Katastrophenerwartung

Es kommt in diesen Überlegungen der Topos ‚Aus Schaden wird man klug‘, makaber aufgebläht, ins Spiel, und ein apokalyptisch überhöhtes ‚Wer nicht hören will, muß fühlen‘ hat unverkennbar daran seinen Anteil.“ (Sloterdijk)

Geht es nur mir so? Seit Monaten stehe ich morgens auf und schaue als erstes in den Netz-Gazetten nach, ob über Nacht die große Katastrophe stattgefunden hat, ob es wirklich relevante Neuigkeiten gibt. Und die schöne neue Welt hat mich nicht enttäuscht: Paris, Köln, Brüssel, Brexit …, um nur die ikonischen Ereignisse zu nennen. (Nicht zufälligerweise muß ich heute Nizza einfügen – die Zeilen sind zwei Wochen alt.)

Was nur haben fast alle diese Supergaus gemeinsam, direkt oder indirekt?

Den Schock begleitet auch eine perverse Bestätigung, für die ich mich fast ein wenig schäme, eine heimliche Schadenfreude. Dann die unausgesprochene Frage: Wacht man nun endlich auf?

Und die Gewißheit, daß morgen wieder etwas passieren kann, etwas noch Größeres, noch Schrecklicheres, noch Schockierenderes und noch …

10 Gedanken zu “Katastrophenerwartung

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Nun war es also ein“Amokläufer“, deutsch-iranischer Herkunft. Das macht das ganze Trauerspiel ja nicht besser. Was die Herkunft und vermutlich ja doch islamische Prägung damit zu tun haben, wird vielleicht noch zu klären sein, aber: Hand hoch auch unter den Willkommensfreudigen, wer NICHT sofort an einen Anschlag nach französischer Manier gedacht hat.
    Und das ist doch das Bezeichnende: Daß wir alle in der unausgesprochenen Erwartung leben, was hier passieren könnte, eine Erwartung, die es ohne den September 2015 so wohl nicht gäbe.
    Ich erlaube mir hier nur einmal, mit Erlaubnis des Gastgebers, eine nicht online einstehende Meldung in der FAZ (die ganz ohne die Nennung von „Islam“ oder „Religion“ daherkommt) wiederzugeben: “ Die Polizei hat gegen 35 Mitarbeiter der Wagner-Festspiele Sicherheitsbedenken geltend gemacht. … Die Betroffenen seien im polizeilichen System registriert, vorwiegend aufgrund von Gewaltdelikten. … In diesem Jahr werden die Festspiele wegen der Gefahr terroristischer Anschläge strenger als bislang gesichert. … betrifft der Bedenklichkeitsvermerk sowohl interne als auch externe Mitarbeiter. … seien einige Mitarbeiter akkreditiert worden, obwohl sie ihr Einverständnis zu polizeilcher Überprüfng verweigert haben…“
    Einerseits: Gut, wenn das Problem auch „oben“ ankommt. Aber: Wer diese Meldung vor fünf Jahren gelesen hätte, hätte Sie für eine Ente gehalten. Heute: Randnotiz im Feuilleton.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Da heute alles tunlichst an Subunternehmen delegiert wird, damit es ja billiger geht, könnten aber auch urdeutsche motorradaffine Träger von Tätowierungen an Körper und im Strafregister im Raster hängengeblieben sein, die man vielerorts gerne mit geblähter Brust zur Wehr aufmarschieren lässt. Eine gewisse hemdsärmelige Qualifikation haben solche Freundeskreisen ja durchaus.

      Wenn aber doch das Vermutete – gegen eine Kleingötterdämmerung im Pantheon der deutschen Großen Welt ist vielleicht in künstlerischer Hinsicht gar nichts einzuwenden? Man müsste dazu wohl einen Experten in Performance-Künsten wie etwa Karlheinz Stockhausen befragen, der aber leider keine Auskunft mehr geben kann. So bleibt nur Wagner-Exegese, die ich mir weder zutraue noch zumuten will.

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      • Kurt Droffe schreibt:

        Naja, die tätowierten Motorradaffinen haben doch lukrativere Beschäftigungen, als die Haute Volee gegen Eierwürfe und (Stink-) Bomben zu beschützen.
        Kleiner Nachtrag zur Zeitungsmeldung (lt. FAZ vom Montag): Mit den verschärften Sicherheitsauflagen bei den Festspielen werde „auf die derzeit abstrakte Gefährdungslage in Deutschland reagiert, die nach Einschätzung von Experten bundesweiter Sicherheitsbehörden eine Folge der momentanen weltpolitischen Lage ist,“ so die Verlautbarung der Stadt Bayreuth. Ist das nicht herrlich, „abstrakte Gefährdungslage“? Wie sieht dann wohl erst eine reale aus? Und „Folge der weltpoltischen Lage“ also, nicht etwa, neinnein, der nationalpoltischen Fehler und Stümpereien! Wir sind hier hilfloses Opfer der Weltpolitik, na da kannst nix machen!
        Auch Sicherheitsbehörden müssen ihre Verlautbarungen natürlich so verfassen, wie höheren Ortes gewünscht..

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      • Pérégrinateur schreibt:

        @Kurt Droffe, 26.07.2016 21:26

        Dieses sicherheitsbürokratische Wortungetüm, das schon länger im Schwange ist, heißt wohl in gewöhnlicher Redeweise „Es besteht Gefahr, wir wissen aber nicht wie, wann, wo und durch wen.“ Was aber verunsichern würde, während der Gebrauch hochgestochenen Vokabulars bei manchem damit Traktierten angenehmerweise die Illusion fördert, wer so reden könne, würde doch sicher auch die Situation letztlich beherrschen.

        Die Abstraktion von Methode, Zeit, Ort und Urheber wäre aber nicht vollkommen, wenn nicht auch noch die der Ursachen dazugestellt würde, auch deshalb die „weltpolitische Lage“. Die natürlich, wie Sie zurecht aussprechen, auch gewisse politische … hm … Ungeschicklichkeiten der Spitze unserer Machtvertikalen gut zu verstecken erlaubt.

        Übrigens ist das Verstecken großer Ursachenkomplexe im Falle des Terrorismus gang und gäbe, auch deshalb immer die Floskel „dieses feige und durch nichts zu rechtfertigende Attentat“, um gewissermaßen der weiten Öffentlichkeit  – die veröffentlichte Meinung allein brauchte dergleichen Vorgaben natürlich nicht – die reflexionsverbietende Normaltemperatur der Empfindung schon mal vorzugeben. Bei Lichte besehen sind natürlich Selbstmordattentäter alles andere als feige, und sie würden ihre Tat nicht begehen, wenn sie nicht zumindest in ihren Augen gerechtfertigt wäre. Man unterschätzt und diskreditiert notorisch das Maß an Altruismus, dass in einem selbst schadende Taten eingeht.

        Die arabische Welt ist seit Jahrzehnten ein Spielfeld westlicher Interventionen. Wo stehen dagegen in einem okzidentalen Land Truppen eines islamischen Landes? In militärstrategischer Betrachtung ist es also eindeutig, wer hier Opfer und wer hier Täter ist. Und das hat eben auch Wirkung auf Empfinden und Weltsicht der betroffenen Völker.

        Vor zwanzig, dreißig Jahren hatte ich längeren Kontakt mit hier lebenden Personen, die teils in recht lose gewordener Linie aus diesem Raum stammten. Ich bin zu skeptisch und zu schüchtern, um im persönlichen Gespräch selbstgewiss moralische Anschauungen hinausposaunen, dabei erfährt man dann auch angenehmerweise mehr darüber, wie andere denken.

        Was ein vertriebener Palästinenser, der die Bombardierung Westbeiruts erlebt hat, über die westliche Politik in der Weltecke denkt, können Sie sich denken, ich erspare mir dazu eine Schilderung. Nummer zwei war ein junger Bahai, dessen Eltern infolge des Umsturzes emigrieren mussten, der den Großteil seines Lebens dann im Westen verbracht und dort Schulen besucht hat. Nummer drei eine sehr emanzipierte, skeptische Naturwissenschaftlerin, deren Vater, hoher Funktionär der Schahzeit, in ein angelsächisches Land emigriert war, wo sie ihre ganze Ausbildung erfahren hat. Obwohl aufgrund des persönlichen Schicksals und des ubi bene ibi patria doch anderes zu erwarten wäre, hatten die beiden letzten, um es dezent auszudrücken, nicht gerade die westlichen Brille auf.

        Da können familiäre Affinitäten hineinspielen, aber alles in allem schien mir doch zu überwiegen, dass sie die Welt auch schon ohne die typisch westliche Blickverengung gesehen haben. Zwischen zwei Zugehörigkeiten steht man in Kammlage, die besseren Ausblick erlaubt, als die Talbewohner auf beiden Seiten ihn haben. Gegen die selbstgewiss moralisierenden Westler kehre ich gerne die Austauschprobe. Für gewöhnlich hört man dann eine dichte Abfolge von „Aber in diesem Fall ist das doch anders, weil …“, mit Begründungsrekurs auf mal dieses, mal jenes hehre Prinzip, welche aber in Widerspruch zueinander stehen. (Souveränität, Devoir d’ingèrence, historische Rechte usw. usf.)

        Letztlich geben wohl bei den allermeisten Menschen Zugehörigkeitsgefühle den Ausschlag dafür, was sie als gut, gerecht und billig ansehen. Diese werden auch bei uns kräftig aufgepeitscht. Wenn ich, wie heute doch in allem sonst verpflichtend, mir die arabischen Attentäter mit Empathie betrachte, dann horribile dictu verstehe ich sie durchaus. Genauso wie ich etwa verstehe, dass sich in Deutschland vom Anfang des 19. Jahrhunderts nach dem napoleonischen Ausgriff an ein manchmal allzu exzessiver Nationalismus entwickelt hat. Taten haben Folgen. Die Dekolonisierung wurde, wo es hat auf hart ging, eben mit „feigen und durch nichts zu rechtfertigenden“ Attentaten auf Europäer-Cafés erzwungen, nach der französischen Unterstützung für die Putschisten in Algerien stachelte die GIA „feige und durch nichts zu rechtfertigende“ Attentate in Paris an, usw. usf. Der weiten amerikanischen Öffentlichkeit wurden die Augen darüber, dass im Irak sie keiner haben wollte, erst geöffnet, indem verschmorte Leichenteile an den Traversen einer Brücke hingen. Was nicht im Guten geht, geht eben im Schlechten, eine Logik, die unseren Strategen wohl nicht ganz unbekannt ist, obwohl sie zur Galerie hin natürlich anders reden.

        Wer den amerikanische Hegemonialkurs und den israelischen Kolonisierungskurs stillschweigend oder offen unterstützt, braucht sich dann nicht zu wundern, wenn er den Segen mit abbekommt, zumal wenn er so dumm ist, die potentiellen Agenten ins Land zu lassen. Die anderen sind nämlich nicht alle dumm.

        Gestatten Sie mir noch einen Ausblick. Das African Command der USA sitzt bei Stuttgart, weil man unter den notorisch schwachen afrikanischen Staaten bisher keinen gefunden hat, der es hätte aufnehmen wollen. Dem Vernehmen nach werden von dort auch Drohneneinsätze in Afrika geführt. Rollt eigentlich die Immigration nach Deutschland aus Schwarzafrika über Lybien schon ordentlich beim derzeit der Überfahrt günstigen Wetter? Vor wenigen Jahren war ich im Rahmen einer Tandem-Sprachpaarung mit einem schwarzafrikanischen katholischen Priester verkuppelt, der inzwischen hierzulande predigt und offenkundig hart an meinem nur sacht eingeführtem Atheismus zu beißen hatte. Wir kamen auf die lybische Intervention im Tschad zu sprechen; wie ich aber einräumte, letzten Endes seien bedeutend mehr Regimewechsel in der afrikanische Francophonie von Fallschirmjägern der französischen Fremdenlegion herbeigeführt worden als durch andere afrikanische Staaten, da ging sein Herz auf.

        Mein schweizerisches Fazit: Wozu sich in fremde Händel einmischen? Herr im eigenen Haus sollte man sein. Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.

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  2. Das ist das eschatologische Denken der Rechten, dem kommen wir kaum aus. Nicht zu verwechseln mit der „Ästhetik des Schreckens“, also der Faszination für das Böse, solange man den Schiffbruch als Zuschauer betrachten kann. Endzeiterwartung ist das Metamotiv, die kleineren Motive darunter sind dann z.B. das Gefühl, daß es bald knallen wird, das Gefühl, Vorzeichen zu erkennen, und vor allem: das Gefühl, unter den Schleier blicken zu wollen oder zu können. Mein Mann unterstellt mir eine irreale „Dystopie“, weil ich selber sicher und schön lebe, und daraus nicht etwa wie er den „Traum“ entwickel, daß alles so bleiben kann und soll, sondern (medial vermittelt) über das nette Stadtviertel mit den netten Leuten hinaus schaue und Abgründe sehe.

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  3. Kurt Droffe schreibt:

    Nein, das geht mir genau so. Jeden Tag öffne ich das Internet in der Erwartung, daß etwas Schlimmes passiert ist. Letztlich auch in der Erwartung, daß ja irgendwann in Deutschland mal ein Terroranschlag verübt werden wird; das ist wohl unausweichlich. Und wenns dann passiert, werde ich eine perverse Befriedigung darin finden, „es gewußt“ zu haben.
    Ich fürchte, daran werden sich alle gewöhnen, auch das gehört zur Natur des Menschen.
    Den Brexit würde ich allerdings nicht als Katastrophe bezeichnen; zumindest ist es für ein solches Wort noch zu früh.
    Ob, siehe heute, der Putsch in der Türkei dazuzählt, oder doch nur zum Weltgerausche, sei dahingestellt. Immerhin darf man auch hier auf Islam/Säkularismus als ein Agens schließen, und Tote gab es auch mehr als genug…

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  4. Pérégrinateur schreibt:

    Zitiert aus der englischen Wikipedia im Artikel über Godfrey Harold Hardy:

    Hardy once told Bertrand Russell „If I could prove by logic that you would die in five minutes, I should be sorry you were going to die, but my sorrow would be very much mitigated by pleasure in the proof“. Russell agreed with Hardy wholeheartedly about the delights of proofs, as he himself comments in his Autobiography.

    Wieso soll man sich nicht ganz entsprechend darüber freuen, dass man gute Prognosen stellen kann? Zugegeben ist das etwas diskriminierend gegenüber jenen, von denen nie eine zutreffende Prognose zu vernehmen war und bei denen die moralische Urteilsfähigkeit zur Kompensation offenbar besonders gut entwickelt und das begleitende Überwertigkeitsgefühl besonders zu schonen ist.

    Die vielen, die an Wortmagie glauben, also dass man durch ein bloßes ausgeschriebenes Wort den Golem in Marsch setzen oder durch sein Verschweigen ihn lähmen könnte, werden bei fremder faktenschwangerer Rede sogar panisch. Wenn sie vor dieser davonstöben und nicht mehr zu sehen und zu hören wären, umso besser. Doch, ach …

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