Ratzinger – Prophet oder Brandstifter?

Die Islamisierungsversuche im Westen sind nicht wegzureden. Und die damit verbundene Gefahr für die Identität Europas darf nicht aus falsch verstandener Rücksicht ignoriert werden. Die katholische Seite sieht das sehr klar und sagt es auch. Gerade die Regensburger Rede sollte einer bestimmten Blauäugigkeit entgegenwirken. (Georg Gänswein, Privatsekretär Benedikts XVI.)

Heute vor 10 Jahren hielt Papst Benedikt XVI. eine denkwürdige akademische Rede an der Uni Regensburg, die von kaum jemandem bemerkt worden wäre, wenn nicht wenige Tage später – die angsterregenden Erinnerungen an die tollwütigen Szenen nach der sogenannten Mohammed-Krise waren noch ganz frisch – erneut Teile der islamischen Welt am Aufruhr fast erstickt wären. Alles lief nach bereits eingefahrenen Ritualen ab: Massen strömten auf die Straßen, verlangten den Tod des Papstes und aller Christen, wollten am liebsten gleich das Abendland erobern, Fahnen brannten, Papst-Strohpuppen, Fatwas wurden ausgesprochen, Christen am falschen Ort zur falschen Zeit gelyncht … Die „Rushdie-Affäre“ galt als blueprint, seither wird das Programm nach Bedarf abgespult.

Auslöser war ein einziger Satz:

„Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“.

Den hatte der Papst zwar ausgesprochen, aber es handelte sich um ein Zitat. Die Aussage wurde im 14. Jahrhundert von einem der letzten byzantinischen „Kaiser“ – seine Macht erstreckte sich nur noch auf ein paar Städte – getätigt, dessen Namen bis dahin nur Byzantinisten ein Begriff gewesen sein dürfte … und Kirchenhistorikern. Denn Manuel II. Palaeologos hatte ein umfängliches Werk geschrieben, einen Dialog aufgezeichnet, den er während einer osmanischen Belagerung mit einem „gebildeten Perser“ über Religionsfragen geführt hatte.

Daß Benedikt  potentiell vermintes Gelände betreten könnte, auch wenn die Ansprache in einer deutschen Universitätsaula unter Fachgelehrten gehalten wurde, beweisen die einführenden Abfederungssätze: „ … wendet er sich in erstaunlich schroffer Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner.“ Außerdem handelte es sich um einen „eher marginalen Punkt“; und als das Kind bereits in den Brunnen gefallen war, ergänzte der Papst in der Druckfassung noch: „wendet er sich in erstaunlich schroffer, für uns unannehmbar schroffer Form…“ und entschuldigte sich in aller Form: „Dieses Zitat ist in der muslimischen Welt leider als Ausdruck meiner eigenen Position aufgefaßt worden und hat so begreiflicherweise Empörung hervorgerufen. Ich hoffe, daß der Leser meines Textes sofort erkennen kann, daß dieser Satz nicht meine eigene Haltung dem Koran gegenüber ausdrückt, dem gegenüber ich die Ehrfurcht empfinde, die dem heiligen Buch einer großen Religion gebührt.“  Aber es half nichts mehr und es entsprach wohl auch nicht ganz der Wahrheit (in doppelter Hinsicht), wie noch zu zeigen sein wird.

Man wollte sich erregen, sich in eine „Streßkommunion“ versetzen und tat es. Denn eines muß doch klar sein: Ob „Satanische Verse“, Mohammed-Karikaturen, verbrannte Korane oder zweckentfremdete Papst-Zitate usw., es würde keinen Muslim, zumindest keine Massen hinter dem Ofen vorlocken, wenn es nicht Mediatoren gäbe, politische „Geistliche“ in der Regel, denen ein kleines Autodafè gerade in den Kram paßt. Der durchschnittliche Muslim in Nah- und Fernost interessiert sich nicht die Bohne für europäische Angelegenheiten, hat die verteufelten Quellen nie gelesen und würde sie auch gar nicht verstehen können.

Hätte man die Rede Benedikts nämlich begriffen oder wenigstens gelesen, dann hätte sofort deutlich werden müssen, daß es ihm gar nicht um den Islam ging, daß er sich nicht an die muslimische, sondern christliche Gemeinde gewandt hatte und daß besagter Satz nur ein methodischer Aufhänger war, um über das Verhältnis von Glaube und Vernunft in der modernen Gesellschaft nachzudenken, mithin sein Lebensthema, den Relativismus, zu besprechen.

Gänzlich naiv ist der Papst-Theologe trotzdem nicht in diese Falle gelaufen; er hat sie still und heimlich sogar aufgezogen, um kleine böse Stiche zu verteilen, und war dann wohl nur überrascht, Großwild aufgeschreckt zu haben. Man erkennt die Vorsätzlichkeit an der Vorsicht, mit der er diese Sätze abfedert. Nicht nur die eingestandene „Schroffheit“ beweist das, sondern auch die in Zitatkaskaden versteckte Konklusion.

„Der Herausgeber, Theodore Khoury, kommentiert dazu: Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist dieser Satz evident. Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit. Khoury zitiert dazu eine Arbeit des bekannten französischen Islamologen R. Arnaldez, der darauf hinweist, daß Ibn Hazm so weit gehe zu erklären, daß Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und daß nichts ihn dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren. Wenn er es wollte, müsse der Mensch auch Götzendienst treiben.“

Überspitzt ausgedrückt: Khoury – ein verdienstvoller katholischer Islamexperte – weist auf die Transzendenz, ergo Vernunft-Übersteigung, des muslimischen Gottesbegriffes hin, und Arnaldez grub Ibn Hazm aus, der bestätigte, daß Allahs Allmacht ihn dazu ermächtigte, auch das Unsinnige und Unvernünftige zu tun. Benedikt selbst hat gar nichts gesagt!

Aber er hätte sich distanzieren müssen, so verlangte man dann auf islamischer, aber eben auch auf vorauseilend gehorsamer christlicher und medialer Seite, und auch das hat er bis heute unterlassen. Warum man diese Meinung jedoch nicht auch legitimerweise vertreten können soll, wurde nirgendwo begründet, denn natürlich gibt es Belege für die von Mohammed beauftragte Missionierung auch mit Mitteln der Gewalt.

Bei all dem Geplänkel ist niemandem aufgefallen, wie schwach Palaeologos‘ Argument angelegt war, denn schon er gibt die falsche Antwort auf eine spannende Frage: „Was hat Mohammed Neues gebracht?“ Die richtige Frage auf die Antwort: „nur das Schwert“, also nur „Schlechtes und Inhumanes“, müßte nämlich lauten: Was hat Mohammed Gutes gebracht und die Antworten auf die Frage nach dem Neuen könnten vielfältig sein und müßten die Relativierung „für wen?“ beinhalten. Den Arabern und späteren Muslimen hat Mohammed sehr wohl viel Neues und auch Gutes gebracht: den monotheistischen Glauben, eine Teleologie, die politische Einheit, ein durchdachtes Erbrecht, Steuerregelungen, gesellschaftliche Verhaltensregeln, Hygienevorschriften, ein juristisches Gerüst, politische Organe, Frauen- und Kinderrechte, Spiritualität etc. Das alles waren im historischen Kontext enorme Fortschritte, auch wenn sie unseren heutigen aufgeklärten Anschauungen oft widersprechen.

Unter dieser falschen Prämisse war es den muslimischen Gelehrten, die Ratzingers Argument immerhin zum Anlaß einer Auseinandersetzung nahmen, ein Leichtes, ihn zu belehren und scheinbar vorzuführen – siehe etwa den „Offenen Brief Islamischer  Gelehrter“ oder die Antwort der Ahmadiyya: „Glaube und Vernunft aus islamischer Perspektive“.

Es lag durchaus in Benedikts Vermögen, auf den Fragewiderspruch ebenso hinzuweisen, wie er die Frage wenigstens in einem Nebensatz auch hätte teilweise positiv beantworten können, umso mehr, als er von Kurienmitarbeitern, die das Manuskript kannten, darauf hingewiesen wurde, welches Explosionspotential die Rede beinhaltete. Man muß also Vorsatz annehmen und um diesen zu verstehen, ist es notwendig Ratzingers Islam-Bild näher unter die Lupe zu nehmen.

Schaut man sich im Werk des Theologen etwas um, so fällt eine gewisse Berührungsangst sofort auf. Entweder er bekennt „kein Islam-Spezialist“ zu sein (Gott, 64) oder er spart das Thema gänzlich aus, was für einen Papst, für den der interreligiöse Dialog und die Ökumene, wie er immer wieder beteuerte, wichtig war, doch überrascht. Zweckdienliches hätte man doch in seinem Grundlagenwerk „Fede, Veritá, Tolleranza“ erwarten dürfen, das sich mit dem „Christentum und den Religionen der Welt“ beschäftigt, in dem man auch einiges über Buddhismus und Hinduismus lesen kann, das aber ausgerechnet den Islam ausklammert. Dieser verdiente zwar eine ausführliche Diskussion, passe aber nicht zum Thema des Buches (88). Man muß schon ein wenig zwischen den Zeilen lesen, um die Referenzen zu entziffern, etwa wenn er – auf dem katholischen Auge partiell blind – schreibt: „Die Würde einer Kultur zeigt sich in ihrer Offenheit, in ihrem Vermögen, zu geben und zu nehmen, in ihrer Fähigkeit, sich zu entwickeln, sich reinigen zu lassen, um so der Wahrheit und dem Menschen näher zu kommen.“ (62) (Man ist an die Sache mit dem Splitter und dem Balken erinnert.) Auch betont er dort, ohne Namen zu nennen, den kulturreligiösen hermeneutischen und sich selbstverstärkenden Zirkel von Gotteserfahrung und Lebenswelt, der stets zu Immunisierungen führe, in Abhängigkeit von der Offenheit (65)

Ähnliches liest man im berühmten Gespräch mit Habermas, wo eine klare, aber nicht näher erläuterte Abgrenzung gezogen wird:

„Es gibt also in sich stehende Werte, die aus dem Wesen des Menschseins folgen und daher für alle Inhaber dieses Wesens unantastbar sind. … zumal diese Evidenz heute keineswegs in allen Kulturen (sic!) anerkannt ist. Der Islam hat einen eigenen, vom westlichen abweichenden Katalog der Menschenrechte definiert.“

Kann man es deutlicher ausdrücken? Warum hat es damals keinen Aufschrei gegeben? Wenn diese Feststellung stimmt – und die Kairoer Menschenrechtserklärung im Islam, auf die Ratzinger vermutlich anspielt, belegt das Argument –, dann bleibt wenig Spielraum für einen Dialog; man müßte zuvor mit der primordialen Begriffsklärung beginnen.

Der geringe Spielraum ergibt sich bereits aus der fehlenden Institutionalisierung des Islam. Mit dieser Klage beginnt auch Ratzingers expliziteste Äußerung zum Themenkomplex – aus „Salz der Erde“ -, die man im Komplettzusammenhang lesen sollte.

Er habe „keine einheitliche Größe … er hat auch keine einheitliche Instanz, deswegen ist der Dialog mit dem Islam immer ein Dialog mit bestimmten Gruppen“, diktierte er Peter Seewald bereits vor 20 Jahren beim ersten der drei großen Gespräche ins Diktaphon. „Niemand kann für den Islam im ganzen sprechen, er hat sozusagen keine gemeinsam geregelte Orthodoxie.“

Erneut betont Ratzinger die Differenzen, bei aller Bewunderung für die Glaubenstiefe vieler Muslime und den strikten Monotheismus.

„Wichtig ist aber,… daß der Islam insgesamt eine völlig andere Struktur des Miteinander von Gesellschaft, Politik und Religion hat. Wenn man heute im Westen die Möglichkeit islamischer theologischer Fakultäten oder die Vorstellung von Islam als Körperschaft des öffentlichen Rechtes diskutiert, dann setzt man voraus, daß alle Religionen irgendwo gleich strukturiert sind; daß alle sich in ein demokratisches System mit ihren Rechtsordnungen und ihren Freiräumen, die diese Rechtsordnung gibt, einfügen. Dem Wesen des Islams aber muß das an sich widersprechen. Er kennt nun die Trennung des politischen und des religiösen Bereiches, die das Christentum von Anfang an in sich trug, überhaupt nicht. Der Koran ist ein ganzheitliches Religionsgesetz, das die Ganzheit des politischen und gesellschaftlichen Lebens regelt und darauf aus ist, daß die ganze Lebensordnung eine solche des Islams sei. Die Scharia prägt eine Gesellschaft von Anfang bis zu Ende. Insofern kann er zwar solche Teilfreiheiten, wie unsere Verfassung sie gibt, schon ausnutzen, aber es kann nicht sein Zielpunkt sein, daß er sagt: ja, jetzt sind wir auch Körperschaft des öffentlichen Rechts, jetzt sind wir genauso präsent wie die Katholiken und die Protestanten. Da ist er immer noch nicht an seinem eigentlichen Punkt angelangt, das ist noch ein Entfremdungspunkt.

Der Islam hat eine ganz andere Totalität der Lebensordnung, er umgreift einfach alles, und seine Lebensordnung ist anders als die unsere. Es gibt eine ganz deutliche Unterordnung der Frau unter den Mann, es gibt eine sehr festgefügte und unseren modernen Gesellschaftsvorstellungen entgegengesetzte Ordnung des Strafrechts, der ganzen Lebensbezüge. Darüber muß man sich klar sein, daß er nicht einfach eine Konfession ist, die man auch in den freiheitlichen Raum der pluralistischen Gemeinschaft einbezieht. Wenn man das so hinstellt, wie das heute manchmal geschieht, ist der Islam nach einem christlichen Modell dekliniert und nicht in seinem Selbstsein gesehen. Insofern ist die Frage des Dialogs mit dem Islam natürlich sehr viel komplizierter als etwa ein innerchristlicher Dialog.“

Auf die folgende Frage: „Kann man denn auch umgekehrt fragen: Was soll die weltweite Stärkung des Islams dem Christentum sagen?“, antwortet er: „Diese Stärkung ist ein Phänomen mit vielen Gesichtern. Zum einen spielen finanzielle Gesichtspunkte mit. Die Finanzmacht, die die arabischen Länder erlangt haben, die ihnen gestattet, allüberall große Moscheen zu bauen, eine Präsenz moslemischer Kulturinstitute zu sichern und dergleichen Dinge mehr. Aber das ist sicher nur ein Faktor. Der andere ist eine wiedererstarkte Identität, ein neues Selbstbewußtsein.

In der kulturellen Situation des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, also bis in die 60er Jahre hinein, war die Überlegenheit der christlichen Länder industriell, kulturell, politisch, militärisch so groß, dass der Islam wirklich ins zweite Glied gedrängt war und das Christentum, jedenfalls die christlich begründeten Zivilisationen, sich als die siegreiche Macht der Weltgeschichte darstellen konnte. Dann aber ist die große moralische Krise der westlichen Welt ausgebrochen, die als die christliche Welt dasteht. Angesichts der tiefen moralischen Selbstwidersprüche des Westens und seiner inneren Ratlosigkeit – der gleichzeitig eine neue wirtschaftliche Potenz der arabischen Länder gegenüberstand – ist die islamische Seele neu erwacht: Wir sind auch wer, unsere Identität ist besser, unsere Religion hält stand, ihr habt gar keine mehr.

Das ist eigentlich heute das Gefühl der moslemischen Welt: Die westlichen Länder können keine moralische Botschaft mehr verkünden, sondern haben der Welt nur Know-how anzubieten; die christliche Religion hat abgedankt, die gibt es als Religion eigentlich gar nicht mehr; die Christen haben keine Moral und keinen Glauben mehr, da sind nur noch Reste irgendwelcher moderner Aufklärungsideen; wir aber haben die Religion, die standhält.

So haben die Moslems jetzt das Bewußtsein, daß doch eigentlich der Islam am Ende als die lebenskräftigere Religion auf dem Plan geblieben ist und daß sie der Welt etwas zu sagen haben, ja, die wesentliche religiöse Kraft der Zukunft sind. Vorher war Scharia und all das schon irgendwie weitgehend abgetreten, jetzt ist der neue Stolz da. Damit ist auch ein neuer Schwung, eine neue Intensität erwacht, den Islam leben zu wollen. Das ist die große Kraft, die er hat: Wir haben eine moralische Botschaft, sie ist ungebrochen seit den Propheten da, und wir werden der Welt sagen, wie man leben kann, die Christen können es sicher nicht. Mit dieser inneren Kraft des Islams, die gerade auch akademische Kreise fasziniert, müssen wir uns natürlich auseinandersetzen.“ (259ff.)

Das Argumentationsmuster erkennt man schnell wieder: Ratzinger meint den Esel der westlichen Moderne, schlägt aber auf den Islam ein. Diesem mangele es zwar an innerer Vernunft als auch an institutioneller Bindung, seine starke Glaubensbindung befähigt ihn jedoch, die sich auftuenden Sinnlöcher im Westen neu zu besetzen.

In der Tat hat Ratzinger schon vor zwei Jahrzehnten sehr hellsichtig an der Eigenanalyse Zeichen der religiösen Fremdbesetzung wahrgenommen, die heute unübersehbar sind. Andererseits spricht er einer gewissen Hoffnungslosigkeit der Annäherung das Wort. Diese müsse in erster Linie vernunftgeleitet sein. Die unverhältnismäßigen Reaktionen weiter Teile der islamischen Welt auch auf besagte Äußerungen scheinen die Diagnose jedoch ebenso nur zu bestätigen, wie auch die wenigen islamischen theoretischen Repliken, die alle auf Selbstkritik verzichten und von Anfang an im Modus der Selbstverteidigung, des Rechthabens geführt wurden.

Der 12. September 2006 könnte als Zäsur des bireligiösen Kontaktes eingehen, wenn man in Ost und West in der Lage wäre, die Obertöne einer luziden, wenn auch versteckten Analyse zu hören und zu verstehen.

Quellen:
Ratzinger, Joseph/Benedikt XVI.:
  • Fede, Verità, Tolleranza. Il cristianesimo e le religioni del mondo. Siena 2003 (Übersetzungen von mir)
  • Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit. Ein Gespräch mit Peter Seewald. München 2005 (2000)
  • Jesus von Nazareth. Freiburg 2007
  • Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche im neuen Jahrtausend. Ein Gespräch mit Peter Seewald. München 2004 (1996)
  • Vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates. Gespräch mit Habermas in: Zur Debatte 1/2004
Haider Ali Zafar: Glaube und Vernunft aus islamischer Perspektive. Antwort auf die Regensburger Vorlesung vom Papst Benedikt XVI. Frankfurt/M. 2007
Kramer, Jane: The Pope and Islam. Is there anything that Benedict XVI would like to discuss? New Yorker, 2.4.2007
Mynarek, Hubertus: Der Papst und der Islam
Offener Brief islamischer Gelehrter an Papst Benedikt XVI.
Schwibach, Armin: Papst Benedikt XVI. und der Islam – eine Erinnerung.
Süddeutsche Zeitung: Der Papst trägt immer weiß. Interview mit Georg Gänswein.
Sowie diverse Artikel der deutschen und italienischen Presse

3 Gedanken zu “Ratzinger – Prophet oder Brandstifter?

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Am Himmelstor abweisen und in der Hölle einlassen, und das ist auch gut so, weil es in der Hölle mehr bereichernde Diversität an Meinungen gibt als im Himmel. Oder möchten Sie etwa unter fade Halleluja-Singer geraten, denen es mit der Zeit selbst so langweilig wird, dass sie sich eine erneute Erlösung in einen Überhimmel herbeiphantasieren werden, genauso illusorisch wie derjenige, in dem sie schon leben? Sozusagen ein Himmel im zweiten Exponenten.

    Hinsichtlich meiner Sachsentränen bitte ich das bei der Passage stehende „zuweilen“ zu beachten, diese Abtönung war durchaus absichtlich. Ich bin zugegebenermaßen anders als Sie sehr skeptisch gegenüber angeblich wesentlichen Eigenschaften des Christentums („Nächstenliebe“ ) oder anderer Religionen, ich sehe da Evolution und keinen wirklich festen überhistorischen Kern. Ihre jeweiligen historischen Gestalten können selbstredend mehr oder weniger erträglich sein.

    Ich glaube, bei Renan habe ich mal gelesen, die Abschaffung des Sklaverei sei eine Folge des Christentums. Man stelle sich vor – schon nach 1500 und ein paar Jahren! Das muss man dann wohl als eine wirklich „lange Welle“ ansehen, demgegenüber irgendwelche Kondratjew-Zyklen als Petitessen erscheinen müssen. (À propos: Ehre den Quäkern!)

    Ein anderes Beispiel: Das georgische Christentum hat, dem Vortrag eines Konfessionskundlers zufolge, den ich einmal hören durfte, in den ersten fünfzig oder hundert Jahre gegen die im Kaukasus übliche Blutrache gewettert. Das verfing aber nicht und man hätte auf Dauer keinen Fuß auf den Boden bekommen. Also hat man danach die Blutrache mithilfe alttestamentarischer Stellen gerechtfertigt. If you can’t beat them, join them. (Gedankenexperiment für die Empörten: Wie ergeht es wohl einer Gruppe, die als einzige in einer Stammesgesellschaft keine Blutrache übt?) Ich würde wetten, bevor sie von diesem kleinen Faktum Kenntnis bekommen, würden die Wertschätzer des Christentums seine Verträglichkeit mit dem Blutracheprinzip eben aus dem wesentlichen Nächstenliebe-Prinzip stets strikt ausschließen.

    Ein rezenteres Beispiel aus persönlicher Erfahrung. Ein Freund, Renegat des Liberalismus und mehr und mehr Hasser der hiesigen „selbstvergessenen Abendlandsverächter“, entwickelte sich reaktiv zum extremen SSPX-ler, anfangs wirklich oder vorgeblich, um die erträglichere Religion gegen die unerträgliche aufzupäppeln, danach kam anscheinend irgend ein Bekehrungserlebnis und in der Folge tobte sein Furor gegen alles und jedes, was nicht dem mittelalterlichen katholischen Gottesstaat entsprach. Er bot durchaus immer elaborierte Begründungen. Sein Gott war nun ein rächender Gott, den die gewöhnlichen hiesigen Christen (oder „Christen“?) heute ja gar nicht mehr kennen, obwohl er doch lange „wesentlicher“ Glaubensgehalt war.

    Hinsichtlich der Nächstenliebe befragt, rechtfertigte er sich mit neutestamentarischen Stellen, wonach sein Nächster natürlich sein Glaubensbruder sei, alles was darüber hinausgehe, sei überinterpretiert. Man kann dagegen wohl auch nicht schlüssig argumentieren, außer man verfällt auf diese bekannte theologische Exegese mit fleißigem Fünfe gerade sein lassen, mit der man sich aber wiederum alles richten kann, so wie man es eben braucht.

    Und darum ging es mir. Religionen sind in langfristiger Betrachtung ein amöboider Glibber, der langsam entlang der jeweiligen Falllinie rutscht. Bei den kurzlebigen hat dagegen nur die Zeit gefehlt, dass der Hahn krähen konnte.

    Natürlich sind die heroischen Kämpfe der Pantalones bei Charlie Hébdo gegen das europäische Christentum in seiner derzeitigen Verfassung nur lächerlich, so lächerlich wie das „Widerstands“-Pathos von heutigen Wunsch-Elsers, die sich in völliger Eintracht mit dem allergrößten Teil der Öffentlichkeit und ihres Milieus befinden. Courage après la bataille, und die war inzwischen vor 80 Jahren. Siehe, sie haben den besseren Teil gewählt.

    Die Länge meiner Ausführungen bitte ich zu entschuldigen. Wäre ich kürzer, wäre ich wohl noch apodiktischer und müsste vor allem mit Abstraktionen hantieren, gegen die ich inzwischen ein gehöriges Misstrauen entwickelt habe. Da lieber anekdotisch, so macht man zumindest niemandem eine „fundamentale“ Wahrheit vor:

    „Im Ganzen – haltet euch an Worte!
    Dann geht ihr durch die sichre Pforte
    Zum Tempel der Gewißheit ein.“

    Anekdoten dagegen stellen einen Teil der eigenen Induktionsbasis dar.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Die rezenteren Offenbarungen, die einigen Erfolg hatten, sind halt immer die garstigeren. Vor religiösem Furor rettet nur Zähmung der Anhänger, am besten durch konditionierte materielle Korrumpierung, die sie dann zu sozialverträglichen Heuchlern macht – selbst die enthusiastischsten Märtyrer legen halt lieber die schwere Last von ihren Schultern auf den zuvorkommend bereitgestellten Esel, statt auf die altpathetische Weise selbst ihr Zeugnis abzulegen. Und wenn sie annähernd begriffen haben, welcher Speise der Esel bedarf, um weiter zu tragen, dann sind sie auch willig, die zu gewähren, selbst wenn es gegen die ursprünglichen Speisegebote für Esel geht, die man dann eben entsprechend hininterpretieren muss.

    « Le ciel de vrai défend certains contentements
    Mais on trouve des accomodements. »

    Die Geschichte des Islams, darunter etwa die kriegerische Ausbreitung, ist ein kontingentes Faktum, das man den Muslimen nicht weginterpretieren kann, wenn sie selbst das nicht wollen, und wieso sollten sie wollen? (Es wäre jedoch gerecht, zuweilen auch eine Träne den Sachsen zu gönnen, denen man ihre Irminsul abgehauen hat, und unter denen Carolus Magnus auch nicht schlecht gehaust hat.) Die Trennung von geistlicher und weltlicher Sphäre in der westlichen Christenheit ist ein genauso kontingentes historisches Faktum, das ich den Christen deshalb auch nicht zugute schreiben wollte. Sie sind halt geworden, wie sie werden konnten und mussten, und ihre dogmatischen Positionen, niedergelegt etwa im Glaubensbekenntnis (genauer: den Glaubensbekenntnissen), sind bei Betrachtung der Konziliengeschichte von lächerlichster historischer Zufälligkeit. All diese Ewigen Wahrheiten sind Ergebnis der Evolutionsbedingungen in einem äußeren Milieu und sehen erst im Nachhinein aus wie eine „wesentliche“ Eigenschaft der zu dogmatischer Gerinnung neigenden Religionen. Schon die Kreuzestheologie ist ein Notbehelf, um sich nicht das Scheitern der eschatologischen Hoffnungen eingestehen zu müssen. Ich wollte deshalb keiner von ihnen, als dem vorgeblich kleineren Übel, auch nur den kleinen Finger reichen wollen; das führt mittelfristig nur zu einem weiteren expansiven Evolutionsschub. Urgrund des ganzen ideologischen Übels ist es, dass die Menschen dumm zur Welt kommen und dass man sich jeden Dogmatismus leichter und schmerzloser aneignen kann als Wissen, Kritik und methodischen Zweifel, welch letzterer allzu vielen allezeit zu sehr im Halse kratzt.

    Demselben Entwicklungsgesetz folgen übrigens die heutigen säkularen Religionen, etwa dieser westliche ideologische Menschenrechtsimperialismus. Alles was hier als ewiger und unverrückbarer Wert proklamiert wird, ist historisch geworden. Wir sollten nicht von unseren zeitlichen Maulwurfshaufen auf Vergangenheit und Zukunft schauen und über ewige Werte dozieren. Jede Wertsache muss man sich nämlich erst einmal leisten können. Wenn uns etwa durch übergroße Laxheit das Hobbessche Minimum an Staatsfunktion verloren ginge, bräche hier auch ein wildes Hauen und Stechen aus. Um dann wieder zurückzufinden, müsste der sich neu durchsetzende Staat wenigstens genauso austeilen wie seine Gegner. Die Islamisten, die in Somalia nach dem Bürgerkrieg zeitweilig die Herrschaft ausübten, wurden von der breiten Bevölkerung als Segen und nicht als Fluch aufgefasst, trotz oder vielmehr gerade wegen ihrer drakonischen Strafen, die wenigstens Rechtssicherheit herstellten.

    Nicht der geringste Nachteil so eines illusionären übergeschichtlichen Menschenrechtsglaubens ist übrigens, dass man sich durch seine supponierte ewige Gültigkeit in einer zwar weder begründeten noch wirklichen, aber offenbar dennoch geglaubten Sicherheit gegen den Verlust wähnt und dann prompt zu leichtfertig aufs Eis geht. Wenn sich die Geschichtsfortschrittsgläubigen dann mit dem doch eingetretenen Verlust konfrontiert sehen, hört man von ihnen hilflose Ausrufe wie „Dass das im Xten Jahrhundert noch möglich ist!“ Bei den gebildeteren Kreisen gibt es dafür den edleren Ausdruck „Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen“, mit dem man verschämt konzediert, dass was dem ersponnenen Entwicklungsschema nach nicht sein dürfte, eben nun doch eingetreten ist, dass aber die missbilligte Sache eben doch nachlaufe – als ob sie nicht auch vorlaufen könne!

    Man sieht, auch die fromme Lüge blendet immer, und wer geblendet ist, fährt oft in den Graben.

    Die aktuelle Lehre: Es steht ziemlich außerhalb unserer Macht, wie sich eine große Masse zugezogener Muslime auf die Dauer macht und ob sie sich überhaupt irgendwie integriert, vor allem auch dann, wenn man ihnen ständig bauchpinselt, also keinen Evolutionszwang ausübt. Man sollte halt nie mehr abbeißen, als man sicher schlucken und verdauen kann. Wer sich mehr vornimmt, ob nach göttlichem oder menschlichem Gebot, ist nur ein leichtfertiger Narr.

    PS: Ratzinger beständige Versuche, den Begriff Vernunft für seine Religion zu usurpieren, erscheinen mir recht dreist, da er zugleich beständig Einschränkungen des Vernunftgebrauchs gegenüber seinem Glauben fordert. Man schmarotzt offenbar gern an einem guten Namen.

    Gefällt 1 Person

    • Klingt zwar lächerlich, aber ich habe versucht mich kurz zu halten und daher sind einige Punkte hinten runter gefallen. So hätte etwa erwähnt werden müssen, daß Ratzingers partielle Einführung der Vernunft in diesem Zusammenhang über die Historie lief – er wollte darauf aufmerksam machen, daß tief am Grunde Katholizismus/Christentum und griechisches Denken eine gemeinsame Quelle haben, ineinanderflossen oder – in anderer Metapher – aufeinander zuwuchsen. Das ist nicht ganz richtig, aber mit ein paar sophistischen Übungen kann man das trotzdem verkaufen.

      Immerhin scheint man sich ja jetzt – vergessen wir nonchalant 2000 Jahre – auf die Vernunft berufen zu können. (Kant sei Dank! Und auch der Scholastik – denn was die Väter nicht ahnten, wenn sie rationale Gottesbeweise austüftelten, war das heimliche Einschleichen der Vernunft, der Ratio, der Logik ins Gebilde, die dann ihr ketzerisches Werk fortsetzen konnte …)
      Da geht es ja nicht um historische Abrechnungen, sondern um den Ist-Zustand und demnach läßt sich mit einem durch Philosophie geläuterten Gott mehr anfangen an mit einem transzendenten unerreichbaren All-Ungeheuer. Umgekehrt: man kann sich fragen, warum der Islam, der ja angeblich die griechische Philosophie über die Lethe getragen haben soll, von ihr, der postsokratischen Philosophie, nahezu unberührt geblieben ist? Und da dürften sich dann deutlich strukturelle Differenzen nachweisen lassen. Tatsächlich ist das Christentum auf Offenheit hin angelegt, wohingegen Mohammed als genialer Erst- und Letztheologe die perfekte Abschottung gedacht und organisiert oder „empfangen“ hat. (Die durchaus spannende These der evolutionären Durchsetzung ausgeklammert.)

      Insofern hinkt m.E. auch der ständig wiederholte historische Vergleich, seien es nun Karl der Große, Urban II., Liga gegen Union oder was auch immer. Sie haben gegen christliche Gebote verstoßen und es bedarf eines Begründungsaufwandes, das kategorische „Du sollst nicht töten“ zu übergehen. Vor allem aber ist der Gründer der christlichen Sekten, so weit die Schrift trägt, ein durch und durch friedlicher Mensch gewesen. Das dauernde Aufrechnen der Gewalt Mohammeds gegen die Gewalt des Christentums ist ein Kategorienfehler.

      Aber wir, als Außensitzende und verwundert amüsierte Zuschauer haben gut Reden. Man wird uns am Höllentor gehörig examinieren …

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