Eier kraulen

„James, die Eier“ – „Hart oder weich?“ – „Kraulen!“

Ein alter Witz aus meiner Jugendzeit. Längst vergessen und heutzutage auch politisch inkorrekt, „rassistisch“, englandfeindlich. Obwohl: Anglophobie ist gerade ein wenig in

Eines möchte ich zuvor klarstellen: ich habe das Thema nicht aufgebracht mit den Eiern. Es waren unsere Qualitätsmedien, die den Bundestrainer dabei beobachteten, wie er sein bestes Stück gerade rückte. Daß Löw unter einer Oralfixierung leidet, muß jedem Beobachter seit langem klar gewesen sein, nun kommt das genitale Problem hinzu. Wir kennen ihn alle, wie er sich in der Nase bohrt und auch seine Findlinge gern mal in den Mund nimmt, sich um seinen Unterarmschweiß kümmert, daran schnuppert, am Kaugummi zerrt … und das, obwohl er sich öfter in der Anzeigetafel betrachtet, das Haar zurecht rückt, als am Spielgeschehen beteiligt zu sein. Der eigentliche Skandal ist doch, daß er danach allen die Hand gibt.

Daraufhin hat der lustige Poldi jedenfalls einen lustigen Spruch losgelassen. Man könnte meinen, eine Nation, die solche Erregungen spürt, müßte friedlich und geeint sein. „Achtzig Prozent von euch krault doch auch mal an den Eiern“, warf er einer johlenden zu achtzig Prozent männlichen Journalistenschar entgegen.

Da hat er nicht ganz unrecht. Die Geste ist urmännlich, keine Frage. Richtig bewußt wurde mir das erst im Kontakt mit den Syrern. Dort ist es eine permanent auftretende Erscheinung. Alle paar Minuten wird sich unten rumgezupft, ob im Stehen oder Sitzen, ständig scheint was nicht zu sitzen. Es ist eine andere Geste als die Löwsche oder die Jacksonsche oder der Hip-Hop-big-balls-check, es ist ein Zupfen, als klebte die Hose am Gemächt und müßte gelöst werden. Und da es alle und alle ständig machen, scheint es tief verinnerlicht zu sein. Kulturell bedingt, bei vielen Arabern. Und es hat sicher was zu bedeuten.

Nur was?

5 Gedanken zu “Eier kraulen

  1. Leonore schreibt:

    Die Problematik rund um Löw scheint mir eher in einem generellen Verlust dessen zu liegen, was man in gefrühlt grauer Vorzeit mal Taktgefühl nannte. Schon in „Ooops die Pannenshow“, das meine Jüngste sich gerne mal anschaute, sodaß ich nolens volens so manches mitkriegte, war die Tendenz, selbst die eigenen Liebsten, zu denen man doch in einem ganz besonders innigen Vertrauensverhältnis steht, einer zuvor so nie vorhandenen Weltlöffentlichkeit zum Spott preiszugeben.

    Es gab mal eine Zeit, da haben Journalisten und Reporter sich geweigert, im Wahlkampf z.B. das Alkoholproblem eines Kanzlerkandidaten zu thematisieren, da wurden außereheliche Affären als Privatsache angesehen und eben nicht in die Schlagzeilen gezerrt. (Liegt letzteres vielleicht sogar daran, fällt mir grad ein, daß man damals eine solche Verfehlung noch ernster beurteilte, während man heute den Eindruck gewinnen könnte, daß sowas – vielleicht schon zur eigenen Entlastung? – als „ganz normal“ hingestellt werden soll?)

    Jedenfalls habe ich noch gelernt, daß es ein Zeichen von gutem Benehmen, von Takt und Höflichkeit ist, kleine peinliche Fehlleistungen der Mitmenschen – sofern ich nicht für ihre Erziehung zuständig bin – zu übersehen bzw. zu überhören.

    Die Anspannung am Rande des Fußballfeldes während eines Turniers mag die geistige Energie aufbrauchen, die sonst zum In-Schach-Halten schlechter Angewohnheiten zur Verfügung stehen und diverse menschliche Schwächen zum Vorschein bringen. Richtig skandalös finde ich das Verhalten der Reporter, die dafür sorgen, daß das nicht nur die Umstehenden, sondern die ganze Welt mitkriegt.

    Zur diesbezüglichen Angewohnheit Ihrer Schützlinge: Muslimische Knaben werden – im Gegensatz zu jüdischen, die bekanntlich mit 8 Tagen unters Messer kommen – in einem Alter beschnitten, in dem sie schon bewußt mitkriegen, was geschieht. Das Verkleben nicht nur der Wunde mit der Unterwäsche, sondern auch der – mit Schleimhaut bedeckten, nun aber, bis zu ihrer mit entsprechenden Nachteilen einhergehenden Verhornung ungeschützt sozusagen zutageliegenden – Eichel, mag ein solches „Zupfen“ zur Angewohnheit werden lassen.

    Hinzu kommt, daß türkische Mütter (ich weiß nicht, wie das bei arabischen ist) ihre Söhne im Babyalter zwecks Beruhigung oder Ablenkung an deren Genitalien zu streicheln pflegen, wenn sie weinen. Der unbewußte Griff dorthin in stressigen Situationen wäre dann eine Art Selbstberuhigung und Selbstvergewisserung (im Sinne des Beitrags von „Simmis Mama“), die in frühestem Babyalter anerzogen worden ist.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Werter Gastgeber, Sie schauen in die verkehrte Richtung. Eine Bedeutung hat streng genommen nur ein Kommunikationszeichen mit einer Deutung im Rahmen einer etablierten Konvention, jedoch nicht jede beliebige Handlung oder sogar bloße Tatsache. Die Verwendung von „Bedeutung“ mit Bezug auf solches ist ein Missbrauch des Wortes. (Ähnlich wie bei der „Wahrheit“, die heute geradezu prostituiert wird. Wenn nämlich „jeder seine eigene Wahrheit hat“, dann ist die Bedeutung des Begriffs verlorengegangen, weil er nichts Objektives mehr meint. Meinetwegen kann man der Ansicht sein, so etwas gebe es sowieso nicht, dann soll man aber gefälligst auch nicht mehr mit dem Wort und seiner aus seiner alten Verwendung stammenden Aura imponieren wollen.

    Man wird sich unter natürlichen Umständen wenn es juckt immer reflexhaft kratzen, so wie es unsere lieben Affenverwandten eben auch tun. Das Zeichen, die Mühe, das Gelernte besteht vielmehr darin, sich da und dort nicht zu kratzen, selbst wenn es juckt. Es bedeutet: Ich habe den hierzu gültigen sozialen Code gelernt, der dies und das eben als unanständig erklärt. Übrigens aus mehr oder weniger kontingenter Ursache.

    Was gibt es da nicht für merkwürdige Bräuche. — Hierzulande isst man nur ordentlich, indem man, ständig mit dem Messer in der Hand, sich immer ein Scheibchen abschneidet und es dann zu Munde führt. Die Amerikaner dagegen schneiden eher alles erst mal klein und essen dann, nonchalant und oft nicht „ordentlich“ sitzend, mit nur einer Hand und einem Gerät – anderes Verhalten zeigt doch bloß an, dass man ein unbeherrschter Schlinger ist, der sich nicht einmal die Zeit nehmen kann, erst alles zu schneiden, oder? Und wer will das schon sein? — In Frankreich gilt es als sehr unhöflich, pünktlich zur angegebenen Zeit bei einer Abendeinladung zu erscheinen – die Gastgeber könnten ja noch etwas in der Küche zu tun haben und wären dann durch ihre eigene Höflichkeit dem Gast gegenüber belastet. — Die Chinesen hinterlassen nach dem Essen mit größter Selbstverständlichkeit Tischtücher wie Pollock-Gemälde und wundern sich, dass die europäischen Barbaren mit Schwertern essen. — In Japan lassen die Frauen gerne die Klospülung dauernd laufen, während sie auf dem Porzellan sitzen, damit man nur ja keine verräterischen natürlichen Geräusche hört. (Mädels, wir wissen es trotzdem, gerade wenn wir das Wasser hören!) — Und vielerorts gilt es als höflich, sich zu parfümieren, womit man seine natürlichen Gerüche überdeckt. Die Essenzen dazu gewinnt man selbstverständlich aus Rückständen im Verdauungstrakt geschlachteter Pottwale sowie dem Sexualgeruch der Pflanzen oder der Moschusochsen.

    Dergleichen ist anerzogen. Und Gesellschaften neigen immer dazu, ihren weniger hochgestellten Mitgliedern mehr aufzubürden, und den Erwählten eben weniger. Wie brachte noch Nietzsche so schön die Abrogationshaltung Jesu gegenüber dem mosaischen Gesetz auf den Punkt, die er seinen Erwählten lehrte: „Jesus sagte zu seinen Juden: ›das Gesetz war für Knechte – liebt Gott, wie ich ihn liebe, als sein Sohn! Was geht uns Söhne Gottes die Moral an!‹“

    Ich hatte zuwenig Umgang mit Moslems oder gar Syrern, um bei ihnen besonderen Eifer beim bewussten Kratzen bemerken zu können. Aber wenn dies so wäre, könnte es an dem liegen, was eine sich immer recht trocken äußernde Bekannte persischer Herkunft, persönlich sehr emanzipiert und dabei angenehmerweise ohne jeden Eifer, oft schlicht so aussprach: „Der Islam ist eine Religion, die gut ist für Männer.“

    Warum sehen sich hier die meisten Männer zur täglichen Rasur verpflichtet? Weil die Frauen ungern Haare im Gesicht ihres Umgangspartners haben. (Ob sie sich nun natürlich gegen Haare sträuben oder sie hier dem Rezept folgen „Duckt er hier, so folgt er uns in allem andern auch.“) Die europäischen Männer können derzeit noch viel für ihre eigene Befreiung lernen. (Des einen Freiheit ist natürlich immer der anderen Unfreiheit.) Dieser Tage ist die Sommerwärme noch gut zu ertragen, aber in anderen Jahren habe ich mir schon zuweilen ausgemalt, wieviel bequemer es im Juli oder August unter so einer Dschallabija wäre statt in Hosen und Hemden mit engem Kragen.

    Weiterungen vermutlich – und wohl genauer, als man es letztlich lesen möchte – bei Freund Houellebecque, der wenigstens halb hofft, dereinst nicht mehr auf seine leidigen Swingerclubs angewiesen zu sein. (Rezeption des letzten Buches nur per Autoreninterview. Genug ist genug!)

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    • Werter Gast, wenn ich tatsächlich der Überzeugung gewesen wäre, die kleine aber häufige Geste sei nur eine beliebige Handlung oder bloße Tatsache, dann hätte ich nicht so viel Aufwand betrieben, um sie in den Mittelpunkt dieses kleinen Nonsensstückes zu rücken. „Es gibt immer ein Übermaß an Signifikantem“ hatte Deleuze in der „Logik des Sinns“ festgestellt und damit auf das Übermaß der Bezeichnungs- und Bedeutungsmöglichkeiten gegenüber dem zu Bezeichnenden und Bedeutenden hingewiesen. Man kann Bedeutung daher eher unter- als überinterpretieren.

      Alle Ihre wunderbaren Beispiele scheinen mir ein Beleg gegen Ihre These zu sein. Mir ging es gerade um die Differenz zum reflexhaften Kratzen, die ich unterstelle. Dahinter scheint sich ein „kulturelles“ Agens zu verbergen, das kulturell oder religiös deutbar,also bedeutend ist. In diesem Sinne ist es Kommunikation, auch wenn ich den Kommunikationspartner nicht festmachen kann: der andere, der andere Mann, die Frau, der Gott, die Ahnen, das Selbst …?

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Dieses „Übermaß der Bezeichnungs- und Bedeutungsmöglichkeiten“ gibt es wohl (besonders sur la rive gauche), doch rührt es in der Regel allein aus dem Deutungswillen des Rezipienten. Man kann immer auch das nicht Gemeinte „verstehen“; mancher empörungswillige Liebhaber des Blättergrüns mag sich oft durchs Herbstlaub verletzt fühlen, weil es ihm zum Verdruss braun wird. In der konzediert vagen Liste der möglichen Adressaten, die Sie nennen, fehlt im übrigen wohl auch noch Herr οὖτις. Dass sich unsere Besucher natürlich und die deutschen Männer gehemmt verhalten könnten, scheint mir nicht widerlegt. Ich kann also meinerseits weiterhin allein reflexhaftes Kratzen unterstellen.

        Mir geht diese heute gängig gewordene Verwendung des Verbs kommunizieren („Wir müssen unsere Kompetenz besser kommunizieren“), den wohl der Marketingpöbel aufgebracht hat und bei dem man das Gegenüber allein als passiven Ausguß auffasst, der schon keinen Stöpsel haben werde, immer noch die Nase hoch. Umgekehrt aber stört mich genauso die Unterstellung einer Mitteilungsabsicht, wo vielleicht gar keine vorliegt.

        Natürlich kann einem interessierten Beobachter gerade auch ein natürlich angelegtes Verhalten, das unbekümmert geblieben ist und keine erworbene Rücksicht auf andere erkennen lässt, manchmal reichen Einblick erlauben.

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