Rechne mit deinen Beständen

„Pressestelle Bistum Dresden-Meißen informiert: Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Bücherfreunde, aufgepaßt! Das Ökumenische Informationszentrum in Dresden löst seine Fachbibliothek auf. Wer Interesse an Lektüre zu den Themen Gerechtigkeit, Frieden, Umwelt und Ökumene hat – für den stehen rund 10.000 Bücher als Lesestoff bereit. Bei einem Bücherbasar vom 8. bis 13. August können die Werke gegen eine kleine Spende gleich mitgenommen werden.“

Eine solche Nachricht läßt den Bücherfreund elektrisiert zurück. Als ich sie empfing, stand der nächste Dresden-Besuch schnell fest. Vor dem geistigen Auge trug ich kistenweise Werkausgaben, Raritäten, Werke großer Denker heraus. Vielleicht war sogar ein Heidegger dabei – sonst unsäglich teuer – oder ein seltener Blüher oder Buber oder einfach eine interessante Neuentdeckung. Und damit ja keiner die Schätze vor meiner Nase abgreift, sind wir auch noch überpünktlich vor Ort und warten im Vorraum, in dem sich circa 50 arabischsprechende Menschen – sie wollen zur Immigrationsberatung auf der gleichen Etage – lautstark unterhalten, auf die Öffnung des Tores.

Aber schon ein erster schneller Blick läßt das geübte Auge einer traurigen Realität ins Gesicht schauen. Der Durchgang macht das wahre Ausmaß geistiger Ödnis bald deutlich. Statt anspruchsvoller Theologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft liegt die endlose intellektuelle Brache grüner und sozialdemokratischer Propagandaliteratur der 70er bis 90er Jahre vor mir. Beträchtliche Reihen an soziologischen Studien zur Ausgrenzung, zum Feminismus, zum Genderdenken, zur Umwelt und zum Frieden. Dazwischen ein paar dunkelrote Spritzer DKP- und SED-verseuchter Einpeitscher. Robert Steigerwald und Kurt Hager statt Blumenberg und Benjamin. Amnesty International statt (wenigstens) Frankfurter Schule. Einsam friert ein schmales Sammelbändchen Karl Barth zwischen Horst-Eberhard Richter, Hans Küng und ostdeutscher Gandhi-Literatur. Das einzige substantielle theologische Werk, Drewermanns „Strukturen des Bösen“ habe ich leider schon längst. Kein Teilhard, kein Rahner, kein Guardini, kein Nell-Breuning, kein Niemöller, nichts. Verzweifelt blättere ich in einem Buch Wolfgang Fritz Haugs über Gorbatschow, wo es zumindest ein halbinteressantes Kapitel über Lenin gibt, kann mich aber vor Entsetzen auch dazu nicht durchringen.

Trotzdem verlasse ich den Ort der geistigen Leere mit einer neuen Erkenntnis. Nun weiß ich, wes Geistes Kind das „Ökumenische Informationszentrum“ des Bistums Dresden-Meißen seit Jahrzehnten ist und wie tief die Begrünung und Versozialdemokratisierung der Gesellschaft, auch der religiösen, in Zeit und Raum tatsächlich reicht.

Rechne mit den Beständen.

2 Gedanken zu “Rechne mit deinen Beständen

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Was halt übrig bleibt nach 250 Jahren, in denen man ja durchaus redlich mit kritischen Methoden an eigene Traditionen und heilige Schriften herangegangen ist. Die meisten Theologieprofessoren sind, wenn man mal von pro forma abgegebenen Bekenntnissen absieht, die sie ablegen, um nicht in die akademische Besenkammer gestellt zu werden und kaum Kontakt mehr mit Studenten zu haben, welche zumeist nur der Erwerb der Seminarscheine interessiert, von Atheisten oder Agnostikern äußerlich nicht zu unterscheiden. So kommt das wohl, wenn man Philologie redlich auch auf heilige Schriften anwendet. Ehemalige Missionsschüler aus Afrika etwa, die noch naiver und im alten Stile gläubig sind und nun in die Urheimat ihres Glaubens kommen, sind in der Regel entsetzt über die bloßen Rudimente von Gläubigkeit, die sie hierzulande nur noch vorfinden.

    Die verlorene Substanz wird dann durch Zeitgeistiges ersetzt, das sich den Restgläubigen umso mehr aufdringt, als ihnen auch die historische Perspektive völlig verlorengegangen ist. Ein guter Bekannter, der im Denkmalschutz arbeitet, fürchtet regelmäßig bei Kirchengemeinden, in die ein Jungpfarrer kommt, dass der womöglich den Kirchenschmuck ausräumen oder schlimmstenfalls sogar flugs die Fassade einreißen lässt und mit Glasbausteinen neu wiederaufbauen, weil er die Metapher „Offene Kirche“ wörtlich versteht. Dann kannte ich eine theologische Lehrkraft an einer großen diakonischen Einrichtung, die sich als bloße Antidiskriminierungskämpferin versteht und ihre Schülerinnen zur Brust nimmt, wenn diese homosexuellen Mitschülerinnen vorhalten, sie lebten in Sünde. (Da war aber mal so ein Tadel im Christentum, oder, und wieso ist der dann jetzt völlig undenkbar?) Oder einen Theologiestudenten, der vorhatte, möglichst nur in christlich-jüdischer Versöhnung zu machen und sich dabei kein Bisschen für Trinität, Zweipersonenlehre und ähnlich fundamentale christliche Theologumena interessierte – offenbar hierin ein trefflicher Repräsentant des heutigen Protestantismus! (Ich kann ihn ja in der Sache gut verstehen, behaupte aber eben nicht wie er, ein Christ zu sein.) Verglichen mit den Professionellen unter den heutigen protestantischen Christen war Hašeks Feldkurat Katz imtellektuell lobenswert redlich zu Schwejk: Er wolle leidlich angenehm leben, niemanden schikanieren und sich dabei kein Bein ausreißen.

    Persönlich glaube ich sehr gut ohne Religion auskommen zu können, und ich finde die religiöse Dekadenz meiner Zeitgenossen insofern eher angenehm; man kann heute über das Christentum sagen, was man denkt, ohne dass die Eiferer einem wie zu anderen Zeiten den Kopf deswegen abreißen würden. Aber anscheinend mehr und mehr nur über das Christentum.

    Wenn es aber stimmte, dass ein Großteil der Menschen doch irgendeiner Religion bedarf, dann könnten wir so wie Lukian im zweiten Jahrhundert in einer Zeit leben, in der die alte, alles in allem recht kommode Religion ihre Kraft verloren hat und nun die übelste Ausgeburt der ideologische Hölle ihr Regiment errringen kann. Schon diese heutigen Menschheitsbeglückungsbewegungen sind ja alle so entsetzlich eifernd und intolerant. Wenn man bedenkt, dass die noch mit Herzblut geglaubten Konfessionen des 18. Jahrhunderts annahmen, dass den nicht oder falsch getauften Kinder die Hölle sicher war, und trotzdem kaum je zum Kindsraub schritten, dann erscheint der heutige Eifer zwischen allesamt Säkularisierten doch maßlos heftig. Und wenn nun gar eine noch invasivere Religion auf den Plan träte … follow my eyes …

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  2. Kurt Droffe schreibt:

    Den Eindruck kann ich nur bestätigen, aber es ist für mich keine Überraschung. Familiär habe ich einen Einblick in das gegenwärtige Protestantentum, und was in dem mir bekannten Haushalt an evangelischen (theologisch wäre da ganz das falsche Wort) Druckschriften und Büchern so herumliegt, ist von einer solchen intellektuellen Anspruchslosigkeit und Uniformität, daß es einen sprachlos macht. Die Titel, Überschriften und Schlagworte verraten alles: „Teilhabe“, „Inklusion“, „Soziale Gerechtigkeit“, „Nachhaltigkeit“, „Gemeinschaftlichkeit“ – das ganze Arsenal der rotgrünen Buzzwords wird da rauf- und runtergebetet (!), im Verbund mir ganz viel einfühlsamer Psychologie. Man lese ein beliebiges Heftchen der Zeitungsbeilage „chrismon“, und man erkennt, wohin das protestantische Christentum und mit ihm der ja oft belächelte „Kulturprotestantismus“ gekommen sind. Ein von mir verschenktes Kierkegaardbändchen wurde dort nie angerührt.. In dieser Sphäre gibt es offiziell auch keine „Flüchtlingskrise“, die Probleme sind „zu bewältigen“, die AfD ist braun. Das alles aus einer ganz komfortablen Besoldungszone heraus gesprochen.
    Nun kann ja jeder gerne so begrünt und sozialdemokratisiert sein, wie es ihm politisch beliebt – für eine Religion, die eigentlich die Frage nach den letzten Dingen stellen und zu beantworten versuchen sollte, ist das doch recht dürftig. In diesem Milieu leidet keiner mehr an der Frage, die Luther noch gequält hat: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“. Dieser Protestantismus „quält“ sich nicht mehr, weder intellektuell noch materiell. Außer „Organisationsmacht und Wertefeier“ (Jürgen Kaube) hat diese Kirche nicht mehr viel zu bieten.

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