Hitlers letzte Rache

Wir alle kennen das alte Hitler-Spiel. Wer zuerst „Hitler“ sagt, hat die Arschkarte gezogen. Es genügt auch ein beliebiges Hitlersurrogat. Legionen von Politikern und Promis haben sich ihre Karriere versaut, weil sie zur falschen Zeit das falsche Wort in den Mund nahmen, einen unliebsamen Gegner vielleicht mit Adolf H. verglichen und dergleichen. Das blame-game der deutschen Medien läuft mittlerweile so routiniert ab – wie eine gute geölte Maschine –, daß es den Lesern, Hörern und Sehern schon gar nicht mehr auffällt und man nur noch desinteressiert mit den Schultern zuckt: „Selbst schuld! Wie blöd muß man denn sein …“

Und Frauke Petry hat „Hitler“ gesagt – in wenig versteckter Verkleidung: „Völkisch!“

Sofort springt die Maschine an, wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht auf allen Kanälen und es dauert nur Minuten, bis die ersten Kulturredakteure an der Strippe sind und uns darüber aufklären, wie unsäglich das sei. Ein Satiresong mit dem Titel „Hetzilein“ – der genau das tut, was er vorzuführen vorgibt – ist auch gleich parat und wird von den linkspopulistischen Blättern „Focus“ und „Spiegel“ genüßlich gehypt.

Schon die ersten Überschriften bezeugen jedoch ein gespaltenes Verhältnis zur exakten Wahrheit. „Petry sieht ‚völkisch‘ als positiven Begriff“, meint die „FAZ“ etwa behaupten zu dürfen und hängt gleich mal ein Bildchen an, das die Frau mit diabolischem Blick zeigt. Die „Zeit“ behauptet: „Wer ihn nutzt, will faschistische Gedanken hoffähig machen“, und Nazi-Wünschelrutengängerin Bednarz ätzt gleich von einer „völkischen Partei“. Usw.

Tatsächlich hatte Petry in der „Welt“ gesagt, man müsse „daran arbeiten, dass dieser Begriff wieder positiv besetzt ist“. Damit hat sie eben nicht erklärt, daß der Begriff, wie die FAZ uns glauben machen will, ein positiver Begriff ist, sondern daß man „daran arbeiten solle“, ihn aus seiner Negativität – die er zweifellos hat – zu befreien.

Dieser gewagte Griff in die Verbotsgrammatik mag polit-taktisch und parteipolitisch unklug sein (oder auch nicht), ihn jedoch als einen Willen zu interpretieren, der „faschistische Gedanken hoffähig machen will“ ist unlauter und diffamatorisch. Genau gegen diese Eindimensionalität, die aus „völkisch“ direkt „rassistisch“ macht, wehrte sich ja die AfD-Vorsitzende. Stattdessen sah sie primär ein „zugehöriges Attribut“ zum Wort „Volk“, was nur die halbe Wahrheit ist, denn es ist mehr noch das Adjektiv zu „Volk“, das auch attributiv verwendet werden kann. Sie dürfte insofern recht haben, als daß die Negativisierung des Adjektivs auf das Substantiv abstrahlt und abstrahlen soll und somit das gespaltene Verhältnis der Deutschen zum Begriff des „Volkes“ sprachlich zementiert wird.

Nun werden alle Register gezogen. Gern wird der „Völkische Beobachter“ erwähnt, das Zentralorgan der NSDAP. Wenn dieses Argument valide wäre, dann müßte man auch das Adjektiv „neu“ tabuisieren, welches das „Neue Deutschland“ – das es im Übrigen noch immer gibt –, also das SED-Zentralorgan im Titel trug. (Die Schwierigkeiten der Deutschen mit dem Wort „Deutschland“ sind hinlänglich bekannt.) Wenn man es sich so einfach machen würde, alle Wörter zu verbieten, die die Nazis in den Mund genommen haben, dann müßte man mithin schweigen.

Oder man zitiert den Duden, der „völkisch“ unter anderem „als ,nationalsozialistisch‘ und als ,in der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus‘ stehend“ definiert. Als ob der Duden Petry widerlegen könnte – im Gegenteil, er bestätigt ihr Argument, denn „der Duden“, oder besser: die Mitarbeiter am Duden, verleiht/verleihen dem Wort präskriptiv und damit kompetenzüberschreitend – man kann auch sagen: ideologisch – auf Dauer eben jene besondere Bedeutung, die das Wort im Dritten Reich zweifelsfrei hatte. Negativ und positiv sind keine physikalischen Aggregatzustände, sondern von Menschen gemachte Zuordnungen; man kann sich auch Leute vorstellen – und scheinbar machten sie mal die Mehrzahl unserer Ahnen aus –, die das Wort affirmativ lesen und lasen.

Daß man das Wort ganz unbedarft, eben als reines Adjektiv zum „Volk“ und ohne jegliche „rassistische“ Konnotierung benutzen kann, beweisen zeitgenössische Sätze wie diese:

„Die meisten Staaten der Erde beherbergen völkische Minderheiten, und den meisten bedeuten sie auch eine stete Verlegenheit.“

„Mit Vorliebe werden Worte wie ‚Separatismus‘ oder ‚separatistisch‘ für völkische Freiheitsbestrebungen verwendet, mit dem Ziel, diese herabzusetzen.“

„Vorbehaltlos neben menschlichen Grundrechten nun womöglich auch noch völkische anerkennen zu sollen, wäre für manche Staaten ein sicheres Todesurteil – siehe das ehemalige Jugoslawien.“

„Liegen völkerführende und ländergebietende Gewalt auch in Wirklichkeit dicht beieinander, so ruht ihr wesenhafter Zwiespalt doch stets auf dem Grund jedweder irdischen Macht und der sie stützenden, entweder mehr völkisch oder mehr vaterländisch bestimmten Gesinnung.“

In allen diesen Beispielen wird „völkisch“ problemlos als reines Adjektiv zu „Volk“ und ohne jeden Bezug zum NS oder zu „rassistisch“ und dergleichen verwandt, genauso, wie Frauke Petry sich das vorgestellt haben mag. Die Zeilen stammen aus dem Buch „Denken in Völkern“ von Heinrich Jordis von Lohausen.

Bevor jemand auf die Idee kommt, Lohausen zu googeln, sage ich es gleich: Lohausen „war ein österreichischer General und Publizist geopolitischer Themen mit völkischer und deutschnationaler Ausrichtung.“ Wie auch nicht? Wenn jemand – in dieser Zirkellogik –, der das Wort „völkisch“ benutzt, per definitionem völkisch (rassistisch) ist, dann sollte es uns nicht wundern, daß er das Wort „völkisch“ benutzt ad infinitum. Da es im Giftschrank verwahrt wird, kann es nicht überraschen, wenn nur Immune davon naschen und wenn es im Mainstream tabuisiert ist, dann sollte man es auch nur außerhalb des Mainstreams erwarten. (Da ich das Buch gelesen habe, kann ich versichern, daß Lohausen sich nicht nur Gedanken über die Existenz des deutschen, sondern vieler Völker macht und sich ausdrücklich für die Selbstbestimmung aller Völker und gegen die Unterdrückung einzelner Völker – der Kurden etwa oder der Indianer – einsetzte.)

Verbieten, bewußt tabuisieren, verteufeln … macht das Verbotene stark! Das gilt es zu begreifen. Lange war „Mein Kampf“ tabuisiert und nur so konnte es eine subkutane Faszination ausüben, die fast mythische Züge annahm – ergo: Lest „Mein Kampf“! Vollverschleierung im öffentlichen Raum zu verbieten, kann nur zu einer kräftestärkenden Kontraktion der islamischen Muskulatur führen und auch das pauschale Verbot, bestimmter von den Nationalsozialisten ge- und mißbrauchter Begriffe, wie „völkisch“, „Euthanasie“, „Raum“, „Rasse“, „Volksgenossen“, „Ahnen“, „Mädel“, „Ehre“, „Sonderbehandlung“, „Reich“, „Führer“, „Weltanschauung“, „Weltbild“, „Windhund“ undundund bis hin zu „Deutschland“, der gesamten LTI also, der Lingua Tertii Imperii, beraubt die deutsche Sprache nicht nur eines bedeutenden Teils ihres Vokabulars, es verklärt, es mystifiziert und heiligt durch das Berührungsverbot auch die dahinter stehende menschenverachtende Ideologie.

Es ist letztlich Hitlers letzter großer Triumph über uns, Hitlers letzte Rache. Die einstige „Sprache des Siegers“ (Klemperer) triumphiert nicht nur in der Oktroyierung, sondern auch im Sprachverbot selbst nach der militärischen Niederlage. Die Verbote machen den Verlierer nachträglich zum Gewinner.

Noch immer bestimmt Er darüber, was wir denken, sagen und tun dürfen. Es wird Zeit, sich aus diesem historischen Zangengriff zu befreien und auch die deutsche Sprache neu und affirmativ rückzuerobern. Das wäre auch ein wirkliches Erinnern, Gedenken, Nichtvergessen und Ehren, jenseits des ritualisierten und längst emotional erkalteten Trauerkultes, der das Leid der Opfer letztlich tatsächlich verhöhnt. Denn wie heißt es immer so schön, wenn eine geliebte Person nach schweren Opfern von uns gegangen ist: Das hat sie nicht gewollt, daß wir darüber das Lachen und Leben verlernen. Erinnert euch im Guten an mich …

Wer diese Begriffe gebraucht, will also vielleicht gar nicht „faschistische Gedanken hoffähig machen“, sondern nutzt sie als wahrhaft antifaschistischen Befreiungsakt.

Quellen:
Victor Klemperer: LTI. Notizen eines Philologen. Leipzig 1980
Heinrich Jordis von Lohausen: Denken in Völkern. Die Kraft von Sprache und Raum in der Kultur- und Weltgeschichte. Stuttgart 2001
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5 Gedanken zu “Hitlers letzte Rache

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Ich bin da leicht anderer Meinung.
    Wörter haben ihre Geschichte, im Guten wie im Schlechten. „Völkisch“, „Volkstum“ etc. war vor 1933 ein Begriff, der vieles umfassen konnte und nicht zwangsläufig nur von der extremen Rechten oder, davon durchaus zu unterscheiden, von den Nationalsozialisten benutzt wurde. Es erging dem Begriff dann unter den Nazis wie vielen anderen Begriffen und Organisationen auch: Sie wurden gleichgeschaltet und auf die eine Sache hin ausgerichtet, ganz wie etwa die romantisch-nationale breite Jugendbewegung verboten bzw. in die HJ zwangseingegliedert und verengt wurde. Diese nationalsozialistische Färbung geht von dem Begriff nun nicht mehr runter, so funktioniert das eben nicht in der Begriffsgeschichte.
    Ich weiß, daß man sich manchmal anderes wünscht, habe mich aber damit abgefunden. Ich persönlich fand den Begriff „Neger“ lange unverfänglich (so noch in meiner Jugend); ich kann aber akzeptieren, daß es nicht mehr so gesehen wird, und daß die bewußte Verwendung von „Neger“ heute eine andere Bedeutung hat als noch vor 40 Jahren. (Von den Problemen dieser speziellen Begrifflichkeit hier nicht mehr).
    Mit dem Antisemitismus verhält es sich meiner Meinung ähnlich: Man konnte vor 1933 auch Antisemit sein, so wie vielleicht ein Bayer einen Preußen nicht ausstehen konnte, oder ein Badener einen Württemberger – sicher mit Genuß und Bosheit und Ehrlichkeit, aber auch ohne Vernichtungswillen und Beraubungslust. Das ist seit 1933 vorbei, es gibt seitdem keinen – erlauben Sie den böse klingenden Begriff – harmlosen Antisemitismus mehr, und man kommt auch nicht mehr dahin zurück.
    Aus diesen Gründen beobachte ich die entsprechenden Versuche in der AfD (wie auch der „Neuen Rechten“, soweit ich sie überhaupt mitbekomme), eine Art „restitutio in integrum“ zu erreichen, mit großer Skepsis, als zur Erfolglosigkeit bestimmt und vor allem als politisch der Sache selbst, um die es momentan gehen muß, überhaupt nicht dienlich. Das habe ich hier in diesem Blog bereits hin und wieder so kommentieren dürfen
    Dass wir dennoch eine breite Diskussion darüber brauchen, was denn „Volk“ noch heißen soll angesichts der Migrationsbewegungen, und was den Begriff denn bitteschön als (nicht zuletzt: politische) Kategorie ersetzen soll, das habe ich hier auch einmal angemerkt.

    PS: Ist es nicht auffällig, wie still es angesichts der semiliteraten Neubürger und -mitbewohner um den Begriff „Verfassungspatriotismus“ (die Verfassungspatrioten sind das Volk) geworden ist? Es scheint fast allen klar zu sein, daß in dieser Hinsicht da nicht viel zu holen sein wird, weil entweder die Fähigkeit zum Verständnis dieser Verfassung fehlt (bzw. nur die sozialstaatlichen Leistungen „verstanden“ werden), oder aber die Prämissen ebendieser Verfassung schlichtweg nicht geteilt werden. Auch diese Position: Beim ersten Gewehrschuß über Nacht geräumt.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Wieso Frau Petry nun gerade dieses sprachliche Thema aufs Tapet bringen musste, ist mir ziemlich rätselhaft; wir haben ja nun wirklich dringlichere Sorgen.

      Ganz allgemein aber finde ich es gut, wenn möglichst viele Sprachtabus zertrümmert werden. Es sollte einem immer um Sachen und nie um Worte gehen, und da die Tabus das Denken und Reden über sie behindern, weg damit! Ich fürchte nämlich, dass sonst viele unserer Mitbürger als einzige intellektuelle Weltreise ihres Lebens eine Pilgerschaft unternehmen, während derer sie dann allein damit beschäftigt sind, am Wegesrand aufgebaute imaginäre Teufel zu steinigen. Im Eifer des Gefechts aber kommt es dabei notwendig immer wieder zu großen Unglücken. Was die Organisatoren der Pauschalreise nicht bekümmern muss, die haben ihren Verdienst ja sicher, wenn nur diese dumme Tradition nicht abbricht.

      Wenn sich, wie vor einigen Jahren geschehen, mitfühlende Mütter wider die Vorhautbeschneidung kleiner Jungs aussprechen, dann ist das in meinen Augen völlig harmlos, um nicht noch Lobenderes über sie zu sagen. Wenn irgendwelche bestallte Tugendwächter des Anti-Antisemitismus ihnen darob gleich Antisemitismus unterstellen, so nur deshalb, weil ihr Vorstellungsraum nicht von Sachen, sondern von bloßen Worten eingenommen ist, zum Beispiel eben diesem Antisemitismus, mit dem sie dann ihrerseits kritiklos Hetze betreiben. Nämlich weil das so einfach ist, weil das Tabu dem Vorschub leistet. Aufgeklärtheit gebietet, bei solchen öffentlichen Aufgeregtheiten eben nicht mit den Wölfen zu heulen, sondern die Schafe zu schützen, selbst wenn die etwas blöde sein mögen.

      Man sollte auch nicht glauben, durch Redeverbote könne man das „falsche Denken“ ausrotten. Man unterdrückt vielmehr nur seinen Ausdruck, und wenn die betreffenden „Denker“ dann noch Verschwörungstheoretiker sind, liefert man ihnen nur eine starke Selbstbestätigung, ein Missionsfeld und viel Stoff fürs Ressentiment. Ein Schuss, der nach hinten losgeht, wie so oft bei den Wohlmeinenden; das tut ihnen aber nichts, weil sie danach umso mehr und umso distinktiver ihren guten Willen paradieren können. Uns täte mehr angelsächsische Meinungsfreiheit – alten Stils, also vor der politischen Korrektheit – entschieden gut.

      Und da die wirklich Bösartigen, solchen Zwängen unterworfen, ihre Zungen in Öl tauchen werden, erkennt man sie nicht einmal mehr so gut, als wenn die Esel in ihrem authentischen Ton blöken dürften.

      Der Verfassungspatriotismus ist nur eine Kopfgeburt, die den Deutschen als apotropäische Ersatzideologie eingepflanzt werden sollte, und sie ist in ihrem üblichen Ideenkontext widersprüchlich. Wenn sich, wie intendiert, das deutsche Volk völlig ungeschichtlich als bloße Gemeinschaft gewisser Werte konstituiert, dann hat es durch diesen Akt der Abwendung mit der Vergangenheit gar nichts mehr zu tun. Wieso sollte es dann also weiter Schuld und Reue tragen über Vorkommnisse, die schon nach dem Begriff völlig außerhalb dieser Konstitutionsgemeinschaft liegen? Daraus folgt für mich, dass der Begriff allenfalls nur propagandistischen Wert hat, denn auf den Schuldkult will man ja seitens der Propagandisten gewiss am wenigsten verzichten.

      Dieser „Verfassungspatriotismus“ erinnert mich in seiner Widersprüchlichkeit etwas an den ähnlich gearteten „Marxismus“ gewisser RAF-naher Kreise der 1980er Jahre. Man hängt vorgeblich einem objektives Bewegungsgesetz der Geschichte an, aber man rekrutiert neue Anhänger allein, indem man die in Stammheim Einsitzenden mit einer christlichen Märtyreraura umhängt. Die Internationale der Pfarrerstöchter.

      Auch anhand des von ihnen konstatierten Missionsverzichts in Sachen Verfassungspatriotismus gegenüber den Neubürgern kann man wohl konstatieren, „Wir sind an allem schuld“ ist der Kern und Vefapa nur die Hülle. Dass die Mission gar nicht verfinge, wollte ich ihren allenfallsigen Opfern übrigens nicht verdenken. Wer will schon irre Ideen von Schwachköpfen annehmen.

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    • Gefühlt gebe ich Ihnen recht – aber ich fürchte, das Gefühl ist in diesem Fall kein guter Ratgeber. Warum? Weil der Verdacht besteht, daß wir alle konditioniert sind, daß unsere Empfindungen bereits manipuliert wurden.

      Mir geht es auch so: Höre ich etwa das Wort „Neger“, zucke ich zusammen. Warum aber ist das so? Was hat uns diesen Schrecken eingepflanzt? In diesem Falle ist die innere Sperre zumindest teilweise ja gerechtfertigt, weil ich weiß, daß es andere Menschen verletzt, derart betitelt zu werden. (Aber auch deren Verletzt-Sein ist schon konditioniert.) Normales Empathieempfinden reicht da schon aus. Allerdings ist das eine slippery slope. „Negro“, der Wortstamm, bedeutet ja nichts anderes als „Schwarzer“ und das ist nichts anderes als eine Tatsachenbeschreibung. Auf Deutsch ja wohl auch noch sagbar …

      Bei „völkisch“ liegt der Fall anders, weil es keine individuelle Beleidigung sein kann.

      Sie sehen es richtig: Sprache ist in der Bewegung und genau deswegen muß man sich dem fait accompli nicht ergeben – man kann es wieder ändern. Ob das „organisiert“, „gemacht“ werden kann, ist eine andere Frage, denn was sich sprachlich durchsetzt, ist oft nicht voraussehbar.

      Auch wenn mir der Antisemitismus oder die Holocaust-Leugnung zuwider ist und ich sie als einfach nur dumm empfinde, würde ich mir doch eine Welt wünschen, in der man das sagen darf, ohne ins Gefängnis dafür zu gehen. Das läßt sich mit Argumenten verteidigen, da brauche ich im Idealfall die Judikative und Exekutive nicht. …

      PS: Der Verfassungspatriotismus ist ein eigen Ding. Er wird, wie so vieles, mit der Einwanderung ad absurdum geführt. Mal sehen, ob Habermas sich vor seinem Ableben dazu noch einmal äußert. Der Konflikt ist ja nicht zu übersehen. Er wird – Habermas – bald nur noch eine historische Fußnote sein, da bin ich ziemlich sicher. Ich werde ihn deswegen noch einmal lesen …

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Die deutschen Nationalen von einst mochten eben keine Fremdworte. Also haben sie „national“ zu „völkisch“ verdeutscht. Viel mehr ist dazu gar nicht zu sagen.

    Außer allenfalls, dass hinfort wegen der Nazis es allen Deutschen auf alle Zeiten verboten bleiben muss, jemals auch nur eine Spur national zu empfinden. Womit sie sich dann in die Gemeinschaft aller Völker einreihen, wo es ja auch nirgendwo auch nur einen Nationalen gibt, und somit jeder deutsche Sonderweg hinkünftig vermieden wird.

    ****************

    Zum anderen Thema, dem Teuflischen, hatte ich schon vor einigen Wochen einen Traum:

    Eines Tages findet jemand in diesem Riesenschinken „Mein Kampf“ den Satz „Das ist so klar, wie daß zwei und zwei vier ist.“ Nachdem sich die Kunde über die sozialen Netze verbreitet hat, werden die Aufgeklärten erst jedem, der zufällig diesen Vergleich benutzt, mit zur Seite geneigtem Kopf und schiefem Blick entgegenhalten: „Ist Ihnen nicht bewusst, dass Hitler diesen Satz auch gesagt hat?!“ Auf die kurze Antwort „Na und?“ folgt dann ein „Es ist ihnen also gleichgültig, dass Sie den Nazis Vorschub leisten, weil sie sich darauf berufen können, dass …?“ Usw. usf.

    Am Tag, nachdem der heldenhafte antiarithmetische Verbalwiderstand einer nie-wieder-rinnenden Moderatorin zum ersten Mal in einer Fernseh-Talkshow zu sehen war, wird das Zentralkomitee der Deutschen Dyskalkuliker öffentlich Klage über die Missachtung führen, die man mit solchen rücksichtslosen arithmetischen Nazi-Äußerungen ihnen gegenüber bezeuge. Gerade Menschen, die in unseren Schulen ohnehin schon allzuviel an Diskriminierung erleiden müssten, fühlten sich dadurch noch weiter ausgegrenzt. Gegen solche zu blanken Haßreden ausartende Hetze müssten alle billig und gerecht denkenden Deutschen auf die Straße gehen, welche ja umso unangebrachter sind, als Dyskalkuliker das Land in Wahrheit sehr bereicherten, mehr jedenfalls als alle diese arroganten Rechenkünstler, die ja sowieso alle Rassisten seien. Es sei zum Beispiel schwer vorstellbar, dass ein Finanzminister einer Koalitionsregierung ohne die dyskalkulische Qualifikation je sein Amt richtig ausfüllen könne. (Mit einer langen Liste von historischen Beispielen.)

    Am übernächsten Tag sind die Portale der selbstredend nichtrechensolidarischen Theater in Berlin alle mit Transparenten eines berühmten Goethe-Zitats behängt: „Du mußt verstehn! / Eins ist keins. / Das ist das Hexen-Einmal-Eins!“ (Modernisierte Fassung in einfacher Sprache.) Die Antimath geht in der Bundeshauptstadt mit der Parole „Rechnen kann keiner, uns genügen ein Einer“ [sic!] auf die Straße, reißt erst in Kreuzberg die Hausnummern von den Fassaden, um danach das Mathematische Institut der TU abzufackeln.

    Frau Künast meint daraufhin, die Antimathse würden zwar ein kleines Bisschen übertreiben, hätten das Herz aber auf dem linken Fleck. Frau Claudia Roth empört sich in der nächsten Talkshow, der Tadel für die Aktivisten sei empörende Heuchelei, es hätten ja schließlich alle in ihrer Generation bei den Mathematik-Klassenarbeiten in der Schule immer nur abgeschrieben, weil nur so in den noch von alten Nazis beherrschten Gymnasien das Abitur zu schaffen gewesen sei. Und dass es sie selbst dann fast ganz nach oben geschafft habe, zeige doch, dass man sogar völlig ohne Mathematikkenntnisse aus- und hochkommen könne.

    Die ersten Politberliner Erziehungs-Avantgardisten fordern die Abschaffung des schulischen Mathematik-Unterrichts von der ersten Klasse an. Frau Katrin Göring-Eckardt widerspricht energisch, man müsse ihn vielmehr durch Religionsunterricht ersetzen, wobei auch zwei zusätzliche wöchentliche Pflichtstunden in Willkommenskultur hinzukommen müssten. Frau Merkel ist noch in Urlaub, lässt aber durch ihren Regierungssprecher Seibert verlautbaren, es sei nicht hilfreich, wenn sie jetzt schon dazu sich Gedanken machen, eine Idee entwickeln oder gar Stellung nehmen müsste, sie wolle darüber zuvor im Interesse des deutschen Erziehungssystems mit Erdoğan ein Gespräch führen und müsse deshalb ihr Pulver noch trockenhalten.

    Das Pulver weckt daraufhin Frau von der Leyens Interesse und diese fordert, nämlich wegen der Verantwortung, die unser Land übernehmen muss, wenigstens in einem Teil der freiwerdenden Schulstunden anthroposophische Medizin zu unterrichten. Die Kinder könnten dabei in Früh-Eurhythmiestunden das Globulidrehen üben, mit den garantiert biologisch-humanitären Kugeln könne man dann die Bundeswehr ausstatten.

    Frau Maischberger lädt alle zur abendlichen Sendung. Und nun geschieht, völlig unerwartet, das große Unglück! Weil keine mehr die Ziffern auf der Uhr ablesen kann – oder jedenfalls alle so tun – kann die Talkshow nicht mehr beendet werden.

    Hundert Jahre später – Deutschland ist inzwischen bis in Windmühlenspitzenhöhe völlig von Schlehenhecken überwuchert – entdeckt ein Wanderer in rabenschwarzem Fell darunter zufällig das mit Dornen durchwachsene Fernsehstudio, vollgestopft mit unzähligen toten Prinzessinnen – und keinerlei Koch oder Küchenjungen. Weil er keine politisch unkorrekte Handlung wagen will, vermeidet er tunlichst jeden Kussversuch. Aber aus den von ihm geborgenen Fernsehaufzeichnungen werden mehrere Filme geschnitten:

    * Ein religiöser Film „Der Würgeengel“ mit dem mit etwas weniger forscher Rhetorik auftretenden Gauck in der Rolle des Opferlamms
    * Ein Drama mit dem Titel „Das Schloss im Spinnwebwald“ mit einem badischen Irren, der immer einen Koffer mit sich herumträgt, in der Nebenrolle des Narren
    * Ein Dokumentarfilm „Das goldene Zeitalter“ mit einer toten Ersatz-Bischöfin im Ornat am graugrünen Meer (zuvor schon als Skorpionin, danach als Jesus-de Sade)

    Auch ein Schriftsteller behandelt die Weltsensation der Entdeckung in seinem Roman „Letzte Lockerung. Ein Handbrevier für Hochstapler und solche die es werden wollen“, für das er berühmt wird und den Rodilardus-Preis der skandinavischen Wanderratten bekommt, inzwischen die einzig verbliebene intelligente Lebensform in Mitteleuropa. Keiner der Nager mag aber das Buch mehr lesen, nachdem es heißt, dass es im Rodilardus-Komitee auffällig viele mysteriöse Todesfälle gegeben haben soll. Man munkelt von einem „Fluch der Pharaonin“.

    ****************

    Vor einigen Tagen hatte ich nun fast denselben Traum noch einmal, mit nur ganz kleinen Unterschieden und auf Französisch. Offenbar ist das Anzeichen eines Wahrtraums, der mir von Gott eingeflößt wurde. Und nun befürchte ich das Schlimmste. Denn bekanntlich bleibt nach dreimal demselben Traum kein Zweifel mehr, wofern er denn beim dritten Male in einer semitischen Sprache kommt. (Alle unbezweifelbaren göttlichen Offenbarung geschehen in semitischen Sprachen und alle semitischen Träume sind göttliche Offenbarungen.)

    Leider aber kann ich kein Wort Arabisch, und vom Hebräischen nur den einen Satz:

    Eitelkeit der Eitelkeiten, es ist alles ganz eitel!

    mit welchem allein ich bisher nicht schlecht durchs Leben gekommen bin. Ich würde deshalb, selbst wenn mir die Offenbarung auf mehr oder weniger formbeständigem Material zukäme – Stein vom Berg Sinai, Edelmetallplatten usw. – spätestens beim Abschreiben als Nichtsemitist unvermeidlich kleine Ungenauigkeiten in den Text einbringen – umso mehr, wenn er mir nur im Traume zukommt. Und aus solchen kleinen und unscheinbaren Fehlern – hier ein Komma an der falschen Stelle, dort ein Iota zuviel oder zuwenig – sind schon oft die übelsten Entstellungen der selbstredend immer nur friedlichen und menschenfreundlichen göttlichen Botschaften entstanden, die dann zu Mord und Totschlag führen können.

    Ich will aber weder, dass am Ort, an dem ich vor ein paar Jahren zugezogen bin, ein paar hundert Männer über die Klinge springen müssen, noch dass irgendwelche selbstermächtigten Eroberer ein fremdes Land in Besitz nehmen und alles töten, was dort an die Wand pisst. Noch dass man mir wegen solcher Abweichungen dann bösartigen Frevel gegen das wahre Wort Gottes nachweist und ich deshalb unter der Folter sterben muss, was auch immer ich für ein Ansehen bei der Nachwelt dadurch bekommen mag.

    Betet für mich, dass dieser Kelch an mir vorübergehe!

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    • Wenn ich mit solchen wunderbaren Träumen begnadet wäre, würde ich ein Buch schreiben.

      Beim dritten Mal sollten Sie es auf jeden Fall tun, ganz gleich in welcher Sprache! Sprechen Sie es auf einen Recorder.

      Übrigens bekannte auch Mohammed verschiedentlich, daß er von dem, was ihm da offenbart wurde, nichts verstanden habe – er sei nur Medium.

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