Bildungslücken

Nur noch wenige Tage bis zum Test für den Integrationskurs. Dort muß man Sprachkenntnisse für das Niveau B1 und aus einem Gesamtfragenkatalog von 300 Fragen 33 via multiple choice beantworten. Zufällig liegt der dicke Stapel Papier bei Hussain auf dem Tisch. In einem Prüfungstest hatte er 100% erreicht, beim Hörverständnis waren es „nur“ 40 von 45 richtig beantworteten Fragen. Man muß sich keine Sorgen machen, er wird das locker bestehen.

Doch das Problem liegt tiefer. Das wird sofort deutlich, als ich den Fragenkatalog durchblättere. Ich frage ihn Aufgabe 186: „Im Jahr 1953 gab es in der DDR einen Aufstand, an den lange Zeit in der Bundesrepublik Deutschland ein Feiertag erinnerte. Wann war das? 1. Mai, 17. Juni, 20. Juli, 9. November?“

Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen, auch ohne das Blatt zu sehen: 17. Juni. Richtig! Nächste Frage … nicht bei mir. Stattdessen frage ich: „Was war denn am 17. Juni?“ Und da muß er passen. „Was bedeutet der 1. Mai oder der 20. Juli oder der 9. November?“ Keine Ahnung. „Was ist denn die DDR?“ Auch hier nur vage Vorstellungen. Einmal in den Ballon gepiekt und gleich ist die Luft raus. Und dabei ist Hussain – ich wiederhole mich da gern – ein Musterschüler, deutsche Mütter würden schnell von Hochbegabung sprechen.

So redet sich das System eine Integration ein, die an der Oberfläche funktioniert, die innen aber hohl ist.

Nächste Frage: „Welcher deutsche Staat hatte eine schwarz-rot-goldene Flagge mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz? – Preußen, DDR, BRD, Drittes Reich?“ Die Antwort sitzt, was eine Ähre ist und was Preußen oder das Dritte Reich, kann er nicht wissen. Ich erkläre kurz und erstaunt stellt Hussain fest, daß das Heilige Römische Reich Deutscher Nation eine tausendjährige Geschichte hat, und als er erfährt, daß Hitler – der Inbegriff des (oft bewunderten) Diktators -, per legitimer Wahl an die Macht kam, haut ihn das fast um.

Wir gehen noch ein paar Fragen durch … überall das gleiche Ergebnis.

So einfach ist es nicht!

 Fortsetzung: Bildungslücken II

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3 Gedanken zu “Bildungslücken

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Die historische Bildung bei der autochthonen Jugend ist auch nicht gerade berauschend. Inden letzten Jahren habe ich schon mehrfach von jungen Leuten gehört, die USA seien in den Zweiten Weltkrieg eingetreten, um den Holocaust zu beenden. Angesichts solcher totalgereimter moralischer Weltbilder ist es mir noch lieber, dass jemand Geschichtsdaten bloß unsemantisch so wie Telefonnnummern lernt und dann wieder vergisst.

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    • Sie wollen doch nicht etwa behaupten, die USA hätten Eigeninteressen verfolgt, ökonomische, ideologische, territoriale möglicherweise sogar „geopolitische“? Geopolitik ist rechts!

      Warum sollte die autochthone Jugend Königgrätz kennen – dafür können sie meinen Computer entlausen, wenn der mal wieder spinnt.

      Daß jemand wie H „unsemantisch“ auswendig lernt, ist nicht das Problem, zeigt ja nur seine Cleverness und Flexibilität. Daß man aber meint, einen Grundkurs in „Integration“ geschaffen zu haben, indem man kulturfremde Menschen im multiple-choice-Verfahren 300 Fragen repetieren läßt, das grenzt schon an Wahnsinn. Diesen Test könnte man auch mit null Sprache, null Verständnis, null Alles bestehen, wenn man nur ein gewisses Talent für optische Wiedererkennung mitbringt. Nichts anderes als eine Dressur – die man dann als Integretionsleistung abbucht. Dabei dürfte in den meisten Fällen noch nicht mal der Gedanke der Geschichte erfaßt worden sein.

      Aber die Leute funktionieren an der Oberfläche – mehr will man nicht.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Das ist jedoch ein Einwand, den man recht allgemein gegen Multiple-Choice-Tests erheben kann und auch sollte. Sie sind wohl deshalb so beliebt, weil sie im Gegensatz zu offenen Fragen billig und standardisiert objektiv auszuwerten sind; im Zuge des allgemeinen einschlägigen Messbarkeitsfetischs gilt das natürlich als ein Trumpf, auch wenn man sich weniger Sorgen darüber zu machen scheint, was eigentlich man denn da objektiv misst. Verständnis erkennt man nur, wenn man nach Begründungen nachfragen kann, wozu aber leider auch ein Verständnis des bestallten Fragers vonnöten ist, woran es vielleicht manchmal mangelt.

        Eine falsche Antwort mit einer überlegten Begründung wäre mir allemal lieber als eine richtige mit einer unlogischen. Unter den Keuner-Geschichten von Brecht gibt es eine, in der ein kleiner Junge ein Huhn mit drei Beinen malt. Auf Nachfrage gibt er die Auskunft, Hühner könnten nicht fliegen, deshalb habe er diesem ein drittes Bein spendiert, damit das Huhn sich besser abstoßen könne. Den würde ich wohl durch die Prüfung lassen, er hat eine richtige Beobachtung – Stallhühner fliegen nämlich erbärmlich schlecht – statt einer abstrakten Klassifikation verwertet und dann selbst nachgedacht.

        Stattdessen setzt sich heute dank des Zahlenfetischs der überall schon dabeigewesene und in allem unbewanderte Unternehmensberater mit seinen wunderbaren Metriken auch in der Wissenschaft immer mehr durch. Der Kandidat hatte letztes Jahr hundert Veröffentlichungen – toll, dieses High Potential lassen wir uns jetzt aber nicht entgehen!

        Eine ähnliche Ehrfucht für sachlich zweifelhafte Ergebnisse erzielt man, wenn man sagen kann, dass sie aus einem Computer kommen. Der Computer, das komplexe, unverstandene Wesen, das also besonders intelligent und zuverlässig sein muss! (Kleine Bosheit zur anderen Fakultät hin: Ähnlicher Effekt bei Hegel, niemand versteht ihn wirklich, folglich ist er tiefsinnig und glaubwürdig). Dabei weiß jeder, der nur ein wenig mit der Materie vertraut ist, dass man hierbei oft nach dem Garbage-In-Garbage-Out mit vorzüglich aufgearbeitetem Mist konfrontiert wird.

        Alle Jahre wieder, wenn mir wieder mal ein Intelligenztest über den Weg läuft, rege ich mich über diese Folgenergänzungsfragen im Stile „1 – 4 – 9 – 16 – … Welche Zahl kommt als nächste? …“ auf. Rein mathematisch gesehen kann da nämlich wirklich jede Zahl folgen, insbesondere auch Brüche, irrationale Zahlen oder gar komplexe, an die nie jemand zu denken scheint. (Dahinter steckt bestimmt integrozentrische Kommadiskriminierung!) In dieser Form ist diese Aufgabe also völlig sinnlos, man müsste vielmehr ein Auswahlkriterium nennen, etwa „bei einfachster Fortsetzungsregel“ oder so ähnlich. Aber was für einfach gelten soll, ist gerade ein höchst diffiziles Problem. Anscheinend verschränken die Fragedesigner gerne zwei Basisfolgen, also die erste gegebene Zahl ist die erste der ersten Basisfolge, die zweite ist die erste der zweiten Basisfolge, die dritte die zweite der nun wieder ersten Basisfolge und so weiter im regelmäßigen Wechsel. Aber wieso nur zwei Basisfolgen verschränken und nicht drei oder vier? Und muss man nicht so eine Umschaltregel als viel komplexer ansehen als eine ein bisschen komplexere einheitliche Regel? Die Mathematiker jedenfalls hassen gewöhnlich Fallunterscheidungen. Auch stellt man fest, dass im Laufe der Jahre die Konstruktionsräferenzen nach irgendeiner Mode zu wechseln scheinen. Zusammengefasst: Im mathematischen Teil des Intelligenztests schneidet man besonders gut ab, wenn man einen Riecher dafür hat, wie derzeit die mathematischen Geschmackspräferenzen in der Psychologenschaft sind, und keinerlei Bedenken. Diese kann offenbar nicht ihre Vorurteile nicht kommunizieren.

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