Bildungslücken II

Wir werden unterbrochen, es klingelt an der Tür. Es klingelt überhaupt ständig bei den Syrern. Leute kommen und gehen, wechseln ein paar Worte und verschwinden wieder. Mir scheint, es ist eine Art des social groomings.

Es ist Abu Walid. Wir kennen ihn als Salim, aber Hussain nennt ihn Abu Walid, Vater des Walid. Walid ist also Salims Sohn, der uns ebenfalls manchmal besucht. Mittlerweile glaube ich nicht mehr an einen Zufall, daß Salim ausgerechnet immer dann kommt, wenn ich Hussain besuche.

Der kleine Walid wächst zu langsam. Vor ein paar Wochen mußte er zur ärztlichen Untersuchung, da wurden seine Fingerknochen vermessen. Er ist ein aufgeweckter Junge, der auch ohne Schule oder Kindergarten bereits eine ganze Menge Deutsch aufgeschnappt hat.

Salim dagegen fällt es schwer, auch wenn er schon ein paar Brocken spricht. Da er einmal da ist, versuche ich ihn einzubeziehen. Niveau und Tempo der Konversation nehmen drastisch ab, alles muß langsam und mehrfach erläutert und übersetzt werden.

Er berichtet, daß er nur sechs Jahre zur Schule ging und seither als Schreiner arbeitete. Sein Leben war Arbeit. „Schranke, Tisch, Stuhle, Fenster … alles“, sagt er. „Lernen?“ – gestikulierend zerreißt er in der Luft ein Blatt Papier. Ich lasse ihn zwei Zeilen in einem Buch lesen. Jedes Wort muß er sich wie ein ABC-Schütze zusammenbuchstabieren. Da wird deutlich: Salim lernt nur über das Gehör und ohne geistige Verschriftlichung.

Auch auf der Karte hat er noch immer Schwierigkeiten. „Plauen“, sage ich zum wiederholten Male und wieder sucht er ganz tief in Bayern. Dann liest er Polen und zeigt darauf. Ich frage ihn, ob er wisse, wo in Syrien Homs und Aleppo liegen und male eine imaginierte Syrienkarte auf den Tisch. Aber auch das weiß er nicht. Wieder sagt er: „Arbeiten, ich will arbeiten.“

Nicht, um ihn vorzuführen, erzähle ich das. Salim ist ein lieber Kerl, gut zu seinen Kindern und gut zu seiner Frau. Auf den Photos, die er mir nun zeigt, sehen die vier glücklich und entspannt aus.

Einen deutschen Freund hat er auch: Rainer. Rainer sei vor einem halben Jahr zum Islam übergetreten. Er beherbergt seit einem Jahr zwei Syrer. Ob er Arabisch spreche? Nein, das nicht. Ob er den Koran verstünde? Ein paar Gebete könne er aufsagen. Er lebte allein, war von seiner Frau geschieden und nun habe er den Islam entdeckt. Auf Khaleds Hochzeit hatte ich ihn schon einmal gesehen, umgeben von 15 Syrern, fremd und doch irgendwie dazu gehörend.

Ein anderer syrischer Freund, dessen Bild mir Salim ebenfalls zeigt, sei begeisterter Assad-Anhänger. Stolz präsentiert er ein seltsames Armtattoo. Hat er für ihn gekämpft? Wir versuchen die seltsame Schrift auf dem Arm zu entziffern, doch es gelingt uns nicht. Ich frage, ob sie keine Probleme damit hätten? Hussain antwortet: er hasse Assad, auch wenn andere von ihm schwärmen. Aber hier in Deutschland spielt das keine Rolle mehr.

Zum Schluß reden wir über DAESH, ISIS. Hussain zückt das Handy und zeigt mir ein Video. Syrische Frauen verbrennen den Schleier, den sie unter dem IS tragen mußten. „So ist das, wenn Zwang herrscht“, sagt mein junger syrischer Freund. „Die Frauen wollen das nicht. Jetzt sind sie wieder frei.“

„Sie sind nicht frei“, antworte ich, „sie tragen noch immer die Kopftücher.“ Hussain schüttelt energisch mit dem Kopf. „Sie wollen das Kopftuch tragen.“

Ich antworte: Sie müssen wollen. Und so lange sie müssen, sind sie nicht frei.

 Fortsetzung von: Bildungslücken

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s