ISIS verstehen II

Fortsetzung von: ISIS verstehen I

Die Geschichte einer finnischen Konvertitin – aufgrund des Insiderwissens wohl authentisch –, die ins Kalifat reist, wird nur an einer Stelle wirklich interessant, dort, wo sie vom Märtyrertod ihres Sohnes schreibt und dies als „blessing“ versteht. Von Trauer kein Wort. Sie nennt sich Umm Khalid al Finlandiyah, also Mutter des Khalid aus Finnland und ein schönes Bild zeigt zwei glückliche blonde spielende Kinder in Kaftan und Hijab – ob das der kleine Märtyrer war? Ansonsten ist es die übliche Geschichte der religiös Wurzellosen, die die einfache Lösung findet und nun Werbung für die Reise ins Kalifat macht.

© Dabiq - glückliche Kinder im Land des Islam

© Dabiq – glückliche Kinder im Land des Islam

Auch die stolze Präsentation der gelungenen Anschläge der letzten Wochen, mit martialischen Bildern garniert, kann man getrost überspringen. Neuheitswert hat hier nur das globale Ausmaß. Was der Westen bisher abbekommen hat, ist auch nach Paris und Nizza offenbar nur ein Bruchteil dessen, wozu der ISIS fähig ist. Gefeiert werden die Täter, alle namentlich erwähnt und teilweise mit Bildmaterial unterlegt, als Märtyrer. Darunter auch Mohammed Daleel, der „psychisch gestörte“ Ansbach-Attentäter.

Herzstück des Heftes ist der umfängliche religionsgeschichtliche Essay „Break the Cross“, der beweist, daß es auch unter Terroristen sehr gebildete Menschen gibt. Trotz seiner eindimensionalen Aussage verlangt er qualifizierte Leser und jede Menge Vorkenntnisse der Geschichte der jüdischen und christlichen Religion und Kirche. Es geht um die historische Authentizität der drei abrahamitischen, monotheistischen, der Buch-Religionen.

Unter der einfachen Prämisse „Falsehood should be rejected because it is false, just as the truth should be accepted and followed because it is the truth“ wird nun der ausführliche Versuch unternommen, die Falschheit der anderen Religionen nachzuweisen. Dabei bedient man sich der Suche nach intrinsischen Widersprüchen, ungelösten Paradoxa und historischer Dunkelstellen und kann sich auf eine weitgefächerte westliche Religionskritik stützen. Daß man die gleiche Akribie hinsichtlich des Islam vermissen läßt, muß nicht extra erwähnt werden.

Wie kann man aber den Wahrheitsgehalt einer Heiligen Schrift prüfen? Erstens muß die Botschaft rein und klar (pure) und darf nicht durch pagane Glaubensbekenntnisse verunreinigt sein (daß die Konklusion die Prämisse bereits enthält, entgeht den Apologeten). Zweitens muß die Botschaft, so sie von Gott, dem Allwissenden stammt, widerspruchsfrei sein. Und drittens muß sie sich auf eine vertrauensvolle Kette (kleiner linguistischer Trick, da man die Hadithe auf Überlieferungsketten zurückführt) der authentischen Überlieferung berufen können.

Dies alles bedacht, wird schnell deutlich, daß Jesus – der bekanntlich im Islam enorme Bedeutung hat und dessen Wiederkunft in den letzten Tagen auch die Muslime erwarten – eine „reine monotheistische Unterwerfung“ lehrte, mithin also den Islam und daß nur die Fehlinterpretationen der Christen diese reine Lehre verunstalteten.

Das könne man – ich muß mich hier kurz fassen und auswählen – etwa etymologisch, anhand des Gottesnamens nachweisen. Oder anhand der Textauthentizität. Es mangele der Bibel etwa an Originalmanuskripten und daß sie Produkt vieler Schreiber sei, ist nie ein Geheimnis gewesen. Wie könne sie dann göttlich sein, wenn Menschen darin herumgepfuscht haben? Folglich strotze sie auch vor Widersprüchen; der eklatanteste ist die Trinität, die zu verstehen Muslimen seit jeher mißlingt, schon allein deswegen, weil sie Gott-Vater, Gott-Sohn und Heiligen Geist personifizieren. Islam leidet seit seiner Geburtsstunde unter einer auffallenden Abstraktionsschwäche – sie wurde durch den Propheten in die Geburtsurkunde, in den Koran, hineingeschrieben, was nicht sagen soll, die Trinität sei einfach zu verstehen. Sie ist für jedermann eine Zumutung.

Wie der Autor diese Schwierigkeiten nun historisch entwickelt, dabei hebräische und griechische Quellen bemüht, ist aller Ehren wert. Aus der Trinität ergibt sich auch das Problem der Vaterlosigkeit Jesu, die der Verfasser auf einen Übersetzungsfehler aus dem Aramäischen zurückführt. ܒܰܪ „bar“ bedeute eben nicht nur „Sohn“, sondern auch „geliebt“ und „rein“.

Mohammed lehnte auch die Kreuzigung Jesu ab und die innerislamische „Wissenschaft“ kennt eine ganze Reihe von alternativen Szenarien. Eine besagt, daß an Jesu Stelle Simon von Kyrene, der das Kreuz trug, gekreuzigt wurde. Gerade in den letzten Jahrzehnten sind eine ganze Reihe an Arbeiten erschienen, die diesen Gedanken unterstützen. Sie berufen sich alle auf frühchristliche Schriften, aber anstatt nach dem Ökonomiekriterium anzunehmen, daß Mohammed Kenntnis von diesen Schriften hatte – die zudem in Arabien verbreitet  waren –, glaubt man an die göttliche Offenbarung.

Und schließlich fällt man noch über das dankbare Opfer Paulus her. Man muß in der Tat sehr gläubig sein, um sein Handeln und Denken in Einklang mit der Lehre und Existenz Jesu zu bringen.

Fazit: „As the revelation Jesus came with was altered and lost, it was only a matter of time that the Creator of mankind would send another messenger. And knowing that the Bible was corrupted does not disqualify it from retaining some of its original message. Indeed, apart from the contradictory and clearly human alterations, one finds numerous verses of monotheism and divine law in the Old Testament and references of truth scattered throughout the New Testament.”

Und während die westliche Islamwissenschaft die problematische Person des Propheten aus dem Wust der Veneration herausschnitzt, meint man im strenggläubigen Islam die Argumente herumdrehen zu können und führt als Beweis die Worte des Propheten selbst an: Another condition would be that this prophet should be a role-model for those whom he calls. A known murderer, fornicator, thief, liar, or otherwise immoral person would not fit this description. On this, Allah said of His Prophet, “Surely there is a good role-model for you in Allah’s Messenger” (Al-Ahzab 21).”

Immerhin, das ist bemerkenswert, gelingt es durch diesen strengen Glauben an die Schriften, auch den Haß zu kanalisieren. Man muß das wirklich wörtlich nehmen: “So those who have been sent the Scripture before the Quran, namely the Jews and Christians, shall be spared if they pay the jizyah and accept its terms. These terms are based on elevating the true believers – the Muslims – over the disbelieving People of the Scripture who arrogantly reject the Lord’s message.”

Die theologischen Überlegungen werden in einem späteren Beitrag – zwei Märtyrerbiographien konvertierter Ex-Christen aus Kanada und Trinidad kann man getrost überspringen – konkretisiert, dann, wenn es um die Kirche geht: „In the words of the enemy“. Die Argumentation geht bis zu den Kreuzzügen zurück. Papst Urban II., der den ersten Kreuzzug unter komplizierten historischen Bedingungen ausrief, wird als Urvater des angeblichen Hasses der Christen gegen den Islam ausgemacht, in deren Kontinuität, 800 Jahre später, man noch immer stehe: „This launched the Crusades, which continue today.“

Keiner machte das deutlicher als Benedikt XVI. Er sagte in „Glaube-Wahrheit-Toleranz“ daß die Demokratie dem Wesen des Islam widerspreche, der schlicht und einfach die Trennung zwischen politischer und religiöser Sphäre nicht kenne, eine Trennung, die die christliche Kirche seit Anbeginn in sich trug. Auch wenn die Djihadisten nicht viel von Ratzinger halten; in diesem Punkt geben sie ihm im Brustton der Überzeugung recht. Dieser verstehe mehr vom Islam als all die westlichen Imame und Gelehrten der sogenannten „Islamischen Universitäten“ – in Deutschland dürfte Mouhanad Khorchide gemeint sein –, die sich für einen Dialog stark machen und den Islam unter dem Vorzeichen der Barmherzigkeit sehen wollen.

Papst Franziskus sei nun von dieser Linie abgerückt. Wird er also in fundamentalistischen Kreisen besser akzeptiert? Weit entfernt! Zwar sei seine Herangehensweise „subtiler“, aber sein „approach to subdue Muslims through appeasement“ erreicht bei diesen Muslimen das Gegenteil des Erwünschten: Verachtung! Auch sei er gefährlicher, da die Aufweichung der Fronten drohe, sobald man auf islamischer Seite seinen Worten Gehör schenkt. Zudem seien diese Töne nichts anderes als ein klares Zeichen der Verweichlichung der katholischen Kirche und somit ein weiteres Signum ihres Unterganges.

Am Beispiel des Umganges mit Homosexualität wird das verdeutlicht und da Franziskus mit seinem Satz „Who are we to judge“ sich direkt auf die Bergpredigt bezieht, wird die theologische Differenz bis an die Urquellen der beiden Glaubensrichtungen zurückgeführt: „In this vein, it is not only the Church’s historical view on Islam that Francis altered and misrepresent­ed. Following the Orlando raid by Omar Mateen, Francis said that sodomites “must not be discriminat­ed against, that they must be respected and accompa­nied pastorally … The problem is a person that has a condition, that has good will and who seeks God. Who are we to judge?” Completely disregarding his own Church’s doctrine of judging homosexuals as im­moral for engaging in the perverted act of sodomy, Francis has again sidestepped religion for the sake of public opinion.”

Wie nach islamischer Auffassung mit Homosexuellen umgegangen werden sollte, zeigt eine abschließende Photographie. Es liegt nun, so meinen die Islamisten, an uns selbst, wie wir uns dazu verhalten werden. Wo sie recht haben, haben sie recht.

© Dabiq "Killed for the abominable crime of sodomy"

© Dabiq „Killed for the abominable crime of sodomy“

siehe auch: ISIS verstehen I

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