Die Angst vor dem Brexit

Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden.  Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?  Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge?  Du Heuchler, zieh am ersten den Balken aus deinem Auge; darnach siehe zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst! (Matthäus 7.1ff.)

Nun ist es also so weit: die Briten stimmen über den Brexit ab. Doch der wird nicht kommen – so lautet meine Prognose. Und der wesentliche Grund ist die Angst!

Geht es gegen „rechts“, dann wird die Angstkeule wild geschwungen. Von AfD bis Trump von FPÖ bis Neue Rechte …, alle schürten nur Angst, quirlten demagogische Horrorszenarien und schöpften den Schaum  genüßlich ab.

Dabei gibt es seit Monaten keine größere Angstmaschine als die Berichterstattung über den möglichen Brexit, auf der Insel und in Europa. Politiker und Medien sind sich einig: das Wirtschaftsgefüge könnte kollabieren, die Märkte zusammenbrechen, Arbeitsplätze millionenfach verloren gehen, die Immobilien ihren Wert verlieren, der Euro ins Unermeßliche absacken, andere Länder könnten folgen … Krieg und sogar der Ökokollaps stünden möglicherweise bevor, wenn die Briten für den Ausstieg votierten. Und sollten sie es tun, dann wird man ihnen schön in die Suppe spucken und den Ausstieg so unangenehm wie möglich machen, dann wird die EU sie richtig bestrafen – so viel zur Völkerfreundschaft, so viel zum Europa-Gedanke.

Da kann einem schon mulmig werden. Angst, Angst, Angst. Angst führt auch zu Panikreaktionen.

Und so wird es wohl kommen – das Schottlandreferendum, die Österreich-Wahl, die Regionalwahlen in Frankreich dienen als Blaupause –: am Ende wird die Angst siegen, die Angst vor den an die Medienwände gemalten Menetekeln, die Angst vor dem Ungewissen, vor dem Neuen.

Paradox: Weil die Menschen konservativ sind, werden sie links wählen.

Zumindest knapp zur Hälfte – und das ist das eigentliche Drama: Auch Großbritannien wird mittendurch gespalten sein. Und die Eurokratie wird zur Tagesordnung übergehen, auf daß die Fallhöhe zunehme.

 

7 Gedanken zu “Die Angst vor dem Brexit

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Nur noch kurz:
    1. Der zitierte Satz ist bei dem Kommentator sicher in dieser Zuspitzung auch „tongue in cheek“ gesagt. Mit der grundsätzlichen Beobachtung, daß der Nationalismus (mit allen unschönen Begleiterscheinungen) weltweit derzeit ein Hoch hat, liegt er richtig (s. China, Türkei, etc.). Im übrigen fand ich die einsprechenden Kommentare interessanter als den Beitrag selbst. Das Interessante ist ja gerade, daß die alten Begriffe sich gegeneinander zu verschieben beginnen und alte Gleichungen oder Paarungen nicht notwendig mehr stimmen, man denke nur an „Feminismus“ und „Multikulturalismus“. „Progessistischer Anarchismus“, mit Verlaub, ist aber auch nur eine Spielmarke.
    2. „Libertär“, darüber könnte man lang diskutieren. Ich würde mich durchaus auch als libertär bezeichnen, allerdings nicht in der in der in den USA mitunter anzutreffenden radikalen Variante, welche den Staat komplett ablehnt. Von der Sorte gibt es aber auch nicht wirklich viele. Die meisten Libertären (oder Liberalen in Europa) erkennen ja die Funktion des Staates beim Schutz von Person, Eigentum und Staatsgrenzen und -souveränität an – wenn es mal dabei bliebe! Aber gerade bei diesen Kernaufgaben versagen Staat und Politik ja derzeit und kümmern sich stattdessen um die lächerlichsten Dinge – man denke nur an die endlosen Gleichstellungsmaßnahmen oder die verordneten Schockbilder auf Zigarettenpackungen. Wenn die EU so etwas als ihre Aufgabe ansieht, effektive Grenzsicherung aber nicht, dann ist sie überflüssig.
    Was mich selbst von den US-Libertären trennt, ist der Schritt zu „open borders“ und die Vernachlässigung der kulturellen Dimension dieser Frage; es läßt sich natürlich hier viel entspannter argumentieren, wenn Mexikaner statt Marokkaner einwandern, und wenn die illegalen Einwanderer vom Staat keine Sozialleistungen zu erwarten haben…

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  2. Kurt Droffe schreibt:

    Ich stimme zu; da ein Ausscheiden aus der EU erstmal eine „neue“ Situation darstellt, werden viele Wähler aus, ja Angst, dagegen stimmen. Das ist der gleiche Mechanismus, der in Deutschland viele Wähler brav die sogenannten „Altparteien“ wählen läßt: da weiß man, was man hat (das ist ja auch ganz menschlich und verständlich). Es ist auch, soweit ich es mitbekomme, ein typischer Mechanismus im, wie soll man es nennen, „framing“ durch die Offiziellen festzustellen: Es wird so getan, als sei „gegen Europa“, wer für einen Austritt stimmt – was völliger Humbug ist. Genausowenig ist „gegen Ausländer“, wer für eine Flüchtlingskontingentierung ist, und und..
    Ähnlich scheint mir auch, daß in Verbindnung damit die Pro-EU-Haltung als eine Art Lifestyle/Coolness-Marker dargestellt wird: bist Du gegen die EU, dann bist Du ein verklemmter nationalistischer Spießer, kein Kosmopolit.
    Meine Rede war immer, daß ich als Brite für den Brexit wäre, als Deutscher dagegen bin, um GB als korrigierendes Element in der EU nicht zu verlieren. Mittlerweile hoffe ich aber doch eher darauf: nichts könnte für viele dieser allzu selbstsicheren, selbstverliebten und doch wesentlich inkompetenten EU-Propagatoren demütigender und vielleicht heilsamer sein als ein Austritt Englands. Und wenn es die EU nach 30 Jahren zu nicht mehr gebracht hat als zu einem hauchdünnen Vorsprung der Befürworter, dann hat sie in der Tat wesentlich versagt.
    Eine in Teilen interessante Diskussion des Brexit findet sich in einem amerikanischen Blog, das ich regelmäßig lese (http://econlog.econlib.org/archives/2016/05/against_brexit.html); treffend fand ich dort den Hinweis auf die enge Verbindung von Nationalismus und Selbstbestimmung. Ich denke, auch den (mir gar nicht ganz sympathischen) Nationalismus einer AfD sieht verkürzt, wer ihn nicht auch aus den demokratischen obrigkeitsfeindlichen und anti-monarchischen Traditionen des 19. Jahrhunderts versteht.

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    • Ich bin für jede neue Quelle dankbar. Wenn es um die „Libertären“ geht, wird mir aber schnell mulmig und so ein Satz wie: „In the end, I see the Brexit vote as being part of an epic global struggle of narrow-minded nationalism versus enlightened cosmopolitan neoliberalism“, ist doch reine Propaganda und grenzt durch seine simplizistische Zweiwertigkeit an den Unsinn.
      „Liberalization“ – was ist das mehr als eine Spielmarke, ein Synonym für progessistischen Anarchismus?

      Im Übrigen darf man die Dialektik nicht übersehen – je libertärer die eine Seite, desto identitärer die andere und umgekehrt. Im Moment scheint das Pendel europa/weltweit zur Identität zu schwingen. Man muß sich vor Exzessen hüten, aber wenn es um Beherrschbarkeit gehen soll, dann wird man diesen Impuls unterstützen müssen. Die Alternative ist das Gebet.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Ehre wem Ehre gebührt – das nun hervorgehobene Zitat stammt (leider) von mir am wenigsten. Es ist eine Variation eines Aphorismus von Nietzsche, den ich anfangs zu faul war herauszusuchen; er war dank Online-Ausgabe und Textsuche jedoch am Ende nicht allzu schwer zu finden:

        „Wider die Phantasten. — Der Phantast verleugnet die Wahrheit vor sich, der Lügner nur vor Andern.“

        Menschliches, Allzumenschliches II, Erste Abtheilung, Nr. 6, zitiert nun nach http://www.nietzschesource.org/texts/eKGWB/MA-II

        —————————–
        seidwalk: Noch besser! Schnell die KSA hervorgekramt, nachgeschaut und gesehen: Wurde bei der ersten Lese als bemerkenswerter Aphorismus gekennzeichnet. Nur kann sich kein Mensch alle ausgezeichneten Aphorismen Nietzsches merken – daher schön, daran erinnert zu werden … und gleich ein bißchen zu blättern. Sollte man viel öfter machen …

        Gleich die Nummer 7: „Licht-Feindschaft. — Macht man Jemandem klar, dass er, streng verstanden, nie von Wahrheit, sondern immer nur von Wahrscheinlichkeit und deren Graden reden könne, so entdeckt man gewöhnlich an der unverhohlenen Freude des also Belehrten, wie viel lieber den Menschen die Unsicherheit des geistigen Horizontes ist und wie sie die Wahrheit im Grunde ihrer Seele wegen ihrer Bestimmtheit hassen. — Liegt es daran, dass sie Alle insgeheim selber Furcht davor haben, dass man einmal das Licht der Wahrheit zu hell auf sie fallen lasse? Sie wollen etwas bedeuten, folglich darf man nicht genau wissen, was sie sind? Oder ist es nur die Scheu vor dem allzuhellen Licht, an welches ihre dämmernden, leichtzublendenden Fledermaus-Seelen nicht gewöhnt sind, so dass sie es hassen müssen?“

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      • Pérégrinateur schreibt:

        @seidwalk:

        Man bleibt immer hängen, wenn man bei Nietzsche hineinschaut – Einsicht und Stil sind glücklich vereint. Seine Art von Moralismus, also in der Art La Rochefoucaulds, kann man sehr gut ertragen. Wieso wird nur für den skeptischen Blick auf eine Sache und deren Usurpation durch die Quassler ein und dasselbe Wort benutzt?

        Oft wird für mehr an imaginierter Gewissheit bedenkenlos die nüchterne Wahrnehmung und damit die in Griffweite liegende Wahrheit geopfert. Diese Apperzeptionsverweigerung – „Wenn ich die Augen schließe, ist es gar nicht da“ – scheint mir mehr von den religiösen Haltungen zu erklären als jede noch so tückische Tschandala-Verschwörung.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Was daran taugt, läuft auf den schlichten Satz von Dahrendorf hinaus: „Je mehr Europa, desto weniger Demokratie.“ Und deshalb weniger Machtkontrolle, mehr „Harmonisierung“, die allen dasselbe auferlegt, wodurch die besseren Lösungen gar nicht erst durch trial and error entdeckt und dann über Konkurrenz und unterschiedlichen Erfolg allen nolens volens die Augen geöffnet werden. Wenn man den Verantwortungsversteckern auf europäischer und nationaler Ebene nicht diese Tour vermasselt, wird die derzeit gepredigte, alternativlose Willkommenskultur-Moral noch viele dogmatische Schwesterchen bekommen.

      Der Kampf am Firmament zwischen Freiheit und Nationalismus, in den Scott Sumner den Disput einordnet, ist jedoch ein allzu manichäisches Bild der Dinge. – Freiheit übrigens für wen? – « Entre le fort et le faible, entre le riche et le pauvre, entre le maître et le serviteur, c’est la liberté qui opprime et la loi qui affranchit. » (Zwischen dem Starken und dem Schwachen, zwischen dem Reichen und dem Armen, zwischen dem Herrn und dem Knecht ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit.)

      Die bücherschreibenden und proselytenmachenden Libertären übersehen in ihrer Sehnsucht nach Ungebundenheit zudem gerne, dass es nicht ihre Art von Starken ist, die sich im Falle der Verwirklichung ihres Ideals ausleben könnte. Die dann nach oben kommende Elite stammt aus den Boxhallen und nicht aus den Büros und Bibliotheken.

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    Die Panikkampagne wider den Brexit hierzulande ist auch noch sehr zweckirrational, wie etwa auch jene wider Trump und sonstige Bösewichter im Weltbild der allein billig und gerecht Denkenden. Denn realistisch gesehen, hat doch auf die Wählerschaft in Großbritannien eine deutsche Presse in Harnisch und Phalanx ungefähr soviel Wirkung wie ein Furz hinterm Horizont auf das johlende Publikum im Stadion.

    Mir kommt da eine Szene aus meiner Schulzeit in den Sinn. Ich sollte einer Nachbarstochter Nachhilfeunterricht geben, Wunschberuf Stewardess, für die das Abitur dank ihrer schulischen Leistungen aussichtslos geworden war, die nun aber wenigstens mit Realschulabschluss abgehen wollte, damit sie, wie sie mir erklärte, so eine Art Schalterhostess am Boden werden könnte. Der Schminktopf war völlig ahnungslos – sie benutzte die Bruchrechenregel (a/b) + (c/d) = (a+c)/(b+d) – stinkefaul und vermutlich nur durch fleißiges Abschreiben auf ihre damalige Klassenstufe gekommen. (Zugegeben, in manchen Berufen genügt es ja auch später noch, schlicht voneinander abzuschreiben – doch Journalistin wollte sie nicht werden.) Und nun begann sie, mir, ihrem Nachhilfelehrer in der Hoffnung auf gute Noten schöne Augen zu machen. Wrong address …

    Dass vielleicht Erkenntlichkeiten für nützliche Predigten zu erwarten sein könnten, will ich gar nicht bezweifeln. Mit einer Pressekarte bekommt man bekanntlich für alles und jedes Rabatt, damit man so auch alle Themen unparteiisch behandeln kann. Aber sollte man auch für bloße Predigten in den Wind Belohnungen bekommen? – Ein Phantast belügt sich selbst, ein Scharlatan wenigstens bloß die anderen. (seiswalk: sehr schön, Hervorhebung von mir) – Daran ist wohl das Maß an zivilreligiösem Sektierertum in der Profession abzulesen.

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