Die Angst nach dem Brexit

Oh meine Brüder, bin ich denn grausam? Aber ich sage: was fällt, das soll man auch noch stoßen!
Das Alles von Heute – das fällt, das verfällt: wer wollte es halten! Aber ich – ich will es noch stoßen! (Nietzsche: Zarathustra)

Vor wenigen Tagen hatte ich mich aus dem Fenster gelehnt und verkündete: die bewußt geschürte Angst vor dem Ungewissen wird die Briten mehrheitlich für den Verbleib in der EU stimmen lassen. Es ist anders gekommen:  viele Briten haben einen unglaublichen Mut bewiesen! Die Kluft zwischen „dem kleinen Mann“ und der medial-politischen Sphäre wurde unterschätzt, weil erstere keine Stimme in letzterer hatte.

Niemand sollte sich darüber freuen, auch die Wahlgewinner nicht. Es ist wie nach einer gescheiterten Ehe: Es mag Erlösung sein, aber trotzdem gibt es Grund zur Trauer.

Der „Spiegel“ freilich – und mit ihm andere – kommt aus seiner Affekt-Denke nicht heraus und kommentiert die Niederlage erneut als angstgetrieben. Diesmal sind es „die Fremden“, vor denen Angst geschürt worden sei. Dabei ist schon der Eingangssatz fast aller Artikel falsch: Nicht die Briten haben abgestimmt, nicht die Briten wollen den Brexit, sondern nur die Hälfte der Briten und ein paar Zerquetschte. Das ist das systematische Risiko der demokratischen Mehrheitsentscheidung: sie kann ein Volk mitten hindurch zerreißen! Die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Entschlußform wird erneut diskutiert werden müssen. Auch die Gewinner haben heute Nacht verloren und die Verlierer gewonnen.

Was der Brexit letztendlich bedeutet, kann niemand wissen. In einer inflammablen Atmosphäre kann jede Null zu einem Herostratos avancieren.

David Cameron hat sich verzockt. Er war der Meinung, die Stimmung in seinem Lande zu kennen, und er war überzeugt, die Extrawürste, die er sich durch die Eurokratie hat braten lassen, wären genug, um den britischen Völkern das Maul zu stopfen. Dabei hat er die Aversionen unterschätzt, die er dadurch auch unter den Landsleuten auslöste. Spätestens als Boris Johnson – den viele Briten für charismatisch halten, weil er ein Original ist – sein Gegenspieler wurde, war der Brexit reale Möglichkeit geworden. Auch die Briten, zumindest große Teile der Briten, sehnen sich nach einer Führungsfigur, zu der aufzuschauen keine Schande mehr ist. Nicht zufällig veröffentlichte Johnson vor einem Jahr eine Churchill-Biographie.

Vergleichbar der Idee des Kommunismus hat sich die (gut gemeinte) Kopfgeburt einer Europäischen Union als Ende der Nationalstaatlichkeit als Phantasie erwiesen. Sie erlebt nun ihren Mauerfall. Wie dieser wird er Bewahrenswertes hinwegfegen und Unsägliches schaffen, aber auch umgekehrt. Die Lehre aus der jüngeren Geschichte, daß sich objektive Bewegungen nicht subjektiv umbiegen lassen, wurde nicht gezogen – ein weiteres Mal lief man einer utopischen Fata Morgana nach und landet nun in der Wüste. Wird man aus diesem Irrtum lernen? Die Menschheit ist kein lernfähiges Subjekt, nur einzelne Menschen sind es …

Cameron hat nun seinen Rücktritt angekündigt. Johnson dürfte der nächste Premier werden. Wenn es aber stimmt, daß vor allem die Migrationspolitik der EU und Deutschlands, die „Angst vor dem Fremden“ ausschlaggebend war, dann gibt es noch ganz andere Verlierer. Wenn die Briten EU sagen, dann meinen sie oft Deutschland. Die deutsche Bevormundung und Dominanz ist vielen Briten seit Jahr und Tag ein Dorn im Auge, Merkels katastrophale Einwanderungspolitik und das lavierende Durchsetzenwollen der eigenen „Politik“ in der EU  hat nun das Faß überlaufen lassen.

Vielleicht größer noch, existentieller als der Brexit, war die Entscheidung der Kanzlerin, die Grenzen bedingungslos zu öffnen und sei es nur für wenige Wochen. Der Schaden ist angerichtet, die starke Botschaft war gesendet, der Prozeß scheint nun irreversibel. Schweden steht als mahnendes Beispiel vor dem Kollaps und macht die totale Kehrtwende, auch in Deutschland muß man ein leckgeschlagenes Schiff zurückrudern ohne Garantie für das Gelingen. Die Menschen in ganz Europa – zumindest ein großer Teil der Menschen – spüren instinktiv, daß mit der Einwanderungswelle eine Zäsur von globalem Ausmaß geschaffen wurde. Und sie wehren sich dagegen und sei es mit dem Exit.

Cameron, so seltsam es klingen mag, ist nur die Marionette Europas, deren Stricke jetzt durchgeschnitten werden. Wirklich politisch verantwortlich für den Brexit und den Beginn des Endes der Europäischen Union – natürlich ist die Union nicht Europa! – ist auch Angela Merkel. Wenn sie einen Rest an An- und Verstand besitzt, dann zieht sie jetzt die Konsequenz und macht den Weg frei für wirklich neue Kräfte, die den Scherbenhaufen hoffentlich zusammenkehren werden und ein neues, ein realistisches, ein entbürokratisiertes und nicht-zentralistisches Europa, ein weniger aufgeblähtes Europa der Nationalstaaten bauen können, das sich auf gemeinsamer ökonomischer, historisch-kultureller und Wertebasis gründet.Dann wäre der Brexit nicht umsonst gewesen.

Die Zeichen dafür stehen freilich nicht gut. Stattdessen steigern sich europäische und deutsche Spitzenpolitiker in Vergeltungs- und Rachephantasien und diskreditieren auch noch den letzten Rest an Zusammengehörigkeitsgefühl. Eine Ehe, die so endet, war es nie wert, eine gewesen zu sein. Wenn nun Rachegefühle aufkeimen, dann beweist es nur, wie notwendig dieser schmerzhafte Schnitt ist. Er wäre dann so oder so gekommen und je später, desto dramatischer.

Daher sollten wir jetzt auf allen Ebenen den Briten beistehen und ihnen auf diesem schweren Weg helfen.

Das wäre gelebtes Europa! Das wäre europäische Solidarität!

3 Gedanken zu “Die Angst nach dem Brexit

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Danke, ein schöner Beitrag.
    Und ja, mich freut die Entscheidung, macht mich aber auch wehmütig. Gerade wenn man England mag, dann weiß man, daß es einem in der EU fehlen wird. Dennoch glaube ich, daß die Exit-Suppe dann doch nicht so heiß gegessen werden wird, wie man sie jetzt vielerorten kocht: GB wird nicht in Armut zum bedeutungslosen Zwergstaat schrumpfen, die ökonomischen Folgen werden überschaubar sein. Und das ist auch einer der Vorteile: Man wird tatsächlich „live“ sehen und beurteilen können, welche Folgen der Austritt für ein Land haben kann.
    „Immigration“ war, englischen Freunden zufolge, tatsächlich das Zugthema in der Debatte; wobei allerdings wohl vor allem die osteuropäische Arbeitsmigration im Vordergrund stand; dennoch bezweifele ich nicht, daß die katastrophale Merkelpolitik in dieser Hinsicht ein wesentlicher Beitrag war. Ihre Bilanz ist tatsächlich desaströs: Für Europa, für Deutschland, und, wage ich zu prognostizieren, für ihre Partei. Zurücktreten wird sie niemals, bzw. erst bei einer deutlichen Wahlniederlage im Bund.
    Meine Sorge ist, was Sie auch ansprechen: daß das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Die EU ist ja nicht schlecht, und ich halte sie noch nicht einmal für eine Kopfgeburt (in den Anfängen); man baute Stein auf Stein und hielt sich an wirtschaftliche sinnvolle Verbesserungen. Der Irrweg begann m. E., als nach 1990 aus der pragmatischen Politik ein „Projekt“ wurde, dem allzuviel, nicht zuletzt die Volkssouveränität, untergeordnet wurde.
    So sehr mich der Brexit freut: Ich sitze nicht gerne mit einem Front National in einem Boot, der die EU komplett abschaffen möchte; ich möchte nicht zurück auf Null, und halte das auch für einen Unsinn. Ich freue mich, daß die osteuropäischen Länder mit dabei sind, und die osteuropäische (Arbeits-) Migration macht mir nicht bange. Das sind die Leute, die, wenn ich ihnen begegne, mir verdeutlichen, wer zu Europa gehört, und wer eben nicht…

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    • So ähnlich erlebe ich das auch und den Satz des heißen Essens hatte ich sogar im ersten Entwurf mit drin.

      Alle unsere englischen Freunde – und wir hatten im April zahlreiche Gespräche – sind überzeugte Europäer, aber mit der Migrationspolitik Deutschlands (trotz z.T. eigenen mexikanischen, jüdischen, portugiesischen, südafrikanischen, dänischen und US-amerikanischen Herkommens) hatten alle Probleme und alle haben erschüttert reagiert, umso mehr, als ich ihnen die demographischen Konsequenzen vorgerechnet hatte. Nur eine katholische Französin und ihr Oxford-Philosoph-Ehemann dürften für den Brexit gestimmt haben. Auch hier: Migration. Allerdings weniger die polnische, sondern tatsächlich die arabisch-afrikanische. Da geht es auch weniger um Eigenerfahrung – die man in London allerdings zuhauf macht -, sondern um die Bilder aus D.

      An einer europäischen Identität und Organisation kommen wir nicht vorbei. Wir sind seit 250 Jahren Europäer, seit Kant, Schiller, Goethe und auch die Konservativen von George bis Jünger waren Europäer … Nur darf man Europa nicht oktroyieren, sondern muß es organisch wachsen lassen. Das wird auch weiterhin geschehen, gerade durch die jungen Generationen, weshalb die Rentnerbeschimpfung vollkommen fehl am Platze ist. Man wird, sofern man nicht nach Rache schreit, doch mit UK vernünftige Verträge schließen können, die sowohl Reisefreiheit, Studienfreiheit, Arbeitsfreiheit … garantieren. Ich kann eigentlich gar nicht sehen, weshalb sich irgend etwas Wesentliches zwischen Europa und UK ändern müßte – man muß es nur auf neue Füße stellen.

      Ich halte es da mit Sloterdijk: „Als lockerer Bund hat die EU mehr Zukunft, als wenn sie auf Verdichtung setzt.“

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    • Pérégrinateur schreibt:

      “Too much of a good thing is good for nothing” – das ist wohl wahr. Aber es gibt eben auch so starke Exzesse, dass sie nur mit einer schneidenden Korrektur behoben werden können, und dann ist die gut und nützlich. Viele Deutsche sind leider zu obrigkeitsgläubig, um die Schrift an der Wand rechtzeitig bemerken zu wollen. So müssen sie sich eben den Kopf an ihr einrennen; auch eine Art zu lernen. Rechtzeitig wäre friedlicher.

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