Das Kreuz mit der Identität

Vielleicht hat Rudolf Bahro nie einen wirklichen Berg erstiegen, aber er hat einen wesentlichen Satz dazu gesagt:  Wenn du einsam eine Weile einen Gipfel erklimmst, dann fängt der Berg mit dir zu sprechen an.

Otto Barth (1876–1916), Morgengebet der Kalser Bergführer auf dem Großglockner, 1911 ©Wiki

Otto Barth: Morgengebet der Kalser Bergführer auf dem Großglockner, 1911 ©Wiki

Der marxistische und grüne Selbstdenker wollte das Mystische betonen, das tief verinnerlichte Gefühl, das Menschen beschleicht, wenn sie mit grandioser Natur konfrontiert sind, wenn sie sich ihrer Nichtigkeit unmittelbar bewußt werden. Es ist letztendlich eine religiöse Empfindung. Berge und Gott oder die Götter gehören seit jeher zusammen. Dort wohnen sie, dort wachen sie und dort glauben die Menschen, ihnen besonders nahe zu sein. Moses, Jesus und Mohammed stiegen mit ihren Gesetzesoffenbarungen alle von Bergen herunter.

Das Gebirge gibt zumindest eine ferne Ahnung, was divine Größe sein kann. Den Weg zum Nirwana, die Zahl der zurückzulegenden Leben beschreibt eine buddhistische Legende mit einem Bergmassiv, an dem alle hundert Jahre eine Taube vorbeifliegt, die ein Seidentuch im Schnabel trägt und damit sanft über den Berg wischt. So lange, wie sie braucht, um damit den Berg abzutragen, so lange währen die Leidensperioden des Menschen.

In allen Religionen gibt es heilige Berge und in allen Religionen werden diese mit religiösen Symbolen geschmückt: Tempeln, Statuen, Steinhaufen, Pyramiden, Gebetsfahnen und Gipfelkreuzen.

Und natürlich hat jede vorherrschende kulturprägende Religion ihr spezifisches Symbol. Ein christliches Gipfelkreuz auf dem Chomolungma wäre ebenso deplaziert, wie ein buddhistischer Schrein auf dem Brocken oder ein Halbmond in den Alpen.

Diese Symbole erhalten ihre Seinsberechtigung schon durch ihr pures Dasein, durch die Geschichte und die Tradition. Sie haben darüber hinaus oft praktische Bedeutung als Wegmarkierung oder sie sind emotional aufgeladen – so wurden viele Gipfelkreuze nach dem Weltkrieg errichtet, um der gefallenen Kameraden zu gedenken.

Das Gipfelkreuz am Schafreiter bei Lenggries erlangte nun nationale Berühmtheit, weil es von einem „Aktivisten“ aus unbekannten Gründen umgehauen wurde, das dritte seiner Art. Sofort entstand eine Diskussion über religiöse Symbole im öffentlichen Raum. Ausgerechnet Reinhold Messner, der mehr tibetische Gebetsfahnen aufgehängt oder Bergtempel rituell umrundet haben dürfte als ein anderer Europäer, ausgerechnet Messner findet die Kreuze nun „Humbug“ und meint mit unverhohlen anthropozänischer Hegemonialgeste, „man sollte die Berge nicht zu religiösen Zwecken möblieren. Die Berge, die doch der ganzen Menschheit gehören, sollten nicht mit einer bestimmten Weltanschauung verknüpft oder besetzt werden.“ (Er, der den Mount Everest entweiht und touristisch erschlossen hatte, beschwert sich heute über dessen Banalität und die Müllbelastung).

Man weigert sich im linken Diskurs, Minarett und Halbmond auf den Moscheen über unseren Köpfen als Hoheitssymbol zu begreifen, will dem heimischen Kreuz, das den Himmel seit Ewigkeiten berührt, aber genau diese Herrschaftssymbolik unterjubeln.

Nun erhielt die Posse eine neue interessante Wendung: Auf dem Schafreiter steht wieder ein Kreuz!

Kein Grund zur Freude allerdings, denn das Kreuz wurde von den „Identitären“ aufgestellt, die, wie kein Blatt zu notieren unterläßt, „rechtsextrem“ seien und vom Verfassungsschutz beobachtet würden (ohne daß bisher irgend jemand einen Grund nennen konnte; aber diese verfassungsfeindliche Tat steht schon für sich). Gefundenes Fressen für die Pressen.

Ein dutzend junge Männer, heimatliebend, auch das Abenteuer, patriotisch gesinnt, im Geiste der Jugendbewegungen, der Wandervögel und Lebensreform, haben Hand angelegt, den Kairos genutzt und eine symbolische Aktion gestartet, der ein gewisser Witz nicht abzusprechen ist. Für das Zeitungswesen eine schwierige Situation: Wie soll man das Gute bewerten, wenn es die „Bösen“ tun?

Gerade eben schwappte eine künstlich erzeugte wahlenbrechende Empörungswoge durchs Land, weil Jörg Meuthen das Selbstverständliche aussprach: Wenn die NPD (oder sonst wer) eine vernünftige Lösung vorschlägt, dann werden wir diese unterstützen, denn es geht um Sachpolitik – währenddessen alle „demokratischen Parteien“ aus Prinzip jeden Vorschlag der NPD (und nur der NPD) ablehnten, selbst wenn er die sofortige gesetzliche Verankerung von Multikulti und Genderismus fordern würde. Mit Absolutheitsaussagen baut man sich immer Paradoxiefallen (inklusive dieser hier).

Der Bayerische Rundfunk etwa tappt voll hinein: „Das Kuriose und – falls es stimmt – Erschreckende: Laut Informationen der Süddeutschen Zeitung hat der Zeuge festgestellt, dass die Burschen (die Kreuzträger) zur rechtsextremen Szene gehören.“

In der Süddeutschen umgeht man das unangenehme Paradox mehr oder weniger gekonnt, indem man die Zeugen zitiert. Die geben gerne Sätze ab wie „Das war richtig gruselig, das geht doch nicht, dass Rechte ein Kreuz auf einem Gipfel aufrichten und es dann dort steht“. (Man stelle sich folgende Gruselszene vor: ein Identitärer hilft einer Oma über die Straße – wahrscheinlich ohnehin die letzten, die das noch tun, denn für den Sozi-Nachwuchs steht die Oma unter Nazi- oder Bourgeoisieverdacht, während der Rechte in ihr die noch lebende Tradition erkennt.)

Nun sieht man dem Kreuz sein Rechtssein nicht an – es sei denn, man erklärt das Kreuz per definitionem (bald sind wir soweit) als rechts – aber indem man ihm diese Symbolik zuschreibt, beweist man nur, wie sinnvoll symbolische Taten der Identitären sind.

So dienen diese materialiter  wenig  eintragenden Aktionen – neben der Gruppendynamik fördernden Existenzmarkierung – zumindest der Selbstentlarvung des Herrschaftsdenkens, treibt es an logische Paradoxien heran, die die Leerheit seiner Argumente vorführen.

Ein Gedanke zu “Das Kreuz mit der Identität

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Mir gefällt im Gegenteil Messners Ansicht, weil sie zeigt, dass er wohl ziemlich über der so vieles einhüllenden Decke steht, unter der die Kinkerlitzchen der eigenen Gruppe Blick und Sorge gefangenhalten, und er dabei doch kein Fanatiker ist. (Über seine Gebetsfahnenhängerei weiß ich nichts und kann also dazu nichts sagen.) Die freie Natur und nun gar erst recht die Ödnis des Hochgebirges können vielen dazu verhelfen, diese Alltags-Besessenheit von den Dingen im menschlichen Nahraum zu überwinden, die wirklich Not tut, um mehr zu sein als ein bloßes Rädchen im Gesellschaftsleben. Die meisten von uns sind davon zum Glück ansprechbar, und ich bedauere alle, die es nicht sind.

    Einst habe ich eine ältere, ihr Lebtag auf dem väterlichen Hof gebliebene Verwandte zu einer Autotour in den beginnenden Sommer hinein abgeholt – worauf sie die ganze Zeit kein anderes Thema fand, als wie gut hier der Weizen stehe, dass es da mehr hätte regnen müssen, dass dort der Mais aber noch viel niedriger stehe als zu Hause usw. usf. Was für ein beschränkter heimatlicher Maulwurfshügelblick!

    Spaziergänge auch in weniger dramatischer Landschaft können dieselbe Lösung verschaffen, aber sie müssen dazu einsam und mehrstündig sein und erst recht fern von Pfadfinder-Gemeinsamkeit und Ähnlichem. Also nichts mit zusammen ein Kreuz auf den Berggipfel schleppen! Man könnte sich in solcher Umgebung auch einen angenehmen Abgang verschaffen, ohne den sound and fury, den mancher sogar dafür in Kauf zu nehmen bereit ist:

    http://www.rjgeib.com/thoughts/bierce/ambrose-bierce.html

    Nun zu den mehr gegenwärtigen Angelegenheiten. Bloße „Identität“ ist ein leeres Behältnis, in das, so fürchte ich, man sich nur von anderen oder einem wirklichen oder erdachten Herkommen einen Inhalt hineinlegen lässt. Dieses zu wollen und jenes nicht, aus guten Gründen und sogar auch nur „weil ich’s nun mal so haben will“, ist mir tausendmal lieber als dieses Gott- oder Sinnsuchertum, das im Grunde nur auf einen Leithammel geht. Ein ebenso leerer Begriff wie die „Selbstverwirklichung“ der autopsychotherapeutisch gewordenen linksstudentischen Jugend der 70er und 80er Jahre.

    Und man soll nie trunken sein – weder von Wein, noch von Poesie, noch von Tugend.

    Was die Jungs da gemacht haben, gefällt mir gleichwohl, weil sie gegen den Stachel der selbstgewissen Gesinnungs-Rechtschaffenheit gelöckt haben, die sich ihrer eigenen Blödheit gar nicht mehr bewusst wird. Außerdem waren sie dabei an der frischen Luft, das verschafft, anders als so manche gesinnungseinträchtige Redaktionsstube, allemal einen klaren Kopf.

    Deren Bewohner mit ihren so feinen Nasen für die Bösen mit dem falschen Stallgeruch wollen wir jetzt aber auch möglichst noch etwas beschäftigen. Diese Schafreute steht doch tatsächlich an der deutsch-österreichischen Grenze (Anschluss!) und heißt auf österreichischer Seite anscheinend „Scharfreiter“. Der Berg wurde also für die Aktion nur ausgesucht, weil man so tückisch auf das böse österreichische „RRR“ (wie in „ich wünsche unveRRRzüglich …“) hinweisen wollte.? Im Osten ist der Berg vom Krottenbach begrenzt – das ist, bitte genauer zu klären, Frau Jungredakteurin, doch bestimmt eine ausländerfeindliche Anspielung (Tiervergleich mit Ekeltier!) oder jedenfalls frauenfeindlich; die süddeutschen Rechten sagen alle „eine hübsche Krott“, wenn sie ein nach einem Ingenieurstudium strebendes Mädchen von heute wieder auf ihre bloß dekorative Rolle verweisen sollen. Im Westen dagegen fließt der Rissbach vorbei, und diesen Riss eben wollen diese Kerle mit ihrer Hetze durch unsere zuvor völlig einträchtige Gesellschaft ziehen. Hetze, die natürlich nur bei dummen Kälbern verfängt, und richtig – dem Rissbach läuft von der Schafreute her ein Kälberbach zu. Im Süden aber, auf der österreichischen Seite, heißt ein Hang sogar Fleischbank – damit wird doch überdeutlich, welches Schicksal diese üblen Kerle unseren Schutzbefohlenen aus dem Süden insgeheim zudenken!

    Hier muss ich nun innehalten, weil ich erstens von dieser Entdeckung menschlich zu empört und zweitens inzwischen auch etwas zu müde bin, um hinzu noch alle von den perfiden Aktionisten intendierten verschwörungstheoretischen Anspielungen wider unsere allweise Regierung und unsere Vollkommenheitspresse aus der sinnträchtigen Umgebung des Kreuzaufstellungsortes ablesen zu können. An solchen wird es bestimmt auch nicht fehlen! Ersatzweise füge ich einen Direktlink auf die lokale topographische Karte bei, damit sich bei Süddeutscher, Zeit oder einem anderen der Qualitäts-Volksaufklärungsblätter unserer Republik ein gestandener Redakteur – oder Trieze – des soliden Verschwörungstheorienachweises annehmen kann:

    http://geoportal.bayern.de/bayernatlas-klassik/default?lon=4459926.5&lat=5263998.0&zoom=8&base=951

    Wer sucht, der findet bestimmt!

    Liken

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