Transaktionen

Viele Syrer in Deutschland haben Schulden. Im August 2015 war die „Reise“, all inclusive, von Syrien nach Europa für knapp 3000 Euro zu haben. Oft waren es die Mitglieder ausgedehnter Familien und Clans, die die Summe vorschossen. Doch Schulden müssen beglichen werden.

Wie läuft das ab? Zum Beispiel so: ein junger Mann möchte an seine Familie 1600 Euro überweisen. Der normale Bankweg ist ihm versperrt, allein schon, weil es in Syrien kaum noch arbeitende Banken gibt. Er ruft in Berlin einen „Geldkurier“, einen Vermittler an. Sie vereinbaren einen Termin an einem bestimmten Vormittag in einem bestimmten Cafè am Schumacher-Damm. Die Zugfahrt kostet ihn 40 Euro und einen ganzen Tag hin und zurück.  Im Cafè übergibt er dem Mann, den er nicht kennt, aber an einer vereinbarten Äußerlichkeit erkennt, die 1600 Euro in bar. Sein Vertrauen muß groß sein.

Am Abend, zurück in seiner Unterkunft, telefoniert er mit seiner Familie in Kafarya, einem kleinen Örtchen, nördlich von Idlib. Das Geld ist der Familie bereits ausgehändigt worden, in US-Dollar. Der örtliche Geldwechsler hatte, während unser Syrer noch im Zug saß, aus Berlin einen Anruf bekommen, der den Erhalt der Summe bestätigte. Der Geldwechsler in Kafarya kontaktiert daraufhin die Familie, die sich den Betrag sofort in bar bei ihm abholen kann. 1530 Euro, es wurden 70 Euro für die Dienste abgezogen, die sich der Geldkurier in Berlin, der Geldwechsler in Kafarya und möglicherweise noch andere Zwischenmänner teilen.

Natürlich weiß auch der junge Syrer nicht, wie das Geschäft exakt funktioniert. Die Existenz eines mitarbeitenden Geldwechslers in einem Dorf läßt auf die Existenz eines ausgedehnten Netzwerkes schließen. Im Telefon des Geldkuriers in Berlin dürften hunderte syrische Nummern gespeichert sein.

Ist sich der junge Mann darüber im Klaren, daß derartige Transaktionen nach deutschem Recht illegal sein könnten? Er reagiert erstaunt. Nein! Warum?

Was könne er denn tun? Es gibt keine Möglichkeit mehr, Geld nach Syrien zu überweisen. Das stimmt – nur noch drei Anbieter standen zuletzt überhaupt noch zur Verfügung. Die Prozedur ist langwierig, das Geld kann nur in syrischen Großstädten abgeholt werden, was längere Reisen durch potentielle Gefahrengebiete bedeuten würde, und eine Verlustversicherung gibt es auch nicht.

Eine Hand wäscht die andere. Die Macht der Banken gebrochen.

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3 Gedanken zu “Transaktionen

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Ehrlich gesagt wüßte ich nicht, was daran illegal sein könnte; Bargeldransfer ist so ja nicht verboten oder eingeschränkt.
    Viel mehr würde mich interessieren, wie denn so jemand innerhalb eines Jahres an 1600 Euro kommt? Wenn es durch irgendeine Arbeit ist, dann soll es mir ja recht sein..

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    • @ Arbeit
      Nun, Arbeit war es nicht, aber doch Sparsamkeit, kein verdientes aber rechtmäßiges Geld. Der junge Mann versuchte mit hundert oder hundertfünfzig Euro pro Monat auszukommen, lebte viel von der Tafel und sehr bescheiden (hat er jetzt wegen der schlechten Qualität des Obstes und Gemüses aufgegeben und ernährt sich nun gesünder). Blieben jeweils ebenso viele Euros übrig …mal 10 plus ein paar Reste Ungenutztes aus dem syrischen Darlehen – könnte ungefähr hinkommen.

      @ illegal
      Meine fiskalischen unterbieten meine islamischen Kenntnisse noch. Die Vermutung war: Solche Transaktionen gehen am Fiskus vorbei und ich hätte vermutet, daß „er“ etwas dagegen hat. Außerdem bezahlen Banken wohl Steuern, zumindest in einer Idealwelt, und die dürften sich an den Umsätzen orientieren.
      Umgekehrt: Man stelle sich vor, wir würden in Berlin einem Dealer aus … sagen wir Nigeria 2000 Euro ohne Beleg und Quittung in die Hand drücken, der ruft einen Verteiler in Ofugu-Inye an und überreicht es meiner nigerianischen Tante cash. Ginge das so ohne weiteres? No idea.

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      • Kurt Droffe schreibt:

        Danke für die späte Antwort.

        @ Arbeit
        Das wird nun recht hartherzig klingen, aber daß irgendetwas grundsätzlich falsch läuft, wenn ein Flüchtling ohne Arbeit in der Lage ist, nach einem Jahr einen solchen Betrag (wohl mehr als der monatliche Nettoverdienst der sprichwörtlichen Kassiererin) ins Ausland zu überweisen, scheint mir auf der Hand zu liegen. Blicken wir in die USA: Auch dort überweisen Immigranten hohe Summen in ihre Heimat, aber dort sind diese härtest erarbeitet, weil selbige vom Staat in der Regel nichts, und schon gar kein Bargeld, erhalten.
        Nur mal aufs geratewohl gegoogelt: Bruttoinlandsprodukt/Einkommen pro Kopf in z. B. Burkina Faso 449 $ im Jahr…

        @ illegal
        Nein, eine Transaktion in dieser Größenordnung interessiert den Fiskus als solche erstmal gar nicht und geht ihn auch nichts an. Aber es ist richtig: Wenn jemand für die Weitergabe gewerblich Geld nimmt, dann wäre er hier wohl umsatzsteuerpflichtig, müßte das als Gewerbe anmelden und und.

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