Berichtigung

„Immer schreibst du über den Islam“, flüstert Hussain mir zu, während Khaleds Ehevertrag gerade geschrieben wird. In der Wohnung sitzen circa 15 Männer, die Stühle an die Wand gerückt, so daß ein großer leerer Platz in der Mitte bleibt. Dort steht ein Tisch, darauf Süßigkeiten, Turkish delight, Bonbons und andere arabische Plombenzieher. Es wird nur geflüstert. Ein älterer Herr hatte ein Blatt Papier aus einem Block heraus gerissen und schreibt nun den Vertrag.

Eigentlich war der Vertrag längst geschrieben und ausgehandelt, aber Khaled hat ihn verbummelt – nun wird er aus dem Gedächtnis neu verfaßt, ohne Beisein der Frau. Drei Männer unterschreiben: Khaled, ein Bruder der Braut, der „Imam“. Dann faltet er das Blatt zusammen und steckt es in die Gesäßtasche.

Wir tuscheln derweil. Ich lasse mir ein paar Gepflogenheiten erklären. In diesem Zusammenhang fällt besagter Satz: „Immer schreibst du über den Islam“. Ich beginne sogleich zu erklären: „Ja, weil der Islam unser Schicksal sein wird. Ich muß mich mit ihm beschäftigen“. Was ich nicht sage: Viel lieber läse ich europäische Philosophie, Heidegger oder Nietzsche oder würde meine Wissenslücken – Schmitt, Nolte, Harich oder Hans Heinz Holz z.B. – endlich auffüllen, oder Goethe oder … ich will nicht langweilen. Jedenfalls viel anspruchsvollere, komplexere Dinge als der Islam – soweit ich ihn bisher verstehe –, aber weil ihr nun einmal da seid und weil ich hier auf einer syrischen Hochzeit sitze  und weil Khaled, der Gute, nachher beginnen wird, Kinder zu zeugen …, muß ich mich mit dem Islam beschäftigen.

Hussain holt sein Handy hervor und zeigt mir eine Seite meines eigenen Textes. „Das stimmt so nicht“, sagt er und weist auf ein Zitat hin: „Während bei der Frau das reinigende Wasser über die Scheide fließt, muß der Mann zudem den Harnleiter von den letzten Tropfen befreien und den Penis derart halten, daß die äußere Öffnung der Harnröhre geöffnet und somit ein Teil der Röhre ebenfalls mit Wasser gereinigt wird“. Das hatte ich tatsächlich angeführt. Zuerst muß ich ihm erklären, was das Wort „Zitat“ bedeutet, dann können wir streiten.

Ich sage: „Das ist aus der Enzyklopädie des Islam, das haben gläubige Muslime geschrieben und sicher wird es irgendwo in einem Hadith oder sonstwo so stehen.“

„Ja, aber es gibt viele Formen des Islam. So macht das niemand. Die Leute verstehen ihre eigene Religion nicht, sie wissen nichts. Sie sind ganz normale Leute, die ihr Leben leben. Mohammed hat auch irgendwo gesagt, man solle sich mit einem Stein drei Mal abwischen …“

„Siehst du“, werfe ich ein. „Der Unterschied zum Christentum ist, daß es dort um Werte geht und nicht um konkrete Handlungen. Alles muß im Islam geregelt werden, dieses muß man tun, jenes lassen und wehe eine Geste sitzt verkehrt. Was geht es Mohammed an, wie ich mir den Hintern abwische? Wo bleibt die Freiheit des Menschen?“

Trotzdem: Hussains Kritik sehe ich ein. Man darf nicht verallgemeinern, oder besser: man muß richtig verallgemeinern. Nicht alle Frauen tragen einen Niqab und doch ist die Frau im Islam per Gottesbefugnis nicht gleichberechtigt; nicht alle Männer spülen die Harnröhre nach dem Wasserlassen und doch gibt es im ganzen Islam ein spezielles Verhältnis zur Geschlechtlichkeit und zur Hygiene; nicht alle Muslime ziehen in den Djihad und doch ist die missionarische Bewegung auf der Basis einer gefühlten Überlegenheit den Ungläubigen gegenüber, in den Islam eingewebt …

Da werden wir unterbrochen. Khaled erscheint plötzlich im Anzug; die Männer klatschen und sagen einen langen Vers auf. Er setzt sich neben mich, sieht angespannt aus. „Bist du aufgeregt?“, frage ich ihn. Er lacht, lehnt sich herüber und flüstert mir ins Ohr: „Ich habe Angst“. – „Angst? Wovor?“ – „Vor den Frauen.“ Khaled will uns jetzt verlassen – er geht zu den Frauen, die am anderen Ende der Stadt feiern. Dort holt er seine Braut ab.

Ein älterer Herr neben ihm sieht meine Verwunderung und sagt lachend auf Englisch: „He has to attack the whole night.“ Jetzt verstehe ich: die erste Nacht, das erste Mal für beide und der Mann muß liefern. Ob es selbst dafür eine Vorschrift gibt?

„Khaled“, sage ich und klopfe ihm auf die Schulter: „keine Sorge, du gewöhnst dich auch daran.“

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