ISIS verstehen I

Was den einen der „Playboy“ ist den anderen das IS-Magazin „Dabiq“. Beide Zeitschriften haben einiges gemeinsam: Mit hoher ästhetischer Perfektion wird der Zeitgeist eines Milieus eingefangen und beide lieben Oben-Ohne-Bilder. Die einen ohne BH und die anderen ohne Kopf. Wie dem auch sei, beide Magazine lohnen die Lektüre. Zwar: kennt man eines, kennt man alle, aber eines sollte man eben kennen. Warum nicht Nummer 15 – die neue „Dabiq“ ist da!

Sie steht unter dem Motto „Break the Cross“, das Kreuz brechen, also das Christentum und den damit verbundenen Westen zu besiegen – ein Thema, das ein gewisses theologisches Gewicht beinhaltet. Tatsächlich zieht es sich wie ein roter Faden durch das 80-Seiten-Heft, das somit als Gesamtkunstwerk erkenntlich wird.

Noch vor dem Vorwort zeigt man uns und den Abonnenten, bildlich, wie man sich das vorstellt. Nur über unsere Leichen, ob nun in Paris, Nizza, Orlando oder Würzburg, man präsentiert mit Stolz weiße und blutgetränkte Laken, die die europäischen Straßen nach Massakern pflastern. Nach mehr als 600 Toten erwartete man im Kalifat eigentlich die Umkehr, aber die verstockten Hedonisten und Heiden sind taub und blind. Die Logik sagt: Braucht ihr 6000 Tote oder 60 000? Wir werden die Medizin liefern. Dabei ist es doch so einfach: Man braucht nur Allah folgen – dutzende Koranstellen beweisen das doch – und alles ist gut. „We call you to reflect on these questions as the bloodthirsty knights of the Caliphate continue to wage their war of just terror against you. And have no doubt that the war will only end with the black flag of Tawhid (Islamic monotheism) fluttering over Constantinople and Rome, and that is not difficult for Allah…”

© Dabiq

© Dabiq

Zum Beispiel könnte man über die Schöpfung nachdenken – so der Titel des ersten Beitrages. Alles, was dem namenlosen IS-Philosophen in den Sinn kommt – die schnurrende Katze im Schoß, das Funktionieren der Organe, die Attraktion und Paßgenauigkeit der Geschlechter, der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir, die Sprache der Menschen (die er nutzen kann, um den Gegner auszuhorchen und zu täuschen), das Vorhandensein von Vieh als Nahrungsquelle, das Wunder des Bienenstocks … – das alles bezeugt doch die Weisheit Allahs und das wiederum wird durch viele Koranverse hinlänglich bewiesen. Die Ungläubigen hingegen glauben, alles sei aus Chaos entstanden. Kein Wunder, wenn es den „clash of encampements – civilizations“ gibt. Wenigstens in Raqqa hat man seinen Huntingon gelesen.

© Dabiq

© Dabiq

Dann wird es historisch. Man erinnert an jene berühmten Briefe Mohammeds an die Herrscher der Welt, in denen er sie „einlud“, zum Islam zu konvertieren oder eben die Konsequenzen zu erfahren. Ein urislamisches Argumentationsmuster: Ihr seid selbst schuld, wenn eure Köpfe rollen – wir hatten euch zuvor gebeten, den Weg des Friedens, also der Submission zu gehen. Negus, der Herrscher Äthiopiens, akzeptierte die Einladung und wurde Muslim, die Kopten sahen es zwar ein, konnten aber nicht über ihren konfessionellen Schatten springen und der byzantinische Kaiser Heraclius lehnte geradewegs ab – mit voraussehbaren Folgen. Was lehrt uns das? „These are the same choices placed before the dis­believing Christians today. They have the option of trying to cling to the transient luxuries of this life, rejecting the truth in favor of either paying jizyah to the Islamic State or continuing to wage a futile war against it. Alternatively, they can heed the warning of Allah that the worldly life is not guaranteed even for those who pursue it at the expense of their salvation, and thus choose to embrace Islam, champion the truth, attain the mercy of their Lord, and enter the Gardens of Paradise.”

Dann beginnt der theologische Teil, der unsere besondere Aufmerksamkeit verdient, will man die Denke der Leute verstehen. Es startet mit dem Begriff der fitrah. Das ist ein gattungsverwurzeltes instinktives Wissen und Empfinden um die Existenz und Einheit Gottes. Wer die fitrah in sich bewahren kann, dessen Verhalten ist jederzeit jeglicher Sache angemessen. Darwin, Marx, Nietzsche und Freud, ja sogar Dürkheim und Weber haben im Zusammenspiel mit Schule und Medien die fitrah ausgetrieben. Aber schon das pagane Christentum ging mit seiner „Religion der Widersprüche“ – d.i.: Trinität, Gottessohnschaft, Marienverehrung, Soteriologie und Parusie – diesen verheerenden Weg. Dabei ist es doch die fitrah selbst, die es dem Menschen ermöglicht, quasi vorreflexiv, zwischen Monotheismus und Polytheismus instinktiv zu unterscheiden, wie auch hinsichtlich von Reinheit und Schmutz, Anstand und Obszönität, Gewalt und Vergebung, Gerechtigkeit und Tyrannei, Wahrheit und Lüge …, es eine natürliche Urteilskraft gebe. Und daraus ergeben sich ganz folgerichtig konkrete Handlungsweisungen: „And the fitrah in the words of the Prophet and the words of his companions encompasses more than just the basis of religion, pure monotheism, the statement that there is no god but Allah. It also in­cludes circumcision, the shaving of pubic hair, the removal of underarm hair, the cutting of nails, trim­ming the mustache, growing the beard, cleansing the teeth, the washing of finger joints, snorting water then expelling it, rinsing the mouth with water, the washing of private parts after bowel movement orvoiding, the parting of hair, preferring milk to intoxicants, praying early, and bowing and prostrating to Allah properly. Essentially, the fitrah inclines man to stay clean, healthy, sober, and faithful­.”

Das Gegenteil der praktizierten fitrah sind sexuelle Perversionen und am schlimmsten Sodomie (meint Analverkehr). Aus ihr ergibt sich umgekehrt die natürliche Mutterrolle der Frau, die natürliche Unterwerfung der Frau unter den Mann oder auch die natürliche Scheu des Mädchens. Schon Al-Bukhari wusste – und man möchte ihm heute fast recht geben: „Ein Volk, das seine Macht in die Hände einer Frau gibt, wird nie gedeihen.“

© Dabiq - fitrah als natürliche Scheu des weiblichen Kindes

© Dabiq – fitrah als natürliche Scheu des weiblichen Kindes

Was wie ein Endlosgebet beginnt – der nächste Artikel „Words of sincere advice“ – endet als schnörkelloser Aufruf, dem IS beizutreten, und falls das nicht möglich sei, im Feindesland zuzuschlagen. „The blood of the disbe­lievers is obligatory to spill by default. The command is clear. Kill the disbelievers, as Allah said, ‘Then kill the polytheists wherever you find them’ (At-Taw­bah 5)”

Dann wird uns in fünf Stichpunkten mitgeteilt, warum man uns haßt.

  1. Weil wir Ungläubige sind, die Allah in seiner „oneness“ nicht anerkennen.
  2. Weil die säkulare, freiheitliche Gesellschaft genau das erlaubt, was Allah verboten hat: Trennung von Staat und Religion, Schwulenrechte, Alkohol, Drogen, Unzucht …
  3. Weil wir nicht an die Existenz eines Gottes glauben.
  4. Wegen unserer Verbrechen gegen den Islam.
  5. Wegen unserer Verbrechen gegen Muslime.
  6. Wegen der Besetzung ihres Landes.

Letzlich wolle man aber nur unser Gutes, unser Seelenheil. Hier wird die alte mohammedanische Argumentation gegenüber Heraclius, Negus und den Kopten, wieder aktualisiert: „What’s equally if not more important to understand is that we fight you, not simply to punish and deter you, but to bring you true freedom in this life and salvation in the Hereafter, freedom from being ensla­ved to your whims and desires as well as those of your clergy and legislatures, and salvation by worshiping your Creator alone and following His messenger. We fight you in order to bring you out from the darkness of disbelief and into the light of Islam, and to liberate you from the constraints of living for the sake of the worldly life alone so that you may enjoy both the bles­sings of the worldly life and the bliss of the Hereafter. … that we will never stop hating you until you embrace Islam, and will never stop figh­ting you until you’re ready to leave the swamp of war­fare and terrorism through the exits we provide, the very exits put forth by our Lord for the People of the Scripture: Islam, jizyah, or – as a last means of fleeting respite – a temporary truce.”

Amen!

Fortsetzung folgt

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4 Gedanken zu “ISIS verstehen I

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Das Kätzchenfoto fand ich auch sehr anrührend; unsere Politik wird aber wohl angemessen agieren, so dass bald ein wohlabgewogener Reformvorschlag im Bundestag eingereicht werden wird mit zwei neuen Absätzen zum § 111 StGB:

    [Besonders schwerer Fall]
    (3) Ein besonders schwerer Fall von Aufforderung liegt dann vor, wenn die Wirksamkeit der Aufforderung verstärkt wird durch Verwendung von Bildmaterial, das geeignet ist, in durch Zeitungen, Zeitschriften oder audiovisuelle Medien sozialisierten Personen Sympathie für den Auffordernden zu erwecken. In diesem Falle erlischt zusätzlich für drei Jahre das Vorrecht auf unkontrollierten Grenzübertritt.

    [Indirekte Provokationsbegünstigung]
    (4) Der Aufforderung gleichgerechnet werden Äußerungen, die ihres Inhalts oder ihrer Form nach geeignet sind, bei aufforderungsempfindlichen Personen religiöse oder sonstige weltanschauliche Gefühle zu verletzen. Die Strafe ist in diesem Falle wenigstens das Doppelte der durch die Gefühlsverletzung erwartbaren Tat.

    Problem erkannt, Problem gebannt.

    Was bedeutet denn diese immer wieder in den Textfluss eingebettete Kalligraphie? Eine Gotteslobformel?

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    • Was bedeutet denn diese immer wieder in den Textfluss eingebettete Kalligraphie? Eine Gotteslobformel?

      Muslime sind aufgefordert, den Namen Allahs, des Propheten, der Propheten, der Gefährten und Familienmitglieder des Propheten, der Märtyrer und verdienstvollen Muslime durch eine Segnungsformel, Eulogien, zu würdigen.

      Sie lauten in etwa

      Prophet: salla Allahu alaihi wa sallam – Friede und Segen Allahs sei auf ihm
      Die Propheten: Friede sei auf ihm
      Familie/Gefährten: Möge Allah Gefallen an ihm/ihr finden
      Märtyrer etc: Möge Allah ihm gnädig sein

      Das wird im geschriebenen Text durch besagte Kalligraphien oder durch Abkürzungen geleistet: saw, as, ra, rh. Manchmal auch durch Abkürzungen der in die Landessprache übersetzten Segnungen. (Bsp: PBUH – peace be upon him). Ich vermute, die sind auf arabischen Tastaturen schon implementiert.

      Angegebene Beispiele orientieren sich an den Ahmadiyya – es kann je nach Glaubensrichtung variieren. Wie immer gibt es zudem jede Menge historische, regionale etc. Varianten … Könnte man wahrscheinlich eine Dissertation draus machen. Habe ich im Alltag noch nicht gehört, macht man wohl nur im theologischen Kontext.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Danke für die Aufklärung!

        Was ein kleiner Geist ohne zureichende religiöse Bildung zu solchen Bräuchen meinte:

        https://www.hs-augsburg.de/~harsch/gallica/Chronologie/18siecle/Voltaire/vol_dp44.html

        EHRE

        Ben-al-Bétif, das ehrwürdige Oberhaupt der Derwische, sagte eines Tages zu ihnen:

        „Meine Brüder, es ist sehr recht, dass ihr oft die heilige Wendung ‚Im Namen Gottes, des Allerbarmers‘ unseres Korans benutzt, denn Gott zeigt Erbarmen und ihr lernt, sie auch zu üben, indem ihr oft die Worte wiederholt, welche zu einer Tugend raten, ohne welche nur wenige Menschen auf der Erde verblieben. Aber, meine Brüder, hütet euch wohl, jene Dreisten nachzuahmen, die sich bei jeder Gelegenheit rühmen, zur Ehre Gottes zu handeln. Wenn ein junger Dummkopf eine These über die Kategorien verteidigt und darüber ein Unwissender in Pelz präsidiert, so unterlässt er nicht, oben über seine These in dicken Lettern ‚Ek Allah abron doxa‘ – ‚Ad majorem Dei gloriam‘ zu schreiben. Ein guter Muslim, der seinen Empfangsraum hat neu kalken lassen, graviert diese Dummheit über seine Tür; ein Saka trägt Wasser zur höheren Ehre Gottes. Es ist ein unfrommer Brauch, der aber fromm ins Werk gesetzt wird. Was würdet ihr von einem kleinen Chaoui [Original; chiaoux] halten, der ausriefe, während er den Morgenstuhl unseres Sultans lehrt: ‚Zur höheren Ehre unseres unbesiegbaren Monarchen‘? Und es sicher doch noch weiter vom Sultan zu Gott denn vom Sultan zum kleinen Chaoui.“

        „Was habt ihr Elenden der Erde, Menschen genannt, denn gemein mit der Ehre des unendlichen Gottes? Kann er denn die Ehre lieben? von Euch erfahren? an ihr Gefallen finden? Wie lange noch werdet denn ihr zweifüßige Tiere ohne Federn Gott nach eurem Bilde schaffen? Wie denn, nur weil ihr eitel seid und den Ruhm liebt, wolltet ihr, dass Gott ihn auch liebt? Wenn es denn mehrere Götter gäbe, dann wollte vielleicht jeder von ihnen den Beifall von seinesgleichen erfahren. Das wäre dann die Ehre eines Gottes. Wenn man die unendiche Größe mit der äußersten Niedrigkeit vergleichen könnte, dann wäre dieser Gott wie der König Alexander oder Skander, der sich nur mit anderen Königen messen wollte. Aber ihr ärmlichen Leute, welche Ehre könntet ihr denn Gott erweisen? Hört auf damit, seinen heiligen Namen zu profanieren. Ein Kaiser, Oktavius Augustus, verbot, dass man ihn in den Schulen von Rom lobte, aus Angst davor, dass sein Name herabgesetzt würde. Aber ihr könnt das höchste Wesen weder erniedrigen noch ehren. Macht euch ganz klein, betet an und schweigt.“

        So sprach Ben-al-Bétif, und die Derwische riefen: „Ehre sei Gott! Ben-al-Bétif hat wohlgesprochen.“

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