Die Brennesselprobe

Brennessel ist ein „Superfood“ – ich schwöre darauf. Von April bis Oktober gehört sie in großer Menge auf unseren Tisch. Im Garten wird bei uns das Kraut, das die Nachbarn mit großem Ernst und allen technisch-chemischen Mitteln bekämpfen – wie übrigens auch den wunderbaren Löwenzahn, die Knoblauchrauke, das würzige Schaumkraut, den Spitzwegerich – kultiviert und gepflegt. Wenn es um Inhaltsstoffe geht, ist die Brennessel aber kaum zu schlagen: Man kann sich wochenlang nur von ihr ernähren und trotzdem perfekt gesund leben. Und sie schmeckt!

Ich sach immer: In Deutschland muß keener Hunger leiden – zumindest nich im Sommer.

Wie man sie zubereitet? Gar nicht! Am besten roh! Brennt doch? Tja, was will man machen? Alles hat seinen Preis.

Der Trick ist folgender: Nie von oben zugreifen, die Pflanze von unten nehmen und Stiel und Blätter in der Hand zerreiben. Und sollte es doch ein bißchen piecksen – na ja, das geht vorbei. Alternativ kann man die Nesseln in ein Tuch wickeln und quetschen und wer ganz und gar sich nicht traut, der übergießt sie kurz mit heißem Wasser.

Die Brennessel taugt aber auch zur Menschenkunde. Wenn ich mit meinen ausländischen Schülern draußen bin, versuche ich ihnen auch unsere Natur näher zu bringen. Und die Brennessel ist der Star! Es gibt übrigens zwei Arten, die große und die kleine (Urtica dioica und Urtica urens); die große ist gesünder, die kleine brennt dafür deutlich mehr. Für den didaktischen Teil ist sie daher besonders gut geeignet.

Man nehme einen Flüchtling (oder einen sonstigen Schüler), führe ihn an eine Brennessel heran, erläutere die zahlreichen Vorteile dieser Pflanze, verschweige auch die „Gefahren“ nicht, pflücke ein schönes Exemplar und halte sie dem Neuankömmling hin. Es gibt nun zwei typische Verhaltensweisen: A) Zurückschrecken und Kichern B) vorsichtige Annäherung und Neugier. In beiden Fällen vollführe man einen kurzen Schwenk mit der Nessel über die Hand oder den Arm. Erneut lassen sich meist zwei Verhaltensweisen beobachten A) Schmerzäußerungen B) Lachen. Fast immer ergibt sich die Kombination AA oder BB.

Noch interessanter wird es, wenn man bemerkt, daß just die AA-Schüler jene sind, die sich eher durch wenig Lerninteresse und Lernerfolge auszeichnen, wohingegen die BB-Kandidaten die Überflieger sind: junge, dynamische, neugierige Schnellerner. Ich habe davon bisher zwei (von ca. 30) kennenlernen dürfen, die Eritreerin Fiori und den Syrer Hussain. Sie sprechen beide schon richtig gut Deutsch, sind ständig aufmerksam und wach und saugen alles förmlich auf. Fiori etwa nahm die Brennessel gleich mit nach Hause, um Tee zu bereiten – sehr gut bei Nierenbeschwerden, die Wurzel übrigens ein Wundermittel bei Prostatabeschwerden – und Hussain, der aufgrund seiner Schulden sowieso sparen muß, wird sie bald als reguläres Gemüse nutzen.

Diese beiden gehen ihren Weg – so Gott will.

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