Just another poem

DIE TOTE STADT

Die weite bucht erfüllt der neue hafen
Der alles glück des landes saugt · ein mond
Von glitzernden und rauhen häuserwänden·
Endlosen strassen drin mit gleicher gier
Die menge tages feilscht und abends tollt.
Nur hohn und mitleid steigt zur mutterstadt
Am felsen droben die mit schwarzen mauern
Verarmt daliegt · vergessen von der zeit.

Die stille veste lebt und träumt und sieht
Wie stark ihr turm in ewige sonnen ragt ·
Das schweigen ihre weihebilder schüzt
Und auf den grasigen gassen ihren wohnern
Die glieder blühen durch verschlissnes tuch.
Sie spürt kein leid · sie weiss der tag bricht an:
Da schleppt sich aus den üppigen palästen
Den berg hinan von flehenden ein zug:

„Uns mäht ein ödes weh und wir verderben
Wenn ihr nicht helft – im überflusse siech.
Vergönnt uns reinen odem eurer höhe
Und klaren quell! wir finden rast in hof
Und stall und jeder höhlung eines tors.
Hier schätze wie ihr nie sie saht – die steine
Wie fracht von hundert schiffen kostbar · spange
Und reif vom werte ganzer länderbreiten!“

Doch strenge antwort kommt: „Hier frommt kein kauf.
Das gut was euch vor allem galt ist schutt.
Nur sieben sind gerettet die einst kamen
Und denen unsre kinder zugelächelt.
Euch all trifft tod. Schon eure zahl ist frevel.
Geht mit dem falschen prunk der unsren knaben
Zum ekel wird! Seht wie ihr nackter fuss
Ihn übers riff hinab zum meere stösst.“

Stefan George (Der siebente Ring, 1907)

Die tote Stadt

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12 Gedanken zu “Just another poem

  1. Leonore schreibt:

    Na dann – !

    Wenn mir auch beim Wörtchen „geschüzt“ die Würde des „Rechtschreibsehers“ mitsamt der seines Gedichtes in Gefahr zu geraten scheint, weil statt Ehrfurcht womöglich ein Kichern hochkommen könnte ….

    Aber gut! –
    Lieber schmunzeln als ein Sakrileg begehen! (Ich fürchte nur, das Schmunzeln ist auch eins.)

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    • Ich bin überzeugt, man darf heutzutage auch über George und Georges Attitüde lachen. Jünger gibt es sowieso keine mehr, auch wenn der George-Kreis, wie Ulrich Rauff zeigte, seine Tentakel weit in die deutsche Geschichte hinein ausstreckte. https://www.amazon.de/Kreis-ohne-Meister-Georges-Nachleben/dp/3423347031/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1464998370&sr=8-3&keywords=George-kreis

      Bewunderer gibt es noch. Einer, ein „kritischer“, sitzt hier.

      Übrigens konnte man auch schon seinerzeit über George lachen. Ihr geliebter Morgenstern etwa verfaßte diese Parodie:

      aus lametta vom christbaum der drittletzten erleuchtung

      Ich wünschte dass ihr jene pfade trätet
      Auf denen unsre antilopen-süchte
      Den myrrenduft berauschenderer früchte
      Genossen als um die ihr glücklich bätet

      Dass weid und pappel ihres matten silbers
      Entwohnten zierrat euch zu knien schütte
      Indes zum tempelhof des weltvergilbers
      Die knaben wallen wein in buchner bütte.

      Dann würden eure wunden durch die gitter
      Der allzustrengen schergen röter bluten
      Und eure seelen auf dem hochgeschuhten
      Kothurn des engels nahn dem kranz der ritter.

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      • Leonore schreibt:

        Höchlichst amüsiert und entzückt

        und mit dankbaren Grüßen

        an Sie und alle Dichter,

        mögen Sie nun noch auf Erden wandeln oder das Ziel bereits erreicht haben –

        Ihre ergebene

        Leonore

        P.S. Ja, Morgenstern liebe ich auch – neben vielen anderen Dichtern, von denen ich einige, er wird es mir hoffentlich nicht verübeln, noch viel mehr liebe als ihn. Übrigens gibt es auch aus dem George-Kreis zumindest einen, den ich ebenfalls liebe: Friedrich Gundolf, dessen Goethe-Biographie ich – völlig unerwarteterweise – mit so viel mehr Wonne gelesen habe als die psychoanalytische von Eissler, an die ich mit weit größeren Erwartungen gegangen war. Insofern habe ich beim Pejorativ „Tentakel“ schon ein bißchen die Luft angehalten. Aber Ihr Satz nach dem Link (wenn mich nicht alles täuscht, hat die FAZ zu diesem Buch vor kurzem eine Rezension veröffentlicht. Die hatte ich mir rausgelegt, bin aber vor lauter anderweitigem Dringenden nicht dazu gekommen, sie zu lesen, sodaß sie leider wohl irgendwann zwischen den Papiermüll geraten ist) hat mich dann wieder erleichtert ausatmen lassen.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Den sokkus sehend in des künders tapfen
        Des hoher sinn aus jeder silbe tönt
        Sind wir dem stets erhabnen wort versöhnt
        Das er aus weisheits fässern will uns zapfen.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Als Gedicht nicht schlecht, aber die Kernaussage ist falsch:

    „Uns mäht ein ödes weh und wir verderben
    Wenn ihr nicht helft – im überflusse siech. […]“

    Am Schmerz durch zu großen Wohlstand sind wohl eher wenige gestorben. Und die es doch sind, nämlich infolge von Verlotterung durch den Wohlstand, haben sich dabei wohl kaum über ihn beklagt, da dieser Zusammenhang ihrem Blick regelmäßig entgeht.

    Man mag wohl rank und schlank bleiben wollen, aber will sich dabei trotzdem den Bauch vollschlagen und keinen Schritt zu Fuß gehen. CO₂ einsparen, natürlich, unbedingt, aber mit noch mehr motorisierter Mobilität. Die Wissenschaftler sollten da halt irgendwie etwas erfinden, wozu sind sie sonst da …

    Den Wunsch nach dem schlichteren und damit ärmlicheren Leben hegen in Wirklichkeit weniger als die mythischen Sieben, und so viele wurden ja sogar gnädigerweise von den Bewohnern der Akropolis gerettet.

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    • Leonore schreibt:

      @Pérégrinateur

      Den “ Wunsch nach dem schlichteren und damit ärmlicheren Leben“ sehe ich da gar nicht.

      Dieses ärmliche Leben wird doch nur inkauf genommen dafür, daß man nicht mehr unter dem Gefühl der Sinnlosigkeit und eigenen Überflüssigkeit des rein aufs Materielle gerichteten Lebens im Überfluß leiden muß.

      Ein Blick auf die an Drogen, Alkohol- und Medikamentenmißbrauch (oder riskanten Verhaltensweisen, die vom Sinnlosigkeitsgefühl ablenken sollen) gestorbenen „Reichen und Schönen“ genügt, um die Bestätigung dafür zu erhalten, daß man sehr wohl „am Schmerz durch zu großen Wohlstand“ (wenn man das mal so salopp ausdrücken möchte) sterben kann, daß dies nicht mal selten vorkommt.

      Aber ich bin noch längst nicht „fertig“ mit diesem Gedicht, mag deshalb auch nichts weiter dazu sagen.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        @Leonore

        Leiden durch zu großen Wohlstand ist Leiden auf recht hohem Niveau. Die Lebenserwartung wird, trotz mancher vom Reichtum vielleicht begünstigter Narretei, von ihm erhöht. Seine Schmerzen sind auch leichter zu ertragen als die von Armut und Entbehrung.

        Zur „Sinnlosigkeit“.

        DIe letzte Realität ist nur physikalisch, also Wechselwirkung von Teilchen, in einem nicht mehr ganz aktuellen Bild gesprochen: Atome, die sich im leeren Raume stoßen. Alles darüber ist gedankliches Konstrukt: Moleküle, Gene, Tiere, Menschen, Gesellschaften usw. usf. Daneben die noch luftigeren Dinge der geistigen Welt, von denen eines der luftigsten der sogenannte „Sinn“ ist, welcher immer und ohne Ausnahme gestiftet ist, obwohl er meist als objektiv gesetzter begehrt wird. (Dass er oft oder sogar meist tradiert ist, verdeckt allenfalls diesen Begründungsmangel.) Auf diesem grassierenden Sinnverlangen beruhen wohl mehr oder weniger alle Religionen und etwa diese heutzutage so entsetzlich beliebte Suche nach „Identität“ und den „Wurzeln“ – letztlich sind das nur getragene Vokabeln für inkritikabel gestellte Normenquellen.

        Hinter diesem Sinnverlangen mag ein anthropologisches Bedürfnis stecken, aber es ist kindisch; Kinder haben vor der farblosen Nacht Angst, obwohl sie dem Menschen gar nicht feind ist, und man rüstet auch ihre Zimmer mit vielen Bildern „herziger“ bunter Ketzen, letztlich sind das aber auch nur futterdosenöffnungsautomatenbegierige Fressautomaten. Bedürfnisse garantieren nie die Existenz der von ihnen verlangten Dinge – mein Misstrauen lässt mich da meist prompt das Gegenteil vermuten.

        Seien wir nüchtern, transzendieren wir so weit wie nur möglich das in menschlichen Farben gemalte Weltbild – auf die reine Immanenz hin. Natürlich ist auch das wieder nur eine eitle Aufforderung. Hier drängt es mich nun zu einem Zitat:

        To-morrow, and to-morrow, and to-morrow,
        Creeps in this petty pace from day to day,
        To the last syllable of recorded time;
        And all our yesterdays have lighted fools
        The way to dusty death. Out, out, brief candle!
        Life’s but a walking shadow; a poor player,
        That struts and frets his hour upon the stage,
        And then is heard no more: it is a tale
        Told by an idiot, full of sound and fury,
        Signifying nothing.

        Wir Menschen sollten uns nicht so wichtig nehmen, uns nicht, unsere erhabenen Götter nicht und auch unsere moralischen Gewissheiten nicht, die letztlich doch nur von einem Donnerstag zum nächsten gelten. Was man mag, weiß man meist trotzdem recht genau, und wenn das Verlangen danach sich durch den Zweifel etwas weniger entschieden regt, umso besser!

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      • Leonore schreibt:

        @Pérégrinateur

        Fast hätte ich gesagt: In Glaubenssachen halte ich es mit dem Mohammed der mekkanischen Zeit: „Euer euer Glaube, mir mein Glaube!“ …

        Daß Sie sich von meinen Gedicht-Gedanken zu einem Glaubensbekenntnis („DIe letzte Realität ist nur physikalisch, also Wechselwirkung von Teilchen, in einem nicht mehr ganz aktuellen Bild gesprochen: Atome, die sich im leeren Raume stoßen. Alles darüber ist gedankliches Konstrukt“), animiert fühlen, ist interessant, daß Sie Ihren Glauben offensichtlich für eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache halten, bemerkenswert.

        Im Gegensatz zu Ihnen habe ich bei meinem Widerspruch zu Ihrer m.E. verfehlten Interpretation des Gedichtes (Sie hatten behauptet, in dem Gedicht sei der „Wunsch nach einem schlichteren und ärmlichen Leben“ enthalten) keinerlei Glaubensbekenntnis abgelegt. Daß das Gefühl von Sinnlosigkeit eine schwer zu ertragende Bürde ist (die zu erleichtern oder gar zu heilen sich ein ganzer Zweig in der Psychotherapie gebildet hat), daß Menschen, die sich im Glauben geborgen fühlen, dieses Problem in weit geringerem Maße haben und folgerichtig psychisch stabiler und weniger suizidgefährdet sind, das ist alles evidence based medicine und hat mit „Meinung“ oder gar „Glauben“ nichts zu tun.

        Vielleicht war ja in meinem Kommentar undeutlich geblieben, daß ich nicht meine, daß der Reichtum an sich der Grund für das Leiden ist, sondern das – mit ihm nicht selten einhergehende (vielleicht auch weil jede Freundschaft, jede Liebe unter dem leisen Verdacht steht, einen nicht selbst zu meinen?) „Gefühl der Sinnlosigkeit und eigenen Überflüssigkeit des rein aufs Materielle gerichteten Lebens“ – zu dem er allerdings verführen mag. Selbstverständlich kreisen nicht alle Reichen um Materielles, selbstverständlich kreisen auch viele Arme – manche schon aus purer Not – ständig um das Materielle, das ihnen fehlt.

        Aber, wie gesagt, aus dem Gedicht läßt sich nicht herauslesen, daß die Leute die Armut um der Armut willen wählen. Sie wählen sie, um einem anderen, noch unerträglichen Zustand zu entkommen. Das hat man als Aussage im Gedicht erstmal so zu akzeptieren.

        Nebenbei bemerkt: Nicht akzeptabel finde ich, wenn Sie aus Ihrem Mangel an (religiösem) Glauben ein Mehr an Intelligenz/Wissen konstruieren und in herablassender Weise gläubige Menschen mit Kindern, die etwas brauchen, das ihnen die Angst vor der Dunkelheit nimmt, in eins setzen.

        Wenn Sie GLAUBEN, man glaube nur dann, wenn man (zu) wenig weiß,erlaube ich mir zu erwähnen, daß sowohl vor hundert Jahren als auch vor kurzem bei einer Befragung von Universitätsprofessoren jeweils ungefähr die Hälfte an einen persönlichen (!) Gott glaubte. Und bevor Sie jetzt eine sarkastische Bemerkung über das sinkende Niveau an Hochschulen machen (der ich dann nicht wirklich energisch widersprechen könnte, obwohl ich natürlich einen Zusammenhang abstreiten würde), empfehle ich Ihnen lieber das Buch von Eckart Roloff „Göttliche Geistesblitze“, das auf über 300 Seiten lexikonartige Einträge bringt, in denen die u.a. mathematischen und (natur-)wissenschaftlichen Entdeckungen und Erfindungen von Pfarrern, Priestern und Mönchen aufgelistet werden, die nach Ihrer Theorie ja dann eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit sein müßten.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        @Leonore:

        George nennt an der einschlägigen Stelle in seinem Gedicht den Grund des Leidens leider nicht ausdrücklich:

        „Uns mäht ein ödes weh und wir verderben
        Wenn ihr nicht helft – im überflusse siech.“

        Also kein explizites „durch den Überfluss“, sondern ein vageres „im Überflusse“, Man kann sich das Gemeinte also nur aus der Gegenüberstellung zur alten Hochstadt zurechtreimen – oder gar nicht. Denn das in der zweiten Gedichtzeile auffällige „saugt“

        „Die weite bucht erfüllt der neue hafen
        Der alles glück des landes saugt“

        kann nach dem Folgenden weder als Absaugen aus dem Hafen und damit aus dem Land – man lässt es sich im Hafen in wenn auch georgisch-landmännisch missbilligter Weise ja durchaus wohl sein –, noch als Absaugen des Glücks oben aus der alten Hochstadt verstanden werden – „Sie spürt kein leid“. Der Dichter wollte wohl nur ein starkes und etwas ausgefallenes Verb setzen.

        Weil das Leidensmotiv vage gelassen wird, handelt es sich wohl um ein so gerne genanntes „Eigentliches“, also einen Joker für die Modernitätsfeindlichkeit des Autors und seines Milieus: gegen die Massengesellschaft, gegen das Unständische, gegen den Traditionsverlust und eben auch gegen den Reichtum, wo er nicht gerade mit alter Aura und mittelalterlichem Gottesgnadentumsflitter auftritt.

        Das von ihnen behauptete Leidensmotiv „Gefühl der Sinnlosigkeit und eigenen Überflüssigkeit des rein aufs Materielle gerichteten Lebens“ ist mindestens ebenso sehr Interpretation. Ich bestehe nicht auf der meinen, dann aber umso mehr auf dem Protest gegen das unbestimmte Wedeln Georges mit dem Klischee „Äußerlich reich – innerlich arm und leidend“. Ohne damit etwa pro domo zu sprechen, weit gefehlt!

        Es wäre interessant herauszufinden, wann denn diese Vokabel „Gefühl der Sinnlosigkeit“ erstmals weithin gebraucht wurde. Womöglich ist die erst nach dem II. Weltkrieg groß herausgekommen, stammt erst aus der Hippiezeit oder sogar erst aus den evangelischen Religionsstunden an den Schulen der 60er oder 70er Jahre, als das inzwischen liberal gewordene Lehrpersonal meine zeitgeistgeprägten Mitschüler abfischen wollte.

        ****

        Allein über die Realität, zuerst die physikalische, inzwischen auch die chemische, mehr und mehr die biologische kann man mit der Möglichkeit, die gemachten Aussagen zu prüfen und die falschen auszuscheiden miteinander reden. Seelisches und Soziales – da gibt es allenfalls statistische Aussagen und noch keine kausalen Erklärungen, die voll auf den naturwissenschaftlichen Entitäten aufsitzen; es gibt sozusagen noch keine Molekularpsychologie. Wenn man nicht gerade einem wie auch immer gearteten Substanzenpluralismus („Seele und Leib“ usw.) anhängt und sich dann allerdings vorhalten lassen muss, ob man etwa glaube, die Elektronen in den Neuronen bewegten sich nach anderen Gesetzen als diejenigen außerhalb des menschlichen Zentralnervensystems, dann klafft hier noch eine fundamentale Erklärungslücke, die meines Erachtens allenfalls die künftige naturwissenschaftlich orientierte Forschung füllen kann. Denn die in den anders arbeitenden Sozial- und Geisteswissenschaften üblichen Plausibilisierungen nach hermeneutischem Schema können je nach Willkür des Interpreten so oder so ausfallen. Besonders, wenn die einschlägigen Theorien sich gegen jede Kritik immunisieren wie etwa die Psychoanalyse – die sich ja absurderweise immer noch als die Speerspitze der Aufklärung versteht. Wie soll man also da entscheiden, was richtig und was falsch ist? Wissen vorzuschützen, das man realiter nicht hat, ist unredlich.

        Erinnern Sie sich an die Zeit, als alle Welt glaubte, man bekäme Magengeschwüre immer aus psychischen Gründen und deshalb müssten sie durch eine Psychotherapie behandelt werden? Allein das Experiment hat geholfen.

        Man beschränke sich also hier einstweilen auf die statistischen Zusammenhänge, die man gefunden hat. Arbeitslose, Geschiedene, bankrott gegangene Unternehmer haben eine um jeweils soundsoviel Prozent erhöhte Suizidrate – also sollte die Gesellschaft hier je nachdem mehr oder weniger hilfreiche Angebote stellen. (Bitte aber nicht auf Basis der durch die politische Zeitmode aufgeblähten Dunkelziffer disponieren.)

        Ich habe mich also willentlich und wissentlich auf jene Realität beschränkt, die man heute leidlich wissen kann. Die behaupteten Glaubens-„Tatsachen“ dagegen sidn rein subjektiv, sie entziehen sich jeder Diskussion, welche Sie ja deswegen auch in dem Punkt ablehnen. Es geht also bei ihnen nicht um richtig oder falsch, sondern um persönliche Genehmheit, Eingängigkeit, Trostreichtum, „hilfreiches“ Unterdrücken des eigenen Zweifels, Missionsvirulenz usw.. Es gibt zig Religionen, und die in unserer Weltgegend am meisten verbreiteten beanspruchen alle Alleingültigkeit. Die könnte aber allenfalls einer zukommen. Ich glaube es von keiner.

        “They were all contrived in spite,
        To torment us, not delight;
        […]
        And not one of them proves right,[…]”

        Die Mediziner haben diesen Spruch, „Wer heilt, hat recht.“ Der aber falsch ist. Wer an ein Placebo glaubt und durch es heilt, hat eben nicht recht, wenn er behauptet, es sei wirklich ein Heilmittel. Mir geht es zugegeben zuerst um die Wahrheit, nicht darum, „hilfreich“ zu sein. (Das Wort wurde in letzter Zeit von höchster Stelle öfter in der perfidesten Weise gebraucht, nämlich um gegen korrekte Feststellungen zu argumentieren, oder besser gesagt: zu agitieren; also Obacht!)

        Ich kenne die von Ihnen genannten Korrelationen zwischen religiöser Orientierung und Suizidneigung nicht aus einer einschlägigen Studie, die ich gelesen hätte, sondern nur vom Hörensagen, misstraue diesem aber ganz besonders bei solchen weltanschauungsnahen Punkten, da gibt es oft obligatorische Topoi. Wenn die wirklich hart nachgewiesen sind, gut. Selbst nachvollziehen kann ich das aber nicht; ich würde eher glauben wollen, die Nonchalance, die man bei distanzierter Weltbetrachtung und wenn man dem oft allzu rigiden Pflichtengerüst der Religionen nicht genügen muss hegen kann, würde mehr immunisieren. Die drei Suizidanten, von denen ich in meiner Jugend in einem zwar nicht pietistischen, aber pietistisch gespickten 1500-Seelen-Dorf erfahren habe, waren jedenfalls alle „Stundengeher“. (Das war jetzt natürlich auch wieder nur eine Plausibilisierung bzw. anekdotische Evidenz.)

        Meine Auffassung von Religiosität als Anxiolytikum ist zugegebenermaßen eine Deutung. Sie ist der Reim, den ich mir darauf gemacht habe, wie bestimmte antitheistischen Argumente bei religiösen Gesprächspartnern ankommen und vor allem welche Argumente ich von solchen in Diskussionen über pure Sachfragen oft genug hören musste. Es waren solche Perlen wie „Wenn das so wäre, das wäre ja schlimm“ – woraus man dann flugs folgerte, es könne also gar nicht so sein. Oder auf geäußerten Zweifel: „Ich bin davon überzeugt. Glaub mir, Du fühlst Dich dann besser!“ Oder wenn man auf die rein logische Widerlegung des Arguments der ersten Ursache mit mit dem Argument kam, aber von nichts könne halt doch nichts kommen. Mein Reim war also: Der Wunsch geht hier vor gegenüber Logik und WIrklichkeit. Und das nenne ich, frank und frei, kindlich.

        Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn andere da anderer Meinung sind und diese, gerne auch polemisch, mir gegenüber äußern. Denn die Meinungen müssen gegeneinanderstoßen, damit man voneinander lernt. Wenn alles in die heute so übliche Schonungs- und Respektwatte gepackt wird, verliert man alle Begriffe. Meinungen, die man nur behalten kann, indem man sie keiner Kritik aussetzt, taugen nichts, nichts ist wertvoller wie der Verlust einer irrigen und man respektiert seine Mitmenschen mehr, wenn man ihnen offen widerspricht, als wenn man sich stattdessen still denkt, „Rede du nur, ich denke mir meinen Teil.“ Ideale Repräsentantin dieses Allen-wohl-und-keinem-Wehe-Redens ist unsere mulschende Kanzlerin.

        Zur Frage Glauben bei Wissenschaftlern. Natürlich, das gibt es durchaus. Doch Atheismus korreliert positiv mit hoher Bildung. Ein Freund von mir war ein Jahr lang in Princeton und erzählte dann, 90 % der Wissenschaftler dort seien Atheisten oder Agnostiker – in einer weithin bekanntlich gottgläubigen Gesellschaft. Sie redeten aber, anders als etwa der notorische Richard Dawkins, darüber sehr ungern, schließlich könnten sie damit der Volksmeinung in einer Demokratie querkommen, Näheres zu den Aussichten dabei siehe bei Tocqueville. Ich selbst hatte hierzulande einen akademischen Lehrer, allerdings in einem Fach ohne Konfliktzonen, der Christ war – und dabei vermutlich der uneitelste und offenherzigste Mensch, den ich je gekannt habe. Wir habe auch über solche Themen diskutiert, und einmal hat er mir gezeigt, wie man ein von mir verwendetes Argument, das gegen seine Ansicht ging, noch schlagender machen kann. Friede seiner Asche!

        Es wird übrigens behauptet, Newton, der Großteil von dessen Schriften religiös-mystische Spintisierereien sein sollen, sei aufs Thema seiner Principia auch durch religiöse Einstellungen gebracht worden. Meinetwegen. Seine Gravitationstheorie taugt nicht wegen des Motivs, aus dem er sie entwickelt hat, sondern weil sie sich dann bewährt hat. Newton, Mendel, Planck, u. v. a. m. – nie würde ich behaupten, dass religiöse Menschen etwa nicht als Wissenschaftler taugten. Ich sehe nur, dass in manchen Bereichen die religiöse Bindung eine schädliche Fessel der geistigen Freiheit ist und deshalb ein Schaden. Schlimmstenfalls kann dabei etwa ein christlicher Experimentalphysiker herauskommen, der übers Land zieht und christlichen Fundamentalisten die 6000-Jahre-Erde predigt, wie es an der Universität Heidelberg wohl lange der Fall war.

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  3. Leonore schreibt:

    Nach dem ersten Lesen:

    Das werde ich noch ein paarmal mehr lesen (müssen), damit es klarer als nur dunkel raunend ( Doch-doch, ein Gedicht darf das! Im Gegensatz zu Politikern 😉 ) zu sprechen beginnt (was ich natürlich aus Zeitgründen erstmal vertagen muß – aber ganz bestimmt nicht auf den St. Nimmerleinstag…) .

    Jetzt nur ganz schnell ein Tippfehlerhinweis: Fügen Sie doch schnell noch das ein vor dem in „schützt“: („Das schweigen ihre weihebilder schüzt“).

    Und danke für das Gedicht! Sie sind doch immer wieder für eine Überraschung gut!

    (Oder ist das etwa im Original so geschrieben? Wäre ja auch möglich… Würde ich dann wohl trotzdem anpassen, weil der Eingriff nichts mit dem Sinn zu tun hat und extrem klein, die Irritation/Ablenkung aber groß ist.)

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    • In diesem Falle muß ich leider auf dem „Fehler“ bestehen. George legte ausdrücklich auf seine eigene Schreibweise Wert, gepaart mit Seher-Würde … das wäre ein Sakrileg …

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Wenn ich richtig überschlage, werden die Rechte auf Thomas Manns Erzählung „Beim Propheten“ in zehn Jahren frei. Dann könnte man diese neben das Gedicht stellen. Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, und jeder geht zufrieden aus dem Haus …

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