Der Niedergang der Presse

Es gab eine Zeit, in der man sich aus Überzeugung ein bestimmtes Blatt hielt. Politiker, Geschäftsleute, Intellektuelle, die einen umfassenden Blick haben wollten, lasen gleich mehrere Gazetten: den „Spiegel“, die „Zeit“, die „Welt am Sonntag“ als Wochenzeitungen und die „FAZ“, die „Süddeutsche“, die „Welt“ und vielleicht auch die „TAZ“ als Tageszeitungen. Das war durchaus sinnvoll, denn kein Blatt war wie das andere. Nicht nur unterschieden sie sich durch die politische Ausrichtung und einen eigenen Ton, nein, sie brachten auch unterschiedliche Nachrichten. Es gab investigativen Journalismus – befähigte Mitarbeiter mit fachlichen Kompetenzen und einer eigenen Feder recherchierten oft wochen- oder monatelang, um dann ein Knallbonbon zum Platzen zu bringen. Und was der eine brachte, war für den anderen Tabu. So garantierte Wettbewerb Qualität.

Spätestens nach der Machtübernahme des Internets sind diese Zeiten vorbei. Heute, so hat es den Anschein, besteht die Orientierung des Journalisten nicht mehr im Raum, sondern in der Zeit. Nicht Tiefe oder Labyrinth, sondern Schnelligkeit ist die Zentralkategorie. Man hat den Eindruck, als sitze man in den Redaktionsstuben nur noch am DPA-Ticker, um ja als erster, mit einem Vorsprung von wenigen Minuten oder Sekunden, die Nachricht in die Welt plärren zu können. Oft steht dann „Eilmeldung“ – man weiß noch nichts, aber man muß schon berichten. Alle berichten das gleiche.

Mit dem Willkommenskultursommer wurde zudem die inhaltliche Gleichschaltung evident. Zwar gab es noch immer vereinzelte charakteristische Stimmen – nur weil es sie gibt, kann Klonovsky (vom 15.7.2016) sie so trefflich parodieren –, die Botschaft, die sie auf verschiedene Weise verkündeten, wurde zunehmend ununterscheidbar, von einigen seltenen defätistischen und pseudo-legitimierenden Gastbeiträgen, die die Meinungsvielfalt vortäuschen sollten, unterbrochen. Nehmen wir nur die Spiegel-Kolumne: Jakob Augstein, Sascha Lobo, Margarete Stokowski, Sibylle Berg, Georg Diez – alle haben einen eigenen Stil, aber seit einem Jahr sind ihre Beiträge vorhersagbar wie der Sonnenuntergang und nur durch geringfügige inhaltliche Differenzen zu unterscheiden. An dieser Phalanx läßt sich die unsägliche Linkslastigkeit der Zentralmedien, die an anderer Stelle bereits analysiert wurde, wunderbar vorführen.

Nun fährt die Journaille die Ernte ein, die sie selbst gesät hat, nun kippt der Kahn, auf dem alle nach Backbord laufen. Die Verkaufszahlen brechen massiv ein. Das Volk traut seiner Presse nicht mehr und auch die Redakteure sind plötzlich gezwungen, das ungeliebte Spiel mitzuspielen.

Ich stelle mir vor: Ein Beitrag wie dieser – Linken-Politiker setzte sich für Bleiberecht von Syrer ein –, den alle Medien brachten, muß fürchterlich geschmerzt haben. Darin wird berichtet, daß die Abschiebung des späteren Selbstmordattentäters von Ansbach von einem Bundestagspolitiker der Linken verzögert wurde, damit Mohammed Daleel seine Therapie zu Ende führen darf.

Daran ist an sich nichts verwerflich und niemand konnte ahnen, wozu der Mann in der Lage sein würde. Darüber hinaus ist die Nachricht unbedeutend und vergleichsweise irrelevant. Aber der Beitrag heizt natürlich die empfindsame Stimmung an und stellt einen unausgesprochenen Zusammenhang zwischen linker Willkommenskultur und Terrorgefahr her, genau jenen Konnex also, den man bisher herzustellen mit allen Mitteln vermeiden wollte. Aber weil nicht mehr Raum, sondern Zeit das entscheidende Kriterium der Pressearbeit ist und weil man weiß, daß die Meldung ohnehin auf anderen Kanälen verbreitetet werden wird, und weil man auch weiß, daß ein Verschweigen der Meldung als Beweis für die „Lügen- oder Lückenpresse“ wird herhalten müssen, ist man gezwungen, zähneknirschend, wie ich vermute, diese Meldung so zu bringen.

Und damit fährt die Presse die Ernte jener Saat ein, die seit letztem Sommer von ihr ausgesät worden war. Die Presse schafft sich ab.

 Zur Vertiefung: Das rote Mehr

 

 

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3 Gedanken zu “Der Niedergang der Presse

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Es wird immer Menschen geben, die eine Meinung haben, aber sich diese nicht selbst erarbeiten wollen. Außerdem werden die meisten immer Konformisten sein. Journalisten werden ja schon seit langem als unglaubwürdig angesehen, und selbst unter den tumbsten Bildzeitungslesern war wohl stets die Mehrheit der Ansicht, vom Blatt angelogen zu werden. Trotzdem lasen sie es stets fleißig.

    Das Streben nach Wahrheit ist wohl nur eine unbedeutendere Leidenschaft des Menschengeschlechts und der Meinungswechsel vollzieht sich allzu oft in der Gestalt einer Glaubenskonversion. Aus diesen Gründen scheint mir das „Geschäftsmodell Meinungsvortanzen“ vom Konsumenten- wie vom Produzenteninteresse her Zukunft zu haben. Vielleicht wird es anders ausgerichtete Zeitungen geben, bessere aber wohl kaum.

    PS: „Aber weil nicht mehr Raum, sondern Zeit das entscheidende Kriterium der Pressearbeit ist …“ – Über die etwas abstrakte Paarformel stolpert man zunächst, besser wäre wohl „Platz“ statt „Raum“.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Zur Zeit meines Studiums ging ich gerne ins Kino. Man fragt sich zuvor natürlich immer, ob dieser oder jener Film wohl etwas taugen würde. Mit der Zeit hatte ich aber meine Gewährsleute, auf die ich mich ziemlich gut verlassen konnte, wenn eine solche Entscheidung anstand. Waren sie vom Film angetan oder bezeichneten sie ihn sogar als „wichtigen Film“ – Übersetzung: Hab zwar nicht verstanden, aber irgendwie tief und überhaupt loben alle den Regisseur – dann ersparte ich mir die Ausgabe ohne Bedenken.

    Ich lese derzeit mehr in der Presse als früher, um die Schreiber zu eichen. Selbständiges Urteil und Mut zur Wahrheit zeichnen sich nun mal am besten in Situationen ab, wo fast alle meinen, mit den Wölfen heulen zu müssen oder dies sogar aus Überzeugung tun. Nun bekomme ich Gewährsleute in Hülle und Fülle dafür, wessen Artikel zu lesen sich lohnen könnte.

    Die Methode taugt recht allgemein. Eine außenpolitische Handlungsempfehlung von Bernard-Henri Lévy – vorzüglich zu gebrauchen! Das liegt daran, dass er Philosoph ist, also einer, der instinktiv weiß, was richtig ist, und dann auch noch gleich lospredigen kann. Weshalb die entsprechenden Werke in den heutigen Provinzstadtbuchhandlungen nun wirklich trefflich zwischen Lebenshilfe, mitnehmender Theologie, dem Gesang der Wale und Schüsslersalzen ihren passenden Platz finden können, wo man dort bekanntlich alles einschiebt, was mit [fɪ​ː​] zu tun hat. In Frankreich leider meist falsch eingestellt unter Bestsellern.

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  3. Dazu paßt die Neuerscheinung „Der Weg in den Mainstream. Wie linke Journalisten den Ton angeben“, such mal unter http://www.antaios.de, kostet 5€, ich hab’s noch nicht.
    Und vieles sehe ich im Moment als letztes Aufbäumen, siehe mein Nihilismus-Text oder wie die taz mit Sahra Wagenknecht umspringt!

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