Röhm – Kirow – Gülen

Es wäre jedoch zu oberflächlich, die mörderischen und selbstmörderischen Maßnahmen Stalins allein mit Herrschsucht, Grausamkeit, Rachsucht und anderen persönlichen Eigenschaften zu erklären. Stalin hat schon längst die Kontrolle über die eigene Politik verloren. Die Bürokratie insgesamt hat die Kontrolle über die eigenen Selbstverteidigungsreflexe übernommen. (Trotzki: Stalins Verbrechen)

Die Parallelen sind einfach zu auffällig, als daß man nicht ein wenig Geschichtsesoterik betreiben dürfte.

Wir sind soeben Zeuge eines seltsamen historischen Ereignisses geworden, das schnell mit dem Etikett „Putsch“ bedacht wurde. Teile der türkischen Armee versuchten strategische Punkte in Ankara und Istanbul zu besetzen unter dem Vorwand „die verfassungsmäßige Ordnung, die Demokratie und die Menschenrechte wiederherzustellen.“ Die Welt schaut live zu und wundert sich.

Was tatsächlich vorgefallen war, offenbart vielleicht die Geschichte und nicht die Gegenwart.

Im Sommer 1934 ließ Hitler in einer Nacht- und Nebelaktion die SA enthaupten, indem er ihr die Köpfe abschlug. Als Vorwand galt ein unmittelbar bevorstehender Putsch: der Röhm-Putsch. Ob es ihn tatsächlich gegeben hat, darüber streitet die Geschichtswissenschaft noch heute. Tatsächlich war die SA mit vier Millionen Mitgliedern ein ernstzunehmender Machtfaktor geworden und Ernst Röhms Vorstellungen von der „Nationalsozialistischen Revolution“ unterschieden sich deutlich von denen Hitlers. Röhm wollte nach der Machtkonsolidierung, die Hitler unvorstellbar schnell gelungen war, eine „zweite Revolution“, er wollte Hitler links überholen und den „sozialistischen“ Gründungsgedanken der Bewegung wiederbeleben. Es verdichteten sich Anzeichen einer Revolte gegen Hitler, aber Röhm war zu naiv und freute sich über die angesetzte Aussprache der SA-Führung mit dem Reichskanzler. Der jedoch hatte anderes im Sinne: Mit einem Schlag wurde die Führungsriege beseitigt, zumeist ermordet, die SA als politische Kraft kastriert.

Hitler war großzügig und zählte unter die unliebsamen Gegner auch politische Größen ganz anderer Observanz. Er nutzte den Röhm-„Putsch“ zum Rundumschlag – ihm fielen auch Kurt von Schleicher, Gregor Strasser und Edgar Julius Jung zum Opfer, um nur einige bedeutende Namen zu nennen.

In Moskau verfolgte man die Ereignisse genau und zog eventuell eigene Schlüsse. Zwar gab es keinen Putsch, doch war die kometenhafte Karriere Sergej Kirows Stalin wohl ein Dorn im Auge. Auf dem 17. Parteitag der KPdSU wurde die geheime Wahl zum Zentralkomitee eine Demütigung für Stalin: fast 300 Delegierte stimmten gegen ihn, wohingegen Kirow mit nur drei Gegenstimmen ein Traumergebnis einfuhr. Zehn Monate später war Kirow tot, im Leningrader Smolny niedergeschossen von einem eifersüchtigen Ehemann, dem Kirow wohl Hörner aufgesetzt hatte – Gerüchte, daß Stalin diesen Mord beauftragt hatte, starben nie aus. Am 1.12.1934 wurde die trotzkistisch-sinowjewsche Verschwörung geboren. Die Chance war jedenfalls zu gut, um nicht politisch instrumentalisiert zu werden. Mit großem Pomp trug Stalin höchstpersönlich den Sarg Kirows an die Kremlmauer um danach eine Säuberungsaktion unbekannten Ausmaßes, die sich über Jahre und in mehreren Wellen über das Land ergoß, zu inszenieren. Schnell wurde eine hanebüchene Geschichte um eine Verschwörung gebastelt; sie stand, wie Bruno Laqueur schrieb, am Anfang des „Großen Terror“, dem u.a. die gesamte leninsche Parteiführung und weite Teile der sowjetischen Armeeführung zum Opfer fielen.

In beiden klassischen „Putschen“ – man könnte den Reichstagsbrand vielleicht noch dazu zählen – folgte, wie Stalin-Biograph Robert Payne es nannte, das „Ritual des Terrors“. Trotzki hatte in mehreren luziden Analysen die bürokratische Verselbständigung des stalinistischen Terrors vorausgesagt und beschrieben, dem er 1940 im mexikanischen Exil selbst zum Opfer fiel.

Putsch hin oder her – es muß keinen gegeben haben, um sich seiner zu bedienen. Der Putsch in der Türkei enthält fast alle Ingredienzien für eine Verschwörungstheorie und es dauerte nur Stunden, bis die ersten Beobachter von einer Inszenierung sprachen. Dilettantisch vorbereitet und durchgeführt; die Angst und Unsicherheit der Soldaten konnte jeder am Bildschirm sehen; Erdogan nicht in seinem Hotel, als es bombardiert wurde; dafür aber schnell an der Telefonstrippe, die Massen zu mobilisieren; diese auch sofort zur Stelle …

Auch wenn die tatsächlichen Abläufe – wie fast immer, wenn es um Theaterputsche geht – vielleicht nie ergründet werden … es ist vor allem Erdogans Nachbereitung, die stutzig macht und Sorge bereiten sollte. Noch während Soldaten nach der Waffenniederlegung von Patrioten gelyncht wurden, weiß Erdogan schon, wer dahinter steckt: Fetullah Gülen, ein erzorthodoxer Islamist und das, obwohl sich die „Putschisten“ als Kemalisten und Säkularisten zu erkennen gaben. Gülen ist für Erdogan, was Trotzki für Stalin war.

Sogleich wurden 2700 Richter abgesetzt, es gab 6000 Verhaftungen ganz im Stile des NKWD und Nachfolgeorganisationen, die ihre Transportlisten auch nie trocken werden ließen. Erdogan spricht von einem „Gottesgeschenk“ und in der Tat sind sich die Analysten alle einig: Es gibt nur einen Gewinner und die Lage ist so eindeutig, daß man schlimme Gedanken hegen kann.

Aber das könnte zu kurz gedacht sein. Innerhalb von Stunden sind Konflikte mit den USA, Griechenland, Deutschland und Europa entstanden. Der schnelle Ruf nach Rache und Todesstrafe sollte aufmerksam registriert werden. Auch das Vokabular – von „Säuberung“ ist die Rede, von „Viren“ und „Metastasen“ – darf man nicht überhören. Das alles wäre weniger bedenklich, wenn wir nicht von einem Nato-Partner sprächen, von einem – wenn es nach Merkel geht – Bald-EU-Land, von einem Aktionär, an dessen Wohlwollen das politische Schicksal Europas hängt.

Kurz und gut: Wir wissen nun endgültig – und das ist die gute Nachricht –, sowohl im historischen Vergleich als euch in der Interpretation der Zeitgeschehnisse, wer dieser Mann ist: ein Despot, ein Diktator, ein Verbrecher, ein Islamist …, an dem es kein Attribut gibt, das ihn und das von ihm regierte Land prädestiniert, Mitglied der Europäischen Union zu werden. Diesen Wahnwitz kann man nun endlich beenden; eine Türkei in der EU wäre der letzte Sargnagel. Vielmehr sollte man sich Gedanken machen, wie man mit den Millionen Erdogan-Anhängern (und Erdogan-Gegnern) im eigenen Land umgehen will, die eine politische Macht sind und mithilfe der Islam-Verbände und einer eigenen Partei noch mehr Macht anstreben.

Fazit: Röhm-Kirow-Gülen ist nur ein Spiegelbild, die Parallele einer anderen Reihe.

2 Gedanken zu “Röhm – Kirow – Gülen

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Ich würde über Dinge, über die ich nach meinem Eindruck noch nicht ausreichend erfahren habe, lieber nicht vorschnell urteilen wollen. Nach meinem Eindruck schaut auch die deutsche Presse bei der Sache noch nicht recht durch, ohne sich deshalb allerdings den Zwang anzutun, eine in der Sache nicht zureichend begründete Parteilnahme auch nur leidlich zu verhehlen. Der Vergleich, mit dem dieser Artikel betitelt ist, ist sicher zu erwägen, aber es ist noch nicht zu entscheiden, ob er auch triftig ist.

    Bei Erdoğan wie etwa auch bei Putin habe ich den Eindruck, dass ganz nach der Schmittschen Theorie des Politischen das Primäre die Feinderklärung war. Der folgt dann die Presse mit ihrem allezeit moralistischen Rauchvorhang. Man beachte dazu auch diese verräterische Personalisierung, dämonisierende Darstellungen im Bild usw. Da werden die uns Menschen nun einmal eigenen kognitiven Verzerrungen und emotionalen Anfälligkeiten bespielt mit den seit dem Ersten Weltkrieg notorischen propagandistische Stratagemen, welche ja inzwischen vorzüglich beherrscht werden, um eine dem größtenteils averse Bevölkerung konflikt- und gegebenenfalls sogar kriegsbereit zu machen.

    Die russische Regierungselite ist mehr als Putin, um dessen oft diskutierten psychischen Zustand ich mir übrigens weniger Sorgen machen würde als um den von Frau Merkel mit ihren auffallend abrupten politischen Sprüngen. Und er vertritt realpolitisch (also so wie alle anderen auch, nur manchmal etwas weniger heuchlerisch) russische Interessen, so wie er sie versteht, genauso wie Erdoğan seinerseits im selben Sinne türkische vertritt. Das mögen nicht die unsere sein, aber sind wir deshalb schon besonders befähigt oder berechtigt, anderen Staaten und Völkern ihre Interessen zu lehren? Haben die bisherigen Interventionen, die so begründet wurden (aber natürlich andere Gründe hatten) irgendetwas in diesem Sinne verbessert? Haben sie etwas verbessert für die Völker der Interventionsstaaten? Zugegeben, einige Rüstungsinteressen wurden gut bedient … mit anderen Wirtschafts- und Hegemonialinteressen hat es weniger geklappt …

    Noch ein Satz von Schmitt: „Wer Menschheit sagt, will betrügen.“ (Von ihm Pierre-Joseph Proudhon zugeschrieben; eine Quelle bei diesem habe ich jedoch in etwas 1–2 Stunden Internet-Recherche nicht gefunden; der Google-Schwall bezieht sich fast oder ausschließlich nur auf Schmitt.) Man kann übrigens stattdessen auch ‚ Freiheit‘ oder ‚Demokratie‘ oder andere hehre Worte einsetzen.

    Bezeichnend ist auch das « renversement d’alliances » in Bezug auf die Kurden. Sie waren lange die ganz Bösen, wegen des PKK-Terrors in der Türkei, und Terror ist ja auch unverzeihlich, wie wir glauben, passend vergesen und wieder glauben. Jetzt, wo niemand aus dem Westen Bodentruppen gegen den ISIS ins Feld stellen will, sind die Kurden unsere Lieblinge. Im eigenen Interesse sollten sie misstrauisch sein, in unserem oder vielmehr dem unserer großen Strategen dagegen opferfreudig.

    Die USA hat gerne auf islamistische Bewegungen gesetzt, wenn es gegen ihre Gegner ging. In Wikileaks-Veröffentlichungen konnte man Analysen amerikanischer Amtsträger lesen, in Syrien gebe es regimefeindliche islamistische Gruppen, die man nutzen könne. Von Fabius ist die Äußerung bekannt, die Al-Nosra-Front mache eine gute Arbeit; notabene: im Unterschied zu ISIS sind das gemäßigte Islamisten, nämlich nur Al-Kaida-Assoziierte. Vermutlich besteht das gegenwärtige Ärgernis in der Hauptsache darin, dass das islamistische Werkzeug außer Kontrolle geraten ist, ehe Syrien wie geplant zertrümmert und seine Regierung gestürzt wurde. Danach wäre wohl eine glückliche Zeit für Syrien und die Syrer angebrochen, denn wenn seine Regierung erst einmal so oder so beseitigt ist, blüht jedes Land auf. Natürlich nur bei denen da, bitte hier keinen Transfer!

    Wie die Welt nun einmal eingerichtet ist, vertritt jedes Land und jede Regierung die eigenen Interessen oder allenfalls die ihres Oberherrn. Wieso sollte also die Türkei nicht den ISIS benutzen? Dass Deutschland keine Wächter an der eigenen Tür aufstellen mag, ist nun wirklich zuallerletzt Erdoğans Schuld; dieses Problem sitzt in Berlin und ist nur dort zu lösen. Hic Rhodos, hic salta.

    Bitte deshalb kein unnützes Einschlagen gegen die Völker hinten in der Türkei, das wird gegen unsere Probleme nichts helfen, im Gegenteil. Man schaue sich Videos islamistischer Attentäter im Westen an – sie sehen sich alle als Verteidiger oder Rächer. Natürlich ist das verkehrt, insofern wir die Guten sind und dort deshalb machen dürfen, was immer wir wollen. Aber solange man nicht Bomben erfindet, die außer Leiber zu zerfetzen auch noch den Zeugen den Eindruck der Vorzüglichkeit solcher uneigennützigen Handlungen einflößen, wird es mit der Erziehung der moralisch zurückgebliebenen Völker vermutlich nicht so recht vorangehen.

    Liken

  2. „Vielmehr sollte man sich Gedanken machen, wie man mit den Millionen Erdogan-Anhängern (und Erdogan-Gegnern) im eigenen Land umgehen will, die eine politische Macht sind“

    … ein Beispiel dafür, daß die Konflikte der Länder, aus denen massenweise Leute emigirieren nach Europa, hierher verschleppt werden. In Wien gab es einige kleinere Auseinandersetzungen, zumindest in der normalen Berichterstattung, zwischen Erdogan-Anhängern und Kurden.
    Was ich nicht verstehe, ist, wie Erdogan mit dieser Aktion noch ernsthaft davon ausgehen kann, jemals EU-Mitglied zu werden. Oder ist ihm das inzwischen egal, es gibt auch andere Wege der Islamisierung Europas/Deutschlands? Ich hege keinen konkreten Verdacht, sondern frage mich aufrichtig, wie das zusammenpassen kann ….

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.