Die Entscheidung

In der „Freien Presse“ vom 17.8.2016 findet sich ein Leitartikel, gezeichnet Christopher Ziedler, betitelt „Die Entscheidung“, der die Ereignisse vom 4./5. September letzten Jahres, das unkontrollierte Durchwinken der in Ungarn gestrandeten Menschen,  minutiös Revue passieren läßt. Ziedler gelingt es, eine Wertung zu vermeiden, was heutzutage bereits eine Wertung ist. Insofern ein überraschender Artikel. Wenn da nicht ganz am Ende die Zitation zweier verstörender Aussagen wäre.

Die Entscheidung (Version aus der Badischen Zeitung vom 4.9.2016)

„Jeder, der sagt, er habe damals gewußt, wie groß diese Entscheidung wirklich war, lügt“, darf der österreichische Ex-Kanzler, der letztlich über diese Entscheidung stolperte, unwidersprochen sagen. Und aus unspezifizierten Kreisen der SPD wird unterstrichen: „Daß sie zum Dammbruch wird, hat damals niemand geahnt.“

Das ist eine Lüge! Alle haben es geahnt! Viele haben es gewußt! Alle zumindest, die nicht vom obszönen Willkommensgejubel benebelt waren, die die archaischen Bilder endloser Menschen- und Männerschlangen zu lesen wußten, die die Hektik und Panik der Politik an jedem Zwinkern sehen konnten, die auch die aggressiven Töne im Volk verstanden. Deutschland und Europa standen vor einer Zäsur, man wartete auf ein Signal der Politik, das Signal kam am 4. September 2015. Damit waren die Karten gelegt.

Eine Woche darauf zog die Kanzlerin einen weiteren Trumpf aus dem Ärmel: Sie erklärte, es gebe keine Obergrenzen für das Grundrecht auf Asyl.

Für mich war der Knoten damit geplatzt – spätestens jetzt wußte ich, auf welcher Seite man zu stehen hat, will man sich noch im Spiegel ansehen können.

Ich nahm – als geschworener Telephoniefeind – den Hörer in die Hand und wählte die 182722720, Vorwahl Berlin. Das „Infotelefon der Bundesregierung“. Dort wurde ich von einem mutmaßlich jüngeren und noch immer gut gelaunten Mitarbeiter begrüßt.

Nach der persönlichen Vorstellung, fragte ich ihn sogleich, was der Satz „Es gibt keine Obergrenze“ bedeuten solle und da er nicht klar antworten wollte, fragte ich konkret: „Soll er bedeuten, daß Sie von nun an alle Menschen, die Asyl in Deutschland beantragen wollen, tatsächlich ins Land holen möchten?“

Merkels Angestellter begann nun zu provozieren und fragte: „Was wollen Sie denn eigentlich sagen? Ihr Anliegen ist doch ein ganz anderes, nicht wahr?“ Gerne hätte er mich in eine bestimmte Kategorie gesteckt, eine Schublade, einen Typ Mensch, mit dem er offensichtlich reichlich Erfahrung und also eine Strategie hatte: die Pöbler. Er versuchte, mir die Worte im Munde umzudrehen … das war der Einstieg in ein halbstündiges, hitziges Streitgespräch.

Ich war leider nicht gelassen genug, lief aufgeregt in der Wohnung umher und versuchte ihn immer wieder festzunageln. Doch der junge Mann hatte seine Gesprächsschulung nicht umsonst genossen und in seiner Vorgesetzten ein lebendes Beispiel; immer wieder wich er aus.

Also versuchte ich, ihm argumentativ beizukommen. Zuerst machte ich ihn mit den Erkenntnissen der Demographieforschung bekannt, die ihm teilweise neu waren. Wie er es sich denn vorstelle, hunderttausende junge, unbeweibte Männer ins Land zu lassen, denkbar schlechte Bedingungen für eine Integration.

Dann schilderte ich ihm die Spaltung der deutschen Gesellschaft, wie sie vor allem im Osten deutlich zu spüren war. Es werde Konflikte geben, Anschläge, vielleicht Tote. Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird zerbröseln. Hier versuchte er abzuwiegeln, wollte das Problem nicht annehmen.

Schließlich kamen wir auf den Islam zu sprechen. Er hatte keine Ahnung! Ich forderte ihn auf, den Koran zu lesen, was er ablehnte. Der Islam sei eine Religion wie jede andere. Und überhaupt, ob ich denn glaubte, die paar Millionen Muslime könnten eine Gefahr werden. Er versuchte mich wie ein kleines Kind zu belehren: „Wie viele Menschen gibt es denn in Deutschland“, fragte er. „Ich lasse mich von Ihnen nicht examinieren, aber bitte schön: 80 Millionen.“ – „Und wie viele Muslime gibt es in Deutschland?“, fügte er triumphierend hinzu. „Vier bis sechs Millionen, wir wissen es nicht.“ – „Sehn’se, und Sie glauben, die könnten uns“ – immerhin, er sprach von „uns“ – „gefährlich werden?“.

Also klärte ich ihn über Geburtenraten, „Parallelgesellschaften“, Familiennachzug, demographischen Djihad auf. Er reagierte zunehmend aggressiv. Als ich noch einmal auf den eklatanten Männerüberschuß verwies, rief er bereits ins Telephon: „Sie wollen also behaupten, Muslime würden deutschen Frauen nachstellen?“ Ich verwies auf ganz zwangsläufige Sexualnotstände, wenn das demographische Gleichgewicht gestört ist, ganz unabhängig von Religionen und Ideologien. Aber es gebe in der Tat Imame, die die Vergewaltigung westlicher Frauen durch Muslime sanktioniert hatten, da die Frauen sich nicht „anständig“ ankleideten.

Da rief er, wortwörtlich, erbost: „Sie wollen also behaupten, die muslimischen Imame riefen dazu auf, ihre Frauen zu vergewaltigen? Das reicht, hier beende ich das Gespräch …!“ In dieser Konstruktion befanden sich gleich drei Unterstellungen: Weder hatte ich von allen Imamen gesprochen, noch daß Muslime aufgerufen wurden, noch, daß sie ihre Frauen vergewaltigen sollten. Gern hätte ich ihm noch mit Al-Qaradawi bekannt gemacht – das ist nicht irgendwer, sondern ein weltweit führender „Gelehrter“ –, der 2004 exakt das gesagt hatte: Vergewaltigungsopfer sollten bestraft werden, wenn sie unsittlich bekleidet waren; sie sind mithin „selbst schuld“.

Anstatt zuzuhören, fand sich der junge Mann bestätigt. Die Art und Weise, wie er das Gespräch geführt hatte, bewies Erfahrung. Das Telephon stand in diesen Tagen und Wochen nicht still. Alle vernünftigen Menschen wußten, daß es ein „Dammbruch“ und „wie groß diese Entscheidung“ war. Millionen jedenfalls wußten es und spätestens nach den Gesprächen mit „besorgten Bürgern“, hätte es auch die politische „Elite“ wissen können. Sie wollte nicht.

Für mich war in diesem Moment der Faden gerissen.

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2 Gedanken zu “Die Entscheidung

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Ich habe mich im Laufe des letzten Jahres immer wieder gefragt, wofür ich denn eigentlich Steuern zahle? Ich bezahle die Beamten vom BND (sicher einer der bestinformierten Dienste der Welt), vom Bundeskanzleramt, vom Auswärtigen Amt (inkl. Botschaftspersonal), vom Entwicklungshilfeministerium, diejenigen von der EU gar nicht eingerechnet: und keiner an den Schaltstellen hatte eine Ahnung, was da auf uns zurollt? Ist ja nicht so, daß im Nahen und Mittleren Osten seit gut 10 Jahren eine Krise die nächste jagt. Aber ich vergaß, da war ja die (ungelöste) Griechenlandfrage, die alle Aufmerksamkeit abzog…
    Entweder also verantwortungslose Idioten oder verantwortungslose Lügner – in jedem Fall Leute, denen man die Regierung dieses Landes nicht anvertrauen mag und sollte.

    Immerhin hat die Hotline funktioniert!

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Sie bezahlen Ihre Steuern für den Unterhalt einer politischen Klasse, deren Mitglieder an geringerer Position ihre wahren Kompetenzen nicht zur Geltung bringen könnten – nämlich ohne jedes Wissen oder auch nur die Bemühung darum forsch Entscheidungen zu treffen sowie ohne jede solide Begründung und möglichst auch noch in ungrammatischen Sätzen den großen, ebenso solide lernunwilligen Teil der Bevölkerung zu überzeugen, welcher nicht zwei und zwei zusammenzählen kann, sogar stolz darauf ist und ebenso grundsätzlich wie selbstsicher „aus dem Bauch“ entscheidet. Wie das Gescherr, so der Herr; deshalb müssen die genannten Könner nach oben und unser Land führen.

      Die räumen dann in der Etage drunter noch alles ab, was nicht Jasager ist – deshalb der junge Mann von oben mit seinem prächtigen argumentum ad ignorantiam. Wenn sich dank Beamtenstatus lästigerweise ein alter Hase von vor der Etablierung des eigenen Patronagesystems im Ministerium gehalten haben sollte, bestellt man sich eben ein externes Gutachten von einer Wirtschaftsberatungsfirma; dort arbeitet man zuverlässig kundenorientiert.

      Wir sehen ein Kasperletheater, bei dem sich die Mehrheit der vierjährigen Mädels im Publikum die ihnen am meisten „süß“ erscheinenden Puppen bestellen können. – Schauen Sie sich allein nur die Wahlplakate an, die seit zwanzig Jahren und länger geklebt werden! Früher standen darauf knappe Programmpunkte oder wenigstens Parolen, meist nicht sehr intelligent, aber immerhin eine Festlegung. Heute geht es nur doch darum, das nette Lärvchen der Kandidatin und die Parteifarben zu zeigen, und daneben nichts. Den alten Stil praktizieren allenfalls noch böse Extremisten.

      Von Herbert Rosendorfer gibt es den im BND-Milieu spielenden Roman „Das Messingherz“, eine Satire à la “Our Man in Havana”, in dessen Nachwort dermaßen ironisch ein Zusammenhang zwischen dem realen BND und dem BND des Buchs abgewiesen wird, dass ich nicht glauben mag, der Autor hätte da nicht reale Einblicke verwertet. Man hat ja doch sonst so wenig zu lachen.

      @Seidwalk: Danke für den Link. Ich werde ihn wohl meiner Ober-Illusionären vorlegen. Sie wird das zwar ostentativ leicht abtun, „Fakten sind überbewertet“ usw., aber sich immerhin dabei winden müssen.

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