Blut, Leben, Eier

Eine Assoziation

Stolpere über einen holprigen Satz in der „Freien Presse“. Da strauchelt eine ganz korrekt – politisch korrekt – sein wollende Journalistin über ihre selbst aufgebaute Hürde: „Jutta Limbach – Juristin und Vorreiterin. Sie war eine der prägendsten Juristinnen des Landes.“

img292Natürlich wollte Frau Kornmeier etwas ganz anderes sagen, nämlich: „Sie war eine der prägendsten Juristen des Landes“, kann es aber nicht, da nicht gendergerecht, und schmälert folglich Jutta Limbachs Verdienste. Möglich und umständlich wäre auch gewesen: „Juristinnen und Juristen“ und immerhin gendermöglich: „JuristInnen“.

Limbach war die einzige Frau unter den Präsidenten und Vizepräsidenten des Bundesverfassungsgerichts.

Mir fällt spontan Maria Theresia ein. Heute kennt man sie unter anderem als einstige Königin von Ungarn, aber auch das ist zwar politisch korrekt, sachlich jedoch falsch. Tatsächlich wurde sie am 25. Juni 1741 nicht zur Königin, sondern zum König gekrönt. Damit wurde ein wirkliches Dilemma elegant gelöst. Als Königin galt bisher nur die Gattin des Königs. Da Maria Theresia aber höchstselbst Regentin wurde, bekam sie den männlichen Titel und fühlte sich scheinbar wohl damit.

Sie übernahm das Reich in prekärer Lage. Österreich war im Frühjahr des Jahres vernichtend von den Preußen geschlagen worden und schaute militärisch, finanziell und moralisch in einen schicksalhaften Abgrund. Gegen alle politische Beratung erschien die junge Frau auf dem Preßburger Reichstag, ganz in Schwarz gekleidet und mit Schwert gegürtet, und mobilisierte mit einer erschütternden und aufrüttelnden Rede die Granden des Landes, die danach – so will es die Legende – mit erhobenen Degen ausriefen: „Vitam et sanguinem pro rege nostro Maria Theresia“. Leben und Blut! Damit wendete sich das historische Schicksal Ungarns, sie selbst begann eine steile Karriere.

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Der König mit neugeborenem Infanten vor den kampfbereiten Magnaten – Adolph Menzels Sicht

Begeistert schrieb der Historiker Vallaton: „Diese Frau, die man als einen großen Mann ansehen könnte, hat die schwankende Monarchie ihrer Väter gefestigt.“

Ich muß unwillkürlich an Guido Reil, den Essener AfD-Mann, SPD-Renegat, denken, der sich gerade als Freak durch die Talkshows reichen läßt. Der sagte den denkwürdigen Satz: „Man muß der Kanzlerin auch mal ein Kompliment machen. Für mich ist Angela Merkel der einzigste Mann in der Regierung. Die Frau hat Eier und die hat wenigstens Linie:“ Darauf Markus Lanz, sofort die PC einfordernd: „Bin mir nicht sicher, ob das alles Komplimente sind.“ Das hängt wohl vom Begriff der Männlichkeit ab.

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Und die – sofern man den rechten Gebrauch davon macht – kann sich auch in ausschließlich weiblichen Kategorien ausdrücken. Die 23-jährige habsburgische Regentin mußte ihre Krönung zum König ein paar Wochen verschieben – sie lag mit ihrem vierten Kind schwanger. Im Laufe ihrer einmaligen Karriere schenkte sie 16 Nachkommen das Leben, den kleinen Thronfolger Joseph nahm sie als schlagkräftiges Argument mit nach Preßburg.  …

Sie war es auch – eine weitere Assoziation – die in Ungarn innerhalb von drei Jahrzehnten, wohl überlegt und ausgesiebt, fast eine Million Deutsche ansiedeln ließ, zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, vornehmlich Katholiken, die Staatstreue schwören mußten. Sie sollten die von den Muslimen verwüsteten und menschenleer zurückgelassenen Gebiete wieder fruchtbar machen und taten das mit deutscher Gründlichkeit.

Eine Erfolgsgeschichte, ein Lehrstück an Integration einerseits, aber auch ein dauernder Dorn im ungarischen Fleische, der es immer wieder zu blutigen Reizungen kommen ließ. „Integration“ ist selbst bei optimalen Bedingungen ein sehr träger zukunftsoffener Prozeß und nicht selten der Same kommenden Leids. 200 Jahre später – das konnte Maria Theresia damals nicht wissen; sie kannte das Konzept des „Nichtvergessens“ und des „Aus-der-Geschichte-Lernens“ noch nicht – kehrten die Nachfahren der Umsiedler als Heimatvertriebene und unter großen Verlusten ins zerbombte Deutschland zurück.

Heute könnte man das freilich wissen, wenn man es wollte …

Die andere Frau mag Eier haben – die entelechale Verwirklichung gab sie keinem.

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