Marx und Murks

Das wäre mal ein Experiment wert: einen Mittzwanziger heutiger Zeit, Abitur und irgendein Studium vorausgesetzt, mit dem Namen Karl Marx zu konfrontieren. Wüßten alle was zu sagen? Wenigstens ein paar Stichworte, die zeitliche Einordnung, die Bedeutung? Immerhin war Marx der wohl wirkmächtigste Denker der letzten 150 Jahre und je nachdem, wie man „Wirkmächtigkeit“ versteht, vielleicht sogar der letzten 2500 Jahre. Keiner hat in so kurzer Zeit die Massen mobilisieren können, keine andere als die marxistische Theorie hat derart direkt die Geschichte umgebogen – und dabei geglaubt, sie nur verstanden zu haben und den Menschen damit das Instrument zu schenken, sie bewußt in die gesetzlich vorgegebene Richtung zu lenken. Marx dürfte ein Begriff sein von China, Vietnam und Korea, Rußland und den Ostblock über den Mittleren Osten und Afrika, Europa sowieso bis hin nach allen drei Amerika. Nichts und niemanden hat sein Denken unberührt gelassen.

Also sollte man von einem studierten Menschen erwarten können, ihn wenigstens zu kennen?

Nach zwei Wochen Urlaubspause erzähle ich ein wenig von London. Wir haben den Highgate Cemetery besucht und auch Marx‘ üppiges Grab gesehen. In den Augen meiner syrischen Gesprächspartner sehe ich kein Wiedererkennen. Beide haben studiert, Khaled sogar Fächer wie „Geschichte“, „Philosophie“ und „Staatsbürgerkunde“

„Karl Marx!“ Nein, sie kennen ihn nicht. Hussain sagt irgendwas von „schon mal irgendwie gehört“, nur Eindruck scheint er nicht hinterlassen zu haben.

Nun gut, Marx ist Deutscher gewesen und wenn ein Syrer nach Ibn Ruschd, Ibn Sina oder Al Biruni fragen würde, so müßten wohl auch die meisten Deutschen passen. Nur: das ist Mittelalter und hat kaum noch Bezug zur Gegenwart. Aber selbst die Baath-Partei hat eine marxistische Geschichte. Schon der Name Hitler machte den falschen Eindruck und nun begreife ich wieder einmal, wie langwierig die vielbeschworene „Integration“, die ja auch ein gewisses Bekenntnis zur Geschichte beinhalten müßte, werden wird.

Also sage ich ein paar Worte zu Marx und Khaled strahlt mich plötzlich an: Kommunismus und, äh, Kapitalismus, nicht wahr?

„Ich selbst bin ja als Marxist erzogen worden“, sage ich und irgendwann werde ich euch mal zu mir nach Hause einladen. Dort stehen die Sämtlichen Werke von Marx (und Engels). 42 dicke Bände, ungefähr von hier bis da.“

MEW

MEW

Khaled lacht laut auf, als er sich vorstellt, was er sich vielleicht nicht vorstellen kann. High Five!