Ein Briefwechsel

Lieber M.,

du bist jetzt seit einem Jahr in Deutschland und sprichst die deutsche Sprache schon sehr gut. Das freut mich.

Aber noch immer beugst du deinen Kopf über ein einziges Buch, den Koran. Du versuchst seine Geheimnisse zu ergründen, denkst darüber nach, warum im Koran die Worte Auge-Nase-Ohr nur in dieser Reihenfolge, aber hören-riechen-sehen in anderer Reihenfolge geschrieben werden. Du vermutest ein Wunder dahinter, oder eine tiefe Botschaft. Indem du dir ein Wunder nach dem anderen vornimmst, willst du deinen Zweifel an diesem Buch, am Propheten und an der Religion besiegen. Aber der Zweifel ist da.

Nur bringt dich diese Grübelei nicht weiter.

Warum erhebst du nicht endlich deinen Blick und schaust dich in deiner neuen Umgebung um? Warum hast du nicht den gleichen Lernwillen, wenn es um dein neues Zuhause geht? Warum studierst du nicht das Grundgesetz oder eine deutsche oder europäische Geschichte, die Geschichte der deutschen Literatur? Warum fragst du nicht europäische Denker, die alle deine Fragen vielfach beantwortet haben? Warum wagst du es nicht – wenn es schon der Islam sein muß – die moderne Islamwissenschaft zu studieren, die übrigens in Deutschland, Frankreich und England gelehrt wird und nicht in Arabien oder im Nahen Osten.

Ich fürchte, lieber M., du bist noch nicht in Europa angekommen. Dein Körper ist hier, aber dein Geist steckt noch tief in einem vergangenen Dasein.

Du willst hier leben, willst hier studieren, willst ein Teil dieser Gesellschaft werden, willst die Chancen nutzen, die dir diese Gesellschaft bietet. Doch wird das sehr schwer, wenn es dir nicht gelingt, den Blick zu heben, auf deine Umwelt zu schauen, die Blumen am Straßenrand zu sehen und die bunten Kleider der Mädchen und die Schlagzeilen der Zeitungen und die Bücher, die man hier liest, und auch zu hören, was die Leute sagen und welche Musik sie lieben. Und zu schnuppern, wie ihr Essen riecht, selbst wenn es nicht Halal sein sollte.

Nach einem Jahr Deutschland und einem Jahr deutscher Sprache – und auch nach einem Jahr Diskussionen mit mir – kannst du das. Da bin ich ganz sicher!

Herzliche Grüße

Dein S.

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Mein Lieber,
Ich weiß nicht, was ich sage, aber ich bin unterwegs. Welcher Weg?? Ich weiß auch noch nicht. Mein Leben verändert sich gerade sehr schnell. Laß die Zeit entscheiden anstatt von mir reden.
Das Thema hat noch ……
Ich danke dir.
Herzliche Grüße

M.

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