Die Freude am Verschwinden

„Kunden und Kollegen müssen sich ans Kopftuch gewöhnen“, schreibt sichtlich begeistert Parvin Sadigh in der „Zeit“ und reitet damit ihr Lieblingspferd der letzten Jahre eine Runde weiter. Es geht um die Einschätzung der Generalanwältin des Europäischen Gerichtshofes, die einer klagenden Muslima Recht gibt, auch weiterhin als Vertreterin an Türen klingeln zu dürfen und dabei das Kopftuch zu tragen. So weit so gut.

Aber im Artikel fallen zwei Sätze, schön verpackt, die aufhorchen lassen. „Die gute Nachricht ist: Die langweilige Diskussion, ob Muslime in europäische Länder gehören, ist wirklich vorbei.“ Der Satz ist gleich mehrfach fraglich. Es gibt keine guten Nachrichten an sich – außer vielleicht die „Gute Nachricht“ –, sondern nur in Abhängigkeit vom Empfänger. Gute Nachricht für wen? Langweilig ist die Diskussion zudem wohl nur für diejenigen, die sie nicht mehr führen wollen, für die die Frage schon längst entschieden ist. Fait accompli. Und drittens gibt es diese Diskussion doch gar nicht, wird sie hier verrührt mit der hochaktuellen und hoch brisanten Frage: Gehört der Islam zu Europa/Deutschland? Mit ein paar linguistischen Tricks soll Normalität fingiert werden.

Wirklich brenzlig wird es dann zwei Zeilen weiter: „Wie sehr Muslime schon mitten unter uns sind, zeigt sich schon allein daran, dass wir nicht mehr nur über ihre Rechte reden, sondern dass sie selbst ihre Rechte einfordern.“

Sadigh – das bedeutet übrigens „Freund“ – beschreibt eine kaum mehr zu bezweifelnde Tatsache, insofern spricht sie die Wahrheit. Aber Kontext und Ton weisen auf eine präskriptive Intention hin: Wir haben das demnach zu bejahen. Daß sie in diesem einen Satz, den man durch ein einziges Wort ersetzen kann, eine fundamentale Umwälzung der Gesellschaft einfordert, kann man nur zwischen den Zeilen lesen. Das Wort heißt: Islamisierung.

Vermutlich kennt Sadigh den südafrikanischen Autor Peter Hammond nicht und er gehört auch nicht zu den allseits zu vertrauenden Quellen – zu sehr bestimmen Abneigung gegen den Islam und Missionswille seine Arbeit. Aber er hat eine interessante Nomenklatur der Islamisierung aufgestellt, die, bei aller Holzschnittartigkeit, zu falsifizieren wäre.

Demnach korreliert der Grad der normativen Islamisierung einer Gesellschaft mit dem Bevölkerungsanteil, ganz gleich, welcher konkreten islamischen Ausrichtung. Er ist friedlich und submissiv, solange der muslimische Bevölkerungsanteil unter 2% der Gesamtbevölkerung liegt. Werden es bis 5%, beginnt die systematische Missionsarbeit, nicht zuletzt in Gefängnissen, Vorstädten, bei Immigranten. Die nächste Stufe sei dann die direkte Einflußnahme auf mikropolitische Prozesse und die durch die „Religionsfreiheit“ abgedeckte Einforderung eigener Rechte, wie etwa das Tragen der Verschleierung, der Bau von Moscheen oder die Versorgung mit Halal-Produkten. Diese Interessen werden sowohl juristisch als auch mehr oder weniger offen durch Gewaltandrohung durchgesetzt. In der Heimgesellschaft finden sich zusehends Interessenvertreter in Medien und Verbänden, eine Islam-Lobby, die diese Forderungen unter freiheitlich-demokratischem Mantel und edlen Motiven zu den ihrigen machen. Sadighs Artikel dürfte dazu ebenso zählen wie der Beschluß des Europäischen Gerichtshofes.

Es folgen Forderungen nach Selbstregulierungen, Scharia-Zonen, geschlossene Moscheen etc.; man verbittet sich die Einmischung staatlicher Stellen – wie wir es aus bestimmten Stadtteilen in Deutschland bereits kennen. Ab 10% wird Gewalt zunehmend normal, oft „getarnt“ als „soziale Gewalt“, wie man sie in Paris in den Banlieues, oder als Empörungsgewalt, in vielen Städten Europas im Zuge der Mohammed-Karikaturen beobachten konnte. Dort wurden offen und polizeibeschützt Plakate getragen mit der Aufschrift: „Behead those who insult Islam“, „Britain go to hell“, „Islam will dominate the world“ oder „Muslims rise up! Establish the Sharia“. Die Lage wird zusehends volatil, jederzeit kann das beliebige Tun eines „Anti-Islamisten“ zu Eruptionen eines „beleidigten“ Mobs führen. Die Zivilgesellschaft erstarrt dann in der Regel in Furcht, reagiert mit Vorabentschuldigungen, beschneidet „freiwillig“ die Presse- und Meinungsfreiheit und versucht immer wieder „Verständnis für die Belange der Muslime“ aufzubringen. Ab 20% nehmen Terror und militärische Konflikte zu, Kirchen und Synagogen werden in Brand gesetzt, wie man das in Zentralafrika beobachten kann. Es folgen sukzessive, nach Hammond, Scharia, Bürgerkrieg, ethnische Säuberungen, Genozid, Terror, kurz: die Verfolgung Andersgläubiger, wie man sie im Iran, in Pakistan und zunehmend in der Türkei studieren kann.

Dann allerdings, bei Komplettislamisierung, so beschreibt es Hammond, könnte der Islam tatsächlich die Religion des Friedens sein: wenn alle Muslims sind und alle das gleiche wollen. Und da das nie der Fall ist, wird man sich an gemäßigteren Muslimen gütig tun oder über die Landesgrenzen schauen, denn das Ziel sei der weltumspannende Islam.

Davon ahnt die klagende Kopftuchträgerin nichts und auch Parvin Sadigh würde das als islamophob bezeichnen. Und sie hat recht: Es gibt Gründe, vor dem Islam Angst zu haben!

2 Gedanken zu “Die Freude am Verschwinden

  1. Kenne ich in der Tat! Allerdings sind Begriffe wie das „Eigene“, die „Heimat“ oder auch „Grenzen“ heutzutage „Widerstreite“ im Sinne Lyotards geworden. Es gibt viele Menschen, die den Sinn dieser Kategorien nicht mehr begreifen wollen/können oder die von der historischen Überholtheit überzeugt sind und sie daher fallen lassen, selbst wenn sie ihnen am Herzen liegen. Insofern spricht Lichtmesz „nur“ noch zu denen, die ohnehin seiner Meinung sind. Vielleicht gibt er einigen die Sprache wieder. Ich mag ihn.

    Kositzas Kommentar ist freilich kein Beispiel für stromlinienförmigen Journalismus. Zum Glück wird in einigen Nischen noch Tacheles geredet.

    @“ funktioniert ganz ohne Diffamierungsvokabular, Linkenbashing und Dummheitsunterstellungen“ – das ist essentiell, wenn man den Hiatus überhaupt noch überwinden will.

    „Dem Widerstreit gerecht zu werden bedeutet: neue Empfänger, neue Sender, neue Bedeutungen, neue Referenten einzusetzen, damit das Unrecht Ausdruck finden kann und der Kläger kein Opfer mehr ist. Dies erfordert neue Formations- und Verkettungsregeln für die Sätze.“ (Lyotard)

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  2. Kennen Sie „Die Verteidigung des Eigenen“ von Martin Lichtmesz? Darin findet sich ein Kapitel „Die Vielen und die Totgesagten“, das genau diese fordernde Haltung als Islamisierung charakterisiert. Und auch sonst ist das Büchlein lesenswert!

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