Die Pathologie der Normalität

Drei Mal darfst du raten!

Wo, in welchem Land, in welcher Stadt, könnte sich folgende Szene abgespielt haben?

An einem sommerlauen Abend sitzt man auf einer ruhigen Freiterrasse eines Restaurants und ißt und trinkt eine Kleinigkeit und plaudert entspannt. Zwei Frauen, ein Mann.

Am Tisch nebenan ein junger Kerl mit aufgepushten Oberarmen, über und über tätowiert, zusammen mit seiner Freundin. Lange nestelt er an seinem Mobiltelephon herum. Man dreht sich instinktiv zur anderen Seite.

Doch dann plötzlich spricht er dich an, lächelnd,  in perfektem Deutsch mit leichtem Akzent: „Entschuldigen Sie, würde es Sie stören, wenn ich eine Zigarette rauche?“

Plauen? Ganz kalt!

London? Dort gehen solche Typen in den Pub, nicht auf die Terrasse.

Italien? Viel zu laut und hektisch.

Du rätst es nicht: Ungarn!

Eine kleine südungarische Provinzstadt (40 000 Ew.), wo Postpubertäre noch schamlos Hand in Hand mit ihren Eltern gehen, wo Autos auch ohne Zebrastreifen für Fußgänger halten, wo junge Frauen freudig Kinderwagen schieben, wo man Ungarisch, Deutsch, Serbokroatisch, Englisch hört, aber kein einziges Mal Arabisch oder Türkisch, wo es noch fünf große Kirchen gibt, die stolz und laut ihre Glocken erklingen lassen, wo an jeder Ecke ein Denkmal für einen Helden der Geschichte, einen Verteidiger des Landes steht und mit frischen Blumen geschmückt wird, wo Kopftuchfrauen alte Babuschkas sind, die auf dem Markt selbst angebaute Zwiebeln und Erdbeeren verkaufen, wo Menschen den ganzen Sommer, während sie im Urlaub sind, die Hintertür offen lassen, damit die Katze ein und aus kann, wo mehr Europaflaggen wehen als in Brüssel, Luxemburg und Strasbourg zusammen …, dort fragen dich auch junge Ungarn in ausgewähltem Deutsch höflich um Erlaubnis, ob sie im Freien neben dir rauchen dürfen.

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Ein Gedanke zu “Die Pathologie der Normalität

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Sie hängen – bis auf die Tattoos – einem Bild von vorvorgestern an! Nostalgie pur. Ewiggestrig. Verklärend. Gab’s so überhaupt gar nie.
    Gehen Sie nicht den Rattenfängern auf den Leim!

    Gefällt 1 Person

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