Blick in die Zukunft IV

Khaled ist weg. Er folgt dem Ruf der Natur, das Ewigweibliche zieht ihn hinan – oder hinab. Es ist schwer einzuschätzen, ob sich die Entscheidung, sich eine syrische Frau zu suchen, positiv auf seine „Integration“ auswirken wird.

Die Einsamkeit setzte ihm zu stark zu und als er erfahren hatte, daß eine ihm bekannte junge Frau nebst Familie – Mutter und Brüder – auch in Deutschland weilt – diese Informationen reisen rasend schnell im Internetzeitalter – wurde man sich schnell einig: Heirat.

Jetzt ist Khaled in Baden-Württemberg und lernt seine zukünftige Frau kennen. Na ja, zumindest ein bißchen. Er wohnt bei ihrem Bruder in einer Flüchtlingsunterkunft und ob er sie bis zur Ehe ohne Kopftuch, geschweige denn ohne mehr zu sehen bekommt, ist fraglich. Die Tradition schreibt vor, daß er nicht allein mit der jungen Frau in einem geschlossenen Raum sich aufhalten darf. Immerhin scheint sie eine kluge Person zu sein, hatte schon wenige Tage nach ihrer Ankunft mit dem Sprachenlernen begonnen.

Trotzdem macht es die Zauberformel „Integration“ nicht kräftiger. In seiner Wohnung war Khaled immerhin gezwungen, hin und wieder mit Deutschen Kontakt aufzunehmen. Jetzt, befürchte ich, wird er wieder ausschließlich Arabisch sprechen. Auch wenn er als ausgebildeter Sprachlehrer hier ankam, tut er sich mit Sprachen sehr schwer. Der jüngere Hussain überragt ihn in Auffassungsgabe und kreativem Denken deutlich. Für Khaled ist es eine Frage des Fleißes und des Willens und der Kontinuität.

Objektiv betrachtet scheint der Schritt, so sehr man ihn menschlich verstehen kann, ein Rückzug ins Gewohnte zu sein. Acht Monate lang hatte Khaled sich ins Offene gestellt und die Erfahrung des Ankommens und Aufgenommenwerdens nicht gemacht. Es bedarf starker Naturen, gerade dann noch einen Schritt weiter zu gehen, mehr zu riskieren, Sicherheiten aufzugeben – aber das ist der einzige Weg. Marscherleichterungen führen meist wohl zu Rückschritten.

Wie wird seine Zukunft aussehen? Die Frau wird bald Kinder bekommen. Man wird sich noch stärker in syrische Familienbande binden. Andererseits hat der kleine Ort an der Jagst ein sehr engagiertes Programm für Asylanten …

Vermutlich wird Khaled es noch eine Weile versuchen. Sofern die Kinder nicht bereits zu stark germanisiert werden, sehe ich ihn in ferner Zukunft wieder in Syrien.

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2 Gedanken zu “Blick in die Zukunft IV

  1. Kurt Droffe schreibt:

    „Die Erfahrung NICHT gemacht“: ein Verschreiber?, sonst verstehe ich das nicht. Weil er nicht in einer community von Flüchtlingen sich aufhielt?
    Eine Frage, wenn’s erlaubt ist: Was hat er eigentlich für eine Nah-Perspektive für sich und seine Frau? In der Regel heiratet man doch, wohl auch in nahöstlichen Gesellschaften, erst dann, wenn man, altbacken gesprochen, einen Platz im Leben gefunden hat und eine Familie versorgen kann – wie stellt er selbst sich das vor? Gemeinsam von Sozialhilfe zu leben kann es ja doch wohl nicht sein, und damit ist gar nicht die Unterstellung gemeint, daß es darum doch ginge. Im Gegenteil, die natürliche Erwartung ist doch eher, daß einer recht schnell versucht, auf eigenen Beinen zu stehen – mit was rechnet K. für sich und seine Zukünftige?

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    • Nein,das ist kein Tippfehler. Die Erfahrung lehrt, daß „Integration“ besser funktioniert, wenn man nicht angekommen, aufgenommen und fertig ist und diese Gefahr steigt mit dem Eintauchen in eine mehr oder weniger abgeschlossene Struktur, wie eine Kommune aus Landsleuten oder eben auch die Familie. Jetzt macht er diese Erfahrung und als ich ihn vor kurzem sprach und fragte, ob er noch Deutsch lerne, mußte er es verneinen. Solange er allein war, war es ihm ein Bedürfnis.

      Eine Vor-Stellung, wie wir uns sie vorstellen, einen Plan, ein Ziel, haben viele Syrer nicht – sie nehmen was kommt und vertrauen auf Gott. Irgend etwas wird sich ergeben; schon deshalb ist die Alimentierung ein großes Hindernis. In diesem Falle ist es freilich doch etwas anders. Auch wenn Khaled studiert hat, ist er kein Intellektueller und hat auch die letzten Jahre im Libanon auf dem Bau gearbeitet. Er will auch hier arbeiten, wollte es von Beginn an und würde auch jede Arbeit annehmen. Die Hürde ist und bleibt die Sprache. In bestimmten Schattenbereichen kann man die überwinden – dort hat er sich wohl ein paar Mark verdient.

      Tatsächlich muß der Mann die Familie versorgen – wie das aber in diesem Falle geregelt sein wird, kann ich nicht sagen. Im Moment steht das Problem Hochzeit an und das kostet sehr viel Geld – darüber später mehr. Das Nahziel ist es gerade, Geld aufzutreiben, wie auch immer und legal.

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