… denn sie wissen nicht

Mit Khaled und Hussain in Dresden. Während Hussain begeistert durch die Regallabyrinthe der Universitätsbibliothek wandelt und mir Gelegenheit gibt, vor beeindruckenden Werkausgaben ihn mit einigen Namen bekannt zu machen (Goethe, Schiller, Luther, Kant, Hegel, Nietzsche, Marx, Heidegger …), ihm auch einige Islam-Lexika zu zeigen, um ihm praktisch vorzuführen, daß Religionswissenschaft kritisch und hermeneutisch vorgeht statt blind nachzubeten und zu wiederholen, eilt Khaled zum Bahnhof zurück, sich von einem ortsansässigen Syrer ein paar seiner Klamotten aushändigen zu lassen, die den langen Weg von Daraa über Istanbul und München bis nach Sachsen gefunden haben – aber das ist eine andere Geschichte.

Als wir uns wieder treffen, zeigt er uns sein Handy. Ein alter deutscher Freund hat sich gemeldet und fragt, ob wir ihn besuchen können, gleich um die Ecke.

Sein Name ist Legion. Er war einer derjenigen Helfer im Herbst, die das Tohuwabohu irgendwie geregelt haben, und er hatte sich seinerzeit um Khaled verdient gemacht. Ein Handyphoto zeigt einen Mittdreißiger im Palästinensertuch. Alles klar!

Die Freude ist auf beiden Seiten groß. Ich halte mich zurück und widerspreche nicht bei seinen Analysen. Er ist Künstler. Die arabische Kultur hatte es ihm im Zuge des Flüchtlingskontaktes angetan. Was für eine spannende Welt und so liebe Menschen! Im Frühjahr reiste er sogar in den Libanon, um in Flüchtlingslagern zu photographieren. Es sind Bilder ohne Menschen geworden, Hausfassaden, verwinkelte Gassen, Blick über ein Dächermeer vor schneebedecktem Libanongebirge. Und diese zauberhafte Schrift!

Er hat ein paar kleine Kataloge dabei. Freundlich lächelnd und müde blättere ich ein Heft mit arabischen Schriftzügen durch: Werbeflächen, Preisanzeigen, Ladenschilder und dergleichen. Gebrauchskalligraphien, hübsch gemacht, vor allem, wenn man ihren banalen Inhalt nicht lesen kann. Hussain sitzt daneben und schaut gelangweilt zu – wir waren den ganzen Tag auf den Beinen, jetzt sackt der Körper ab.

Eine blutrote Schrift auf einer vergammelten Mauer, nur drei Buchstaben. Ich versuche zu entziffern und denke, das könnte doch „Hussain“ heißen? Also halte ich es Hussain vor die Nase. Elektrisiert springt der sofort auf. „Weißt du, was das heißt?“, fragt er den Künstler. Der weiß es nicht und hört auch kaum die Antwort, versucht weiter mit Khaled sein glückliches Weltbild zu bauen.

Umso mehr interessiert es mich! Es heißt „Ya Hussain“, die Kurzform von „Labayka Ya Hussain“ und ist ein Schlachtruf der Schiiten. Hussain verzieht das Gesicht. In zwei, drei kurzen Sätzen klärt sich alles auf: Hussain, Sohn des Ali, Begründer der Schia-Tradition. Wie die meisten Sunniten, reagieren auch die Syrer mit negativen Emotionen. „Überall Blut“, sagt er noch und ich erinnere mich eines Gesprächs, wo er angewidert von Selbstgeißelungen sprach – dann müssen wir gehen.

Erst zu Hause begreife ich richtig. Alles geht auf das erste islamische Schisma zurück. Die Muslime stritten sich nach Mohammeds Tod um den gerechtfertigten Nachfolger. Abu Bakr – seine Nachfolger wurden später die Sunniten –, oder Ali, der Schwiegersohn des Propheten. Dessen Sohn Hussain erhob später ebenfalls den Machtanspruch, wurde aber im Kampf getötet und enthauptet: dieser blutige Tod wurde zum Fanal für fast anderthalb Jahrhunderte und noch heute ist ein gewisser Blutkult geläufig, wird der Tod Hussains ganz unmittelbar und körperlich von Schiiten gefühlt, betrauert und zelebriert. Die Sunniten halten das für Schirk, Götzendienst und Idolatrie.

Ya Hussain-Schriftzug als Wallpaper

Ya Hussain-Schriftzug als Bildschirm-Wallpaper

Wer sehen will, welche Macht dieser Mythos und das Ya Hussain hat, der schaue sich unbedingt folgende Rede Hassan Nasrallahs an: Sayyed Hassan Nasrallah (ha) – Die Bedeutung von „Labayka ya Hussein“

Nasrallah ist der viel verehrte Chef der Hisbollah … in einem Interview mit Julien Assange zweifelte er die Existenzberechtigung Israels an …

Und plötzlich sind wir – mitten in Dresden – von diesem kleinen, aus ästhetischen und gutgemeinten Gründen photographierten Schriftzug an einer Mauer im Libanon inmitten der großen Weltpolitik gelandet, im Strudel des religionspsychologischen und blutigen Wahnsinns des (noch) Nahen Ostens.

Doch davon will der Künstler nichts wissen.

Ein Gedanke zu “… denn sie wissen nicht

  1. Leonore schreibt:

    Wie menschlich, wie liebevoll, was für eine sympathische Haltung, die fremde Kultur mit so offenen Armen zu begrüßen und „wertzuschätzen“, wie es neuerdings heißt. (Ich kenne dieses Entzücken über die „zauberhafte Schrift“ übrigens gut – habe selbst vor vielen Jahren mal eine moderne Kurzversion von „Tausendundeine Nacht“ für meine Kinder gekauft, die zusätzlich zu hübschen Illustrationen auf jeder Seite rund um den Text verlaufende arabische Schriftzeichen zur Verzierung hatte. Das Buch habe ich dann irgendwann, als der Anteil der muslimischen Kinder stark anstieg, der Grundschule für die Bücherei geschenkt. Ich wollte, daß die Kinder beim Stöbern auf etwas aus ihrer Kultur stoßen, daß sie vielleicht überrascht und fasziniert sich Büchern im Allgemeinen mit mehr Interesse zuwenden usw. Daß sie vor allem merken, daß man ihnen freundlich und unvoreingenommen entgegengeht.)

    Daß die offenen Arme und offenen Augen für die arabische Kultur bei dem erwähnten Künstler offensichtlich zu vor der Brust verschränkten Armen und abgewendeten oder gar fest verschlossenen Augen werden, wo es um Juden und das Existenzrecht Israels geht, gibt der Begeisterung für seine liebevolle Menschlichkeit allerdings gleich wieder einen Dämpfer.

    „… Wenn ihr uns stecht – bluten wir nicht?“, fragt der Kaufmann von Venedig. Und bis heute halten sich manche die Ohren zu, um ihn nicht hören zu müssen.

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