Dylan

Man sollte die Klappe halten, wenn man keine Ahnung hat! Aber Bob Dylan für den Nobelpreis? In Literatur? Da fällt schweigen schwer, auch wenn ich Dylan weder kenne noch mag und auch wenn, aufgrund zu vieler Täuschungen, ich es längst aufgegeben habe, die moderne Literatur zu verfolgen.

Seit Elfriede Jelinek 2004 den Preis bekam, habe ich aufgehört, ihm noch größere Bedeutung zuzumessen. Doris Lessing und Le Clézio ließen immerhin Reue erkennen, aber mit Herta Müller war mein Vertrauen dahin – das konnte Mario Vargas Llosa auch nicht mehr zurückgewinnen. Mit Bob Dylan wird der renommierte Preis endgültig zu den Schrottaktien sortiert.

Dabei waren die Leuchtzeichen der Nobelpreiskomitees auf anderem Gebiet längst nicht mehr zu übersehen. Im Friedensbereich: Jimmy Carter, Al Gore, die EU, und Vorschußlorbeeren für Barak Obama …

Zugegeben, wenn ich Dylan höre, dann denke ich lieber an Dylan Dog als an Dylan Bob und ich halte ersteren, „L’indagatore dell’incubo“, „den Detektiv des Alptraums“ auch für literarisch wertvoller. Bob Dylans näselnde Stimme und das ewig-einförmige Geschrammel auf der Gitarre gingen mir seit je auf die Nerven. Sein „Tambourine Man“ gehört neben Stevie Wonders‘ „Happy Birthday“ zu den gefürchtetsten Liedern – man bekommt ihre eintönigen Rhythmen tagelang nicht mehr aus dem Kopf heraus. Und auch sein hoch gelobtes „Desolation Row“, dem viele Erlöserkraft zugestehen, ist nichts anderes als ein typisch postmoderner Würfelhaufen, ein endloses „Friß oder Stirb“, ein Spiel mit Verweisen auf Verweise, ein Möbiusbandgeraune. Gefundenes Fressen für dekonstruktivistische Literaturwissenschaft und ein genialer Schachzug des Gauklers.

Aber das ist alles Meinung. Auf meiner Bude in der Kaserne gab es gleich mehrere, die von sich glaubten, Fans zu sein. Sie bezahlten 1987 Phantasiepreise zum „Friedenskonzert der FDJ“, auf dem auch Bob Dylan vorstellig wurde. Danach waren sie geheilt. Schon damals brodelte es unter der Decke, die Leute suchten ein Idol, warteten auf ein erlösendes Zeichen, eine Geste, ein Wort, ein Wort des Mutmachens, Erweckens, irgendwas. Aber Dylan schrumpelte lustlos seine Songs runter, sprach kein Wort, begriff nicht, daß ihm ein Land zu Füßen lag, und ging wieder. Von der DDR hatte er keine Vorstellung. Ein vollkommen in sich selbst eingesponnener Autist. Andere, Joe Cocker etwa, oder Santana, spürten hingegen die Hitze im Osten und machten hier die besten Konzerte ihrer Karriere. Das Publikum war ausgehungert – und Dylan warf ihm ein paar abgenagte Knochen hin.

Da wurde allen klar: der Mann ist leer!

Leerheit eignet sich perfekt als Projektionsfläche. Mach ein Geheimnis aus dir und alle Welt wird die Fülle darin sehen. Ein paar „Protestsongs“ und du bist der Held der Witwen und Waisen … und Schwarzen.

Und das ist des Rätsels Lösung. Man vergleiche die Literaturnobelpreisträger bis in die 60er Jahre hinein mit jenen danach. Der Linksdrall ist auffällig. Namen wie Hamsun, Kipling, Pontoppidan, Maeterlinck, Reymont, Spitteler, Pirandello, Unseld, Johannes V. Jensen, selbst Hesse oder Faulkner wären heute undenkbar, obgleich hinter jedem ein grandioses, oft vielbändiges Werk steht. Es folgen, Anfang der 60er,  Pasternak, Andrić, Steinbeck, Sartre, Scholochow, Solschenizyn, Neruda, Böll, Morrison, Fo etc., alles noch Autoren von gewissem Rang, aber alle im weitesten Sinne dem linken Spektrum zuzuordnen. Seit 15 Jahren spielt literarische Bedeutung immer weniger eine Rolle, auch wenn mit Naipaul, Coetzee und Kertész noch immer gelegentlich herausragende, wenn auch politisch schon korrekte Autoren gewählt worden. Politisch korrekt meint hier: die richtigen Themen ansprechend: Gegen Diskriminierung, Vergessen und Unterdrückung, für Gleichberechtigung usw. Wichtiger als ein literarisches Werk, Sprachgewalt, Duchleuchtungskraft sind Moral, auf der richtigen Seite zu stehen, für „den Frieden“ einzutreten. Es folgen Jelinek, Müller, die politisch entführte Swetlana Alexijewitsch und … Bob Dylan.

Mit ihm siegt endgültig die Ideologie. Ein Mann ohne literarisches Werk. Es genügt, auf der richtigen Seite zu stehen und ein paar enigmatische Songs im Repertoire zu haben.

Der Nobelpreis für Literatur ist tot. Er ist entwertet, er ist zur bloßen, zur quasi-leistungslosen Einkommensquelle verkommen. Wie sollte ein Salman Rushdie (der aus Islamfurcht ohnehin keine Chance hat) oder ein Milan Kundera – Giganten gibt es nicht mehr – ihn jetzt noch akzeptieren können? Und ob Houellebecq je auf die Liste gelangt? Der globale Trend der Orientierung nach unten, der Mediokratie, der Senkung der Bildungsanforderungen setzt sich fort, um die „brave new world“ der Entdifferenzierung zu schaffen, das Ende der Exzellenz.

Nur einer kann den Superpreis noch retten: Bob Dylan! Nur wenn er ihn – wie einst Sartre – ablehnt, hat er ihn verdient und gerettet zugleich.

8 Gedanken zu “Dylan

  1. Emil Kriemler schreibt:

    Besten Dank, Herr Seidwalk, für Ihre sehr differenzierte Antwort. Werde mich gerne mit den angegebenen Stücken auseinandersetzen.
    Die Kunst in der Musik besteht für mich jedoch darin, Thema, Inhalt, Emotion und Umsetzung adäquat umzusetzen. Ob das Resultat dann sofort verstanden wird oder (weil komplex) erst langsam erfahren werden kann, ist an sich sekundär.
    Dies für mich deshalb, weil vieles was unverständlich etc. ist, als Kunst angesehen wird:
    „wenn man’s nicht versteht, muss es ja hohe Kunst sein“.

    Natürlich kann man Werke von Beethoven, Brahms etc. nicht mal eben so erfassen, dazu sind sie zu komplex. Ihr Gehalt ist für mich jedoch offensichtlich.

    Ganz grosses Danke für Sie und Ihren Blog: sehr sachlich, weder überheblich noch beleidigt, Themen beleuchtend die anderswo noch nicht mal ansatzweise bedacht werden, kurz: eine Wohltat und eine Erholung, Ihre klugen Artikel lesen zu dürfen. Gilt auch für Ihre Foristen.

    Danke

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  2. Angesehene Literaturpreise sollten recht besehen Autoren wie etwa der sprachkundige Großgespinstmeister Doderer bekommen, die vor allem ihrem eigenen Romanpersonal die gebührende Achtung zukommen lassen.

    Oh ja, Doderer! Ein Glück für die deutsche Sprache, daß der Mann geschrieben hat. „Jede wirkliche Apperzeption ist konservierend. Was man genau sehen will, wünscht man nicht geändert zu haben. Der Grundzug des Geistes in bezug auf die Objektswelt ist konservativ.“ (Doderer, Tangenten) oder, Achtung vor dem Romanpersonal in schöner kaum möglicher Form: „Alwersik bekam, im Laufe des weiteren Gesprächs einmal einen Blick, der mir vorgekommen ist wie ein Pfeil, geschossen über den Abgrund, der zwei Zeitalter trennt.“ (ebd.).

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    Man sollte nicht von „dem“ Nobelpreiskomitee sprechen, da es mehr als eines gibt. Es ist aber schon wahr, dass in allen der Typus des skandinavischen Idealisten mit seinem moralischen Weltbelehrungswillen und seiner recht eigentümlichen, nicht sehr realistischen und deshalb prognostisch erbärmlichen Weltsicht den Ton angibt. Zum Glück gibt es keine skandinavische Großmacht mehr wie zu den Zeiten Gustav Adolfs, so bleibt dieser hohe Ton ja harmlos, da weltpolitisch wirkungslos.

    Bei der Vergabe des Friedensnobelpreises an Barak Obama damals hatte es meines Erachtens jener Kritiker am besten getroffen, der in gespielter Empörung einwandte, der habe doch gar kein Recht darauf, da er weder einen Krieg angefangen noch einen eskaliert habe. Le Duc Tho hat den Preis damals übrigens abgelehnt. Naja, so ein Asiat halt, die haben kein Benehmen …

    Zum Näsler und Zimmermanssohn, der irgendwann den Zimmermannssohn gefunden hat, kann ich mangels eigener Rezeption wenig sagen. Mir fiel aber unter Bekannten auf, dass ihn der Typus des Woodstockschwärmers anscheinend besonders mag:

    Ein bisschen Neomarxismus, solange das „angesagt“ ist, eine Etappe Psycho, ein bisschen Haschen, Tolkiensches Keltennebelgewaber, Antiatomkraft, Gesinnungspazifismus, Steinheilen und Tarock, „die mir etwas bringen“, Biomüsli, Gleichstellungsfeminismus usw. usf., heute vermutlich Willkommenskultur. Ich bin versucht zu sagen, Treibgut der bundesrepublikanischen Ideologiemodengeschichte, aber das wäre ein Bildbruch, denn sie blieben nie liegen, sondern immer schön im Stromstrich. Ihre Beziehung zur eigenen Vergangenheit und deren Einstellungen ist nicht rational-urteilend, sondern emotional und nostalgisch. „Ach, was waren das für schöne Zeiten, als wir das noch geglaubt haben! War schon irgendwie auch richtig!“ Denn man hat sich ja immer dabei wohlgefühlt, und aus diesen Gefühlen ist der Faden ihrer Erinnerung gesponnen. Krankengesindel, das eigentlich gar nicht gesund werden will, wie Settembrini sagen würde.

    Angesehene Literaturpreise sollten recht besehen Autoren wie etwa der sprachkundige Großgespinstmeister Doderer bekommen, die vor allem ihrem eigenen Romanpersonal die gebührende Achtung zukommen lassen. Die ihnen also nicht nach einem ersten gemeinsamen Wegstück schon einen Tritt in den Hintern geben, weil sie keine Verwendung mehr für sie haben. Den Pfaffen jeder Art dagegen obliegt die bekundete Achtung für die wirklichen Menschen, weshalb den Könnern unter ihnen dann billig auch der Friedensnobelpreis zusteht.

    Aber wie die Welt nun einmal eingerichtet ist – wenn das norwegische Komitee sich ziert, Churchill den Friedensnobelpreis zu verleihen, muss ihm eben die schwedische Akadamie den für Literatur verleihen.

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  4. Emil Kriemler schreibt:

    Oh Gott, Frank Zappa.
    Sorry für meine Impertinenz, versuche (nein nicht mehr) was hörenswertes von ihm zu finden.
    Ausser „Bobby Brown“ war bis jetzt nichts und auch da ist der Text eher grenzwertig.
    Aber Sie haben sicherlich einige tolle Stücke von ihm bereit?

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    • Das soll hier kein Fan-Talk werden, aber eine kurze Antwort verdient Ihre nausea. Zappa ist wie Marmite: „you either love it or hate it.“ Man kann es aber lieben, wenn man sich oft genug der Tortur – „The torture never stops“ – unterzieht. Zappa gehört zu jener Art Kunst – für mich ist das überhaupt das Kennzeichen von Kunst -, die erlitten werden muß, die man sich erarbeiten und aufschließen muß und die dafür ewig bleibt. Mit anderen Worten: Komplexität.

      Und Zappas Werk ist immens und unglaublich vielfältig. Selbstredend nicht immer auf gleichem Niveau und oft repetitiv. Wenn man einmal die Draufsicht gewonnen hat, was, wie gesagt, nicht einfach ist, dann sieht man plötzlich, daß das Gesamtwerk einem Konzept folgt, einem phänomenologischen und einem ontologischen. Es ist eine Phänomenologie des der Absurdität des „American Way of Life“ und eine Fundamentalontologie der dahinterstehenden Seinsstrukturen – in einer paradoxen Sprache dargebracht. Daher ist Zappa ein wunderbares Antidepressivum! Wenn man nämlich die torture überstanden hat, dann beginnt das Dauergrinsen.

      Man muß zuvor aber auch durch die Sprachvulgarität hindurch und da bleiben viele angewidert hängen. Dann sieht man erst die Tiefe vieler Texte. Wenn Sie das mal nachprüfen wollen, dann empfehle ich seine Autobiographie „I am the American Dream„. Es gibt in Deutschland nur ein vergleichbares Werk.

      Jetzt zur Musik – nein, war ein Scherz. Man muß Varése mögen können oder Webern, um an Zappa ran zu kommen. Die Musik ist unerklärlich und heute noch immer so revolutionär und frisch und out of this world wie vor 40 Jahren. Ich empfehle „Sheik Yerbouti“ als Einstieg, auch wenn diese Platte schon sehr glatt ist und mit „Bobby Brown“ den untypischsten aller Songs enthält, der ausgerechnet zum Hit gepusht wurde. Wer den Gitarristen kennen lernen will, sollte zu „Shut Up And Play Yer Guitar“ greifen, noch besser das Jazz-Album: „Make A Jazz Noise Here„. „Weasels Ripped My Flesh“ oder „Sleep Dirt“ sind auch noch ganz eingänglich. Und die 6×2 CD’s der „You Can’t Do That On Stage Anymore“-Serie sind nicht nur unendlich unterhaltsam, sondern geben einen guten Eindruck über das Konzerterlebnis. Das sollte für ein Leben reichen.

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  5. Nicht so kulturkritisch, Mann! Ja, eh, der Linksdrall ist klar wie Kloßbrühe, und „the times, they are a‘ changin'“ ist Schmalz …. aber man muß doch nicht gleich so reagieren wie Simon&Garfunkel:
    I knew a man, his brain was so small
    He couldn’t think of nothing at all
    Not the same as you and me
    He doesn’t dig poetry
    He’s so unhip that when you say Dylan
    He thinks you’re talking about Dylan Thomas
    Whoever he was
    The man ain’t got no culture
    But it’s alright, ma, everybody must get stoned

    Read more: Simon And Garfunkel – A Simple Desultory Philippic Lyrics | MetroLyrics

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    • Immerhin ist Dylan Dog eine impersonation of Dylan Thomas. Rufen Sie mal in einen vollen Saal: „Leonardo da …“ und die Menge wird mit großer Wahrscheinlichkeit „Caprio“ zurückrufen, die Differenz zwischen „di“ und „da“ überbrüllend.
      Aber ich ahnte, daß die Fans den Aufstand üben. Wie gesagt: alles nur doxa, was Dylan betrifft. Was den Nobelpreis betrifft, bleibe ich dabei: Für mich gehört ein Werk dahinter, mindestens ein wirklicher Wälzer, besser ein Lebenswerk von Rang, daß auch Bestand hat, wenn der Protagonist verblichen ist. Und wenn Lyrik, dann reicht ein „wie Rimbaud“ nicht.
      Wenn schon Musik, dann Zappa.

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