Schöne Fassade

Eisenach und die Wartburg sind Geschwister im Geiste. Man ist überwältigt, schaut man auf diese massive und so geschichtsträchtige Burg. Der Rundgang wird – sofern man mit kritischem Blick betrachtet – zur Enttäuschung. Alles schön renoviert, blitzblank, übermalt und aufgehübscht … aber nichts echt und original. Selbst der beeindruckende Pallas mit den romanischen Rundbogenfenstern ist nachgebaut. Die Säulen sind moderne Steinmetzarbeit, lediglich ein paar Säulenfüße wirken echt und in der Vitrine liegen Kapitellreste.

Beeindruckende Mosaike, die das Leben der Heiligen Elisabeth beschreiben, stellen sich als spätromantischer Kitsch heraus. Moritz von Schwind ist präsenter als Ludwig der Springer, Walther von der Vogelweide oder selbst Luther. Sogar der sogenannte Sängerwettstreit wird mittlerweile von der Wissenschaft in Frage gestellt oder auf andere Burgen verlegt.

Ein Loch in der Wand wird als magerer Beweis für eine aufwendige Hypokauste vorgezeigt und schon die erste Nachfrage zeigt, wie wacklig diese These ist. Im Hof steht ein Zierbrunnen; er soll den größten Makel überdecken und weist doch erst darauf hin: Die Wartburg hatte keinen Brunnen, mühsam mußte das Wasser mit Eseln nach oben transportiert werden; sie war nie verteidigungsfähig, sie ist im Grunde genommen ein Lustschloß. Sie ist Fake.

Auch Eisenach gibt sich schön und aufgeputzt. Ein hübsches Städtchen mit bunten Giebeln, neu gemachten Straßen, Bach- und Lutherhaus, Theater, Flaniermeile alles pipapo. Man muß sich einen Moment Ruhe gönnen, um die Unstimmigkeiten zu bemerken.

An den Häuserwänden kleben Antifa-Kleber, in den Hinterstraßen waren Antifa-Poeten am Werk. Ein Schaufenster wurde mit „Nazi“ besprüht. Der Inhaber des Antikladens erklärt: er mache das Maul auf, wenn es ihm stinkt, schreibt in der Zeitung, was er denkt und erntet von den „Linksfaschisten“ –so nennt er sie – den Haß. Die Szene teilt sich auf in Dreadlock- und Kiffertypen und Kapuzenträger. Aber auch Glatzen und volltätowierte, durchtrainierte junge Männer mit Fraktur-Aufschriften auf schwarzen Hemden sind zu sehen. Mit düsterem Blick scannen sie sie Gegend ab und man ist froh, durchs Raster zu fallen.

Am auffälligsten aber die Gruppen dunkelhäutiger Menschen. Syrische Flüchtlinge bevölkern einen WLAN-Hotspot und surfen selbstvergessen im Internet. Ein pakistanisches Ehepaar streitet mit dem fünfjährigen Sohn auf Ausländisch, ob er das Handy haben darf. Immer wieder kommen lautstarke Gruppen stämmiger und übergewichtiger Männer und Frauen (mit Kinderwagen) vorbei und sprechen eine seltsame Sprache. Wäre es Rumänisch, ich hätte es ein wenig verstanden – so muß es Romani sein, die Sprache der Sinti und Roma, die man im Kosovo viel spricht. Die jungen Mädchen schauen mich provozierend an, als stellten sie die Frage: „Willst du?“ Junge Männer laufen beobachtend die Einkaufspassage auf und ab, als ob sie etwas kontrollieren. Fühlen sie sich bedroht? Gilt es einen Claim abzustecken? Ich werde nicht schlau daraus. Einer verschwindet in einer Haustür mitten im Zentrum – an der Klingelleiste stehen vier typische Romanamen. Google klärt später auf: Jeder Dritte Asylbewerber in Thüringen ist Kosovare.

Man ahnt – ohne es wirklich zu wissen: es gibt Spannungen in der Stadt. Hinter der schönen Fassade.

Werbetafel in Eisenach

Werbetafel in Eisenachs Flaniermeile

Ein Gedanke zu “Schöne Fassade

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Wir waren unlängst in Altenburg, auch ein sehr malerisches thüringisches Städtchen. Eindruck dort: Zahlreiche kunst- und liebevoll instandgesetzte neben mindestens ebensovielen leerstehenden, verwahrlosten Häusern. Zahllose aufgegebene Geschäfte. Insgesamt zu wenig Menschen und zu wenig Leben für die schöne Stadt. Und natürlich denkt man sich schon: Es könnte ihr nur guttun, wenn in die leeren Häuser wieder Bewohner einzögen, sie instandsetzten; es gibt genug Menschen, die viel für solche vier Wände und ein Dach über dem Kopf gäben. Aber hierfür wäre doch ganz anderes erforderlich, als was wir jetzt tun: Es wären Voraussetzungen und Ansprüche zu formulieren, Bedingungen zu setzen, Sanktionen zu verhängen.
    So wird das nichts.

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