Integrationsillusionen

Was wird nicht alles über „Integration“ geschwätzt! Was es wirklich bedeutet, ahnen die wenigsten. Mit ein paar Sprach- und Integrationskursen ist es nicht getan. Das sehe ich gerade wieder an Hussain, meinem Meisterschüler.

Nun ist er es, der mit dem Schicksal hadert. Dunkle Augenringe umrahmen erloschene Augen. Es dauert lange und benötigt viel Enthusiasmus, um sie wenigstens für ein paar Minuten wieder zum Leuchten zu bringen. Mit großen Hoffnungen und Begabungen ist er gekommen, aber nun droht auch er abzukippen.

Dabei ist er der einzige und letzte aller Syrer, der den geraden Weg bis hierher durchgehalten hat. Alle anderen haben den Kampf aufgegeben und irgendeine bequemere Lösung gesucht: Familiennachzug, zurück in die Türkei, Verlobung und Verheiratung, Wegzug nach Hagen, Mönchengladbach oder ins Ruhrgebiet, wo schon große arabische Kommunen bestehen und wo man in weitgefassten Familien- oder Freundeskreisen abtaucht. Diese Männer – meist Mittelalter, meist ungebildet, wie Salim, Mohammed, Muhannad, Schlasch, Walid … – werden sich wohl nie integrieren. Sie wählen das leichtere Leben jetzt und wissen noch nicht, daß sie es später schwer haben werden. Hussain geht den anderen Weg: Er stellt sich den augenblicklichen Problemen und hofft, es damit später besser zu haben. Die richtige Idee – wenn er es durchhält. Das System bestraft ihn dafür.

Als einziger wirklicher Kriegsflüchtling, als einziger, der tatsächlich die Sprache lernt und die Sitten weitestgehend annimmt, wartet er nach fast einem Jahr noch immer auf seine Anerkennung als Asylberechtigter. Locker könnte er den B1-Sprachtest bestehen, aber die Bürokratie zwingt ihn, die Mühle der Anfängerkurse abzuschrubben.

Im Moment sieht er gehetzt aus, obwohl er keine Termine hat. Es fehlt ihm der Schlaf, obwohl er 18 Stunden am Tag schlafen kann, er ist abgemagert, obwohl er sich vollfressen könnte.

Es ist die Einsamkeit! Tag für Tag allein in der Wohnung. Alle anderen Syrer haben das Haus verlassen, die zwei deutschen Mietparteien sind tätowierte prekäre Hartzer mit Lippenpiercing, Schnapsgesichtern und Schäferhund. Zwar gibt es einen Integrationskurs, in dem Hussain alle anderen überragt, aber auch dort findet er nicht seinesgleichen. Was hat er mit Eritreern und pubertierenden Irakern zu tun? Small Talk, schlechtes Deutsch, keine Anreize, keine Freunde. Zu Hause wartet die weiße Wand, ein paar Hausaufgaben, das Handy mit billigen Islamvideos und ewige Stunden des Nichtstuns. Er wünscht sich eine Frau … woher nehmen, wenn nicht – beim Imam bestellen?

Ich mache mir Sorgen. Wenn nicht bald etwas geschieht, könnte auch er eine Psychose wie Mohammed entwickeln. Wir überlegen, ihn wenigstens tage- oder stundenweise bei uns aufzunehmen. Vielleicht läßt er sich in eine Schulklasse integrieren? …

Integration ist ein tagtäglicher, stündlicher, permanenter Austausch, eine Einbeziehung auf ganz individueller und sozialer Ebene, ein Eintauchen ins pralle Leben! Wer soll das leisten können? Millionenfach!

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2 Gedanken zu “Integrationsillusionen

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Zuerst einmal: Hut ab vor Ihrem Engagement. Dazu hätte ich momentan keine Zeit, vielleicht aber eben auch grundsätzlich nicht den Willen, die Aufgeschlossenheit und die Energie.
    Zu Hussein nur die – gar nicht vorwurfsvollen – Fragen: Was hat er hier denn erwartet, außer vielleicht Sicherheit für Leib und Leben? Und was würde die Anerkennung als Asylbewerber für ihn ändern? (Vielleicht stehen die Antworten schon in Ihrem Blog, ich habe nicht alles gelesen..). Es ist klar, daß untätige Einsamkeit auf das Gemüt drückt (um es milde zu sagen), doch auf was für Alternativen hofft er? Auch für intelligente, aufgeschlossene Menschen ist das – geben wir in diesem Fall den edlen Namen – Exil ja doch wohl immer eine Qual.
    Aber vermutlich ist das grundsätzliche Gefühl richtig: Es sollten diejenigen bevorzugt werden, die engagiert und helle sind, aufnahmebereit und mitarbeitswillig. Da hier aber gerade kaum ein Unterschied gemacht wird, fehlen völlig die Anreize, für die Willigen wie für die Unwilligen.

    Gefällt 1 Person

    • Wenn Sicherheit das einzige Motiv gewesen wäre, dann hätte man sich auch in einem der Transitländer registrieren lassen können. Daß er aus einem unmittelbaren Kriegsgebiet (Idlib) geflohen ist und auch Kriegserfahrung machen mußte, bedeutet nicht, daß er nicht feste Zukunftsvorstellungen hatte. Nach 3 Semestern Civil Engineering in Damaskus wollte der die Chance nutzen, in D Medizin zu studieren.

      Ich kenne noch zwei andere Syrer, die ähnliche Geschichten haben, alle jung und auch recht motiviert. Der eine hat in der Radiologie gearbeitet, das Krankenhaus wurde gebombt, jetzt will er in D Arzt werden; der andere hat Chemie studiert und will hier seinen Doktor machen.
      Hussains Familie – Mutter, Vater, jüngere Geschwister – leben übrigens noch immer in Idlib.

      Diese Jungs sind nicht das Problem – sie könnten tatsächlich die kommenden Fachkräfte sein. Viel problematischer sind die Älteren, die keine Bildungschance mehr haben, aber große Familien nachziehen und die Ungebildeten Jungen, die es auch kaum schaffen können.

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