Glauben und Gottesbeweis

Man mißtraue allen Gläubigen, die durch Krise, Krankheit, Krieg zum Glauben finden. Sie mißbrauchen Gott und das Numinose als Psychotherapie und mißverstehen ihr kleines persönliches Unglück als ontologisches oder kosmologisches Ereignis. Es ist ihnen im Grunde genommen gleich, ob Katholizismus, Buddhismus, Islam oder New Age …, denn alles kann zum „Ausstieg“ dienen.

Man mißtraue allen Gläubigen, die in eine Religion hineingeboren wurden, denn sie hatten nie die Chance einer unabhängigen Entscheidung. Man erkennt sie an der prinzipiellen Affirmation: sie kennen den Zweifel nicht.

Man mißtraue allen Gläubigen, die sich rational für einen Glauben entschieden haben, denn sie machen die Früchte ihres bescheidenen menschlichen Räsonierens, ihrer geistigen Unvollkommenheit zum Maßstab diviner Existenz.

Man mißtraue allen Gläubigen, die durch eine Offenbarung, durch das praktische Erleben Gottes, zum Glauben finden. Ihnen ist ein persönliches Erlebnis – vielleicht nichts anderes als die Erfahrung des Fürsten Myschkin – zum Schlußstein geworden.

Nur der Skeptiker kann ein wahrhaft Glaubender werden, denn der wahre Glaube muß sich ständig und immer wieder am Zweifel erweisen, er muß permanent errungen werden, sich selbst negieren und geht im Moment der absoluten Gewißheit – die der wirkliche Glaube ist – verloren.

Aber wie ist Glauben dann noch möglich, wer kann dann noch selig werden? Es bedarf des „Sprungs in den Glauben“, wie Kierkegaard es nannte, jenen paradoxen Akt, der Bejahung und Verneinung vereint und:

„Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich Gottes komme. Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann denn selig werden? Jesus aber sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“ (Markus 10.25ff.)

Ist damit das Christentum als kulturkonstitutiv abgetreten? Mitnichten. Wir müssen uns im christlichen Erbe verorten, nicht weil es wahrer oder besser ist als anderes, sondern weil es unseres ist.

Advertisements

3 Gedanken zu “Glauben und Gottesbeweis

  1. Pérégrinateur schreibt:

    So habe ich Ihnen eben auch manche Flanke geboten. Unsereins muss sich ja zum Glück nicht den Kopf abschlagen ob irgendwelcher Nachlässigkeiten. Schuld war sowieso nur das Weib, das mich mit seinen Wundertränken etwas von der pomme de discorde fortgelockt hat.

    Den Hammerschlag kenne ich persönlich besonders aus Gesprächen mit Zeugen Jehovas, denen ich nicht grundsätzlich aus dem Weg gehe wie andere. Das sind dann am Ende doch meist sehr unersprießliche Gespräche, weil diese meist nur rationalisierend und missionsopportunistisch argumentieren und ihnen das offenbar selbst gar nicht bewusst ist. Beim letzten Folgegespräch mit demselben samstabmorgendlichen „Überfallkommando“ – dass man beim ersten Mal freundlich geblieben ist und sie nicht schroff abgewiesen hat, lässt offenbar hoffen, gleichgültig was man noch so deutlich gesagt hat – wurde ich jedoch überrascht. Nicht von der Wortführerin, wohl aber vom begleitenden Echo. Als nämlich die erste ein schon abgewiesenes Argument zum zweiten Male wiederholte, wandte Nummer Zwei ein: „Aber jetzt lassen Sie doch das, aus seiner Sicht ist das doch falsch!“

    Viel Erfolg bei ihren Aufklärungs-Mündeln!

    Gefällt mir

  2. Pérégrinateur schreibt:

    Vor jeder Erwägung über den rechten Erwerb einer Sache sollte die Erwägung stehen, ob ihr Besitz überhaupt erstrebenswert ist.

    Ich sehe zwar nicht, wie einen die Vernunft je zum Glauben führen sollte, aber wenn das trotzdem geschähe, was wäre daran auszusetzen? Der Menschenverstand ist zwar letztlich ein recht bescheidenes Vermögen, doch wir haben eben nichts anderes, um in der Welt zurechtzukommen. Natürlich sollte man sich vor seinen Entscheidungen stets von der Wirklichkeit belehren lassen und dann peinlich genau auf das Non sequitur Ausschau halten. Denn was mancher Vernunft nennt, ist bei ihm doch nur ein Weg durch bloße Wortgespinste, bei dem die Assoziation als Pfadfinderin vage Indizien findet, aus denen dann das Totalisierungsvermögen prompte Gewissheiten baut. Solche Wege intellektueller Konvertiten sind nur Brownsche Bewegungen, die von zufälligen Revelationen angetrieben werden. Und wenn sie denn in einem festen Punkt enden, dann auch nur, indem die geistige Temperatur inzwischen auf dem Nullpunkt angekommen ist und nun gar keine Anregungen von außen mehr stattfinden.

    Der „Sprung in den Glauben“ (von dessen männlichem Klang sich wohl auch das heute ständig zu hörende „Wagnis des Glaubens“ herleitet) erscheint mir eher als eine intellektuelle Verzweiflungstat. Man sucht gute Gründe, findet sie nicht und ersetzt sie dann durch eine willkürliche Entscheidung. Das ist als offenes Bekenntnis zur Willkür noch eine Stufe unterhalb des allzu üblichen Verfahrens, den Verstand nur zu gebrauchen, um eine in Wirklichkeit schon vorher und auf ganz anderen Wegen gefassten Entscheidung zu rationalisieren. Der Kierkegaardsche Sprung war zudem nur ein kleiner Hüpfer ins ambiente Christentum; das lässt daran zweifeln, ob diese Kühnheit, die durch das Hochgefühl der eigenen Freiheit berauschen mag, auch wirklich eine war, oder nur ein Skandalon so wie zuzeiten ein Engländer, der horribile dictu Katholik wurde. Schopenhauer etwa kam weiter als bloß bis zur nächsten Kirche, nämlich bis nach Asien und mit dem fremden Wunderweib Medea zurück, während Kierkegaard mit der Küchenmagd aus der Nachbarschaft heroisch zum Altar schritt.

    Wenn man die Religionen an ihren Ansprüchen misst und ihre Beglaubigungen prüft, dann sehe ich nicht, wie man dabei begründet zu einer Einstellung gelangen kann, die sehr von jener der Aufklärer aller Zeiten verschieden ist. Selbstverständlich kann man sie aber auch im Hinblick auf ihre soziale Funktion betrachten, sozusagen auf der Spur des späten Nietzsche, dessen „Gott ist tot“ bei diesem eingefleischten Atheisten natürlich nicht die Entität Gott meinte, sondern die Säkularisierung. Man trifft heute viele Menschen ohne jeden religiösen Glauben, die gleichwohl davon überzeugt sind, Glaube sei wünschenswert. Entweder für den Zusammenhalt der Gesellschaft (das verbreitete Glaubensbedürfnis brauche eine sozialverträgliche Religion, damit eine unverträglichere keinen Platz finde) – oder sogar persönlich (Julian Barnes‘ „I don’t believe in God, but I miss him.“) Ein solcher durchgehaltener Zwiespalt erscheint intellektuell nicht sehr aufrichtig.

    Das verbreitete Glaubensbedürfnis sehe ich auch, kopfschüttelnd, aber ich traue der frommen Lüge nicht über den Weg. Auch zahmgewordene Viren können nämlich wieder tödlich werden. Genauso wenig der Illusion der Identitären, die sich auf das unschuldig tuende Wörtchen „wir“ gründet. Euer aller Glaube ist nicht mein Glaube, weil ich hoffentlich keinen habe. Wieso sollte ich übrigens eine besondere Wertschätzung für ein Volk hegen, das teils närrisch ist und teils maulfeige? Wer den Darwin-Preis unbedingt gewinnen will, soll ihn eben gewinnen. Was bei all dem nur schmerzt, ist dass wieder eine Zivilisation niedergehen könnte, die nach dem Verlust der antiken die moderne Wissenschaft hervorbrachte. Die sollte weiterbestehen, car tel est notre plaisir.

    Gefällt mir

    • Daß ich mich bei dieser kleinen viergliedrigen Skizze auf mehr als vier Flanken verwundbar mache, war mir durchaus bewußt und ein aufmerksamer Leser wie P. haut natürlich genußvoll rein. Nur zu! Wir sind uns, wie es scheint, zumindest in der Zusammenfassung einig: Was bei all dem nur schmerzt, ist dass wieder eine Zivilisation niedergehen könnte, die nach dem Verlust der antiken die moderne Wissenschaft hervorbrachte. Die sollte weiterbestehen, car tel est notre plaisir. Das schmerzt auch mich am meisten!

      Da wir das ohnehin nicht zu Ende diskutieren können und mir auch die Zeit etwas davoneilt, will ich es dabei belassen, auch wenn es zu
      Kierkegaard (der Glauben ausschließlich als christlichen verstand – nur in den könne man springen)
      Schopenhauer (dessen Buddhismusverständnis mit Buddha nicht viel gemein hatte) und
      Nietzsche (den ich weder für einen eingefleischten Atheisten halte noch glaube, daß die Erkenntnis der Säkularisierung nicht tatsächlich auch eine Anti-Theodizee enthielt)
      noch einiges zu sagen gäbe.

      Auch der leicht utilitaristische Eingangston Ihrer Wortmeldung müßte geklärt werden, gerade in Hinblick auf den Glauben. Immerhin glauben manche an das Gottes-Gen oder Gottes-Mem oder die darwinistische Begründung – innerhalb der Sozialtheorie – des Glaubens usw., also an eine psychologische, anthropologische, quasi-biologische oder gar ontologische Notwendigkeit (Begründung). Das alles will ich auch gar nicht a priori in Frage stellen. Mir geht es nur darum – deswegen das schwache „Man mißtraue“ -, die inneren Aporien des jeweiligen Arguments aufzuzeigen und die Schlußfolgerung daraus, daß Glaube immer paradox bleiben muß, weil er nur durch den permanenten Zweifel – also sein Gegenteil – begründet werden kann und die Erfahrung lehrt, das Glaubende irgendwann den Prozeß des Zweifelns, sofern sie ihn jemals kannten, abbrechen um sich auf die sichere Insel, la isola, in die Isolation zu begeben.

      Das Gespräch mit den unaufgelärten Gläubigen des letzten Tage ist insofern ein Hammerschlag. Sie sind noch vorreflexiv. Die meisten von ihnen werden nie in der Lage sein, die westlichen Argumentationsfiguren auch nur zu sehen, zu erfassen. Ihre Religion gibt ihnen, so weit ich sehe, auch kein Instrumentarium in die Hand, die Nebelschleier zu durchbrechen.

      Im Übrigen erkenne ich mich in Julien Barnes wieder. Nur würde ich sagen: I can’t believe in God – but I miss him.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s