Wo sind wir?

Hussain muß einen sogenannten Einbürgerungstest machen. Dabei werden 33 aus 300 Fragen mit je vier Auswahlantworten abgefragt. Wir sprechen über das Parteiensystem. Links und rechts, progressiv und konservativ, eigentlich alles ganz einfach, nur daß innerhalb kurzer Zeit die gesamte Mitte weggebrochen ist und plötzlich auch die CDU/CSU eher links zu verorten sind, ist schwer zu vermitteln.

Dann klingelt es und Salim tritt ein. Er hatte gerade ein Doppelstockbett für die Kinder gekauft, aber der Tochter gefiel es nicht. „Kind deutsch“ sagt er und meint: sie beginnen langsam Ansprüche  zu stellen. Das Wort des Vaters – in Syrien Gesetz – zählt nicht mehr viel.

Ich rufe für ihn, der auch nach neun Monaten nahezu sprachlos ist, beim Möbelhaus an und storniere die Bestellung. Dort erinnert man sich gut an den Kunden und meckert gleich los. Hätte er sich auch vorher überlegen können …

Wenn er schon einmal da ist, soll er gleich am Unterricht teilnehmen. Schnell ist die Landkarte ausgebreitet. „Laßt uns die Bundesländer noch einmal wiederholen. Salim, wo sind wir?“ Hussain, mit dem ich fast nur noch Deutsch rede, muß alles übersetzen. Salim schaut auf die Karte wie die Kuh ins Uhrwerk. Er hat keine Ahnung, wo Sachsen liegt, scheint nicht mal Nord und Süd einordnen zu können. Er murmelt etwas von München, aber auch das kann er nicht zeigen. Nach zwei Minuten helfe ich ihm auf die Sprünge, aber die Art und Weise, wie er auf den kleinen Punkt schaut, beweist, daß ihm das Prinzip Karte und Gebiet vollkommen fremd ist.

4 Gedanken zu “Wo sind wir?

  1. chö schreibt:

    Ich habe vor anderthalb Jahren einen muslimischen Palästinenser eingestellt, der ähnlich talentiert ist wie Hussain. Gestern hat er mir erzählt, dass er einen deutschen Pass bekommen hat (der palästinensische ist sowieso wertlos, weil er nicht anerkannt wird). Er kann die deutsche Hymne singen (süß!), hat monatelang in die falsche Richtung gebetet, trinkt kein Weißbier und isst keine Weißwürste. Wenn ich morgen einen Juden einstellen würde, hätte er auch kein Problem damit. Er versteht nur nicht, warum die Israelis ihm das Land seines Großvaters weggenommen haben. „Dieser Konflikt wird ewig weitergehen.“ Er ist hier, weil er es satt hatte, das jeden Tag irgendwo Raketen in Häuser einschlagen und Unschuldige töten.
    Zu Hause spricht er mit seiner Frau arabisch, schreibt mit ihr aber auf englisch. Sein dreijähriger Sohn geht bald in den Dorfkindergarten und wird dort bayrisch lernen. Aber ob er jemals die arabische Schrift lernen wird?
    Auf die Frage, ob er sich jetzt als Cosmopolit sieht, sagt er nur: „Ich will die gleiche gute Arbeit machen, egal ob als Ausländer oder als Deutscher.“ Er ist abends oft der letzte im Büro.

    Wir haben doch in der Flüchtlingsfrage alle eine sehr selektive Wahrnehmung. Dort wo die Integration funktioniert (hat), nimmt man sie augenblick hin. Aber wenn der testosterongetränkte Massai sich mit einer Horde halbstarker Iraner anlegt, ruft man affektiv die glatzköpfige Bürgerwehr. Mir ist das alles zu viel Problematisierung und Stigmatisierung.

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    • Die selektive Wahrnehmung ist erzwungen, wenn man nur mit Einzelpersonen zu tun hat. Solche Bsp. wie dein Palästinenser sind ja erstmal erfreulich. Sie verdienen jede Art von Unterstützung.

      Das ändert nichts an der Verantwortung, den Blick auf das Große und Ganze zu wagen. Was geschieht mit einer Gesellschaft, die sich demographisch radikal ändert, die sich religiösem Streß aussetzt, die sich kulturell und ethnisch vervielfältigt. Dabei sind ja nicht nur die Primärprobleme zu beachten, sondern auch die Sekundär- und Tertiärprobleme …, etwa der Konflikt des Massai (Somalier?) mit den Irakern oder die darauf reagierende Glatzenpolizei usw.

      Nun sind meine Erfahrungen ja nicht auf ein, zwei Fälle basierend, sondern (bei unterschiedlicher Intensität) auf zwanzig, dreißig. Auch das gestattet nur vorsichtige Verallgemeinerungen. Wenn man aber die Informationsvernetzung hinzu zieht und sich mit der Theorie der Kulturen und Religionen auseinandersetzt, dann ergibt sich schon ein halbwegs vertrauenswürdiges Bild. Und was ich dann sehe – ich kann nicht anders – macht mich wenig optimistisch. Selbst wenn alle Einwanderer Hussains wären, stünden wir vor massiven Aufgaben, aber der Eindruck ist eher, daß die Mehrzahl Salims sind. Das will ich nicht als Stigma verstanden wissen, sondern als Beschreibung von Realität.

      Ob die Integration funktioniert haben wird, wird sich letztlich erst sagen lassen, wenn die Frage der Loyalität im Konfliktfall im Raume gestanden hat.

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      • chö schreibt:

        Ich behaupte, dass eine objektive Wahrnehmung in dieser Sache kaum möglich ist. Dein Auszug aus der „Welt“ ist doch ebenso extrem selektiv, weil er Modethemen behandelt. Eine objektive Datenerhebung ist aufwändig und teuer und wird vermutlich kein klares Bild ergeben. Niemand wird sagen können: „Ich hab’s doch gesagt.“

        Nehmen wir doch mal den Fußball als Spiegel der Gesellschaft: Dort gibt es die Asamoahs, Cacaus, Özils, Gündogans, Cans und Boatengs. Der Cacau hat zwei Monate nach seiner Einbürgerung in Stuttgart sogar als Bürgermeister kandidiert. Özil lässt sich medienwirksam vor der Kaaba fotografieren, sagt dann aber, er kann während der WM beim Ramadan nicht mitmachen, weil er ja arbeiten müsse. Tiefenpsychologisch sind das doch Vorbilder. Wenn der Özil das darf, darf ich das auch. Der verdient schließlich auch Millionen und hat die geilsten Chicks der Welt, die seinetwegen sogar zum Islam konvertieren.

        Die These der Verschleifung der Religiösität hatte ich schon an anderer Stelle formuliert und ich sehe mich immer wieder darin bestätigt. Die Verlockungen des Westens, sobald man hier seine Grundbedürfnisse befriedigen kann (Maslow …), sind m. E. zu groß, um im Durchschnitt einen strengen Glauben jedweder Art praktizieren zu können. Klar, direkt nach der Ankunft gibt der Glauben Halt, ist etwas Bekanntes in einer ansonsten unbekannten Welt, insbesondere wenn man allein gekommen ist. Aber je länger die Menschen hier sind und sich „eingelebt“ haben, macht ihnen die hiesige Realität einen Strich durch die Rechnung.
        (Vater und Sohn gehen ins Kino zu „Star Wars“. Nach dem Film fragt der Sohn: „Papa, warum gibt es bei Star Wars keine Moslems?“ – „Weil er in der Zukunft spielt!“)

        Mein Palästinenser will ein guter Muslim sein, aber ich habe ihn noch nie beten sehen und er hat sich bisher nur abgemeldet, wenn er zur Ausländerbehörde musste. Im öffentlichen Raum betet ja hier auch sonst niemand. Also betet er nicht, _weil_ er nicht stigmatisiert werden will? Er trägt keinen Koran bei sich, dafür aber ein Liebesbekenntnis seiner Frau (auf englisch), das er mir freudestrahlend gezeigt hat.

        Mich würde mal interessieren, wie das im Einwanderungsland USA ist. Auch da wird es jegliche Ausprägung geben, aber dass die dortige Gesellschaft vor der Zerreißprobe steht, scheint mir nicht gerade der Fall zu sein. Hat man dort einfach nur ein paar Jahrzehnte Vorsprung?

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        • Daß Özils Leben auch diese Wirkung auf junge Muslime haben kann, ist aufmerksam beobachtet, bestätigt aber nur, daß Integration und Assimilation und Ankommen überhaupt kein streng ausgerichteter Prozeß ist. Abschleifungen wird es geben, Abstumpfungen und Versumpfungen aber eben auch Verschärfungen verschiedenster Art. Auf eine generelle Verschleifung zu hoffen, ist m.E. naiv. Dazu gibt es im Übrigen genügend empirisches Material, objektive Datenerhebungen – die ich hier auch in Auszügen mehrfach präsentiert habe -, die beweisen, daß es in den muslimischen Gemeinden eine starke Rückbesinnung auf den Glauben gerade nach längerem Leben im Westen gibt, selbst über Generationen hinweg. Auch dafür ist das Ursachengeflecht komplex und Stigmatisierung spielt eine Rolle, keine Frage. Ein gewisses Grundvertrauen braucht jeder und wenn man das nicht spürt, nur weil man Muslim ist, dann besteht die Gefahr der self-fulfilling prophecy.

          Wir dürfen die verheerende Wirkung der westlichen Dekadenz nicht unterschätzen. Weiber, Auto, Konsum … das mag verführen, aber das sind keine Werte, die die „religiöse Notdurft“ (Marx) befriedigen können. Gerade diejenigen, die sich besonders tief in diesen Sumpf begeben haben, ziehen sich an den religiösen Haaren dort wieder heraus und manchmal – siehe Paris und Nizza – auch bis zur Selbstauslöschung.

          Auch darf man die geistige Struktur, die Prägungen nicht vergessen: Menschen, die in Stammes-, Clan- und Familienstrukturen aufgezogen wurden, werden die „Stimme des Blutes“ deutlicher hören als wir uns das vorstellen können. Gerade in Palästina spielt das eine große Rolle. Die Religion kann zudem die Scheinloyalität legitimieren …

          Es ist hyperkomplex und das sind nur ein paar einzelne Punkte. Hoffen möchte ich das auch, daß du recht hast – aber der Verstand weigert sich. Vielleicht auch das eine Generationenfrage …

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