Aus den Augen, aus dem Sinn

Nein, daran werde ich mich wohl nie gewöhnen. Je öfter es passiert, umso weniger.

Da lernt man fremde Menschen kennen, besucht sie, lernt mit ihnen, versucht ihnen zu helfen, kommt sich schließlich menschlich näher, umarmt sich, küßt sich, baut eine Art Freundschaft auf – wer der andere Mensch im Grunde genommen ist, wird freilich aufgrund der vielen Differenzen auf ewig unbekannt bleiben –, ist auch traurig, wenn er geht … und dann, mit einem Mal: nichts. Nichts mehr. Kein Wort, kein Brief, keine Mail, kein Anruf, nichts. Verschwunden, woanders, vergessen?

Ich weiß es nicht. Schnell steigt das Wort „Undankbarkeit“ auf, aber ich vermute, das trifft es nicht. Keiner weiß, was im anderen wirklich vorgeht. Mir scheint, es ist die Tradition und auch die Religion. Diese Menschen leben viel mehr im Hier und Jetzt. Sie planen kaum und sie schauen auch wenig zurück. Sie leben immer in der unmittelbaren Konfrontation mit der Gegenwart und überlassen alles andere ihrem Gott. Der sorgt für alles und falls nicht, dann hat er seine Gründe dafür. Muß man akzeptieren. Vielleicht ist das sogar die bessere Sichtweise.

Aber gewöhnen werde ich mich daran wohl nicht. Man kann sich nur wappnen.

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8 Gedanken zu “Aus den Augen, aus dem Sinn

  1. Wissen Sie, daß Sie mit dieser unnachahmlichen Kombination aus Flüchtlingshilfe und rechten Gedanken, Beobachtungen, Humor, mir irgendwie nicht mehr aus dem Kopf gehen? Ich habe nämlich einen ziemlichen Hänger mit dem Widerspruch zwischen grundsätzlichen Einsichten und den sehr konkreten Zumutungen, Aufforderungen, Selbstverständlichkeiten in meinem Freundeskreis. Beispiel? Bin gerade in Brandenburg im Urlaub. Der Ort hatte früher mal 30 Einwohner, jetzt 120, 90 kommen aus Syrien, Unterkunft in einer anderen Bungalowanlage. Der Betreiber unserer Ferienanlage ist ein alter Linksradikaler, ich darf mich über Kleber an der Türe mit „Schöner leben ohne Nazis“ freuen. Dieser hat nun die Flüchtlinge zum Fahrradreparieren und auch für ein „syrisches Buffet“ beschäftigt, Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Am besten verhalten verhalten ;-), denn es ist für alle Anwesenden außer mir völlig fraglos klar, daß das alles super gut ist. Ich kann doch nicht einerseits die Manipulationsmechanismen durchschauen, andererseits fröhlich daran teilnehmen. Oder muß man das wie beim McDonald’s halten? Wissen, daß das globalisierter Scheißkapitalismus ist und trotzdem mitunter mit den Kindern Burger essen gehen? Ich bekomme diesen Widerspruch im Moment nicht gelöst. Was bedeutet das „sich wappnen“ am Ende Ihres Textes?

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    • Sich wappnen bedeutet in diesem Zshg., aus der Erfahrung lernen. Wenn ich weiß, daß das oft so ist – es gibt auch, wie immer, eine Ausnahme -, dann bin ich darauf vorbereitet und arbeite an meinen Erwartungen. Dabei sind Erwartung ohnehin in jeder Hinsicht problematisch, im Falle der Dankbarkeit ganz besonders, weshalb ich sie seit eh und je zu beherrschen versuche.
      Zu dem von Ihnen angesprochenen Widerspruch wird in den nächsten Wochen ein Beitrag kommen. Wahrscheinlich hat der Mann in seinem Tun aber recht – auch aus einem falschen Bewußtsein kann eine richtige Handlung erwachsen. Tatsächlich sehen Linke die Flüchtlinge oft als eine Art Heilsbringer, eine Art Utopieersatz (wie Sie das ja selbst schon geschrieben haben, wie es Kleine-Hartlage herausarbeitete …) und verpassen damit den eigentlichen Zugang, bauen sich ein Bild und sind dann verstört, wenn mal was passiert.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Sie hatten unlängst von einem Kleidungs-Transportauftrag über mehrere Staaten hinweg berichtet, der geklappt hat, und worauf die Gegenseite im Vorhinein wohl auch völlig vertraut hat; ich weiß nicht mehr, ob es sich um Verwandte oder bloße Dorfgenossen handelte. Ich spekuliere mal.

    Je nachdem, wie intensiv die Beziehung zu dieser Partei, gemessen in gemeinsamer Zeit oder anderen objektiven Maßen, im Verhältnis zu dem zu Ihnen hier je war, könnte ein tribales Verhaltensmuster vorliegen. Wieviel mehr Zeit muss man mit einem Freund verbracht haben, bis er einem soviel gilt wie jemand aus der eigenen Familie? Wieviel mehr Zeit mit einem anfangs Wildfremden, bis er soviel zählt wie einer aus der Abstammungsgemeinschaft? Kann das überhaupt gelingen, oder bleibt da immer eine Mauer?

    In vielen Sprachen ist das generische Wort für Mensch der Name der eigenen Ethnie. Deren Grenze kann emotional auch völlig unüberwindlich sein. Es gab Berichte aus dem somalischen Bürgerkrieg, wonach man dort gegenüber dem Leid des anderen völlig gleichgültig sein konnte, sofern der nicht zum eigenen Großstamm gehörte. Der Begriff der Menschheit ist jedenfalls sicher nicht universell-menschlich.

    Kulturen können die ihnen Angehörigen bis ins Biologische prägen. Zum Beispiel führen durch die soziale Konvention erzwungene späte Geburten zu einer höheren Rate von Zwillingen. Oder die Milcheiweißverträglichkeit bei Viehzüchtergesellschaften. Womöglich (meine unkorrekte Spekulation) selektieren lange Staaten mit starker sozialer Kontrolle auch die zu „Unrunden“ mit der Zeit stark aus  – die Betreffenden werden schnell Galgenvögel, ihre evolutionäre Fitness ist kleiner. Die immigrierten Chinesen in Australien sollen nur ein Fünftel der Kriminalitätsrate der vorher Ansässigen zeigen, das mag nicht nur an sozialen Faktoren wie am Wohlstand liegen. Dort hätte die Evolution ja über 100 Generationen Zeit gehabt. Vielleicht spielt bei der deutschen Dozilität gegenüber dem hochweisen Staat Ähnliches hinein.

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    • Meine Überlegungen gehen in eine ähnliche Richtung. Hinzu kommt ein religiöses Element – dazu kommt noch was. Aber wer weiß, vielleicht haben sie auch nur andere Sorgen und zu viel erlebt, um diese Phase des Lebens als so wichtig anzusehen. Vielleicht sind sie für mich wichtiger als ich für sie. Fakt ist: es gibt ganz fundamentale Verständnisprobleme, die man auch willentlich nicht abbauen kann. Das ist der große Selbstbetrug der Integration: davon auszugehen, daß man mit etwas „gutem Willen“ unsere Maßstäbe und Strukturen jedem eintrichtern könne. Das geht nicht, selbst beim besten Willen nicht: http://bazonline.ch/das-beste-aus-der-zeitung/unsere-politik-ist-oberflaechlich-und-dumm/story/10516475

      Man hätte das z.B. von Rudyard Kipling lernen können und unzähligen Reisebeschreibungen …
      ———————————-
      Vor meinem Fenster gerade ein Pärchen Rotrückenwürger – zum ersten Mal! Endlich haben die dicken Schlehenhecken ihre Wirkung. Muß gucken gehen …

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Eine einschlägige modernere Reisebeschreibung, Ihnen bestimmt schon bekannt, aber vielleicht interessiert’s den einen oder anderen Mitleser:

        V.S. Naipaul, Among the Believers

        Auf Deutsch als Taschenbuch unter dem Titel „Eine islamische Reise“ erschienen, aber anscheinend vergriffen.

        Die beschriebene Reise durch islamische Länder unternahm Naipaul unmittelbar nach dem Schahsturz. Er schildert recht eindringlich, wie gerade durch die Moderne sich entwurzelt Fühlende Gefallen finden an einem rigiden Islam, dem ihre Altvorderen in WIrklichkeit gar nicht anhingen. Man will nur „zurück“ zur Reinheit einer islamischen Urzeit, der Rest ergebe sich dann von ganz allein. Als Bildungsinhalt genügen deshalb Islam und Hadithen, Hauptbeschäftigung ist danach Regelobservanz. Keinerlei Pragmatismus. Das geht natürlich auf mittlere Sicht allenfalls in Staaten mit Ölrentenökonomie gut, auf längere wohl nirgends. Der Ausweg ist dann wohl weitere Radikalisierung.

        Dergleichen dogmensichere Geisterfahrerei gibt es aber auch woanders …

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  3. chö schreibt:

    Ist das denn nicht aber ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das zwangsläufig aus der Globalisierung, der modernen Beliebigkeit und Mobilität heraus entsteht? Maßt man sich selbst eine zu hohe Wichtigkeit an? Oder befinden sich beide Parteien auf völlig unterschiedlichen Stufen in der Maslowschen Motivationspyramide?

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    • Wird dich jetzt wundern, aber die Frage habe ich mir so noch gar nicht gestellt. Ad hoc: Ja, sicher, Beziehungslosigkeit mag allgemein zunehmen, aus vielen Gründen. Daß ich mir die Frage so nicht gestellt habe, zeigt jedoch, daß es doch etwas anderes ist, ob mir ein klassischer Freund oder eine Bekanntschaft verloren geht. Erstens gibt es da selten dieses einseitige Geben-Nehmen-Verhältnis, in dieser Deutlichkeit nicht, und zweitens spüre ich schon einen „kulturellen“ Graben, also die Ahnung, daß man dem anderen Menschen nie wirklich nahe sein wird, ihn nie wirklich verstehen wird, auch wenn man sich nahe wähnt. Die Sprachen, die Codes, die Prämissen sind zu unterschiedlich. Das bedürfte langer Jahre und sehr intensiver Auseinandersetzung, inklusive Sprachbeherrschung möglichst in beide Richtungen, um das zu überwinden.
      Die Anmaßung liegt sicher in der Erwartung, da ist was dran. Ich will auch keine Schuld zuweisen, nur auf die Kluft hinweisen.
      Das auf die Schnelle und nach zwei Gläsern – ich schlafe noch mal drüber.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Die Neuankömmlinge sind sicher weniger von einer gemeinschaftsauflösenden westlichen Modernität geprägt. Daran gemessen, müsste vielmehr unser Gastgeber leichthin Abschied nehmen. Und wenn es an der langen Reise liegen sollte: Würde man nicht eher mit fortdauernder Affinität zum ersten Ankerplatz in der Fremde rechnen?

      Zu sagen, ein Phänomen sei nur Teilphänomen eines anderen, liefert allenfalls dessen Klassifikation, aber keine kausale Erklärung, jedenfalls in Wirklichkeitsbereichen, zu denen es keine wissenschaftlichen Erklärungen nomologischer Art gibt, die an der Klassifikation ansetzen könnten. Es ist oft nur eine Erklärungs-Flucht in eine Abstraktion, mit der man sich dann zufriedengibt, insofern sie ein vertrautes Etikett liefert, obwohl sie dabei vager und unverstandener sein kann als das Einzelphänomen. Sozusagen ein säkularer „unerforschlicher Ratschluss Gottes“, mit dem man sich als religiöser Mensch ganz ähnlich zufriedengibt. Unser innerer Heuristik-Zwang ist stark, aber manchmal auch überraschend einfach zu befriedigen.

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