„Kant ist tot!“ …

Mit diesen Worten begrüßte mich heute Morgen mein (imaginierter) Nachbar. „Kant? Kant ist unsterblich“, antworte ich. „Nicht der Kant, der kleine Kant, der Hermann …“

Um ehrlich zu sein, ich hätte gar nicht sagen können, daß der noch lebte. Vor ein paar Jahren war er mir kurzzeitig lebendig, als ich zwei seiner Bücher wieder las. Seither hatte ich ihn nicht mehr verfolgt, wenngleich die autobiographischen Sachen noch im Regal stehen.

Wer in der DDR sozialisiert wurde, hat immerhin den Vorteil, das Lebensgefühl der damaligen Zeit speichern zu können, in Form von Literatur. Heute ist sie meist verpönt und verkannt und der verkannteste unter den zahlreichen Autoren von Rang war Kant, verkannt von Kant, verkannt von ihm selbst.

Denn Hermann Kants Tragik bestand darin, sein eigenes Genie nicht richtig eingeschätzt zu haben. Er war der mit Abstand begabteste unter der jüngeren Generation der Ostliteraten, ein würdiger sprachlicher Erbe Arnold Zweigs. Wie dieser steckte er alle anderen erzählerisch in die Tasche und seine seinerzeit drei großen Romane – „Die Aula“, „Das Impressum“ und „Der Aufenthalt“ – kennen an sprachlicher Finesse ohne inhaltliche Subversivität kein Gegenüber. Subtiler und subversiver waren vor allem die Frauen: Irmgard Morgner ist zuerst zu nennen, dann Brigitte Reimann und manchmal auch Christa Wolf.

Doch Kants Begnadung ging von Anfang an mit ihm durch. Bis in die 80er Jahre hinein konnte das kaum jemandem auffallen, denn die Bücher spiegelten noch immer Bereiche der realsozialistischen Realität wieder, aber spätestens seit Gorbatschow mußte ihre aufgesetzte siegessichere Ironie, der Zynismus des vermeintlichen historischen Siegers, der Hochmut der Macht sauer aufstoßen. War die „Aula“ noch ein Schenkelklopfer, so wurde das „Impressum“ schon zur Gratwanderung.

Ich will aber nicht Minister werden!“ gehört zu den genialsten Anfangssätzen der neueren deutschen Literatur – allein dieser Satz, dessen Echo im inneren Ohr des DDR-Lesers ewig nachhallte, legitimiert Kants zweiten Roman.

Doch leider hält er nicht, was das große Eingangswort verspricht. Daß Herrmann Kant ein Erzähler von Rang ist, bleibt unbestritten, gemessen an der eigenen Vorgabe, der „Aula“, die wie eine Bombe in die ostdeutsche Literatur einschlug und sie sowohl sprachlich als auch kompositorisch auf ein ganz neues Niveau hob, gemessen an diesem Anspruch muß „Das Impressum“ als not impressive gelten.

Denn Kant übertreibt es einerseits, die Fabulierkunst verliert sich zu häufig in Gerede um des Geredes willen, um nicht von Geschwätzigkeit zu sprechen, die exemplarischen ethischen und psychologischen Problemstellungen, mit denen der Leser konfrontiert wird und die ihn zur Diskussion, zur Stellungnahme zwingen sollten, sind selbst für den damaligen DDR-Alltag zu weit von der tatsächlichen Lebenswelt entfernt und im Übrigen sprachlich als auch historisch-philosophisch viel zu hoch angesetzt, um den Ottonormalbürger, den Arbeiter-und-Bauern, zu erreichen. Die Enkodierungsschwelle ist so hoch, daß man sich kaum vorstellen kann, wie ein Leser jüngerer bundesrepublikanischer Generation sie ohne ausgiebige Vorabstudien überwinden können sollte.

Zum andern unterbietet Kant sein eigenes Potential; so stellt sich eigentlich nie der Eindruck eines in sich geschlossenen Romans ein. Eher handelt es sich um eine Novellensammlung, in der autobiographische und realhistorische Situationen mit gleicher Personage wiedergegeben werden. Die individuelle Zeichnung mißlingt vielerorts: Wenn der Pförtner dieselbe elevierte Sprache spricht wie der russische General, der Katholik oder der Chefredakteur, dann verwischen sich höchst unzulässig die Konturen. Das alles stimmt auch vor der einstigen DDR-Realität schon nicht und eine Apologie des Ostens hatten andere Brachiallautoren der Bitterfelder Schule schon stimmiger vollbracht. Kant schreibt noch nicht mal einen mißlungenen Sozialistischen Realismus, sein Werk sollte als Sozialistischer Irrealismus gelten. Selbst der grandiose Eingangssatz bleibt Ornament, weil sich seine angedeutete Klammerfunktion als optische Täuschung entpuppt; weder als Widerstandsgeste noch als  Leitfaden behält er Bedeutung. …

Wie man hört, hat Kant, der auch hohe politische Ämter eingenommen hatte, es nie für nötig erachtet, sich Asche aufs Haupt zu streuen: das ehrt ihn.

Nun ist er also tot und wenn in drei, vier Jahrzehnten die letzten Überlebenden des Goldenen Zeitalters des realexistierenden Sozialismus verschwunden und die alten Literaturgeschichten in Bibliothekskellern vergilbt sein werden, dann wird kein Hahn mehr nach Kant krähen und die kommende halbasiatische Gesellschaft, sollte sie je auf eines seiner Bücher stoßen, wird ratlos davor stehen und sich wundern, auf was für seltsame Dinge Menschen kommen konnten und welch seltsame Sprachen sie sprechen können.