Verstörendes Bild

Hitze! 30 Grad im Schatten. Gnadenlos prallt die blanke Sonne auf den Asphalt. Jedes Fleckchen Schatten unter dem Dach der Straßenbahnhaltestelle findet einen Flüchtling vor dem Feuerball.

Um die Ecke biegt ein junger Mann in weißem T-Shirt, kurze Hosen, Sandalen, Sonnenbrille. Die gegelten und nach hinten gekämmten Haare legen die Kopfhaut frei. Lässig läßt er ein Schlüsselbund in den Fingern kreisen, es scheint als pfeife oder singe er; wippend sein Schritt.

Plötzlich taucht eine weitere Gestalt auf. In gebührendem Abstand wehen schwarze Stoffetzen um ihre Beine. Eine schwarzhäutige, in mehrere Lagen schwarzen Stoffes verhüllte Frau mit einem dunklen violetten Tuch auf dem Kopf, tief in die Stirn gezogen. Sie trägt zwei schwere Lidl-Plastik-Einkaufstaschen. Sofort regt sich Mitleid bei mir und sichtbar auch bei den Wartenden. Was muß diese Frau schwitzen! Ist es nicht unerträglich heiß? Wer kleidet sich bei praller Sonne denn freiwillig schwarz?

Das Entsetzen wird noch größer, als der junge Mann die Haltestelle erreicht. Wenig später gesellt die Frau sich dazu. Erst jetzt wird deutlich: die beiden gehören zusammen, sie sind wohl ein Paar, Mann und Frau. Sie lächelt.

Ihr Lachen wirkt wie eine Provokation. Noch vor einem guten Jahr kannte kein Bürger der sächsischen Kleinstadt auch nur den Anblick einer voll verhüllten Muslimin. Heute, im Sommer 2016, wechselt man kurze Blicke, hier und da ein Kopfschütteln und senkt dann die Augen, als schäme man sich.

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5 Gedanken zu “Verstörendes Bild

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Ich gehöre ja gar nicht zu den wütenden Anti-Emanzipisten, die die glauben, daß nun überall die Männer benachteiligt wären, was da halt so im Netz dröhnt und tönt. Aber letztlich halte ich die Emanzipation für erfolgreich durchgeführt und abgeschlossen: Gleichstellung vor dem Gesetz, gleiche Rechte, Einkommensdiskriminierung trotz „gender pay gap“ nahezu nicht feststellbar, und und. Also eigentlich eine Erfolgsgeschichte, und dann kommt so was. Was wir in unserer wohhabenden und liberalen GEsellschaft noch für diskriminierend halten (#aufschrei) ist ein laues Lüftchen gegenüber dem, was da auf uns zu kommt und zunehmend wieder das öffentliche Bild der Frau wo nicht bestimmen, so doch beeinflussen wird. Und da bin ich dann immer ganz platt: Bei einem mißlungenen harmlosen Kompliment eines 60jährigen Politikers wird aufgeschrien, daß die Ohren klingeln – beim viel schlimmeren Sexismus unserer Neubürger und -ankömmlinge schweigt derselbe moderne Feminismus.
    Oder habe ich da was verpaßt, und die alltägliche Unterdrückung der Frau in, ähem, arabischen-islamischen Kreisen wurde bereits ähnlich behandelt? Nein nein, das ist nicht opportun.. Auch weniger gefährlich. Und auch nicht deren Baustelle. Und überhaupt rassistisch.
    Da werden sich einige noch sehr wundern…

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    • Eine spannende Frage – die Sie hier andeuten – wird sein, wie sich unser Frauenbild und das Selbstbild der Frauen dadurch ändern wird. Ab wann beginnen europäische Frauen sich im kurzen Rock etc. unwohl zu fühlen, wann werden sie das Kopftuch als modisches Accessoire für sich entdecken – erste unterschwellige Modekampagnen beginnen ja bereits -, wann werden sie sich mit Gewissen beladen …? Von evtl. Zwängen in Schariavierteln spreche ich gar nicht, sondern von der Änderung der Eigenwahrnehmung.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Des großen Wunderns wäre ich gar nicht mal so sicher. Anlässlich der immer häufigeren Gänge auf Beerdigungen ist mir aufgefallen, dass eine große Zahl von Menschen, darunter besonders Frauen, schlichtweg gar keine verlässliche Verlustbuchhaltung betreibt. Sie leben naiv bis lustig dahin, sind bei der nächsten Beerdigung unmäßig, geradezu affektiert skandalisiert und niedergeschlagen, vergessen dann nach einem „Wer weiß, wozu’s gut ist, dass er jetzt so schnell gestorben ist“ die allgemeine Sterblichkeit schnell wieder, und werden bei jeder neuen Beerdigung sozusagen wieder ganz von Neuem von der Sterblichkeitsevidenz defloriert.

      In der Religion nennt sich diese Reaktionsdynamik wohl Ergebenheit, sie wird sehr befördert von moralisierenden Predigten, also solchen der Alternativlosigkeit, durch die das Verpönte den Arglosen schnell als das Unmögliche erscheint. Währenddessen streckt man sich nach der Decke, und wenn die heute auch zehn Zentimeter kürzer sein mag als vor einem Jahr, aber doch wenigstens in etwa so nahe ist wie gestern, ist schon alles in Ordnung. Außerdem kann man ja Lotto spielen oder was dergleichen irrationaler Fluchtpunkte der wunderbaren Verbesserung mehr sind, und wenn ich die Million gewinne, dann ist das Paradies da.

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      • Kurt Droffe schreibt:

        Da sind Sie schon beim Frauen-Bashing – mach ich nicht.
        Dafür spiel ich Lotto – und verbitte mir mokante Bemerkungen darüber! Das hält mich aufrecht
        ..

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Einem Engländer, dem die Golfregion schon aus der Vorkriegszeit vertraut war, als die Frauen immer in einigen Schritten Abstand dem Manne folgten, stellt zu seiner Verwunderung nach seiner Rückkehr nach dem Krieg fest, dass man es nun anscheinend andersherum hält. Einem alten Bekannten dort bekennt er, wie sehr es ihn berühre, dass nun die arabischen Männer höflich ihren Frauen das Prävenire ließen.  — „Ach, das ist nur, solange hier überall noch diese Minen herumliegen.“

    Meinerseits möchte ich aber der alten arabischen Sitte, jedenfalls wenn dabei gewisse Nebenbedingungen gälten, eine gewisse Nützlichkeit nicht absprechen. Die gemeinsamen Gänge in der Stadt würden dann nämlich für den Mann weniger öde. Wenn dieser immer frei voranginge und die folgende Dame einen Maximalabstand nicht überschreiten dürfte, gäbe es kein Klebenbleiben vor den Schaufenstern von Kleiderläden mehr. Zeitlich wäre das natürlich mit den fünf Gebeten täglich und überhaupt mit dem Zeitaufwand der notwendig werdenden Begleitung zu verrechnen, aber da könnte durchaus noch ein Gewinn bleiben. Wenn der Herr dann aber seinerseits dem Bling-Bling genügen muss – Sonnenbrille, gegelte Haare, Spiel mit dem Schlüsselbund, vielleicht auch noch Goldkettchen oder Rolex – käme zumindest meinereins dabei nicht mehr auf seine Kosten. Und spätestens mit den apotropäischen Gebete auf der Toilette, den Zwischenschritten beim Ein- und Austritt dort, der Trinkglasbadeordnung für Fliegen [Die Fliege im Glas] sowie vermutlich noch vielen anderen Schnörkeln der täglichen Lebensführung wird es dann sicher zu viel.

    Man verfällt, offenbar angesichts der Penetranz der Bereicherung, zuweilen auf Houellebecquesche Kalküle.

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