Die Magd

Ein Märchen

Dort wo die Menschen dunkle Haut und dunkle Haare und dunkle Augen haben, verehrte man vor vielen hundert Jahren ein hellhäutiges Völkchen, von dem niemand wußte, wie es in die Wüste kam. Nur eine alte, alte Frau flüsterte, als sie verhutzelt und verdorrt auf dem Sterbelager lag, eine sagenhafte Geschichte, die allein ein junger Bursche mit besonders scharfen Ohren verstand, denn die Alte war matt und hatte auch keinen Zahn mehr im Mund. Von ihm erfuhren es die Enkel und deren Enkel und die trugen es den Ohren meines Urgroßvaters Urgroßvater zu.

Hoch im Norden, am Eismeer, lebte eine Magd, die hieß Inger. Die Leute waren bitterarm, das Land war karg und rauh, und selbst im heißesten Sommer leckte die Zunge des nahen Gletschers fast an des Dorfes Rand. Früh starb man hier, kaum daß Mann und Frau ein paar Kinder in die Welt gesetzt hatten, da wurden sie auch schon alt und siechten dahin. Wer drei Mal in seinem Leben die volle Wärme der Sonne erfuhr, durfte sich glücklich schätzen. Sie froren vom ersten bis zum letzten Tag, selten nur hatten sie einen vollen Bauch, ja manchmal aßen sie Gras, wie das abgemagerte Vieh, das ihnen ein wenig Milch, Fleisch und Fell schaffte. Sie lebten in erdigen Höhlen, aber sie klagten nicht, denn sie hatten einen Gott, bei dem sie Trost und Hilfe fanden. Nur einer hatte den nicht, aber der wohnte auch in einem hölzernen Haus und trug stolz einen Bauch vor sich her. Das war der Gutsbesitzer, bei dem Inger als Magd diente. Da sie über alle Maßen schön war, schlank von Gestalt, mit feinen Zügen und dickem, langem Rothaar, mußte sie sich vieler Nachstellungen erwehren, aber neben ihrem Gott hatte sie auch einen Liebsten, dessen Namen verloren ging. Dem hielt sie die Treue, denn sie liebte ihn, und dem wollte sie sich auch verheiraten. Am Tage ihrer Hochzeit, Inger stand im siebzehnten Jahr, aber geschah das große Unheil.

Wäre man aufmerksam gewesen, an diesem Schicksalstage, vielleicht hätten die Bewohner des Dorfes das Unglück verhindern können. So aber waren sie mit den Vorbereitungen beschäftigt und gerade als man Inger den Blumenkranz aufsetzte und der letzte Flicken an ihrem einzigen Kleid genäht ward, hörte man den Schreckensruf und schon fiel der erste Leib aufstöhnend zu Boden. Ein fremdes Schiff hatte in der Bucht angelegt, dem immer mehr schreckliche Gestalten entstiegen, mit langen zottigen Bärten, wildem Haar und braun gegerbten Gesichtern. Bis an die Zähne waren die furchtbaren Männer bewaffnet; wer sich ihnen aber in den Weg stellte, der verlor auf der Stelle sein Leben. Auch Ingers Liebster griff nach einem Stein, doch schon im nächsten Augenblick rollte sein Kopf den Hang hinunter. Die Mannsbilder lachten, das Mädchen aber konnte vor Schreck nicht einmal schreien. Gierig sahen die Scheusale auf das hübsche Ding; nur der Ruf ihres Anführers hielt sie davon zurück, sich ihrer zu bemächtigen. Noch nie hatte Inger solch eine Meute gesehen, es waren gottlose Piraten aus dem Süden.

Nur wenige Männer und Frauen des Dorfes überlebten das Gemetzel. Zuletzt schlitzten sie den dicken Bauch des um Gnade wimmernden Gutsbesitzers auf und trugen seine wenigen Schätze davon. Dann fraßen und soffen sie und am nächsten Morgen setzten sie Segel; vom Dorf blieb nichts zurück, nur ein Häufchen verglimmender Asche und das Krächzen und Glucksen der Aastiere.

Im Bauch des Schiffes aber schlief Inger erschöpft neben den anderen. Wenn sie erwachte, betete sie zu Gott, daß er sie sterben lasse, und weinte sich die Augen aus, denn so viel Unheil vermochte sie nicht zu begreifen. Alle Lust zu leben war aus ihr gewichen, sie flehte um den errettenden Tod; die anderen taten es ihr gleich. Vielen wurde die Bitte erfüllt, deren Körper warfen die Räuber laut fluchend gleichgültig ins Meer, den Fischen zum Fraß, und bald war Inger gänzlich allein. Zwar füllte sich der Laderaum mit immer neuen Menschen, doch sprachen diese andere Zungen und trugen fremde Kleider. So lange währte die Reise, die Küste auf und ab, und immer neue Opfer schleppten die Piraten an, bis das Schiff mehr Last nicht tragen konnte. Drinnen wurde es warm und stickig, helle Sonnenstrahlen lugten durch die Planken, zum ersten Mal in ihrem Leben begann Inger vor schierer Hitze zu schwitzen. Als die Wärme unerträglich zu werden schien, war die lange Fahrt endlich vorbei.

Wie ein scharfes Schwert fuhr ihr das Sonnenlicht in die Augen, die schon lange keine Tränen mehr hatten. Blau und sanft leuchtete das Meer an diesem Ort, gelber Sand säumte seine Strände, die Häuser waren weiß und licht und selbst die Menschen liefen in langen weißen Kleidern umher oder ritten auf großen fremdartigen Tieren. Alles schien hell und leicht, die wundersamsten Farben spielten ihr Gaukelspiel und Gold und Silber prunkte allerorten. Der Ort glich den sagenhaften Geschichten der Mutter. Inger mußte an ihren Liebsten denken, an ihr Dorf, an die Freunde. Nun erst begriff sie, daß sie nichts und niemand von alledem je wird wiedersehen können.

Dann stellte man sie und die anderen mitten auf den Markt, riß ihnen die letzten Lumpen vom Leib und gaffte und feilschte. Ihre helle Haut, die runden Hüften und das glühend rote Haar weckten großes Erstaunen. Kaum wagte sie den Kopf zu heben, als ihr blauer Blick ein dunkles Auge traf, aus dem Mitleid und Neugier sprachen. Dem es gehörte, der zahlte den höchsten Preis und wurde wohl ihr Herr; soviel verstand das arme Mädchen. Nimmermehr würde sie ihres Lebens froh werden, so dachte sie, am liebsten wollte sie sterben, so bat sie in stillem Gebet und fügte sich willenlos ihrem Schicksal.

Noch einmal trat sie eine lange Reise an, diesmal durch ein fremdes Land, in dem nichts dem ihrigen glich. Niemand sprach ein Wort zu ihr, und wie auch, verstand sie doch noch nicht einmal die Gesten der fremden Menschen. Als sie an einem wunderlichen Palast anlangten, mit runden weißen Fenstern und gewölbten Türen, wurde sie von einer Schar kichernder Frauen empfangen; die badeten sie, salbten sie und kleideten sie in die buntesten Kleider, so farbenfroh, wie Inger noch nichts in ihrem Leben gesehen hatte. Die Frauen brachten einen hohen Spiegel und Inger erschrak, denn in ihrem Lande betrachtete man sich nur übers Wasser gebeugt. Zum ersten Mal bemerkte sie, wie schön sie war. Da mußte sie lächeln, so daß all die Frauen erfreut aufschrien, und schämte sich sogleich dafür und begann bitterlich zu weinen.

So vergingen die Jahre. Inger wurde dem Prinzen mit den sanftmütigen Augen angetraut, man meinte es gut mit ihr. Sie lernte die fremdländische Sprache und die Sitten der Leute, ja, sie beugte sich sogar einem anderen Gott. Unzählige Tränen vergoß sie im Laufe der Zeit, die Erinnerung an ihre Heimat verlor sie nie und doch wandelte sich das, was sie erst nur mit Widerwillen ertrug und geschehen ließ, in Zufriedenheit und Zuneigung und eines Tages durchrieselte ihren Körper das Glück der Liebe. Erst waren es die Kinder, dann war es der Mann und schließlich liebte sie das fremde Land und ihr ganzes Dasein. Noch im vierzigsten Jahre war sie jung und schön. Alle ihre Kinder aber hatten helles Haar und helle Haut.

So wurde Inger an die hundert Jahre und je älter sie wurde, umso mehr wurde sie vom Volke verehrt. Man baute ihrer Familie ein Heim, nachdem ihr geliebter Mann gestorben war. Dort pilgerten die Leute hin, zur weisen Frau mit den roten Haaren und fragten um Rat, denn sie wußte, was war und was hätte sein können. Sie kannte den tiefsten Schmerz und deshalb das höchste Glück.

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