Weimar grüßt Damaskus

Weimarer Impressionen

Die falsche Tür führt ins Glück. Wir wollen die Anna-Amalia-Bibliothek besuchen und landen stattdessen im Studienzentrum. Eine moderne Bibliothek. Man klärt uns über den Irrtum auf, aber die hohen Bücherwände lassen uns um Eintritt bitten, den man gern gewährt.

StudienzentrumEhrfürchtig und leise flüsternd – wie immer wenn man zum ersten Mal eine große Bibliothek betritt – durchschreiten wir den hellen Turm, durchwandeln die ebenfalls mit Bücherregalen ausgestatteten Seitengänge. Das zehnbändige Lexikon des Islam von Khoury fällt mir ins Auge. Ich schaue eines der Wunder nach – Koran 21:31: „Und feste Berge haben Wir in der Erde gemacht, auf daß sie nicht mit ihnen wanke.“ –, wonach Mohammed die Stabilisierungskräfte der Berge beschreibe (wie Hussain mir einreden wollte), aber Khoury, die ernsthafte Islamwissenschaft, will davon nichts wissen. Vielmehr wird auf die Bibel verwiesen. Daneben die „Oxford Encyclopedia of the Islamic world“ in sechs Bänden … auch dort nichts.

Erwartungsvoll steigen wir die Treppen hinauf. Die erste Etage, so wurde am Eingang gesagt, sei der Philosophie gewidmet. Gleich links die Klassiker ab Kant aufwärts. Fichte, Dilthey komplett. Nietzsche Gesamtausgabe im Großoktav. Ich gehe weiter: Nietzsche, Nietzsche, Nietzsche, 30 Meter lang und 3 Meter hoch ein Nietzsche-Buch neben dem anderen. Hier könnte man sein ganzes Leben lang nur über Nietzsche lesen und doch nicht fertig werden.

Die Zeit drängt, ich gehe weiter, lasse Adorno und Horkheimer links liegen, prüfe zum ersten Mal die Nachlaßschriften Wolfgang Harichs (auf die ich große Lust habe!), bestaune die Ludwig-Klages-Gesamtausgabe, stehe andächtig vor den prachtvoll grünen Bänden des kompletten Cassirer. Und gleich darüber, wie passend: Heidegger! Weimar 2016 grüßt Davos 1929.

Die Gesamtausgabe vollzählig, gebunden, alle 100 Bücher. Ich ziehe die „Schwarzen Hefte“ heraus, schlage eine Seite auf und lese eine Notiz aus dem Jahre 1932, in der er angewidert vom „Vulgärnationalsozialismus“ spricht. „Der Nationalsozialismus ist ein barbarisches Prinzip. Das ist sein Wesentliches und seine mögliche Größe. Die Gefahr ist nicht er selbst – sondern daß er verharmlost wird in eine Predigt des Wahren, Guten und Schönen.“

Nur noch ein flüchtiger Blick auf Sloterdijk, der auch quantitativ Habermas überragt, aber dort sehe ich nichts Neues: da bin ich besser bestückt, und weiter geht der Aufstieg. Welche Fülle, welch ein Reichtum!

Wenigstens Goethe noch, und die Skandinavistik mal schnell überblicken. Aber dazu kommt es nicht. Ich lese mich fest. Schaue die Faksimileausgabe der Divan-Gedichte durch und recherchiere im Computer, mache einen wichtigen Fund … und bemerke plötzlich die fortgeschrittene Zeit. Hamsun und Falkberget müssen warten – ich komme wieder, versprochen.

Am Abend lese ich eine moderne Reisebeschreibung Syriens. Darin über einen Buchbasar in Damaskus: „An den Sockeln haben Buchhändler ihre Auslagen gereiht und gestapelt, überwiegend religiöse Schriften, viele Koranausgaben.“

3 Gedanken zu “Weimar grüßt Damaskus

  1. Leonore schreibt:

    Danke für die Blumen!

    Und – ja, es sind verrückte Zeiten. „Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode“, möchte man sagen.

    Bitte lassen Sie sich alle Zeit der Welt!

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  2. Leonore schreibt:

    Sie spannen mich auf die Folter, lieber seidwalk!

    Welchen „wichtigen Fund“ mögen Sie wohl im Westöstlichen Diwan gemacht haben?

    Hmm – vielleicht …. – Vielleicht die Erkenntnis, daß zu Goethes Zeiten (oder zu den Zeiten, in denen die Werke geschrieben wurden, aus denen Goethes Liebe zum Orient sich begründete und nährte?) der Islam noch mit „Wein, Weib und Gesang“ kompatibel schien?

    Aber ich kann – trotz aller Neugier – auf den gewiß irgendwann aus Ihrem Fund resultierenden Blog-Eintrag warten. Voller Vorfreude.

    Daß sie Adorno und Horkheimer „links liegen gelassen haben“ ist für mich ein ganz besonderes Schmankerl – schon wegen der heutigen sexualpolitischen Auswirkungen von deren Bestreben, die Familie als angebliche „Brutstätte des Faschismus“ zu zerstören. Und weil mein Herz für Golo Mann (der es mit einem Vater wie Thomas und einer Mutter wie Katia weiß Gott schwer genug hatte) blutet, dessen Berufung nach Frankfurt/M Adorno und Horkheimer – zu Zeiten, als Homosexualität noch strafbar war – damit verhinderten, daß sie ihn als Homosexuellen „outeten“ und für nicht zur Erziehung der Jugend geeignet erklärten (und das, wo sie die Ablehnung sexuell abweichenden Verhaltens ansonsten für typisch faschistoid erklärten):

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/zum-100-geburtstag-von-golo-mann-war-so-ein-mensch-als-kollege-wuenschbar-1926434.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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    • Der Fund ist leider wieder in den Hintergrund gerückt – die Welt ist zu verrückt, denke ich mitunter, um sich noch Zeit für Goethe nehmen zu können. Aber wenn man solch aufmerksame, mitdenkende und wohlwollende Leser hat, dann gibt das Kraft, auch diese Angelegenheit wieder aufzunehmen. Wird also irgendwann kommen, der Artikel der den Fund – eine Art Eckstein – enthält. Geduld ist allerdings vonnöten.

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