Segregation

Paul Collier, Ökonom aus Oxford und Autor des wichtigen Buches „Warum wir Einwanderung neu regeln müssen“, hatte kürzlich in einem Interview auf eine Banalität hingewiesen, die Integrationsapologeten in ihrem Gleichmachungs-Furor noch immer nicht sehen wollen: die natürliche Segregation.

Wir haben neun Jahre in ebenjenem Oxford, in Großbritannien verbracht, ein Land, das dem unseren in vielerlei Hinsicht sehr ähnelt, zu dem die Differenzen – verglichen mit den meisten Neuankömmlingen im jetzigen Europa – verschwindend gering sind. Wir lebten und wirkten an einer europäischen Einrichtung. In ihr arbeiteten Engländer, Franzosen, Deutsche, Spanier, Italiener, Holländer und Dänen, die Direktorin war Portugiesin, der Vize Luxemburger, auch Belgier, Iren, Russen, Inder, Kongolesen … umkreisten die Institution. Die meisten der Kollegen waren vom europäischen Geist durchglüht. Alle sprachen sehr gut Englisch, viele waren mehrsprachig, einige konnten sich ohne Probleme in vier, fünf, sechs oder sieben Fremdsprachen unterhalten. Die Bedingungen waren optimal. Es gab unzählige interkulturelle Beziehungen, Sympathien, Freundschaften und auch Paare.

Wir selbst hatten und haben noch immer englische, italienische, französische, spanische und dänische Freunde – mit den meisten besteht auch noch Kontakt und mit manchen besucht man sich regelmäßig.

Und trotzdem geschah auch dort, was überall auf der Welt mit der größten Natürlichkeit geschieht: Gleich und gleich gesellt sich gern. Die wirklichen Gesprächspartner entstammen in der Regel dem gleichen Sprach- und Kulturraum. Der beste Seismograph dafür sind in diesem privilegierten Ambiente Pausen und Partys. Das Pausenbrot gab’s oft in der deutschen Ecke. Eine interkulturelle Party ist per se stimmungsgedämpft. Warum? Weil es Menschen aus verschiedenen – und seien sie noch so ähnlich – Sprach- und Kulturkreisen schwer fällt, den anderen wirklich zu lesen. Wenn man drei Mal mit einem deutschen Witz bei Engländern auf Indignation und gequältes Lächeln stößt – oder umgekehrt –, dann wird man keine Witze mehr erzählen, dann wird man steif und dann ist der Zugang zu Seele, Herz und Gedanken des anderen verbaut. Sprache, Mimik, Gestik, Unbewußtes, gleiche Werte und Geschichte, gemeinsame Referenzgrößen, Mentalität … selbst die feinsten Differenzen entscheiden über Attraktionen.

Zusammenhalt und Abtrennung bis in den Tod - italienische Ecke auf dem Highgate Cemetery in London

Zusammenhalt und Abtrennung bis in den Tod – italienische Ecke auf dem Highgate Cemetery in London

Das sind banale und offensichtliche, jedermann zugängliche und selbsterfahrene Psycho-Gesetze der Anziehung und Abstoßung, die selbstredend von anderen Formen der Sympathie/Antipathie überlagert werden. Wer nun eine Utopie einer multikulturellen Vermischung entwirft, ist entweder naiv, unwissend oder handelt vorsätzlich. Die Ausnahme bestätigt die Regel – natürlich wird es Vorzeigekombinationen geben, aber im Gros werden die Syrer und Eritreer und Afghanen und Somalier … nicht anders handeln, als es Deutsche, Dänen und Franzosen tun: Segregation. Sie werden wie Magnete voneinander angezogen werden, sie werden mit der Konsequenz des fließenden Wassers zueinander finden, sie werden in der Mehrzahl eigene Kommunen bilden – und sie tun das heute schon. Es wird umso gesetzmäßiger geschehen, je mehr Menschen aus einem Sprach- und Kulturkreis vorhanden sind und je bedeutender die mentalitätsbedingten, religiösen, kulturellen und sprachlichen Unterschiede sind. Integration, wie sie uns multikultibunte Träumer entwerfen, ist ein individueller Prozess, der zudem einen starken Willen und eine apriorische Offenheit voraussetzt. Die durch einen heiligen Text vorgeschriebene Unterteilung in Kāfir (كافر‎) und Mumin (المؤمن) kann dabei kaum hilfreich sein.

In der Masse ist Integration eine Chimäre, kann sie nicht gelingen oder doch nur immer mehr oder weniger und auch nur über mehrere Generationen.

Dagegen ist kein Kraut gewachsen.

Ein Gedanke zu “Segregation

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Wenn man viele Flüchtlingsselige im Westen des Landes über den Osten reden hört, wundert man sich, wie diese zwei Dinge bei ihnen zusammengehen: Einerseits der bedenkenlose Optimismus, dass die Integration völlig kulturfremder Immigranten ohne größere Probleme gelingen werde, sobald man nur selbst guten Willen zeigt. Und andererseits eine viszerale Empörung angesichts der Beobachtung, dass so viele der kulturell doch sehr nahen Ostler moralisch zurückgeblieben seien, insofern sie nämlich nach über 25 Jahren noch immer nicht die eigene Einstellung übernommen haben – welcher dann gewöhnlich gleich der Wunsch folgt, die jetzt aber gefälligst mit der Rute zu erziehen.

    Einstellungen vertragen offenbar Widersprüche. Niemand kann darauf verpflichtet werden, ein konsistentes oder gar realistisches Weltbild zu entwickeln. Wer dazu auffordert, erntet den Zorn der Gerechten.

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