Verstörendes Bild

Hitze! 30 Grad im Schatten. Gnadenlos prallt die blanke Sonne auf den Asphalt. Jedes Fleckchen Schatten unter dem Dach der Straßenbahnhaltestelle findet einen Flüchtling vor dem Feuerball.

Um die Ecke biegt ein junger Mann in weißem T-Shirt, kurze Hosen, Sandalen, Sonnenbrille. Die gegelten und nach hinten gekämmten Haare legen die Kopfhaut frei. Lässig läßt er ein Schlüsselbund in den Fingern kreisen, es scheint als pfeife oder singe er; wippend sein Schritt.

Plötzlich taucht eine weitere Gestalt auf. In gebührendem Abstand wehen schwarze Stoffetzen um ihre Beine. Eine schwarzhäutige, in mehrere Lagen schwarzen Stoffes verhüllte Frau mit einem dunklen violetten Tuch auf dem Kopf, tief in die Stirn gezogen. Sie trägt zwei schwere Lidl-Plastik-Einkaufstaschen. Sofort regt sich Mitleid bei mir und sichtbar auch bei den Wartenden. Was muß diese Frau schwitzen! Ist es nicht unerträglich heiß? Wer kleidet sich bei praller Sonne denn freiwillig schwarz?

Das Entsetzen wird noch größer, als der junge Mann die Haltestelle erreicht. Wenig später gesellt die Frau sich dazu. Erst jetzt wird deutlich: die beiden gehören zusammen, sie sind wohl ein Paar, Mann und Frau. Sie lächelt.

Ihr Lachen wirkt wie eine Provokation. Noch vor einem guten Jahr kannte kein Bürger der sächsischen Kleinstadt auch nur den Anblick einer voll verhüllten Muslimin. Heute, im Sommer 2016, wechselt man kurze Blicke, hier und da ein Kopfschütteln und senkt dann die Augen, als schäme man sich.