Boris Bashing

Erster Paukenschlag der neuen britischen Premierministerin Theresa May war die Ernennung Boris Johnsons zum Außenminister des Landes. Die deutschen Medien haben sich seit Wochen auf breiter Front gegen Johnson aufgebaut – sie halten ihn für den Verantwortlichen des Brexit. Aber auch Johnson hatte nur eine Stimme und wir wissen noch nicht einmal – bei seinem Sinn für Humor – an wen die ging.

Entsprechend wird die Schußfrequenz erhöht und die Wahl skandalisiert. Genüßlich läßt man etwa den SPD-Sympathieträger Stegner granteln: „Frau May wirkt schwächer durch eine solche Personalentscheidung“ und gleich nachtreten: Johnson sei nicht als guter Diplomat bekannt, „jetzt verhandelt er den Brexit. Gute Reise!“ In dieser zynisch-beleidigten Tonlage könnte man durch verschiedene Parteien fortsetzen.

Die „Zeit“ tut es auf ihre Weise, indem sie eine Kompilation vermeintlicher diplomatischer faux pas Johnsons unter der Überschrift „Der Diplomatie-Stümper“ präsentiert. Einige Highlights: Dem „teilweise kenianischen“ Präsidenten Obama bescheinigte Johnson eine „angestammte Abneigung gegen das britische Empire“, weil dieser es gewagt hatte, „eine Büste von Winston Churchill umzustellen.“ Hillary Clinton fiel bei Johnson wegen ihres Aussehens in Ungnade. Sie erinnere ihn an eine „sadistische Krankenschwester in einer Psychiatrie“. Selbst vor Donald Trump, der vom Aussehen und dem Grad der Exzentrizität mit Johnson verwandt sein könnte, machte Johnson nicht halt: „Der einzige Grund, warum ich manche Teile von New York meiden würde, ist, daß man dort auf Donald Trump treffen könnte.“

Schließlich hat er sich gnädig über Präsident Wladimir Putin geäußert. „Auch wenn er ein wenig wie Dobby der Hauself aussieht, ist er ein rücksichtsloser und manipulativer Tyrann“.

Erdogan bekam auch sein Fett in Form eines Gedichtes weg: „There was a young fellow from Ankara / Who was a terrific wankerer / Till he sowed his wild oats / With the help of a goat / But he didn’t even stop to thankera.”

Und selbst mit mighty China legte er sich an: Bei den Schlußfeierlichkeiten der Olympischen Spiele in Peking pries er 2008 die ehrenwerten Gastgeber. Allerdings müsse man doch noch sagen dürfen, daß Tischtennis im 19. Jahrhundert an britischen Eßtischen erfunden wurde. „Das war so. Und es wurde wiff waff genannt.“

Ich kann nicht anders als mich schieflachen, wenn ich diese „Enthüllungen“ der deutschen Presse und Politik lese. Sie zeugen von einer kompletten Unkenntnis der englischen Seele und von deren begnadetem Mutterwitz. Vielleicht muß man lange im Vereinigten Königreich gelebt haben, um diesen genialen Humor genießen zu können. Niemand weiß, ob und wie Johnson diese wichtige Rolle ausfüllen wird, aber Theresa Mays Spielzug könnte der Beginn einer originellen Kombination auf dem politischen Schachbrett sein. Kombinationen sind freilich schwer bis zum Ende durchzurechnen und hängen manchmal vom Geschick des Partners/Gegners ab.

Aber eine Idee der unterschiedlichen Mentalitäten kann jeder bekommen, der sich die Zeit nimmt, Camerons letzte „Prime Ministers Questions“ im Unterhaus anzuschauen und diese humor-, esprit- und rhetorikgeladene halbe Stunde mit jeder beliebigen Bundestagssitzung zu vergleichen.

Diese scharfsinnige Schlagfertigkeit, Intelligenz und Ironie ist auch Produkt der in den deutschen Medien gern gescholtenen elitären Erziehung, die neben Politik und Wirtschaft seit Jahrhunderten auch die englische Kultur bereichert und definiert. Man wird sie kaum von einer ehemaligen FDJ-Sekretärin erwarten dürfen.

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2 Gedanken zu “Boris Bashing

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Also ich bin im Gegenteil höchst erfreut, wie sehr in unserer medialen Klasse deutsches Bildungsgut fortlebt; wer hätte das auch nur ahnen können? Das Wort „Brexit“ hat offenbar bei allen deutschen Obermeinungshaberern, wohl über den Anklang des Autorennamens, zuverlässig das Werk Bert Brechts evoziert. Denn zum dummen englischen Volk stellt man sich durchweg wie im bekannten Gedicht in den Buckower Elegien zum 17. Juni 1953 beschrieben und zu den bösen Brexit-Protagonisten wie Herr Keuner in der Geschichte „Herr K. und die Konsequenz“. Nun ja, ich hätte vielleicht, wie beim Meister selbst auch, etwas weniger Lehrstückhaftes vorgezogen, aber was will man schon verlangen – sogar lesen und nicht nur meinen zu können, das ist doch schon mal ganz gut für die Profession. Man könnte zur weiteren Verbesserung jedem angehenden journalistischen Leuchtturm vielleicht noch auferlegen, die Gesamtausgabe von Krausen „Fackel“ lesen zu müssen, natürlich mit anschließender schriftlicher Prüfung, ob auch alles begriffen wurde. Ich denke dabei an Verständnisfragen wie etwa „Wie schreibt man gegen sturmtruppenbezogene Journalismusfeindlichkeit an? – Diskutieren sie unter Berücksichtigung von mindestens sieben aktuellen Hysterismen unserer Wahl. (Sonderpunkt für die beste Kiyak-Rolle)“

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  2. Kurt Droffe schreibt:

    In der Tat, das sind doch amüsante und zum Teil ganz treffende Äußerungen! Mit dem Kriterium „was der schon alles früher mal gesagt hat“ hätte der geliebte Joschka Fischer übrigens auch nie Außenminister werden dürfen – wobei der ja im Amt tatsächlich eine wichtigtuerische Witzfigur war.
    Wo sind eigentlich die Stimmen all derer, die noch letzte Woche hämisch über den Kneifer Johnson gegreint haben? Unsere lieben Medien, man kann es ihnen auch gar nicht recht machen: Boris will nicht als Premier den Brexit durchführen? Feigling! Boris will als Außenminister den Brexit durchführen? Also der ist ja dreist!
    Mit der sadistischen Krankenschwester hat Johnson übrigens sicher die „nurse Ratched“ gemeint („fifth-greatest villain in film history“).
    Auch nicht schlecht..

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