wenn man einmal die Unschuld verloren hat. d.h. sie sind nun mal keine einfachen Frauen, dem Manne untertan, sondern haben diese Identität bewußt gewählt.

    Das Paradox besteht übrigens in rechtsintellektuellen Kreisen andeutungsweise auch, insofern nur über Ironisierung – auch eine Entparadoxierungsstrategie – lösbar ist, warum man als Frau theoretisch unterwegs ist, sich sowohl „natürliche“ Lebensformen wünschen kann, als auch durch den Konstruktivismus der Moderne durch ist, „gender“ nicht für alternativlos hält, aber um dies behaupten zu können, auch kein ungebrochenes altmodisches Frauenbild in Anspruch nehmen kann. Wie dies lösen? Z.B. geht es einfach nicht, Frauke Petrys Rolle und die Geschlechterpolitik der AfD ineins zu setzen, sonst tritt ein eklatanter Widerspruch zutage. Das zu lösen, ist noch offenes Desiderat der Stunde.

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    • Ich kümmer‘ mich drum!

      Im Ernst: An anderer Stelle hatte ich das anzumerken versucht und zwar im Zshg. mit der Machbarkeit von Geschichte und bin dafür heftig kritisiert worden. Es gibt noch immer weit verbreitet (in bestimmten „konservativen“ Milieus) die Vorstellung, man könne Geschichte bewußt zurückdrehen. Diese Leute haben ihren Marx nicht gelesen und nicht verstanden, daß der Geschichtsstrom, sofern es keinen zivilisatorischen Abbruch gibt, nur in eine Richtung fließt. Er kann zwar große Schleifen machen und sogar hinter die Linie seiner eigenen Vergangenheit zurückfließen, aber er wird nie mehr in den alten Strom einmünden – dann wäre es kein Fluß mehr: das Ende der Geschichte.

      Wenn man glaubt, daß „Nation“, „Volk“, „Glaube“, „Gott“ und auch „Geschlecht“ … noch veritable Größen sind, dann wird man sie neu erfinden, gestalten müssen. Wer denkt, man könne alte Zeiten zurückholen – also Aufklärung rückgängig machen, wieder naiv werden -, macht sich entweder lächerlich (im günstigsten Fall) oder wird beiseite geschoben (was auch mal weh tun kann).

      Das ist auch der Grund, weshalb ich annehme, daß der Islam in der jetzigen Form aus intrinsischen Gründen scheitern muß und bankrott ist und nur aufgrund seiner numerischen Macht und seiner selbstgewählten „Verblendungszusammenhänge“ gefährlich werden kann. Er müßte die Welt in Schutt und Asche legen, um den Geschichtsstrom tatsächlich in sich selbst zurück zu leiten – wozu einige offensichtlich durchaus entschlossen sind. Aber so lange es auf der einen Seite Silicon Valley und Marsmissionen gibt, können die Taliban steinigen wen sie wollen …

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Manche Paradoxie ist auch nur nachlässigem Sprachgebrauch geschuldet, z-B. die Paradoxie, dass „lang“ ein kurzes Adjektiv ist. In der Wirklichkeit ist ein Widerspruch das Anzeichen, dass eine erklärende Theorie nicht stimmt. Aber bei den Wünschen von Menschen ist Widersprüchlichkeit eher die Regel als die Ausnahme. Alle sollen gleich viel haben, aber ich ein bisschen mehr. Mütter sollen Karriere machen können ganz wie ein Mann. Oder, wie in einem alten Film von Alexander Kluge (aus dem Gedächtnjis): „Ich kann mit meinem Freund nicht leben. Ich kann aber auch nicht ohne ihn leben. Vor allem aber will ich eine klare Entscheidung treffen.“

      Naivität kann man schon wiederfinden. Man muss nur erst verblöden, was vielen nicht zu schwer fällt.

      Die AfD glaube ich so verstanden zu haben, dass eine Frau eben auch Nur-Mutter und -Hausfrau sein kann, wenn sie denn will, nicht aber etwa muss. Keine Frau soll also gezwungen oder gedrängt werden, die gewöhnliche Traumkarriere von Putze zu Aldi-Regaleinräumerin zu Aldi-Oberregaleinräumerin anzustreben. Frau Petry macht deutlich, dass aber auch die andere Wahl für die AfD in Ordnung geht. Im Grunde genommen ist diese Haltung ja entsetzlich liberalistisch, mehr jedenfalls als bei den in der Politik und den Medien waltenden Nudgern zum einzig modernen Angestelltinnen-Normalleben.

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