Hochzeitsbräuche

Plötzlich ist Khaled wieder da, mit Frau und zukünftiger Schwiegermutter. Sie teilen sich die alte Wohnung: die Frauen im großen Zimmer, er im kleinen.

Sechs Wochen verbrachte er in einem Städtchen an der Jagst. Aber anders als in Plauen, wo hunderte Wohnungen leer stehen und die Mietpreise im Keller sind, findet man dort keine Bleibe. Das Leben im Asylantenheim, zusammen mit mehreren Männern – alles zukünftige Schwäger – auf einer Bude, war ein Rückschritt in Lebensqualität und das Projekt Ehe war so auch nicht voran zu bringen.

Nun sitzen wir also überraschend wieder zusammen, nachdem ich wochenlang keinen Mucks mehr von ihm gehört hatte. Die Frauen sind schon wieder zurück gefahren, ihnen gefällt es in der neuen Stadt nicht recht. Wie befürchtet, wurde die Zeit nicht zum Lernen genutzt. Also steigen wir gleich wieder ein: Familie. „Wer ist der Bruder deiner Frau?“ – „Mein Schwager.“ …

Für Hussain ist das längst kalter Kaffee, er langweilt sich dabei. Also versuche ich es ein wenig aufzupeppen. „Wer ist der Bruder deiner Schwester?“ oder „Wer ist der Sohn des Sohnes deines Großvaters?“ Hussain kichert los, noch bevor ich die Frage beendet habe. Aber Khaled kann es nicht fassen, auch nicht auf Arabisch und nach vielen Versuchen.

Also frage ich nach Neffen und Nichten. „Wie viel Neffen hast du?“ Erneut kommt er ins Stutzen und lacht: „Ungefähr 50.“ Wie kann das sein? Ganz einfach! Khaleds Vater ist fast 90 Jahre alt geworden, ihn selbst hat er im Alter von 70 Jahren gezeugt, mit der zweiten oder dritten Frau, die freilich 40 Jahre jünger war. Die meisten von Khaleds zehn Brüdern könnten seine Väter sein und einige sind schon gestorben. Einmal lernte ich einen seiner Neffen kennen, der ebenfalls sein Vater hätte sein können.

Seine Gedanken kreisen um die Hochzeit. Ein Bluttest beider muß her, um mißglückte Kinder auszuschließen. Ring und Hochzeitskleid scheinen enorm wichtig. Männer dürfen im Islam kein Gold tragen, also muß es Silber sein, aber vor allem der Ring für die Frau soll was darstellen. Ein schönes Kleid wäre ideal, aber es darf nicht mehr als 200 Euro kosten. Ich spanne die ganze Familie ein, ein solches zu suchen, und als es einige Wochen später gelingt, will er es nicht mehr. Mehr noch: ich erfahre, daß er bereits verheiratet sei! Langsam blicke ich nicht mehr durch.

Man ist also zu einem Imam nach Stuttgart gefahren und dort ging es ohne große Schwierigkeiten über die Bühne. Daß diese Ehe vor dem deutschen Gesetz (vermutlich) bedeutungslos ist, interessiert ihn nicht. Irgendwann will er auch ins Standesamt, aber im Moment sind andere Dinge wichtiger. Zum Beispiel Geld. Viel Geld, vergleichsweise.

Im Islam gilt es, ein Brautgeld zu zahlen. Der Mann gibt der Frau eine fest vereinbarte Summe, über die nur sie zu verfügen hat. Ansonsten ist er verpflichtet, für ihre täglichen Bedürfnisse (Nahrung, Kleidung, Hygiene etc.) zu sorgen; dafür kümmert sie sich um Kinder und Haushalt. Auch für den Fall der Scheidung muß er ihr vertraglich eine Summe zusichern, sie soll die Frau vor Härten absichern. In diesem Falle waren es jeweils 1500 Euro. Ich bin überrascht. Einerseits: wo will er so viel Geld hernehmen? Andererseits: Mit dieser Summe kommt man in Deutschland wirklich nicht weit; zwei Monatsmieten und die Versicherung ist aufgebraucht. Aber 1500 Euro ist eben die Summe, die im Süden Syriens üblich sei und daran haben sich die beiden gehalten. Es ist übrigens die Frau, die die Summe festlegt und mit dem Mann verhandelt. War sie zu nachgiebig, zu leichtgläubig?

Haben sie die Ehe nun „vollzogen“? Hussain klärt mich auf. „Juristisch“ betrachtet, wäre es nun möglich, doch die Tradition verbietet es eigentlich. Erst nach der Hochzeitsfeier ist es üblich.

Also auch das noch: Hochzeitsfeier. Wieder ein Geldfresser. Tatsächlich kommt Khaled gerade ins Schwitzen, die Feier zu organisieren. Logistisch und finanziell. Sie läuft im Groben so ab: Die Männer feiern in einem Raum und die Frauen in einem anderen. Sie bekommen sich nicht zu Gesicht. Sie essen, reden und wenn die Stimmung es hergibt, tanzen sie auch, untereinander. Khaleds syrischer Freund im Nachbarhaus hat sein ebenso kahles Zimmer schon versprochen.

Ein wenig warte und fürchte ich eine Einladung, allein der Gedanke scheint Khaled fremd zu sein. Auch gut.

Mich bewegen eher andere Sorgen: das Geld. 1500 Brautgeld plus 1500 Scheidungsgeld  plus 200 Kleid plus Ringe plus 150 Standesamt plus Feier plus wasweißich. Das ist ne Stange Geld für jemanden auf Hartz IV. Wo will er das herbekommen?

Einmal fragt er mich, ob ich ihm 200 Euro leihen könnte. Ich umschiffe das Kliff. Auch Hussain hat ihm schon 50 gegeben. Er könne nicht anders. Wenn ein Syrer den anderen fragt, dann bleibt nicht viel Wahl. Ich bin hin und her gerissen

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s