Heimatliebe

Wie das Leben so spielt: unerwartet und unerwünscht sitzt man früh morgens im Warteraum eines Krankenhauses und harrt viele Stunden. Aber nichts ist so schlecht, daß es nicht für etwas gut wäre, weiß der schlaue Volksmund. Ich werde gezwungen, einen Teil einer Realität kennen zu lernen, der mir bislang vollständig verborgen geblieben ist: das ARD-Morgenfernsehen. Statt ausgelegten Zeitungen und Zeitschriften, wie in den guten alten Zeiten, werden wir alle – Notfallpatienten – gnadenlos bestrahlt. Neben mir sitzt ein braunhäutiger Mensch, der später als Herr Hassan aufgerufen wird, und starrt versunken in diese fremde Welt auf dem alles überragenden Flachbildschirm. Was er sich dabei gedacht haben mag, wäre eine Frage wert gewesen.

Zwei Schönlinge beiderlei Geschlechts sitzen auf einer Couch und schwelgen in ihrer scheinbar einzigen Exzellenz, dem Small Talk. Da kann unsereiner noch was lernen. Kleine nichtssagende Filmchen werden eingespielt und mit leeren, quälend leeren Worten von den beiden Clowns kommentiert. Wenig später gesteht der „Moderator“ ein, nicht zu wissen, daß ein amerikanischer Präsident nur zwei Wahlperioden zur Verfügung hat. Diese politische Halb- oder gar Unbildung hindert ihn nicht daran, einen AfD-Politiker – es ist der Tag nach dem Parteitag – zu „grillen“, will sagen, ihn mit einem Dutzend Klischees zu konfrontieren, die den AfD-Mann zehn Mal dazu zwingen, seinen Satz mit „Das haben wir nicht gesagt“ oder so ähnlich zu beginnen.

Endlich ist auch diese Tortur überstanden, es folgen zwei deutsche Seifenopern mit den bezeichnenden Titeln „Sturm der Liebe“ und „Rote Rosen“ – Folge eintausendsiebenhundertnochwas und Folge 2284 respektive. Wenn das kein Witz ist, dann laufen diese Sachen also seit einem geschätzten Jahrzehnt! In ihnen wird ein hochinteressantes Gesellschaftsbild entworfen.

Neben dem Liebes-Hin-und-Her, dem Beziehungslabyrinth, das fast nur Extreme kennt – unsterblich verliebt und gefährlicher Haß, Freund- oder Feindschaft – überrascht ein erzkonservatives Weltbild, das kein AfD-Fritze sich besser hätte ausdenken können. Ausschließlich weißhäutige, oft blonde urdeutsche Übermenschen – hier streikt der innere Nietzsche; also besser: „letzte Menschen“, aber davon Prachtexemplare –, alle eloquent, alle erfolgreich, alle wie aus dem Ei gepellt, bewegen sich in einer urbanen und landschaftlichen Idylle, die direkt dem Märchenbuch entsprungen zu sein scheint. Weite Himmel, Berge, Wälder, Wiesen, mächtige Eichen und Linden, Landwege, darauf Pferdekutschen fahren. Die Städte und Dörfer bestehen aus engen Gäßchen, langen Alleen oder gut geharkten Eingängen, Fachwerkhäusern, wunderschönen kleine Kirchen, Gründerzeiträume mit Stuckdecken. Immer wieder werden aparte Details eingeblendet: dicke Holztüren mit Metallbeschlägen, farbige Fensterläden, schön gestaltete Fassaden. In alten Bauernhäusern sitzen alte Menschen in Lodenjacke und Trachtenkleid und geben jungen, von der Hektik der Moderne überforderten Menschen – eine junge Frau etwa, die nach einem „one-night-stand“ ungewollt schwanger wurde; eine andere, die als Postbotin nicht lesen kann – weise und nachsichtige Ratschläge in Dialekt.

Das Ganze trieft vor unerträglich übertriebener, aber durchaus ernst gemeinter Heimatliebe, Heimatidylle, schreit eine Sehnsucht nach Identität, nach familiärer und ethnischer Geborgenheit, nach Fortführung der Tradition, Bewahrung des Eigenen aus, daß einem schwindelig werden kann. Nur ein einziges Mal scheint das „wirkliche Leben“ hinein, als man erfährt, daß die junge Schwangere zuvor in einer lesbischen Beziehung lebte. Nun aber ist sie wieder ausgerichtet, hat den Mann ihrer Träume, einen richtigen Mann gefunden … der leider nicht Vater des Kindes ist.

Schaut das jemand? Vereinsamte Omas? Arbeitsloses Prekariat mit tätowiertem Körper und rosa Plüschhäschen auf dem Schoß und Bierflasche früh um Acht? Spricht sich darin nicht tatsächlich eine tiefe Sehnsucht zumindest eines Teils der Deutschen aus?

Die folgenden Nachrichten erden einen dann wieder: „Scharfe Kritik aller Parteien am Grundsatzprogramm der AfD“, „Wirre Rechtsaußen-Partei“ … Blablabla

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4 Gedanken zu “Heimatliebe

  1. chö schreibt:

    Ja, vereinsamte Omas schauen das, oft in dem Wissen, dass das „ein ganz schöner Schmarrn“ sei. Das Schlimme ist doch nicht, dass es diese Sendungen gibt, sondern dass sie ein nennenswertes Publikum haben. Ich habe mir vorgenommen, in diesem hohen Alter später mal Motörhead-Konzerte und Bud-Spencer-Filme anzuschauen. Wenn schon Realitätsverweigerung, dann richtig!

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  2. Leonore schreibt:

    @Pérégrinateur

    Nachdem wir uns über ein anderes Thema ein wenig in die Haare geraten sind, freue ich mich umso mehr, Ihnen hier zustimmen zu können:

    „Es ist wohl nicht so, dass die Betreffenden alle keine klassische Musik möchten, sondern es ist meist viel trauriger – sie kennen keine, weil dergleichen in ihren Dauerbeschallungssendern nicht vorkommt oder wo Dröhnendes und Zappeliges zur Anbahnung der Geschlechterverpaarung aufgespielt wird.

    Und in den Buchhandlungen liegen mehr und mehr Schnelldreher, vor 40 oder 50 Jahren mit Recht erfolgreiche Literatur wird von den Verlagen oft schon gar nicht mehr wiederaufgelegt.“

    Genau so isses. Traurig, aber wahr.

    Formuliert es aber mal jemand so wie Seidwalk oder Sie, dann kann man inmitten all dieses Traurigen und Wahren aber immerhin mal lächeln.

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  3. Kurt Droffe schreibt:

    Ja, man lebt in (s)einer Blase, das merkt man bei solcherlei Anlässen immer wieder. Arztbesuche (manchmal auch Zugfahrten oder Hotelzimmer mit Fernseher) sind da erhellend: ein flüchtiges (wenn auch genußvolles, ich will’s nicht leugnen) Durchblättern der ausliegenden Zeitschriften von „Gala“ bis zum „Goldenen Blatt“ führt einem vor Augen, zu welcher, ja, Minderheit man doch gehört, mit seinen Büchern, seiner Musik, seinen Interessen. Aber das hört ja bei diesem journalistischen Bodensatz und dessen Rezipienten nicht auf. Allein schon festzustellen, daß etwa normale, verständige, nicht-dumme Menschen wie meine Schwiegereltern ihre politische Bildung und ihr sonstiges Wissen fast ausschließlich aus „Stern“, SZ und dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ziehen, ist ernüchternd, denn schon das ist sicher ein „Niveau“, welches weeeit über dem Durchschnitt liegen dürfte.
    Man kann sich dann besser fühlen als andere, und auch das Gefühl der Verachtung ist mir nicht fremd; vor allem aber ist es oft deprimierend. Also schnell zurück in die Blase.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Das betrifft allerdings nicht nur Politik oder allgemeiner das Weltverständnis, sondern auch die Künste, etwa die Musik oder die Literatur.

      Wenn man auf eine Seite im Internet trifft, auf der sich jemand – meist also ein eher jüngerer Mensch – zu seinem Musikgeschmack äußert, kann man zu wenigstens 95 % sicher sein, dass nur Rock, Pop, Musical und ähnliche Musik aus exakt drei Akkorden – in wechselnder Auswahl, dadurch differenzieren sich dann die oft einander spinnefeinden Geschmacks-„Stämme“ – erwähnt werden. In den Musikläden selbst der Großen Kreisstädte ländlicher Kreise findet man CDs mit klassischer Musik allenfalls in einem sehr, sehr bescheidenen Eckchen, und dann sind es meist nur „Best-of“-Sammlungen oder Einspielungen prominenter Künstler. Es ist wohl nicht so, dass die Betreffenden alle keine klassische Musik möchten, sondern es ist meist viel trauriger – sie kennen keine, weil dergleichen in ihren Dauerbeschallungssendern nicht vorkommt oder wo Dröhnendes und Zappeliges zur Anbahnung der Geschlechterverpaarung aufgespielt wird.

      Und in den Buchhandlungen liegen mehr und mehr Schnelldreher, vor 40 oder 50 Jahren mit Recht erfolgreiche Literatur wird von den Verlagen oft schon gar nicht mehr wiederaufgelegt.

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