Na so ein Zufall!

Dieser Blog ist nur ein klitzekleines Licht – oder Schatten, je nach Sichtweise – im unendlichen Universum des Internets.

Aber gerade dadurch läßt sich manchmal etwas erahnen, was bei Seiten mit massenhaftem Zugriff kaum mehr zu erkennen sein dürfte. Zum Beispiel lassen sich die Klicks nach Ländern sortieren. Ganz jeder vernünftigen Prognose folgend – Kulturnähe und Bevölkerungsgröße in Betracht ziehend –, werden die mit Abstand meisten Zugriffe aus Deutschland registriert, es folgen mit gehörigem Abstand Österreich und die Schweiz, gefolgt von den USA und den EU-Ländern.

Gestört wird diese schöne Regelmäßigkeit nur durch ein paar Leser aus Thailand – auch nicht überraschend, wenn man mal darüber nachdenkt.

Ansonsten ist mittlerweile fast die ganze Welt vertreten, auch die islamische. Kürzlich konnte sogar ein Leser aus Brunei begrüßt werden, einem Zwergstaat auf Borneo mit gerade mal einer halben Million Einwohner, die fast alle in der wunderschön klingenden Hauptstadt Bandar Seri Begawan wohnen. Brunei ist eine absolute Monarchie, ein Sultanat, und gilt als einer der restriktivsten Staaten der Welt. Aufgrund (noch) reicher Erdölvorkommen stört das bisher nur wenige. Außer in der kleinen deutschen Vertretung würde man dort kaum einen deutschkundigen Leser vermuten. Willkommen!

Auch im Irak, so darf man annehmen, halten sich im Moment nur wenige Deutsche auf – offiziell. Kaum ein Land dieser Erde dürfte weniger einladend sein als der Irak. Liest man die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes, dann bekommt man in etwa eine Vorstellung, wie es um den Irak steht. Der Satz „Die Sicherheitslage im gesamten Irak bleibt volatil“, wird dort in eine Phänomenologie des Grauens aufgeblättert. Krieg, Krankheit, Kriminalität – eine Trias des Chaos. Nur wer dieses schaffen will, das Chaos und den Krieg, kann sich dort wohl fühlen.

Kein Wunder, daß eine große Zahl Iraker das Weite sucht. Daß sie nicht nur fliehen, sondern auch suchen, beweist eine lange Liste an Richtigstellungen, die die Bagdader Botschaft ins Netz stellt, um „Gerüchte“ über das Paradies Deutschland aus der Welt zu schaffen. Etwa: „Stimmt es, daß die deutsche Regierung Flüchtlingen 2.200 € für die Rückkehr bezahlt? –
Es trifft nicht zu, daß Flüchtlinge von der deutschen Regierung 2.200 € für die Rückkehr erhalten.
Stimmt es, daß Deutschland den Flüchtlingen ein Gehalt bezahlen wird? –
Nein, es stimmt nicht, daß Deutschland den Flüchtlingen Arbeitsstellen oder Gehälter anbietet. Was stimmt, ist aber, dass Deutschland beschloss, Regeln für die Aufnahme von Flüchtlingen erneut zu verschärfen.“ Usw.

Doch erwähne ich den Irak aus einem anderen Grund: dem Zufall. Vor wenigen Tagen erschienen hier die beiden Artikel „ISIS verstehen I“ und „ISIS verstehen II“. In ihnen wurde versucht, die letzte Nummer des Hochglanzmagazins der „Terrororganisation“, das „Dabiq“, vorzustellen und zu analysieren. Und just an diesen Tagen verzeichnete die Webseite Zugriffe aus dem Irak – bei insgesamt geringerem Interesse aus Europa.

Ein Zufall? Vielleicht. Möglicherweise war es einer der 60 deutschfreundlichen „Alumni“, die vor wenigen Wochen zum Empfang beim Botschafter waren? Oder ein Botschaftsangehöriger stieß zufällig beim Surfen auf die Seite? Oder irgendein anderer deutschsprachiger Aufbauhelfer, Militärberater, Tourist …? Viele dürfte es davon nicht geben. Warum sollten sie gerade hier landen?

Mir kam ein anderes Szenario in den Sinn. Was, wenn der IS hier mitliest, oder ein Sympathisant? Nun ist die Vorstellung, daß sich ein irakischer Surfer auf diese Seite verläuft, ziemlich unrealistisch und sicher kümmert man sich im IS-Hauptquartier nicht systematisch um eine Privatmeinung. Wie also könnte so etwas ablaufen?

Ist es nicht wahrscheinlicher, daß deutsche Sympathisanten – daß deutsche Muslime hier (meist wohlgesonnen) mitlesen, weiß ich aus mehreren Kontakten – die Seite abgespeichert haben, allein um zu sehen, was man in Deutschland so denkt, und daß dann im Falle der ISIS-Artikel eine Mail in den Nahen Osten oder direkt in den Irak ging – vielleicht sogar zu den Machern des „Dabiq“ –, mit der Information: Hier, noch so einer. Oder soll man sich vorstellen, die IS-Journalisten googeln sich selber fleißig in allen Sprachen Europas, um Reaktionen auf ihre Arbeit zu sammeln?

Wir werden es wohl nie erfahren. Sicher dürfte sein: ein Großteil der Deutschen im Irak steht auf der anderen Seite der Demarkationslinie, genau dort, wo das Auswärtige Amt „dringend die Ausreise empfiehlt.“

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Ein Gedanke zu “Na so ein Zufall!

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Ihre Deutung der Zugriffszahlen als zutreffend unterstellt, kann man folgern, dass deren ideologische Bindung etlichen ISIS-Leuten zumindest nicht die Rezeption der anderen Seite verbietet. Damit zeigen sie sich stärker realitätsorientiert als so etliche Scheuklappenträger hierzulande, die ihr Bild von der Welt nicht stören lassen wollen. Ehre wem Ehre gebührt.

    Es könnte andererseits auch sein, dass die Zugriffe exklusiv von einer Stabsabteilung der ISIS kommen, wo man den lieben langen Tag nur über impact, outcome und dergleichen forscht. Da solche Beschäftigungen gewöhnlich mehr und mehr an manpower verschlingen, würden dem ISIS dann wohl bald die Feldtruppen ausgehen. Auch gut.

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