Einer, der es wissen muß …

Oh, East is East and West is West, and never the twain shall meet, Till Earth and Sky stand presently at God’s great Judgment Seat …

… ist Rudyard Kipling (1865-1938) gewesen. In Indien geboren, im heutigen Pakistan gelebt, ein Weltreisender, der den Kontakt mit anderen Kulturen immer gesucht hatte. Man kennt ihn heutzutage fast nur noch wegen seiner Kinderbücher („Dschungelbuch“, „Kim“), zu Lebzeiten galt er als einer der Meister der Kurzgeschichten, für die er auch den Nobelpreis erhielt.

„The return of Imray“ ist so ein Kleinod, wundersam erzählt, ganz und gar britisch ironisch, zugleich düster und unheimlich, vor allem aber mit einer entscheidenden Aussage.

Der junge und erfolgreiche Kolonialoffizier Imray verschwindet plötzlich über Nacht und alle Nachforschungen im ganzen Land führen ins Nichts. Also wird sein indischer Bungalow verkauft, der eiskalte Strickland nebst einem riesigen Hund zieht ein. Aber das Verhalten des Tieres verändert sich; etwas bleibt mysteriös an diesem Haus.

Der Erzähler, der für einige Tage Gast Stricklands ist, wird Zeuge einer seltsamen Szene. Zwei sich liebende Schlangen hängen von der Decke. Um sie zu fangen, kriecht Strickland in den dunklen Deckenbereich aus Bambusstämmen und Deckentuch. Herunter fällt, zusammen mit den giftigen Tieren, der Leichnam Imrays, die Kehle von einem Ohr zum anderen aufgeschlitzt.

„Imray was guileless and inoffensive, wasn’t he?“, meint Strickland und doch mußte er sterben. Schnell überführt er den langjährigen Diener des Hauses, „Bhadur Khan, a great green turbaned, six-foot Mohamedan.“ Der wiederum gesteht, daß ihm keine andere Wahl geblieben sei, nachdem Imray seinen vierjährigen Sohn mit „dem bösen Blick“ gestraft hatte. Als der Junge an einem Fieber litt, strich Imray ihm liebevoll über den Kopf – in den Augen des Inders ein Sakrileg, das den Tod des Kindes besiegelte.

„Imray made a mistake. Simply and solely through not knowing the nature of the Oriental, and the coincidence of a little seasonal feaver. Bahadur Khan had been with him for four years.”

Auch nach Jahren des Zusammenseins und der scheinbaren Vertrautheit – das will uns Kipling aus eigener Erfahrung sagen – kann es ein wirkliches Verständnis zwischen den Kulturen nicht geben, und ein einfacher „Fehler“ kann fatale Folgen haben. Es wäre Nonsense, Kipling mit modernen Begriffen wie “Rassismus” oder “Eurozentrismus” und dergleichen zu belegen. Kipling wußte, wovon er sprach. Mag diese Geschichte in ihrer Konkretheit erfunden worden sein, so gibt sie doch eine Hauptlehre des Weitgereisten wieder. In seinen berühmten poetischen Worten lautet sie:

Oh, East is East and West is West, and never the twain shall meet,

Till Earth and Sky stand presently at God’s great Judgment Seat;

Doch geht die Balladenstrophe weiter und auch diese Aussage darf nicht vergessen werden. Ist die Begegnung auf Augenhöhe auch in der Abstraktion auf lange Zeit unmöglich, so kann sie individuell, in sicher seltenen Fällen, gelingen, wenn beide Seiten stark, selbstbewußt und aufrecht sind:

But there is neither East nor West, Border, nor Breed, nor Birth,

When two strong men stand face to face, though they come from the ends of the earth!

Rudyard Kipling: Life’s Handicap. Being Stories of Mine Own People.

Wie aktuell diese Geschichte ist, zeigt ein Interview in der Basler Zeitung: Unsere Politik ist oberflächlich und dumm

3 Gedanken zu “Einer, der es wissen muß …

  1. „When two strong men stand face to face“ – das ist der springende Punkt! Wenn allerdings einer der beiden (meint: der Westen) schwach ist, ahnungslos, voller Selbstverachtung, bis hin zu „flamboyant dishonor“ (Jack Donovan), dann ist weder Krieg noch Frieden möglich, sondern bloß ihre halbherzigen und üblen Schrumpfformen: Invasion, Okkupation, „friedensstiftende Maßnahmen“, Besatzung, Verwaltung, Käuflichkeit, Raub. „Flamboyant dishonor“ ist der selbstsüchtige Stolz auf das eigene Unvermögen, das Vor-sich-her-Tragen der Kampfunfähigkeit und -unwilligkeit, Männer, die keine Männer sein wollen sondern gegenderte “ letzte Menschen“.

    Liken

    • Pérégrinateur schreibt:

      Etwas pointierter von Goodnight,

      http://blogs.faz.net/deus/2016/07/17/wie-man-gegen-satirische-journalisten-stasi-opfer-und-die-polizei-hetzt-3517/

      20. Juli 2016 um 07:05 Uhr

      Ich zitiere:

      „Wie reagiert eine von jungen Männern dominierte Welt auf eine Putsch?
      Mit Säuberungen und dem Ruf nach der Todesstrafe.

      Wie reagiert eine von Frauen dominierte Welt auf ein Attentat?
      Mit Therapieangeboten und dem Ruf nach mehr Entgegenkommen, Toleranz und Liebe.

      Irgendwo dazwischen, zwischen Testosteron und Östrogen, gab es mal eine Welt, wo wir keinen dummen Tiere waren, wo der Verstand bestimmte.

      Nannte sich Moderne.“

      Liken

    • Muß man den Donovan nun wirklich lesen? Habe eigentlich keine Lust darauf udn das Gefühl, eigentlich schon zu wissen, was da steht. Und dann: Warum auf Deutsch? Sind die beiden Nachworte wirklich so sensationell?
      Stellen Sie ihn doch mal kurz vor, wenn Sie wollen … hier oder drüben …

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.